13. Dezember 2019

Gottesdienst am 21. September 2014

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Philipperbrief 1, 21-30                  Die Gnade zu leidenLautsprecher

 

Liebe Gemeinde, neben den vielen Inhalten des Philipperbriefes haben mich beim heute gehörten Abschnitt besonders 2 Themen angesprochen: Das Sterben als Gewinn und die Gnade, für Christus zu leiden.

Beides Themen, über die wir normalerweise nicht gerne reden.

Tod und Leid werden als unvermeidbares Übel unserer menschlichen Existenz wahrgenommen, aber so unverblümt positiv, wie Paulus sie im heute gehörten Text darstellt – das ist doch eher selten.

Sterben als Gewinn, Leiden als Gnade!

Ich kann an dieser Stelle natürlich nur für mich selbst sprechen, aber für mich hat die Aussage von Paulus, das Sterben für ihn nur ein Gewinn sein kann, etwas total Erfrischendes, Beglückendes.

Es ist eine lebendige Erinnerung an die Hoffnung die ich mit so vielen Menschen teile, die mit mir das apostolische, katholische oder nizänische Glaubensbekenntnis beten und daran glauben. Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben!

Ich freue mich mit den Menschen, die es gebetet haben und die ich jetzt in den Armen von Christus weiß.

Paulus spricht aus, was unsere große Hoffnung und Freude ist – oder sein könnte.

Wenn jemand den vertanen Chancen im Leben hinterher trauert oder wehmütig meint: „Mei, das hätte ich gerne noch gesehen oder erlebt“, dann haftet er oder sie so stark in diesem vergänglichen Leben, dass ihm oder ihr offensichtlich dieser Glaube fehlt, vielleicht mangelt es hier schlicht und ergreifend an genügend positiver Vorstellungskraft was da sein könnte.

Wenn Menschen nicht an Christus glauben, dann kann ich die Angst, die Unsicherheit, sogar die Trotzreaktion der Wurschtigkeit an Gesichts des Todes verstehen.

Aber wenn jemand an Christus glaubt dann kann er oder sie doch 1. wissen, dass er oder sie gerettet ist und 2. davon ausgehen, dass die volle Gemeinschaft mit Christus, mit Gott, um ein Vielfaches schöner ist, als alles, was wir uns mit unserem begrenzten Verstand vorstellen können.

Sterben kann dann nur Gewinn sein, weil es eine Bewegung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen ist. Welchen Gewinn ziehst du aus deinem Glauben, wenn es nicht dieser strahlende Siegeskranz ist, um noch einmal Paulus zu zitieren?

Ich bin der Meinung, man kann auf dem Weg der Nachfolge Christi viele Schwierigkeiten haben, weil das Verhalten, so wie wir gerne wären oder sein könnten nicht unserem persönlichen Egoismus und unseren natürlichen Trieben entspricht, aber dass Sterben ein Gewinn ist, das finde ich, sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Möglicherweise vermischen wir beim Thema Tod die Angst vorm Sterben mit der Angst vor dem Leiden und damit komme ich zum 2. Teil dieser Predigt, die Gnade, für Christus zu leiden.

Paulus schreibt an die Philipper: „Er hat euch die Gnade erwiesen, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.“

Wenn diese auszeichnende Anerkennung auch für uns gilt, dann müssen wir zunächst zwischen Leid und Leid unterscheiden.

Immer wieder wird von Menschen gefragt, warum es soviel Leid in der Welt gibt. Soviel Streit, Hass und Gewalt bis hin zu Blut, Krieg und Zerstörung. Oft wird die Tatsache, dass es Leid in der Welt gibt als Argument gegen Gott verwendet: Wie kann es einen liebenden Gott geben, wenn er oder sie dieses Leid zulässt?

Die Antwort auf diese Frage ist so ernüchternd wie simpel: Wer Liebe will, muss Freiheit gewähren.

Die Freiheit des Menschen, seine Selbstbestimmung, hat dieses Ausmaß von Leid verursacht, es ist nicht Gott der eine Waffe in die Hand nimmt und damit tötet.

Diese allgemeine Form von Leid, von Schmerz, von Ungerechtigkeit kann von dem was Paulus meint betroffen sein, muss es aber nicht.

Anders ausgedrückt: Nicht alles Leid ist eine Gnade.

Es ist aber eine Gnade für Christus zu leiden.

Warum soll es eine Gnade sein für Christus zu leiden und nicht nur an ihn zu glauben?

Ich könnte jetzt hier eine noch längere, bedeutungsschwere Pause machen, aber nachdem es nicht üblich ist während einer Predigt zu antworten oder Antworten zu erwarten, fahre ich fort.

Grundsätzlich glaube ich, dass Christus alles Heilsnotwendige bereits getan hat.

Ich glaube der Rechtfertigungslehre Luthers, nachdem der Mensch sola gratia und sola fide, also allein aus Gnade und Glauben gerecht wird.

Dieses Bekenntnis zu Christus, wenn es lebendig ist, also geglaubt und gelebt wird, ist absolut genug.

Damit kommen wir zum Punkt: Wie bleibt der Glaube lebendig?

Im Römerbrief schreibt Paulus: „Wir rühmen uns auch der Trübsale, weil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Bewährung; Bewährung aber bringt Hoffnung.“ (Röm 5, 3-4)

Anders übersetzt: „Wir freuen uns über die Nöte, die wir jetzt durchmachen. Denn wir wissen, dass Not uns lehrt durchzuhalten, und wer gelernt hat durchzuhalten, ist bewährt und bewährt zu sein festigt die Hoffnung.“

In sofern kann man es wirklich als Gnade, also als Geschenk oder Auszeichnung sehen, wenn wir für Christus leiden dürfen, denn dann können wir zeigen, was wir von Christus gelernt haben.

Dieses Leiden ist nicht notwendig für unsere Erlösung, aber es schafft eine Nähe, eine Berührung mit Jesus selbst.

Ich kenne nur ganz wenige Episoden, wo Jesus über Menschen drübergefahren ist oder wirklich zornig war. Ich kenne aber jede Menge Geschichten die den Auftrag von Jesus deutlich vor Augen führen: Der Menschensohn ist nicht gekommen um zu richten, sondern um zu retten. (Joh 3,17) Jesus ist gekommen um zu dienen, nicht um zu herrschen.

In seiner „Leidensfähigkeit“ ist er uns ein Vorbild: Wer leidet, tut das was Christus getan hat. Er wandelt auf seinen Wegen.

Ich denke es gibt noch einen Grund das Leiden für Christus als Gnade zu sehen, denn es gibt unserem Glauben Tiefe und Bodenhaftung.

Leiden ist etwas Körperhaftes,etwas Erfahr- und Spürbares.

Leiden tut weh, aber es ist echt.

Es ist echt und damit ist es christlich.

Der Glaube an Christus und an Gott ist ja zunächst einmal eine Absichtserklärung. Oder eine erste Antwort auf das Beziehungsangebot Gottes. Das Blut, das diese Absichtserklärung mit Leben erfüllt sind die Glaubenserfahrungen und diese Glaubenserfahrungen werden in der Nachfolge gemacht.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ von einem Glauben ohne Nachfolge und Kreuz einmal von „billiger Gnade“ gesprochen.

Ein Glaube, der nicht einmal ansatzweise eine Ahnung von Leid und Schmerzen hat, kann doch mit der ganzen Passion Jesu, mit seiner Hingabe am Kreuz nichts anfangen.

Ein weitverbreitetes Missverständnis möchte ich hier am Schluss noch ansprechen:

Leiden um Christi willen hat gar nichts, aber auch wirklich gar nichts, mit Schwäche zu tun!

Es ist eine bewusste Entscheidung.

Ich leide ja nicht, weil ich mich nicht wehren könnte, weil ich mich nicht rechtfertigen könnte, weil ich eingeschüchtert bin.

Es kostet viel mehr Kraft sich zu beherrschen, Ungerechtigkeiten oder Unwahrheiten zu „erleiden“ als den eigenen Gefühlen freien, ungezügelten Raum zu lassen.

Das weiß ich, das weiß mein Gott und das wissen alle die mich schon in solchen Situationen erlebt haben, auf die ich wahrlich nicht stolz bin.

Aber, jede Begegnung mit dem Wort Gottes ist eine neue Chance.

Die Worte des Philipperbriefes helfen mir, sie sind eine Chance die ich nützen und ergreifen kann. Leiden um Christi Willen ist anstrengend, aber auch eine beglückende Erfahrung, denn hier tue ich, was Jesus getan hätte.

Ich bleibe dabei, es ist eine Gnade!

Amen.