22. Januar 2019

Festgottesdienst am 6.November 2011

Predigt: Bischof Heinrich Bolleter

100 Jahre Gemeinde in Graz

Psalm 31 (im Wechsel mit der Gemeinde gelesen GB 690)

Kurzpredigt vom Sonntag, den 6. November 2011

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Das Leitmotiv für jeden Jubiläumsgottesdienst lautet:

Dank für das Vergangene  — Ja zum Kommenden.

An einem Jubiläum ist man oder frau sich schnell einig, dass es im Blick auf die Vergangenheit viel zu danken gibt. Ich stehe nicht in der Versuchung, eine Würdigung der Vergangenheit der Gemeinde in Graz einzuflechten. Dazu fehlen mir die Details. Aber ich kann unterstreichen, was ich als typisch „methodistisch“ in der Grazer Gemeindegeschichte dankbar entdeckt habe:

Die Evangelisch-methodistische Kirche hat nie eine agressive Mission betrieben. Sie ist dorthin gegangen, wohin man sie gerufen hatte. 1910 lebten in Graz einige Methodisten, die im Laufe der Jahre zugezogen waren, öffentliche Gottesdienste und andere Versammlungen waren jedoch verboten. Dafür war eine Gesetzgebung verantwortlich, die nicht nur die Römisch-katholische Kirche als Staatskirche bevorzugte, sondern zugleich andere kirchliche Gruppen radikal einschränkte, sofern sie nicht die staatliche Anerkennung besaßen. Die Methodistenkirche in Österreich wurde erst 1951 staatlich anerkannt. 1911 haben diese zugewanderten Methodisten die Jährliche Konferenz um einen Pastor gebeten. So wurde die Gemeinde in Graz ins Leben gerufen. Zur Gemeinde gestoßen waren dann weitere Menschen, deren kirchliche Bindung schon seit langer Zeit abgerissen war. Das zeigte sich später auch darin, dass chinesische und koreanische Christen hier eine Heimat gefunden haben. Heute danken wir Gott, dass er uns den Mut zu dieser Offenheit geschenkt hat. Diese Offenheit ist ein typisches Merkmal der methodistischen Identität. Ich freue mich darüber, dass dies in Graz so deutlich gelebt wurde. Darum zum Vergangenen Dank!

Ja zum Kommenden!

Der zweite Teil des Leitmotivs klingt optimistisch.

Wissen wir denn, wohin wir als Gemeinde gehen? Wir wollen weiterhin in Offenheit Platz unter unserem Dach und an unserem Tisch haben.

Jedoch kann eine Kirche heute leichtherzig sagen: wir haben eine Zukunft und darum sagen wir zu dem, was kommt, ein frohes JA? Wenn doch den Kirchen heute allgemein keine gute Prognose für die Zukunft gegeben wird?

Sollen wir am heutigen Jubeltag die Ungewissheit über die Zukunft der Kirchen und die damit verbundenen Fragen und Ängste einfach in den Keller unseres Bewusstseins verbannen, damit wir heute fröhlich feiern können.

Ich meine das ist nicht nötig. Dabei verweise ich auf Psalm 31, den wir zum Eingang gemeinsam gelesen haben.

Es ist ein Vertrauenslied. Zwar war sich der Beter des Risikos, das sein Leben in der Gegenwart und in der Zukunft beinhaltet, voll bewusst…Er stand sogar in Todesgefahr. Und trotzdem sagte er: (Vers 1) „Bei Dir Jahwe habe ich mich geborgen, lass mich nicht  zu Schanden werden“.

Jeder Mensch, ob alt oder jung, jede Gruppe hat heute reale und irreale Zukunftsängste.

Der Beter von Psalm 31 war vor solchen existentiellen Fragen in den Tempel geflüchtet. Er suchte Zuspruch, er suchte Halt bei Gott. Er suchte Gottes Gegenwart, um seinen Glauben an eine Zukunft mit Gott zu stärken.

In der Gewissheit, dass er Gott als seinen Bundespartner hat, bricht er dann hoffnungsvoll in die nächste Etappe seines Lebens auf.

Im Gebet vor Gott findet der verunsicherte Mensch neue Gewissheit für seinen Weg in die Zukunft: Vers 15 + 16:

„Ich aber, Herr, hoffe auf Dich. Ich spreche, Du bist mein Gott! In Deiner Hand steht meine Zukunft.“

In derselben Situation sehe ich uns heute, an diesem Jubiläum. Wir sind hier gemeinsam vor Gott, damit er uns den Glauben stärke und uns Mut mache, den Weg in die Zukunft als Einzelne, als Gemeinde und als Zivilgesellschaft hoffnungsvoll zu gehen.

Auch wenn der Weg in die Zukunft noch unbekannt ist und uns schwieriges Gelände nicht erspart bleiben wird: wir haben  Gott als Bundespartner, auf ihn können wir uns verlassen. So jedenfalls argumentiert der Beter im Psalm.

Ich möchte nun  zuerst mit Ihnen teilen, was ich in Psalm 31 nicht gefunden habe:

1. Der Psalmbeter spricht nicht von einem „goldenen Zeitalter“ in der Vergangenheit, um sich dann über die unsicheren Wege in der Gegenwart und in der Zukunft zu beklagen.

Damit hebt er sich ab von jedem Normalverbraucher.

Die Mehrheit der Kulturen oder der Zivilisationen reden von einem „goldenen Zeitalter“ in ihrer Geschichte. Darum leben sie rückwärts gewandt. Darum stolpern sie von Tragödie zu Tragödie.

Der jüdisch-christliche Glaube aber spricht vom „goldenen Zeitalter“ in der Zukunft. Die Juden erwarten das Kommen des Messias, die Christen erwarten das endgültige Hereinbrechen des Reiches Gottes. Das Bild der festlichen gedeckten Tafel, an der wir einmal mit den Nahen und den Fernen sitzen werden ist ein starkes Symbol, das die Zukunft beschreibt, welche Gott uns schenken will.

Für uns liegt das goldene Zeitalter in der Zukunft.

Der Psalmbeter lebt in der Erwartung einer goldenen Zukunft.

Das prägt seine Grundeinstellung und seine Verantwortung zum Handeln in der Gegenwart. Er ist voller Erwartung auf das, was kommt und sagt JA zum Kommenden. Genauso lebt die christliche Gemeinde eine Kultur der Hoffnung.

Die Beobachtung der Art und Weise, wie wir von der Gemeinde reden, zeigt uns sehr schnell, ob wir in einer Kultur der Hoffnung oder in einer rückwärts gewandten Kultur der Klage leben.

2. Als Zweites habe ich bei genauerem Hinschauen entdeckt:

Die Lutherübersetzung des Psalm 31 lautet: „Meine Zeit steht in Deinen Händen.“ Diese Worte des Vertrauens sind in vielen Liedern aufgenommen. Sie begleiten und ermutigen  Menschen auf schwierigen Wegstrecken. Genauer hingeschaut heißt es aber im hebräischen Text nicht: „meine Zeit steht in deinen Händen“, sondern meine Zukunft (mein Geschick) ruht in deiner Hand“. Das soll uns die Freude an bekannten Liedern nicht verderben, sondern darauf hinweisen, dass hier nicht allgemein von Zeit und Lebenszeit gesprochen wird, sondern von der Zukunft: „In Deiner Hand ruht meine Zukunft!“(Vers 16).

Die jüdisch –christliche Frömmigkeit ist zukunftsorientiert. Das ist ein wichtiger Hinweis für eine Jubiläumsfeier.

3. Als Drittes habe ich im Psalm den Unterschied zwischen menschlichem Optimismus und christlicher Hoffnung neu entdeckt:

Um ein Optimist zu sein, braucht es einfach eine Portion Naivität, dass es schon wieder besser wird. Wer jedoch die heutige Welt mit ihren Herausforderungen und Überlebensfragen wahrnimmt, kann nicht Optimist sein. Er muss sich fragen, woher ihm Hoffnung zukommt.

Hoffnung gründet auf den Zusagen und Verheißungen Gottes. Und solche Hoffnung verändert uns und verändert die Welt. Es braucht Glaubensmut, um Hoffnung zu leben!

In der Sendung Jesu, seinem Tod und seiner Auferstehung hat Gott mit uns einen Bund geschlossen, welcher Zukunft und Leben beinhaltet. Wir setzen darauf, dass wir im Blick auf die Zukunft in Gott einen starken Bundespartner für das Leben haben. Als christliche Gemeinde sind wir von der Auferstehung geprägt und pflegen darum eine Kultur der Hoffnung.

Ihr erlaubt mir eine Erfahrung auf meinen bischöflichen Reisen als Beispiel anzuführen:

Mein erster Besuch nach der politischen Wende 1991 in Bulgarien führte mich in Begleitung von Wilhelm Nausner und zwei hoch betagten bulgarischen Predigern auch zum Direktor für  Religionsfragen, der damals noch dem Außenministerium unterstellt war. Nach der kommunistischen Doktrin konnte das Religions- Amt nicht im Innenministerium angesiedelt sein.

Der Direktor sagte nach einer kurzen Begrüßung:

„Herr Bischof,  ich gebe Ihnen einen Rat. Gehen sie nach hause und nehmen sie zur Kenntnis, dass die Evangelisch-methodistische Kirche in Bulgarien am Ende ist.“ Er hatte menschlich gesehen recht, denn von 36 Gemeinden waren noch zwei übrig geblieben und die ehemaligen Pastoren waren alle schon über 80 Jahre alt. Da war für menschlichen Optimismus kein Platz. Jedoch mit Gott als unserem Bundesgenossen und eine Kultur der Hoffnung lebend, hatte ich am darauf folgenden Sonntag in der Dr. Long Kirche in Sofia einen Superintendenten und drei Laien als Prediger eingesetzt. Und wir haben die Auferstehung der Kirche in Bulgarien erlebt. Gott sei es gedankt.

So erleben wir den Unterschied zwischen menschlichem Optimismus und christlicher Hoffnung.

Hierher gehört der Hinweis auf Jesu Nähe zu diesem Psalm:

Unter den Vertrauensliedern ragt dieser Psalm deshalb heraus, weil Jesus in Todesnot  Worte aus diesem Psalm am Kreuz gebetet hatte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Vers 6).

Schluss: Psalm 31 ist ein Psalm, in welchem ein Glaubender mit seiner Lebens- und Zukunftsangst kämpft. Er sucht im Tempel die Begegnung mit Gott, um sich neu seines Bundesgottes zu vergewissern. In diesen Lebenskontext gehören die starken Worte des Psalms.

Am heutigen Jubiläumstag suchen wir die Begegnung mit Gott. Er ist unser Verbündeter auf dem Weg in die Zukunft.

Aus unserer Beziehung zu Gott wachsen der Dank für das Vergangene und ein vertrauensvolles Ja zum Kommenden.

Wir wollen unsere Zukunft vertrauensvoll in die Hände unseres Bundesgottes legen. Durch eine Kultur der Hoffnung werden wir bereit für das Neue das Gott uns schenken will, für die Veränderungen, durch die Gott uns führen will. Bereit zu neuen Taten im Neuland der Zukunft. Bereit einem Platz unter unserem Dach und an unserem Tisch zu haben für Kinder, Frauen und Männer, welche Gemeinschaft und Hilfe brauchen.

Und lasst uns die Hoffnungsbilder nicht vergessen von denen wir heute im AT und NT gelesen haben: das Gastmahl auf dem Berg Zion in Jesaja 25 von dem es heißt: „Zu der Zeit wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften!“ Und das große Gastmahl in Lukas 14! Das sind Bilder für unsere Hoffnung und Erwartung, dass das „goldene Zeitalter“ erst kommt.

Wenn wir heute das Abendmahl in diesem Gottesdienst feiern, dann weist es uns hin auch aufs letzte große Abendmahl.

Und wir sprechen zu unserem Bundesgott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus:

„Du bist unser Gott! In deiner Hand steht unsere Zukunft.“  Amen.

Heinrich Bolleter, Bischof im Ruhestand