23. Oktober 2017

Gottesdienst am 9. Juli 2017

9. Juli 2017
10:00bis11:00

Predigt: Christine WalzerEnglish

Matthäus 11,25-30                   Hier darf jede und jeder sitzen!

Liebe Gemeinde!

Auf der Nordseeinsel Baltrum stehen vier Sessel an einem Weg, eng aneinander gereiht. Jeder Sessel hat auf der Rückenlehne ein Messingschild.

Am ersten Sessel steht „ Hier“, am zweiten „darf“, am dritten „jeder“, am Vierten „sitzen“. „Hier darf jeder sitzen“.

Eine sehr nette Einladung, Sie geht an alle Menschen, die vorübergehen. Einfach Platz nehmen und ausruhen. Diese Einladung vermittelt eine Atmosphäre der Großzügigkeit. Egal in welcher Verfassung die Vorübergehenden sind oder wer sie sind. Sie sind eingeladen Platz zu nehmen. Wenn sie es wollen.

Die letzten Verse unseres Predigttextes vermitteln auch so eine Atmosphäre. „Kommt her zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.“

Gehen wir zuerst zum Beginn dieses Textes: „Ich preise dich, Vater, du Herr über Himmel und Erde, dass du alles den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“

Der Anfang dieses Textes ist da schon ein bisschen schwerer zu verstehen. Wen meint Jesus mit den Klugen und Weisen? Er meint nicht allgemein gebildete Menschen. Im historischen Kontext gesehen meint er Menschen, die sich mit dem jüdischen religiösem Gesetz sehr gut auskannten und danach lebten. Die Schriftgelehrten und Pharisäer waren gemeint.

Mit den Unmündigen hatte er nicht ungebildete oder dumme Menschen im Sinn. Er denkt dabei an alle Menschen, die sich mit dem religiösen Gesetz nicht gut oder gar nicht auskannten.

Die, die sich plagen und fast erdrückt werden, sind jene die unter dem Gesetz leiden. Die damit überfordert sind. Die es nicht schaffen streng danach zu leben.

„Ich bin, weil ich etwas leiste.“ Das ist für viele Menschen ein Leitgedanke. Es beginnt schon im Kindergarten. Da sollten die Kinder schon zusätzliche Kurse besuchen, um ja zu den Besten zu gehören. Schneller als andere sollen sie schon im frühen Alter lesen und schreiben können. Schon vor der Schule. Es wundert mich nicht, dass es immer mehr Bücher gibt, die darüber schreiben, dass Kinder einfach Kinder sein dürfen. Ich meine jetzt nicht, dass man Kinder nicht fördern und fordern soll. Natürlich. Aber die Grenze zwischen fördern und überfordern ist oft sehr klein. Da werden Kinder mitunter wie kleine Erwachsene behandelt und nicht wie Kinder. Kinder brauchen einen Platz, brauchen Zeit, in der sie nur spielen dürfen. Spielend lernen dürfen. Einen Platz und eine Zeit, in der sie nichts leisten müssen.

Für einige Kinder geht es dann so weiter. Neben der Schule müssen sie noch vieles leisten. Ihr Wert wird von Noten abhängig gemacht. Zuneigung wird nach Leistung gezeigt.

Für viele Erwachsene ist es nicht anders. Sogar für Pensionisten gilt oft das gleiche. Leiste viel, sonst bist du kein wertvoller Mensch in der Gesellschaft.

Es gibt Menschen, für die ist das sehr schwer auszuhalten. z.B. für physisch und psychisch kranke Menschen, für Schüler*innen, die sich schwer tun, für Arbeitslose. Wenn man nicht in die Leistungsgesellschaft passt, wo kann man seinen Wert und seinen Platz finden? Zu wissen, dass man ein wertvoller und geliebter Mensch ist, auch ohne großartige Leistung, ist nicht so einfach. Wir alle brauchen eine Zeit, in der wir nichts leisten müssen. Einen Platz zum Ausruhen.

Kirchen sind oft vom Leistungsgedanken nicht ausgenommen. Es wird mitunter viel erwartet. Man muß mitarbeiten, zu allen Veranstaltungen gehen. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Unsere Kirche lebt von Freiwilligen und Laien. Wenn das aber zum Zwang wird und dazu führt, dass Menschen danach bewertet werden wie viel sie tun, wird es schwierig.

Es darf manchmal auch nicht sein, sich außerhalb der Norm zu benehmen oder negative Gedanken zu haben. Wenn es nicht vorkommen darf, negative Gefühle zu haben, wird es schwierig. Da kann es sein, dass man sich unter Druck gesetzt vorkommt, wenn man sie dann doch hat.

Aber wohin dann mit den nicht so freundlichen Gedanken, die man mitunter hat? Wohin mit den negativen Gefühlen, wenn sie nicht sein dürfen? Mit den Gedanken, die so anders und quer sind, als die vom Großteil der Menschen? Wo sollen Menschen hin, denen es zur Last wird nicht so zu denken oder zu sein wie es erwartet wird?

Ich denke, niemand will über andere schlecht denken. Aber wenn man z. B. gekränkt wird, wohin mit den verletzten Gefühlen?

Ich hoffe sehr, dass es dann Menschen gibt, die uns einladen Platz zunehmen. Die sich zu uns setzen und zuhören und nicht urteilen. Menschen, die uns helfen unseren Platz zu finden. Menschen die uns nicht unter Druck setzen, weil wir anders denken und fühlen. Menschen, die uns helfen aus dem Kreisen der Gedanken herauszukommen, um sie dann loszulassen. Ich hoffe, dass es dann jemand gibt, der uns nicht überheblich und selbstgerecht sagt wie es richtig geht und ist. Sondern das jemand da ist, der uns warmherzig und barmherzig wahrnimmt, mit all unseren Gefühlen und Gedanken. Menschen, die einem helfen, Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie zu benennen und aufzuarbeiten. Vielleicht führt es dann zur Vergebung und Versöhnung. Und ich wünsche mir, dass Menschen, die denken sie hätten keinen Wert und keinen Platz, weil sie angeblich zu wenig leisten oder so ganz anders sind, einen Platz bekommen. Dass sie erfahren, dass sie wertvoll und geliebt sind.

Und es wäre schön, dass wir uns alle von Zeit zu Zeit hinterfragen, wie es um unsere Gedanken und Gefühle steht. Das wir nicht, ab und zu, so tun als wären wir immer gut, in Gedanken, Worten und Taten. Weil wir ja so sein müssen. Jedoch, weil Menschen einer Kirche angehören, macht es sie nicht automatisch zu Expertinnen und Experten für das Wort Gottes und für unfehlbares Verhalten. Das kann auch eine Last sein, eine Leistung, die man vollbringen muss.

Zwischendurch glaubt man ja genau zu wissen, wie andere sind und zu sein haben. Da regt  man sich über jemand auf und stellt dann mit Schrecken fest, dass man jetzt selbst kompliziert und aggressiv war. Wohin dann mit dem Gefühl, wenn man sieht wie man selber ist? Wohin mit dem Gefühl nicht nur gut zu sein? Ich hoffe, es gibt jemanden dem man so vertrauen kann, um über alles zu sprechen.

Auch Jesus kennt einen religiösen Leistungsgedanken. Es ist ihm nichts Neues, dass Menschen sich untereinander nach Leistungen bewerten. Jesus erlebte in seiner Zeit Menschen, die es sehr genau, manchmal kleinlich, mit den religiösen Gesetzen nahmen. Ansehen und Wert hatten nur die, die sich gut auskannten und alle Vorschriften exakt erfüllten.

Einige Textstellen in der Bibel sprechen davon, dass Schriftgelehrte und Pharisäer sehr stolz auf ihr Verhalten waren. Das aber Barmherzigkeit nicht so oft vorkam. Ihre Selbstgerechtigkeit führt dazu, dass dann sie zu Unwissenden werden. Sie wissen nichts über die Menschen um sie herum. Sie haben nicht viel Ahnung von den Nöten der Menschen. Sie wissen nichts von der Menschenfreundlichkeit, die Jesus verkündet. Sie hören nicht zu. Sie nehmen nicht wahr, dass Jesus voller Liebe den Menschen nachgeht und ihnen einen Platz zum Ausruhen schenken will.

In jeder und jedem von uns kann von Zeit zu Zeit ein Pharisäer stecken. Wir wissen und leisten so viel, machen alles richtig. Und doch wissen wir manchmal wenig von den Menschen, die um uns sind. Oder von dem Menschen, der in uns steckt.

Wir leben in einer hochtechnisierten Leistungsgesellschaft. Da kann es schon geschehen, dass Güte und  Menschlichkeit auf der Strecke bleiben. Viele Spezialisten werden ausgebildet und Gesellschaft und Politik übersehen oft was es braucht, um die Welt menschlicher zu machen.

Ich möchte ausdrücklich betonen, ich bin nicht gegen Leistung. Es ist schön, wenn Menschen großes Wissen und Kompetenz haben und in ihre Arbeit einbringen. Wenn sie ihre Arbeit dann noch mit viel Freude machen, ist das wunderbar. Ich möchte das Leben aber als Ganzes sehen. Ich möchte Menschen nicht auf ihre Leistung reduzieren. Wir alle sind mehr. Auch außerhalb von Arbeit und richtiger Leistung. Ich möchte nicht nur einen Aspekt des Lebens oder eine Sorte von Menschen bemerken, und die dabei übersehen die die Gesellschaft gerne vergisst oder ausschließt.

In den wunderschönen japanischen Zen-Gärten wird absichtlich ein dicker Löwenzahn in dem raffinierten, rituellen Muster, stehen gelassen. Ein Fehler, absichtlich. Es wird damit auf eine Ganzheit des Lebens aufmerksam gemacht, die über unsere Vorstellungskraft hinausgeht. Eine Ganzheit, die aus meiner Sicht, auf Gott und seine Liebe hinweist. Dieser „Fehler“ in den Zen-Gärten zeigt uns, dass es mehr gibt als Regeln und Gesetze nach denen wir uns zu benehmen haben. Das es mehr gibt als Leistung. Es zeigt uns, dass wir den Buchstaben von Regeln, Gesetzen und Erwartungen, nicht über Sinn und den Geist dieser stellen sollen. Das wir nicht an Normen kleben bleiben sollen.

Regeln und Gesetze haben einen Sinn. Jetzt kann man den Sinn der Regeln, die uns bestimmen und zu noch größerer Leistung führen, verraten und am Buchstaben hängen bleiben. Wie die Schriftgelehrten. Oder man kann den Buchstaben verlassen und den Sinn der Regeln und Normen behalten.

Ein kleines Beispiel.

Ein Nudelfabrikant hatte eine Diskussion mit seinen Kindern. Sie wollten mehr Taschengeld. Der Mann war ein, so dachte er, gerechter Arbeitgeber. Er bezahlte seinen Arbeitern den Lohn genau nach dem Kollektivvertrag. Er erfüllte den Buchstaben des Gesetzes.

Seiner Meinung nach wollten seine Kinder viel zu viel Taschengeld. Deshalb kam er auf die Idee, seinen Kindern zu zeigen, dass man auch mit wenig Geld gut auskommen kann. Er machte den Vorschlag, dass seine Familie einen Monat mit so viel Geld auskommen sollte wie ein Durchschnittsgehalt seiner Arbeiter war. Nach nur wenigen Tagen bemerkten sie, dass sie das nicht konnten. Der Fabrikant war ein gerechter Mann. Alle seine Angestellten, bis auf die Leitungsetage, bekamen sofort mehr Geld. Seine Kinder bekamen nicht mehr Taschengeld.

Er war der Chef. Aber zuvor hatte er in seiner Selbstgerechtigkeit nichts von seinen Angestellten gewusst. Er war ein Unwissender. Er öffnete sein Herz und seine Gedanken und wurde dann wirklich wissend. So wurden die Gesetze mit Sinn gefüllt.

Vor Gott und seiner Liebe können wir alle zu Unwissenden werden. Wir übersehen in unserem alltäglichen Stress manchmal, was wirklich zählt. Deshalb brauchen wir einen Platz zum Ausruhen und Lasten ablegen. Um uns neu zu ordnen und zu orientieren.

Eugen Drewermann drückt dies so aus: „ Ist es nicht so, dass wir unser Dasein völlig anders betrachten könnten, fühlten wir uns einmal wirklich als Eingeladene? Wir müssten nicht erst beweisen wer wir sind durch Leistung.“

Und wir müssten auch nicht beweisen, dass wir perfekte Christinnen und Christen sind.

Vorhin fragte ich wohin mit unseren schwer belastenden Gedanken.

Nehmen wir die Einladung von den vier Sesseln an. Nehmen wir die Einladung von Gott an. Setzen wir uns zu Gott und den Menschen. Ruhen wir uns aus bei den Menschen die uns hören, sehen und annehmen so wie wir sind. Nicht bewertet und zur Ordnung gerufen.

Wir dürfen uns hinsetzen und zwischendurch nicht funktionieren. Wir dürfen erschöpft sein und jammern. Wir dürfen einfach nur sein, ohne etwas zu leisten,

Ruhen wir uns aus, hören auf Gott, um dann weiterzugehen.

Durch Jesus haben wir erfahren, dass wir einen Platz zum Ausruhen haben. Von dem wir ausgeruht und gestärkt wieder aufstehen können.

Wir haben einen Platz, wo wir unsere Lasten ablegen können.

Gott und seine Liebe sitzen ganz sicher neben uns.

Amen