13. Dezember 2019

Gottesdienst am 7. September 2014

Predigt: Pastorin Anke NeuenfeldtEnglish

Matthäus 18, 15-20                  Konstruktives MiteinanderLautsprecher

Liebe Gemeinde!

„Big brother“ kennen viele. Es gibt ein Fernsehformat dazu, in dem Menschen in Container leben und 24 Stunden mittels Kamera alles beobachtet wird. Was sie reden, was sie essen, alle Gefühle werden im Großformat gezeigt, wie geliebt wird und wer mit wem was hat. Allerdings ist dieser Titel von einem Buch von George Orwell übernommen worden. Er lebte von 1903 bis 1950. Vor 1948 machte er eine Zahlenverdrehung und versuchte eine Prognose, was 1984 alles möglich sein würde. Der Big Brother war der alles überwachende große Diktator und Weltherrscher. Die Abhörskandale der letzten Zeit sagen uns viel. In einer Welt des „Big Brother“ ist nicht gut leben. Hier gibt es keine Handlungsfreiheit, keine Privatsphäre, keine Freiwilligkeit, wer wem etwas preisgibt oder eben nicht. Wer weiß, dass er oder sie beobachtet wird, verändert das eigene Verhalten. Das kann im besten Fall dazu führen Dinge besser zu machen. Im schlimmsten Fall aber führt es zu Angst und macht die Menschen klein.

Was hat Big Brother mit unserem heutigen Evangelium zu tun? Geht es Matthäus auch um eine Überwachung der anderen? Sollen wir einander kontrollieren?

Um eine Überwachung kann es nicht gehen. Matthäus erinnert an eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander: Wenn jemand sich so verhalten hat, dass er anderen schadet oder sie verletzt, wird das nicht öffentlich gemacht und breit diskutiert. In einem ersten Schritt wird auf diesen Menschen zugegangen. Matthäus spricht hier – ganz in jüdischer Tradition (Lev 19,17) – von einem Gespräch unter vier Augen bei schwerwiegenden Fällen. Es soll wieder Gemeinschaft entstehen können, die durch die schädigende Tat gestört wurde. Dabei geht es nicht um eine herabwürdigende Weise, jemanden zur Rede zu stellen. Es geht um ein Gespräch im Geist der Liebe Gottes.

Und noch etwas erscheint mir wichtig: dass jemand etwas tut, was nicht der Gemeinschaft entspricht und sie schädigt zeigt, dass es die Handlungsfreiheit gibt. Also keine Kontrolle, keine Überwachung. Wir sind alle frei zu handeln. Wir sind aber auch alle verantwortlich für unsere Taten.

Es geht um die christliche Gemeinde und den geschwisterlichen Umgang miteinander. Haben wir Menschen in der Gemeinde, Schwestern und Brüder, denen wir uns anvertrauen können? Einen Raum, in dem wir ehrlich sprechen können über uns und unsere Schwächen oder Fehler? Was würde passieren, würde wirklich jemand schwere Schuld auf sich laden? Könnten wir uns kritisch mit dieser Person auseinandersetzen?

In unserer Kirche gibt es das Grundprinzip, das niemand ausgeschlossen wird. Es gibt also keine Exkommunikation.

Nun fällt uns ja – zum Glück – nicht dauernd jemand ins Auge, der oder die in der Gemeinde schwere Schuld auf sich lädt. Was könnte dieser Abschnitt für unsere Gemeindepraxis bedeuten? Für unseren Umgang miteinander? Für unsere Gemeinschaft?

Allgemein gesagt: Jesus sagt hier bei Matthäus nicht: „Schluck alles hinunter“, sondern er sagt: „Geh hin und sag dem oder der anderen, was los ist.“ Das Ziel ist immer die funktionierende, liebevolle Gemeinschaft. Es geht also nicht darum, jemanden eine Abfuhr zu erteilen oder endlich mal meinen angestauten Ärger loszuwerden. Oft bekommen andere dann Dinge ab, die mit ihnen gar nichts zu tun haben. Wie also vorgehen?

Paulus gibt uns in der heutigen Lesung einen entscheidenden Tipp: „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer.“ (Röm 13,8a) Bleibt niemand etwas schuldig – auch nicht eine konstruktive, gute Kritik – aber in LIEBE muss sie geschehen. Sie schulden wir jedem und jeder, auch denen, die uns verletzt haben, über die wir uns ärgern. Ein hoher Anspruch! Aber nur so gelingt wahre Gemeinschaft. Denn sie lehrt uns, uns selbst zu lieben, aber nicht egoistisch in den Vordergrund zu stellen. Wir lernen, uns und unsere Empfindungen ernst zu nehmen, aber genauso auch das Gegenüber zu achten und zu respektieren. Und hoffentlich sogar zu verstehen! Liebe meint hier nicht ein schönes Gefühl, sondern die bleibende Sorge um die Gemeinschaft miteinander, die bei zwei Menschen schon beginnt. Darum soll ich als Christin und Christ sagen, was los ist – aber in Liebe!!!!

Wie übe ich in Liebe Kritik? Es ist gut, vorher für sich selbst nachzudenken: Wie möchte ich, dass mir Kritik gesagt wird? Wie fühle ich mich dabei? Wie muss sich für mich Kritik anhören, damit ich sie annehmen kann? Bei welcher Wortwahl „mache ich zu“, bin ich verletzt oder ärgere mich? Der erhobene Zeigefinger ist gar keine gute Wahl. Er kommt moralistisch und von oben herab an: „Du müsstest doch eigentlich wissen…“. Das wirkt belehrend, besserwissend, moralisch. Die Wut des Gegenübers ist ziemlich sicher und auch, dass kein klärendes Gespräch stattfinden wird. Je nach Veranlagung kommt dann eine spitze Bemerkung oder eisiges Schweigen. Eine Seite ist am Ende bestimmt mundtot gemacht und der Ärger sehr lebendig. Eine Verletzung ist geschehen.

Gut ist, Dinge unter vier Augen zu sagen. „Hör mal, mir ist aufgefallen…., ich habe kein gutes Gefühl dabei …, mir fällt schwer, dir zu sagen….“. In Ich-Form gesprochen kommt das Anliegen nicht oder zumindest weniger als Vorwurf an, es wird nicht verallgemeinert, sondern ich spreche nur von mir. Wichtig ist auch die Bereitschaft, dem Gegenüber wirklich zuzuhören, was es dazu zu sagen hat. Es geht um liebevolle Sorge und auch die Freiheit, die ich anderen lasse. Die Kritik bewirkt nicht so schnell, dass der oder die andere sich ändert. Aber eine Aussprache führt zu einem besseren Verständnis und zu mehr Toleranz. Und ich kann auch bei mir schauen, was mich eigentlich so ärgert am Verhalten des oder der anderen. Denn in den allermeisten Fällen hat das etwas mit mir zu tun. Nicht umsonst spricht Jesus davon, dass wir erst den Balken aus unserem Augen ziehen sollen, bevor wir uns um die Splitter bei anderen kümmern.

Wenn wir anderen unser Anliegen wirklich verständlich machen wollen, dann geht das nur, wenn es aus echter Liebe geschieht. Wenn man aus Verärgerung Dinge anspricht, wie soll das in Liebe gelingen? Wenn man den Mitmenschen die eigene Meinung mitteilt, ohne ärgerlich zu sein, dann ist es aus Liebe zu ihm. Dann geht es um den anderen und nicht um mich, meinen Ärger. Eine „goldene Regel“ dazu lautet: Wir sollen so mit den Fehlern anderer umgehen, wie wir wünschen, dass andere mit unseren Fehlern umgehen. Wir haben es lieber, dass der oder die andere mit uns spricht, als dass er oder sie über uns spricht. Wenn wir erfahren und spüren, dass wir dem oder der anderen wertvoll und wichtig sind, dann lassen wir uns auch etwas sagen. Wir sind bereit, darüber nachzudenken bzw. auch bereit, unser Verhalten zu ändern. Die Liebe ist – wie in so vielen Dingen – auch hier der Schlüssel zu einer wirklichen Begegnung und auch Veränderung.

Worum es in allem geht, ist im letzten Satz des Abschnittes zusammengefasst: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Es geht um das Miteinander-verbunden-Sein, weil jede und jeder sich auf die Botschaft Jesu einlässt. Es geht um die neue Beziehung zwischen den Menschen, die entsteht, indem sie ihre eigene Beziehung zu Gott leben. Das Leben in Verbindung mit Gott, in Hingabe an Gott, wie John Wesley es stets betont hat, braucht Pflege und Schutz. Und immer wieder neu unseren Willen, uns einzulassen aufeinander. In einem Geist der Liebe. Nicht einer Liebe, die unkonkret und rosarot über allem schwebt. Es geht um eine Liebe, der alle am Herzen liegen und bei der die Sorge umeinander im Vordergrund steht. Einer Liebe, die dem Lob, der Ermutigung genauso Raum gibt wie dem Wort der konstruktiven Kritik, das nicht aus Egoismus gesprochen wird, sondern um der Gemeinschaft willen. Auch um der Gemeinschaft zweier Menschen willen. Wenn uns Dinge stören und wir uns in einer Gemeinschaft nicht mehr frei bewegen können, weil wir uns ärgern oder gehemmt sind, und sei es nur aufgrund einer Person, dann sollen wir das klären, sagt Jesus. In Liebe. Es geht um die Liebe zu sich selbst, die Chance zur persönlichen Weiterentwicklung indem ich mir mutig anschaue, warum mich diese Person oder ihr Verhalten eigentlich so stört.

Wir Menschen brauchen einander. Um Freude zu teilen, aber auch das Leid, um in Not beizustehen und am Glück teilzuhaben. Wir brauchen andere Menschen als Vorbilder, als Begleitende, als Partnerin oder Partner, Freund oder Freundin, helfend, korrigierend, unterstützend, ermutigend, mitreißend. An und mit anderen wachsen wir als Persönlichkeiten. Wir wachsen auch an mancher konstruktiven Kritik. Sei es, dass wir sie üben, sei es, dass wir sie annehmen können. Niemand ist perfekt, es passt nie alles für alle. Es ist ganz normal, dass in Gemeinschaften Konflikte und Probleme auftauchen. Jesus hat das gewusst und auch erlebt mit seinen Jüngerinnen und Jünger und gibt uns Anleitung, wie wir damit umgehen sollen. Paulus sagt es so: „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe, die seid ihr einander immer schuldig.“

John Wesley hat rückblickend formuliert: „Ich habe oft bereut, zu streng geurteilt zu haben, aber nur selten, zu barmherzig gewesen zu sein.“

Der Maßstab ist also immer der, wie ich möchte, dass mit mir umgegangen wird. So sollen wir in Liebe mit den anderen umgehen. Auch und gerade bei dem, was uns stört.

Unser Abschnitt heute endet nicht umsonst mit dem Hinweis auf das Gebet. All unser Tun und Wirken und auch Lassen in manchen Fällen sollen wir im Gebet mit Gott besprechen und Gottes heiliger Geistkraft Raum geben. Vielleicht beginnen wir dann manches mit anderen Augen zu sehen. Den Augen der Liebe und der Barmherzigkeit. Dann gelingt ein klärendes Gespräch sicher besser und am Ende freuen wir uns wieder neu an der Gemeinschaft, die Gott uns miteinander und mit sich selbst schenkt. Und wir spüren immer wieder einmal die starke Verbindung von Himmel und Erde. Darin und in Gottes Liebe sind wir alle gut aufgehoben und werden befähigt, in Liebe miteinander umzugehen.

Möge Gott uns den Willen dazu immer wieder neu schenken und die Erfahrung, dass Liebe gelingt.

Amen.