22. Januar 2019

Festgottesdienst am 6.November 2011

Predigt: Superintendent Wilfried Nausner

Gottesdienst Graz am 6. November 2011
anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der EmK Gemeinde

2. Korinther 5, 18

Das alles ist von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst gegeben, der die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botscha!er an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Wenn eine Kirchengemeinde ein Alter von hundert Jahren erreicht, durch schöne und harte Zeiten, Kriege und Entbehrungen hindurch, dann sind das nach heutiger Zählung mindestens 4 Generationen, die einander folgten. Gemessen an wirklich alten Kirchengemeinden ist das nicht viel, gemessen an jungen Gemeinden eine beträchtliche Zeit. Menschen sind gekommen und gegangen: dennoch gab es eine Verbindung zwischen den Generationen. Zusammengehalten wurden die Menschen durch den gemeinsamen Dienst der Versöhnung. Re Consiliare – Zusammenbringen heisst das Wort. Versöhnung ist das, was Menschen zusammenbringt an einen Tisch. Manchmal ist das leicht und manchmal unendlich schwer. Aber es ist unsere Aufgabe als Menschen diesen Dienst zu tun. Als christliche Gemeinde erinnern wir die Menschen daran, lebendige Gemeinschaft zu formen. Das Thema Versöhnung erinnert uns daran, dass wir als Methodisten in einer langen Tradition stehen, die sich der Versöhnung verpflichtet hat. Wussten sie, dass die erste UNO Vollversammlung in einer methodistischen Kirche stattfand. Es musste eine Kirche sein, die nicht mächtig war und bereit auf alle zu hören, die für die verschiedenen, manchmal auch feindlichen Regierungen, einen Tisch bereitstellte an dem sie sich
versammeln konnten.

Wenn der Dienst der Versöhnung nicht gelingt, wenn sich die Menschen nicht versammeln und dieses „Zusammenbringen“ Aufgabe verstehen, dann zerbricht die menschliche Gemeinschaft und wir verlieren den Halt. Bestenfalls werden wir dann zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Wir spüren in der heutigen Wirtschaftskrise etwas davon. In einem grossen Pyramidenspiel der Banken und Grossanleger ist das Vertrauen verloren gegangen. Nun fällt Schritt für Schritt ein Kartenhaus zusammen. Die Politik versucht zu verhindern, dass alles auf einmal einstürzt. Aber was nicht trägt, kann auf die Dauer nicht halten. Wir sind mitten in einer Spirale nach unten.

Aber für uns geht die Welt nicht unter. Sie besteht aus mehr als aus Geld und Besitz und finanzieller Sicherheit. Die falschen Sicherheiten unserer Zeit werden demnächst Vergangenheit sein – aber wir sind nicht verloren. Christliche Gemeinschaft ist mehr als Schicksalsgemeinschaft. Umso mehr gilt es die Menschen zusammen zu rufen, wie wir es als christliche Gemeinde immer getan haben. Lasst euch versöhnen mit Gott und mit den Menschen. Findet euch wieder in gelebter Gemeinschaft. Wir wollen uns an das erinnern, was wichtig ist und was alleine Halt in den Turbulenzen des Lebens geben kann – Menschen in Gemeinschaft, betend und fragend, feiernd.

Die Menschen wissen darum, dass wir dies eigentlich tun sollten. In meiner Zeit als Pastor in Graz habe ich manches Begräbnis gehalten. Immer wenn ich die Familien besucht habe und mich danach erkundigt habe, was ich über den/ die Verstorbene/n sagen sollte war die Antwort einfach. Niemals hat jemand gefragt: Sag doch, dass er ein wohlhabender Mann war. Sprich von seinem Besitz und seinem Erfolg als Geschäftsmann oder sprich davon, dass sie eine besonders attraktive Person war. Angesichts des Todes wollten die Menschen etwas anderes hören: Sie hat sich für ihre Familie hingegeben. Er hat immer ein offenes Ohr für die Nöte anderer gehabt. Sie haben ihren Nächsten aufopfernd gedient und waren bereit sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Er war ein guter Vater und sie war eine gute
Mutter. Es ging immer um die Familie, die Menschen und die Gemeinschaft.

Wir wissen ziemlich genau worauf es ankommt: Das wir Vertrauen haben (das ist nur ein anderes Wort für Glauben) und das die Menschen uns vertrauen können, dass wir geliebt werden und dass wir lieben, dass wir anderen Menschen ihre besondere Würde geben und an der menschlichen Gemeinschaft mitbauen. Darin besteht die besondere Würde des menschlichen Lebens. Viele von uns tun genau das Richtige. Sie tun den Dienst der Versöhnung – diakoneia auf griechisch. Es ist ein Dienst, das Wort Amt, dass Luther übersetzt hat ist missverständlich. Diakonie bedeutet Dienst.

Die Gier, der Neid, der Wunsch mehr zu haben als andere und unser Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten sind damit natürlich nicht aus der Welt, aber je mehr wir uns unserer wirklichen Aufgabe, dem Dienst der Versöhnung widmen, umso weniger Kraft haben sie. Es lohnt nicht sich dagegen zu empören. Das Böse wird niemals besser wenn es bekämpft wird.

Es genügt an der Arbeit zu sein. Gute Eltern sollen wir sein für die nächste Generation. Am gemeinsamen Tisch sollen wir sitzen können und ein offenes Ohr füreinander und für das Wirken Gottes haben. Wir sollen dazu sehen, dass Menschen im Herzen gebildet werden – nicht nur im Kopf. Ethische Entscheidungen fallen im Herzen und deshalb ist es wichtig Mitgefühl, Achtung vor allen anderen und der Schöpfung zu lernen, ebenso wie der Wille denen beizustehen, die in Not sind. Gerechtigkeit entsteht nicht in Studierstuben und parlamentarischen Versammlungen, sondern in Familien und am gemeinsamen Tisch. Glaube als unbedingtes Vertrauen wird nicht erdacht sondern gelebt und erlebt. Durch das Beispiel anderer Menschen werden wir selbst entscheidungsfähig und wissen was wir
wählen sollen.

Immer kommt es darauf an zu hören und zwar in zweierlei Hinsicht:
1. Gottes Stimme zu hören, durch das Zeugnis anderer Menschen – seinen Ruf wirklich Mensch zu sein und menschliche Gemeinschaft zu bilden. Wenn es nichts gibt, das über uns steht, können wir uns nur selbst zum Mass machen. Keine Gemeinschaft kann das ertragen. Ohne Gott gibt es auch keine Gerechtigkeit.
2. Die Menschen zu hören. Hinhören ist die schwierigste aber auch beste Aufgabe, die sich eine Gemeinschaft von Menschen stellen kann. Im genauen Hören erschliesst sich erst, was wir als Menschen wirklich brauchen. Die Oberflächlichkeit wird dort durchbrochen wo wir uns anderen Menschen wirklich widmen. Dann entdecken wir unsere eigenen wirklichen Bedürfnisse.

Der Dienst der Versöhnung bringt Menschen zusammen, weil sie gehört und beachtet werden. Nicht jene zuerst, die laut schreien und immer gehört werden wollen, sondern zuerst jene, die leise reden und leicht überhört werden – die Stimme der Schwachen, die nicht im Vordergrund sein wollen. Wie seltsam, dass Jesus davon spricht, dass beim himmlischen Gastmahl Gott jenen die ersten Plätze geben wird, die sich nicht nach vorne drängen. Das ist ein gutes Bild für menschliche Gemeinschaft – wenn wir genau hinhören, dann werden gerade jene gehört, die ganz leise sind und dort ist am meisten zu gewinnen für die menschliche Gemeinschaft.

So wünsche ich der Gemeinde Graz, dass sie Gemeinschaft im Dienst der Versöhnung sein will, hörend und achtsam und damit die Generationen verbindend. Bringt die Menschen an den Tisch der Liebe – es lohnt sich dafür einzusetzen!

Wilfried Nausner