23. Oktober 2017

Gottesdienst am 16. Juli 2017

16. Juli 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Genesis 25, 19-34          Beobachten, Spüren und Lernen               

Liebe Gemeinde, für die heutige Predigt hat mich der Text von Esau und Jakob am meisten angesprochen und ich möchte ihn gemeinsam mit euch näher anschauen. Ich denke es ist gut, wenn wir nicht nur Texte des zweiten Testaments näher betrachten, sondern uns auch mit den Grundgeschichten des ersten Testaments auseinandersetzen.

Gerade die Geschichten, die wir vermeinen zu kennen – weil wir sie schon aus Kinderbibel- oder Sonntagsschulzeiten kennen – haben es in sich. Eines zeichnet diese Geschichten in besonderer Weise aus: Hier begegnen wir Menschen aus Fleisch und Blut. Hier werden Menschen mit ihren Stärken und Schwächen gezeigt. Ihren Wünschen und Abgründen. Diese Menschen sind keine Heiligen und dennoch hat sich Gott in besonderer Weise mit ihnen verbunden.

Wenn wir Geschichten aus dem ersten oder alten Testament lesen, dann ist es meiner Ansicht nach hilfreich, erst einmal genau zu beobachten und nicht gleich zu urteilen.

„Warum lässt Gott das zu?“ „Wie kann Gott das gutheißen?“ „Warum so viele Tote und die Ermordung Unschuldiger?“

Das sind Fragen, die uns in eine Abwehrhaltung bringen.

„Was möchte uns diese Geschichte sagen?“ „Welche menschlichen Abgründe werden hier verhandelt und aufgezeigt?“ „Wie reagiert Gott auf menschliche Fragen und menschliches Handeln?“

Das sind Fragen, die uns vielleicht helfen, die Grundthemen besser zu verstehen, die wir ja auch in unserem eigenen Leben erkennen können.

Unter diesen Gesichtspunkten möchte ich mich also auch dem heutigen Text annähern. Erst beobachten: Was passiert? Dann mögliche Sichtweisen oder Interpretationen aufzeigen: Was könnte als Motiv dem Handeln zu Grunde liegen? Um dann zu schließen mit der Frage: Was bedeutet das für mein Leben? Was lerne ich aus dieser Geschichte oder auf was macht sie mich aufmerksam?

Zunächst wird einmal die Ausgangslage beschrieben. Isaak ist der Sohn Abrahams. Derjenige Sohn, auf dem die Verheißungen Gottes liegen. Rebekka ist die Schwester des Aramäers Laban.

Abraham hatte seinen Knecht in die „Altheimat“ entsandt, um für seinen Sohn eine Frau zu finden. Isaak sollte nicht mit den lokalen Frauen verheiratet werden.

Rebekka ist, anfangs, ebenso wie Sara, die Mutter Isaaks, unfruchtbar. Isaak betet zum Herrn für sie. Gott erhört dieses Gebet und sie wird schwanger. Das ist der Hintergrund von Rebekka.

Als sie merkt, dass sich die Kinder in ihrem Bauch stossen, bekommt sie Angst. Sie fürchtet, dass dies eine komplizierte Geburt werden könnte und dass sie möglicherweise diese nicht überleben wird.

Jetzt geht sie, die Aramäerin!, hin und befragt den Gott Abrahams und den Gott Isaaks.

Und – Gott antwortet ihr. Er spricht zu ihr, er erklärt ihr den Hintergrund: Zwei Völker werden es sein, ein Volk wird dem anderen überlegen sein und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.

Es kommt zur Geburt, Esau zuerst, dann gefolgt von Jakob, der die Ferse Esaus hält. Die Knaben schauen sehr unterschiedlich aus und Rebekka stirbt nicht.

Was jetzt folgt ist ein einfacher Satz, aber in ihm werden jeweils zwei wesentliche Eigenschaften, eigentlich schon zwei wertende Eigenschaften genannt. Esau war ein Jäger und streifte auf dem Felde umher, Jakob war ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten.

Dann heißt es: Isaak hatte Esau lieb, mit dem Zusatz „und aß gerne von seinem Wildbret“ und Rebekka hatte Jakob lieb.

Wenn wir diesen ersten Abschnitt einmal interpretieren wollen, dann fallen doch folgende Punkte besonders auf: Die Verbindung zur Heimat Abrahams, die Unfruchtbarkeit, die klare Antwort Gottes und die Aufteilung der Liebe.

Die Verbindung zur Heimat Abrahams zeigt die Entwicklung des werdenden Volkes Israel. Noch ist es kein selbständiges Volk. Selbst Jakob wird noch zwei Töchter Labans heiraten. Erst mit ihm und seinen Söhnen, löst sich diese Verbindung und Israel wird selbstständig.

An der Unfruchtbarkeit Rebekkas, genauso wie an der Unfruchtbarkeit Saras, soll das besondere Handeln Gottes sichtbar gemacht werden. Erst Gott ermöglicht die Schwangerschaft. Damit wird die Geschichte dieser Menschen in besonderer Weise mit dem Wirken und Handeln Gottes verknüpft. So soll deutlich werden, dass sowohl Abraham als auch Isaak als auch Jakob, Teil des Heilsplanes Gottes sind.

Spätestens mit der Prophezeiung, die Rebekka auf ihre Anfrage erhält, wird die Schicksalshaftigkeit deutlich. Damit meine ich, das Ergebnis des Weges ist vorgezeichnet. Der Ältere wird dem Jüngeren dienen. Wie es dazu kommen wird, bleibt dennoch die Entscheidung der Beteiligten.

Mit der Aufteilung der Liebe – Isaak liebte Esau, Rebekka aber liebte Jakob – ist der Konflikt vorprogrammiert.

Jeder Elternteil hat seinen / ihren Champion.

Wobei ich es schon bezeichnend finde, dass Isaak für die Auswahl seines „Champions“ eine Entschuldigung „er aß gerne Wildbret“ braucht und Rebekka nicht.

Die Vorzüge von Jakob, als gesittetem Mann, der bei den Zelten blieb, scheinen für sich zu sprechen.

Kommen wir zum zweiten Teil unseres Textes: Esau kommt erschöpft vom Feld. Er hat Hunger. Er fragt Jakob, ob er von dessen Gericht essen darf. Jakob antwortet mit der Bedingung: „Verkauf mir zuerst dein Erstgeburtsrecht.“ Esau stellt zunächst eine Gegenfrage: „Ich sterbe vor Hunger, was soll mir da das Erstgeburtsrecht?“ Jakob beharrt auf seiner Forderung und Esau willigt ein. Er bekommt zu Essen und zu Trinken und geht seiner Wege. Am Schluss heißt es: „Vom Erstgeburtsrecht aber hielt Esau nichts.“

War der erste Abschnitt eher ein Bericht, so ist der zweite Abschnitt viel mehr ein Dialog, eine Interaktion, ein Aufeinandertreffen von zwei sehr unterschiedlichen Personen. Hier werden Emotionen angesprochen, hier werden auch unsere Gefühle angesprochen.

Ich versuche einmal mit zwei erfundenen Dialogen die Bandbreite des Geschehens aufzuspannen:

„ Mensch Jakob, hast du das nötig gehabt? Musst du die Situation so schamlos ausnutzen? Siehst du nicht, dass dein Bruder erschöpft ist? Kannst du ihm nicht einfach etwas abgeben? Geht man so mit seinem Bruder um, du Erbschaftsschleicher?“

Und anderseits:

„He Esau, sag mal, gehts noch? Kannst du dich nicht bisserl zusammenreissen? Erschöpft – ja, Hunger – ja, aber um ein Linsengericht mit ein wenig Brot? Sag nein, oder weisst du nicht, was mit deinem Erstgeburtsrecht verbunden ist?“

Das Erstgeburtsrecht besagt, dass nur der Älteste, der Erstgeborene, das Erbe oder die Rechtsnachfolge antritt. In Israel erhält der Erstgeborene den doppelten Anteil des Bruders. Anteil vom Erbe wohlgemerkt, also erst, wenn der Patriarch, der Vater, nicht mehr am Leben ist.

Wir merken: Hier wird die ganze Bandbreite zwischen Verantwortung für sich selbst und Verantwortung für andere angesprochen. Wie weit darf jemand gehen und wie weit muss sich das Gegenüber auch selbst schützen? Ist so ein Deal okay, wenn der Andere einverstanden ist?

Wie weit hat diese „Schwäche“ von Esau dazu geführt, dass Jakob noch einen Schritt weiter gegangen ist? Indem er Esau mit Hilfe seiner Mutter, im Ausnützen der Blindheit seines Vaters, aktiv, mit Tricks und Lügen, um den väterlichen Segen gebracht hat?

Hätten sich die beiden Brüder das nicht ausreden können? Hätte nicht Esau freiwillig auf den Patriarchenstatus verzichtet, weil er eh frei und ungebunden unterwegs war und das vielleicht auch weiterhin hätte tun wollen?

Fragen über Fragen. Aber das sind die Fragen, die auch in unser Leben hineinwirken.

Genau das können diese biblischen Grunderzählungen sehr gut vermitteln: Menschliches Verhalten.

Wie gehen wir miteinander um? Ist genug für alle da oder muss sich einer durchsetzen?

Ich denke, man kann die Geschichte auch so betrachten, dass man in ihr die Revolte gegen die bestehenden Verhältnisse sieht. Der Erstgeborene bekommt alles und ich als Zweitgeborener nichts. Dabei kümmere ich mich doch um Haus und Hof, mag Jakob sich gedacht haben, als Esau sich mal wieder „vom Acker“ gemacht hat. Ihm Esau, ist das doch alles egal, er kümmert sich nur um sich. Von seiner Jagd kann er sich und vielleicht noch ein paar andere Menschen, wie seinen Vater, ernähren, aber nur wenn er Jagdglück hat. Was ist mit den unzähligen Knechten und Mägden, den Kindern und Tieren im Gefolge von Isaak? Wer kümmert sich um sie, wer sorgt dafür, dass sie zu essen, dass sie eine Zukunft haben? Muss nicht einer – er, Jakob – Verantwortung übernehmen? Weil er sie sieht, weil er ein gesitteter Mann ist, der bei den Zelten bleibt?

Soweit so gut, aber bleibt er denn bei den Zelten? Grundsätzlich ja, aber nicht bei denen seines Vaters.

Hat sich der Erwerb, die Aneignung, des Erstgeburtsrechts ausgezahlt für Jakob? Nein, denn er musste fliehen.

Warum fliehen? Weil Jakob es übertrieben hat, meine ich. Nicht mit dem Linsengericht, wohl aber mit dem väterlichen Segen, den er durch List – sagt die Bibel – erhalten hat. Ich würde es Betrug nennen. Schließlich ging es ja nicht um einen Segen, als Wunsch oder gute Begleitung, sondern in Wirklichkeit um eine Art Testament. Eine Verheißung, hier der Segen im Gegensatz eben zum Fluch, die nicht rückgängig gemacht werden kann.

Was nehmen wir mit?

Das wird sehr unterschiedlich sein, aber drei Vorschläge möchte ich dazu machen:

  • Erstens die Vielschichtigkeit der Personen. Ist das Erstgeburtsrecht erschlichen oder leichtfertig verschleudert worden? Gerade, weil sie so menschlich gezeichnet werden, können wir mit Jakob und mit Esau mitfühlen. Hier gilt es nicht, etwas zu verstehen.
  • Zweitens lerne ich, dass eine Verheißung noch keine Aussage über die Entstehungsgeschichte vorgibt. Das Ziel, nicht der Weg, ist vorgezeichnet. Der Ältere wird dem Jüngeren dienen, aber mit Betrug setzt sich der Jüngere zunächst einmal selbst ins Unrecht und muss gehen. Gehen, um sich selbst betrügen zu lassen. (Lea und Rahel)
  • Drittens, wie problematisch ist doch eine Aufteilung oder Gewichtung der Liebe. Wozu führt das? Es drückt sich in unsere Kinder ein. Ich denke, das kann man an unserem heutigen Text erkennen. Mit der Geschichte von Joseph der von Jakob einen bunten Rock bekommt, wird dieses Thema später in der Bibel nochmal aufgegriffen und verstärkt dargestellt.

Der Reichtum biblischer Geschichten und Erfahrungen ist uns im ersten, wie im zweiten Testament geschenkt. Möge Gott uns wirklich beobachten, spüren und lernen lassen.

Amen

 

https://youtu.be/hGs1WfRKIoM