26. Juni 2017

Gottesdienst am 21. Mai 2017

21. Mai 2017
10:00bis11:00

Predigt: Gerhard WeissenbrunnerEnglish

Johannes 14, 15-21              wenn ihr mich liebt …

Jesus von Nazareth informiert seine Jüngerinnen und Jünger über seinen bevorstehenden Abschied. Er wird dorthin zurückkehren, wo er hergekommen ist. Seit Urzeiten war der Sohn mit dem Vater verbunden. Vater und Sohn sind eins.
Für kurze Zeit hat der Sohn Gottes die Heilsbotschaft den Menschen vorgeführt. 3 Jahre hat Jesus von Nazareth unter den Menschen gewirkt. 3 Jahre lang hat Jesus gelehrt und gewirkt und die göttliche Vorstellung von heilem Leben bekannt gemacht. Jetzt geht seine Erdenzeit zu Ende. Und mit dem Ausruf am Kreuz: „es ist vollbracht“, wird seine Aufgabe erfüllt sein. Die frohe Botschaft vom Heilswillen Gottes durch ihn wird jetzt in der ganzen Welt bekannt.

Die Jünger verstehen zurzeit noch nicht, was Jesus meint mit: „ich gehe zurück zum Vater“, oder „ich bin der Weg“, oder „der Vater wird euch an meiner Stelle einen anderen Helfer geben“. Die Zukunft ist ihnen noch verborgen und deshalb rätselhaft. Aber sie wollen es wissen. Sie fragen. Und Jesus erklärt es ihnen.

„Ich werde den Vater bitten und er wird euch den Geist der Wahrheit geben“, sagt er. Derselbe Geist, der durch Jesus sichtbar und erlebbar war, wird auch auf die Jüngerinnen und Jünger einwirken und durch sie Gestalt annehmen. Es ist der Geist der Wahrheit, der ihnen versprochen wird. Und was kann der Geist der Wahrheit anderes sein als der Geist der Liebe?

Das Jahresthema 2015 unserer Gemeinde war „Gemeinschaft leben mit Hilfe der Wahrheit Gottes“ ausgehend vom Brief an Timotheus 3,15, wo es heißt „die Gemeinde des lebendigen Gottes, ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit“. Wir haben den Begriff „was ist Wahrheit?“ diskutiert und nach mehreren Facetten ausgeleuchtet. Und in ihrer Predigt vom 25. Oktober 2015 hat Pastorin Anke Neuenfeldt ausführlich erklärt, was wir unter Wahrheit Gottes verstehen können.
Ich zitiere sie: >> Was wir sagen können ist: Wahrheit muss gelebt werden. Wahrheit ist nicht etwas Festgeschriebenes. Wahrheit ereignet sich in der Beziehung. In der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen untereinander, in der Gemeinschaft, die wir leben. Im Gehen des Weges, der Jesus für uns sein will, werden wir die Wahrheit immer wieder neu und anders erfahren und erkennen, immer wieder neue Erfahrungen damit machen. Jesus ist der Weg und gleichzeitig das Ziel. In ihm und bei ihm finden wir Gott.<<

So wie nun die Jüngerinnen und Jünger mit Jesus in Beziehung gestanden sind, so werden sie weiterhin durch den Geist der Wahrheit, also den Heiligen Geist, mit Gott direkt in Beziehung sein. An Jesu Stelle wird nun der Heilige Geist treten. Und Jesus meint: „ihr werdet mit dem Heiligen Geist leben, so wie ihr mit mir gelebt habt.“

Eine Nebenbemerkung lässt aufhorchen. Jesus sagt: „den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht bekommen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ Was heißt das, >die Welt kennt den Geist der Wahrheit nicht und kann ihn auch nicht bekommen?<
Soll das etwa heißen: die Menschen wüssten nicht, was Wahrheit bedeutet? Sie wüssten nicht, wie man gut in Beziehung lebt? Sie wüssten nicht, was eine lebenswerte Gemeinschaft ausmacht und wie sie gelingen kann?
Nein, sie wissen es! Sie wissen, dass letztlich nur „Liebe“ die ausreichende Nahrung für eine gute Beziehung und eine bleibende Gemeinschaft ist. Und die Sehnsucht ist groß! Aber menschliche Liebe reicht auf Dauer nicht aus. Sie verliert mit der Zeit ihre Kraft. Sie ist begrenzt.

Ich möchte ein Beispiel und einen Vergleich bringen:
In dem Buch „der Prophet“ von Khalil Gibran sagte der Prophet mit lauter Stimme über die „Liebe“: „Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin. Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie. Auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann, wie der Nordwind den Garten verwüstet. Denn so wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich. So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich. So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit. Wie Korngarben sammelt sie dich um sich. Sie drischt dich um dich nackt zu machen. Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien. Sie mahlt dich bis du weiß bist. Sie knetet dich bis du geschmeidig bist: und dann weiht sie dich dem heiligen Feuer, damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl. All dies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deines Herzens kennen lernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.“

Ein Prophet spricht von der Liebe. Als ich das gelesen habe, ist in mir ein Gefühl von Angst hochgekommen..

Unverzüglich habe ich dagegen gedacht an das Hohelied der Liebe im 1. Brief an die Korinther (13,4-8): „die Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles trägt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. Die Liebe vergeht niemals.“

Nachdem ich das gelesen habe, war mir wieder wohler. Die Angst war der Zuversicht gewichen. Ich denke an den Ausspruch Jesu: „in der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“

Ich hoffe man merkt den Unterschied. Der Schriftsteller Khalil Gibran schreibt in wunderbarer Prosa von menschlicher Liebe auf Grund menschlicher Erfahrung. In der Bibel schreibt Paulus über Gott als die Liebe, die göttliche Liebe. Diese Liebe ist dem Menschen fern. Doch die Sehnsucht danach steckt tief in ihm. Aber er kann sie aus eigener Kraft nicht erreichen. Es sei denn, Gott gibt sie ihm im Heiligen Geist.

Ein Drittes noch:
Als Christinnen und Christen sind wir gebunden an Jesus. Wir wissen von seiner Liebe zu uns. Aus Liebe zu allen Menschen hat er sich töten lassen. Wie ein Lamm vor seinem Scherer verstummt, so ist Jesu stumm den Weg ans Kreuz gegangen. Angesichts dieses Unrechts, dieser Heuchelei seiner Ankläger war nichts mehr zu sagen. Jesus hat Unrecht erlitten und ist damit solidarisch mit den Opfern. Jesus hat auch die Schuld der Täter auf sich genommen und hat stellvertretend für sie ihre Strafe auf sich genommen. Alles aus Liebe zu den Menschen.
Auch ich bin betroffen. Ich bin ebenso beides: Opfer und Täter. Jesus hat für mich gebüßt. Meine Schuld liegt jetzt auf ihm.

Was jetzt Jesus von mir möchte ist, dass ich auf seine Liebe antworte. Die Liebesbeziehung soll beidseitig wachsen. Es setzt seinen Jüngerinnen und Jüngern eine Bedingung (Vers 15): „wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“. Und mit Geboten meint Jesus die 10 Gebote und seine Auslegung in der Bergpredigt (Matthäus 5-7).
Manche Menschen stehen unter Druck, wenn sie von Geboten hören. Die 10 Gebote sind allerdings die kürzeste Zusammenfassung mit denen Leben gelingen kann. Und sie tragen die Verheißung: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr die Gebote halten.“ Mit Jesus Christus wird es leicht die Gebote zu tun. Es wird zu einem Akt freudigen Gehorsams. Es macht uns Freude, den einen Gott als unseren Gott zu loben und zu preisen. Es macht uns Freude, am Sonntag den Gottesdienst zu feiern und Gemeinschaft zu haben. Es macht uns Freude, wenn es uns gelingt, zu tun, was Jesus empfohlen hat. Wir wissen, wir belasten unser Gewissen nicht und gefallen Gott.
Diese Freude ist eine Frucht des Heiligen Geistes. Und sie reift mit unserer Liebesantwort an Jesus. Dank sei dir Herr! Amen