21. November 2019

Gottesdienst am 26. Oktober 2014

Predigt und Leitung: Pastorin Anke NeuenfeldtEnglish

Matthäus 22, 34-40          Dreifache LiebeLautsprecher

Liebe Gemeinde!

Das dreifache Gebot zum Lieben kennen wir. Gibt es dreierlei Liebe? Oder dreht es sich vielleicht doch um das Selbe? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen, indem wir uns die Liebe zu Gott und zu den Nächsten kürzer und die Liebe zu uns selbst etwas ausführlicher anschauen.

Zur Gottesliebe

Werfen wir einen Blick in die Bibel. Im Judentum wurde das Gebot der Gottesliebe an Hand und Stirn gebunden, sich täglich mehrmals vergegenwärtigt. Doch das Wort „Liebe“ bzw. die Liebeserklärung „Gott, ich liebe dich“ kommt nicht vor. Die Psalmen z.B. beschreiben die Liebe zu Gott in vielfacher Weise. Gott wird gelobt, gepriesen, gerühmt. Die Liebe zu Gott geschieht in unseren Herzen, will ausgedrückt werden und zeigt sich in unserem Handeln. Sie ist dadurch auch eng verknüpft mit der Nächstenliebe.

Zur Nächstenliebe

Jesus macht deutlich, dass es bei der Nächstenliebe nicht nur um die geht, die uns nahe stehen wie z.B. Familie, Freunde, Verwandtschaft. Es geht auch um alle, die in irgendeiner Weise „unter die Räuber gefallen sind“, wie er es mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter aufzeigt. Die Nächsten sind auch die Fernstehenden, die unsere Hilfe brauchen. Manchesmal nur für einen Moment oder für kurze Zeit. Aber sie sollen inkludiert sein in die Liebe zu unseren Nächsten. Es geht ebenso um die Liebe zu denen, die uns hassen und die Liebe zu denen, die uns verletzt haben. Auch um die, mit denen wir uns schwertun und die uns nicht mögen. Diejenigen, die Böses planen oder tun, und sei es nur ein schlechtes Wort. Wir können solche Nächsten nur lieben, wenn wir auch in ihnen ein Kind Gottes erkennen. Von Gott gewollt und geliebt. Dass sie Böses tun oder anderen schaden ist ihre Verantwortung. Hier unterscheiden wir zwischen der Schuld und der Person. Wir können die Schuld benennen und auch ihre schlimmen Folgen. Aber die Person sollen wir nicht verurteilen. Unsere Verantwortung und Auftrag ist die Art und Weise, wie wir ihnen in unserem Herzen begegnen. Und da ist Jesus klar in dem, was er sagt: „Liebe, deine Feinde. Sprich ihnen nicht die Würde durch Gott ab.“ Das ist und bleibt eine Herausforderung.

Zur Selbstliebe

„Du sollst deine Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Das „wie dich selbst“ wird und wurde oft unterschlagen, deshalb möchte ich darauf heute etwas ausführlicher eingehen.

In den mir bekannten Auslegungen bzw. Kommentaren geht es rein um die Nächsten. Die Selbstliebe wird nicht extra thematisiert. Es wird vorausgesetzt, dass man sich selbst eh liebt. Oft wird auch unterstellt, dass man sich mehr liebt als die anderen. Doch ist das so?

Die Praxis zeigt dann doch meist etwas ganz anderes. Viele Menschen können sich selbst nicht lieben, weil sie Entwertung oder Kälte, wenn nicht sogar Gewalt in der Kindheit erlebt haben. Sie wurden kleingehalten und tragen diese Muster ihr Leben lang mit sich herum. Nicht oft gelingt es, das im Erwachsenenalter zu reflektieren und aufzuheben. Es ist meist ein langer Prozess für die Einzelnen. Selbstliebe war ja auch verpönt, weil sie mit Egoismus gleichgestellt wurde. Eine gesunde Selbstliebe beinhaltet die Fähigkeit zur Demut. Demut bedeutet, sich selbst in aller Freiheit zurückstellen zu können, ohne sich kleinzumachen oder gering zu fühlen.

Übersetzen können wir auch: „Du wirst deine Nächsten lieben wie dich selbst.“ Dh, es geht um eine Verheißung. Die Selbstliebe ist die Grundlage, damit wir die anderen lieben können. Diese Selbstliebe gründet sich in der Liebe Gottes zu uns. Sie kann auch die Mängel und Defizite aus der Kindheit oder durch andere Erfahrungen heilen. Die Übersetzung „Du sollst…“ muss nicht automatisch eine moralische Forderung sein, doch kann sie auch Druck ausüben. Vielleicht sogar positiven, indem man sich selbst motiviert oder andere ermutigt, aber es kann dennoch als Druck empfunden werden.

Können wir die anderen mehr als uns selbst lieben? Oder weniger? Oder ist das eine mit dem anderen auch psychologisch so untrennbar verbunden, wie in diesem Wort aus der Tora, das Jesus zitiert und mit dem höchsten Gebot verbindet?

Wie sehr wir die anderen lieben können hat oft auch etwas damit zu tun, wie wir uns selbst lieben. Wenn wir uns selbst nicht annehmen und respektieren können, wie können wir das bei den anderen in einer angemessenen Weise tun? Wenn wir mit uns selbst nicht barmherzig und gnädig umgehen, wie Gott es mit uns tut, wie können wir das mit den anderen?

Bei der Selbstliebe geht es um eine bestimmte Art und Weise, wie wir uns auf uns selbst beziehen. Siegfried Essen hat es so definiert: „Man könnte sagen, es ist eine liebevolle Art der Selbst-Rückbezüglichkeit, eine freie und positive Art, sich selbst zu sehen, zu fühlen, zu beschreiben und über sich selbst zu denken.“[1] Für ihn gehören ua dazu

° ein positives Selbstbewusstsein, dh, von sich selbst begeistert sein. Für mich bedeutet das zu wissen, was man kann und dazu zu stehen. Also im guten Sinne nicht das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen und die eigenen Begabungen in aller Demut zur Verfügung zu stellen. Aber auch zu wissen, was man nicht kann, wo die Grenzen sind.

° Selbstachtung, dh Selbstwahrnehmung ohne Scham und Schuld. Das können wir erreichen, indem wir uns von Gott geliebt glauben und auch erfahren haben, vor Gott „nackt“ sein zu dürfen. Dh, vor Gott mit all meiner Scham und Schuld, meinem Versagen und meiner Angst sein zu können. Schuld und Scham sind dann nicht mehr als Grundgefühl vorherrschend.

° Unbedingtes Selbstvertrauen. Im Idealfall bekommt man Selbstvertrauen in der Kindheit durch Eltern und anderen Bezugspersonen, die uns etwas zutrauen. Wir können Selbstvertrauen auch gewinnen, indem wir Dinge positiv bewerten, die wir erreicht haben und sozusagen auf unsere „Erfolgsliste des Lebens“ setzen. Wer bewusst oder unfreiwillig auch schwierige Wege geht und sieht, wie er oder sie sie bewältigt, gewinnt Selbstvertrauen. Unbedingtes Selbstvertrauen hat für mich etwas mit dem Punkt des Selbstbewusstseins zu tun. Und mit dem Glauben an und das Vertrauen in Gott. Überheblichkeit hat hier gar keinen Platz.

Wer sich selbst achtsam, gewaltfrei, liebevoll behandelt, kann das mit anderen auch tun. Wer schlecht über sich selbst denkt, sich klein macht, sich nichts zutraut, kann wohl kaum Beziehungen auf Augenhöhe eingehen. Ebenso ist es bei einem überhöhten Selbstbild. Aber das entsteht eben auch aus einem Mangel. Es wird immer um ein sich klein und die anderen groß machen oder sich selbst unnötig groß und die anderen klein machen gehen (müssen).

Bei der Liebe, von der die Bibel spricht, geht es ja in erster Linie um eine Haltung und eine Entscheidung. Die Haltung wäre z.B. Respekt, Gewaltlosigkeit, Achtsamkeit, Gerechtigkeit, Annahme.

Selbstliebe ist wie alle anderen Arten der Liebe (zu Gott, zu den anderen) eine Übungssache und braucht Bewusstsein, aber auch den Willen dazu.

Meistens stecken wir ja im Mangeldenken fest. Wir wissen, was bei uns und anderen nicht passt. Die Klagen über die eigenen Mängel werden abgelöst mit den Klagen über die Mängel der anderen. Es geht um Kränkungen, das Gefühl, nicht genug bekommen zu haben (Anerkennung, Aufmerksamkeit, Gehalt, Geschenke etc.). Wie soll hier Selbstliebe entstehen? Oder ein wertschätzender Blick auf andere?

Dankbarkeit ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Dankbarkeit für das, was wir bekommen haben, was Gott uns geschenkt hat. Dazu gehören auch die Gaben und Begabungen, die wir haben. Die Blickrichtung weg vom Mangel hin zur Dankbarkeit verändert schon ganz viel. Wir nehmen die Fülle mehr in den Blick und die Habenseite des Lebens. Es geht um die Wahrnehmung dessen, was gut ist und wo wir Liebe erfahren (haben).

„Du wirst deine Nächsten lieben wie dich selbst“ atmet für mich Freiheit. Es ist eine Verheißung, die Gott uns gibt. Wenn wir uns der bedingungslosen Liebe Gottes öffnen können, öffnen wir uns auch dem Heilwerden der Seele. Wir werden befreit zur Liebe, wie Gott sie uns zutraut. Vielleicht ist auch der Mut nötig, den Mangel an Liebe in unserem Leben einmal genau anzuschauen. Das kann befreiend sein und zur Dankbarkeit und Annahme hinführen. Moralische Forderungen erzeugen Druck, machen Schuldgefühle und Angst, in der Folge kann sich das in Gewalt verändern. Auch gegen sich selbst. Das äußert sich nicht selten auf der psychischen Ebene.

Wir sind eingeladen in den Raum der Liebe Gottes. Wenn wir die bedingungslose Annahme unserer Selbst durch Gott – auch in unserem seelischen Nacktsein, unserer Scham und Schuld – verinnerlichen können, ist der Weg zur Selbst- und Nächstenliebe frei. Und die Liebe zu Gott als Antwort auf unser Geliebtsein vollzieht sich wie von selbst. Es ist für mich keine Bedingung, sondern Verheißung und in diesem Sinne Zuspruch. Gott mit Geist, Seele und Leib lieben und die anderen und uns selbst – das verheißt Leben in Fülle, wenn es auch noch nicht um paradiesische Zustände gehen kann. Liebe bedeutet immer auch Einsatzbereitschaft, Reflektion und Entwicklung. Doch nichts ist lohnenswerter als dieser Weg. Es ist der Weg des Lebens, weil er alles andere mit einbezieht.

Amen.

 

[1] Selbstliebe als Lebenskunst, Carl-Auer-Verlag, zweite, überarbeitete Auflage 2013, S. 33