18. August 2017

Gottesdienst am 23. Juli 2017

23. Juli 2017
10:00bis11:00

Predigt: Stefan Schröckenfuchs

Liebe Schwestern und Brüder,

in der ersten Lesung haben wir wieder einen Abschnitt aus der Geschichte von Jakob gehört.

Die Reihe wird sich an den nächsten Sonntagen fortsetzten, sodass man in wenigen Wochen die ganze Geschichte von Jakob, dem Enkel Abrahams, zu hören bekommt.

Frank hat bereits letzten Sonntag über den Anfang dieser Geschichte gepredigt

  • über Jakob und seinen „älteren“ Zwillingsbruder Esau, und ihre Unterschiedlichkeit: Esau ist der raue Typ, der gerne in der Wildnis ist und auf die Jagd geht; Jakob dagegen „war ein gesitteter Mann, der bei den Zelten blieb“
  • man merkt schon, der Erzähler dieser Geschichte legt keinen besonderen Wert darauf, „neutral“ über die beiden Brüder zu berichten.
  • Dieser Eindruck verstärkt sich, indem auch von der Bevorzugung jeweils eines der Söhne durch Mutter bzw. Vater erzählt wird: Isaak bevorzugt Esau, Rebekka dagegen Jakob.
  • Und auch sonst sind die beiden Brüder grundverschieden: Esau ist der erstgeborene, was ihm aber nicht viel bedeutet.
  • Jakob dagegen drängt quasi schon von Geburt an auf den Platz an der Spitze, und hält den Bruder an der Ferse
  • Die unterschiedlichen Prioritäten zeigen sich dann, als Jakob dem Esau das Erstgeburtsrecht abluchst – für ein Linsengericht: Esau ist der volle Bauch wichtiger als die Besitzverhältnisse in ferner Zukunft.
  • Und es gipfelt schließlich darin, dass Jakob sich mit einer List auch den Segen des sterbenden Vaters erschleicht, der eigentlich dem ältesten Sohn zustehen würde.

Wir haben diese Passage nicht als Lesung gehört, aber ich denke, euch ist die Geschichte vertraut: Isaak ist schon fast blind, als der seinen Sohn zum Segen ruft, und Jakob und seine Mutter Rebekka nutzen das schamlos aus, indem Jakob Esaus Kleider trägt und mit dem Fell eines Zickleins die raue Haut seines Bruders vortäuscht.

Isaak bemerkt die Täuschung erst, als Esau kommt – doch da ist es schon zu spät: der Segen ist ausgesprochen und lässt sich – zumindest nach dem Verständnis der damaligen Zeit – weder widerrufen noch wiederholen; denn gemeint ist mit diesem Segen nicht nur ein guter Wunsch, sondern er ist auch die Übertragung der Vormachtstellung vom Vater auf den Sohn: „Sei Herr über deine Brüder, und vor dir sollen sich niederwerfen die Söhne deiner Mutter.“

Die Rechte des Erstgeborenen, die Jakob dem Esau Jahre zuvor schon „abgekauft“ hat, sind nur tatsächlich auch formal vom Vater auf den Sohn übertragen; was Esau offensichtlich nicht für möglich gehalten hatte, ist eingetreten.

Keine sonderlich fromme Geschichte, so weit – und auch Gott spielt in dieser Geschichte bislang noch keine besonders große Rolle – ausser, dass sein „Segen“ vom Vater weitergegeben wird an den Sohn, wie man einen Rechtsanspruch überträgt vom Vater auf den Sohn.

Keine sonderlich fromme Geschichte, und auch keine, die für irgendeinen der Beteiligten wirklich „glatt“ läuft:

Jakob hat hoch gepokert – doch nur für einen Moment sieht es so aus, als hätte er auch gewonnen.

Denn schnell wird klar, dass sein Bruder Esau nur darauf wartete, dass der Vater endlich stirbt, und dann würde er sich gewaltig an seinem Bruder rächen.

Rebekka, die Mutter der beiden, merkt das – und wieder wird sie aktiv und bringt mit einer List Isaak dazu, dass er Jakob wegschickt.

Jakob soll nicht eine ortsansässige Frau heiraten, sondern er soll zurück nach Haran gehen – dorthin, wo der Großvater Abraham einst aufgebrochen ist – und sich dort eine Frau suchen.

Damit ist Jakob zwar vor seinem Bruder sicher. Von dem ihm übertragenen materiellen Segen – vom Erstgeburtsrecht – hat er allerdings nichts; im Gegenteil: im Grunde ist er zum Flüchtling geworden, der alles verloren hat, solange ihm sein Bruder nach dem Leben trachtet.

Das ist die Ausgangssituation, in der Jakob sich befindet, als er jenen Traum träumt, von dem wir in der Lesung gehört haben.

Alleine, irgendwo zwischen dem Wohnort seines Vaters und dem Zielort Haran, – mit Aussicht auf eine ungewisse Zukunft –  übernachtet er unter freiem Himmel; allein, und unter dem Kopf nichts als ein harter Stein.

Und als er so schläft, sieht er im Traum eine Treppe zwischen Himmel und Erde – eine Verbindung also zwischen dem Bereich Gottes und dem Bereich der Menschen.

Boten Gottes gehen diese Treppe hinauf und wieder hinunter.

Und Gott selbst steht ihm gegenüber – am unteren Ende der Treppe – und spricht ihn an:

„Ich bin Jahwe, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, dir und deinen Nachkommen will ich es geben. Und deine Nachkommen werden sein wie der Staub auf der Erde, und du wirst dich ausbreiten nach Westen und Ostern, nach Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen werden Segen erlangen alle Sippen der Erde. Und sieh, ich bin mit dir und behüte dich, wohin du auch gehst, und ich werde dich in dieses Land zurückbringen. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe.“

Eine ziemlich steile Ansage – findet ihr nicht auch?

Der Anfang davon ist recht bekannt. Es ist im Grunde eine Wiederholung oder Erneuerung der Zusage, die Gott schon ganz am Anfang Abraham gegeben hast:

„Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

Gott hält an seiner Zusage fest – auch in der dritten Generation.

Und er tut es auf seine ganz eigene Weise.

Ausgerechnet Jakob sucht er sich dafür aus – Jakob, der nach menschlichem Ermessen gerade nicht in Frage kommen sollte.

Jakob, der nicht der Erstgeborene ist.

Jakob, der sich das Erstgeburtsrecht nur erkauft und den Segen des Vaters nur erschlichen hat.

Jakob, der selber groß sein will, der sich vordrängen will.

Jakob, der hoch pokert, und am Ende doch alles verliert.

Jakob, den Flüchtling, der alles zurücklassen muss, alles verspielt hat, der mit leeren Händen dasteht.

Sicher, Esau zeichnet sich auch nicht gerade durch besondere Vorzüge aus.

Der volle Bauch heute ist ihm wichtiger als die Zukunft und die Verantwortung für das Morgen.

Aber auch an Jakobs Streben nach dem Segen des Vaters ist nicht wirklich etwas Frommes.

Er will einfach nur nach oben, und der Segen und das Erbe des Vaters ist dazu letztlich nur das Mittel zum Ziel.

Zumindest zunächst.

Denn durch diesen Traum, den er in jener Nacht hat, bekommen der Segen des Vaters und die damit verbundenen alten Verheissungen an die Familie plötzlich eine ganz neue Dimension.

Der Gott seiner Väter, der ihm bislang wohl nur aus Erzählungen bekannt war, wird ihm in dieser Nacht zu seinem persönlichen Gegenüber.

Und diese Erfahrung hat für Jakob zunächst einmal vor allem etwas erschütterndes.

Und er fürchtete sich und sprach: Wie furchtbar ist diese Stätte! Sie ist nichts Geringeres als das Haus Gottes, und dies ist das Tor des Himmels.

Ich glaube, ich kann diese Erfahrung schon ein Stück weit nachvollziehen.

Den Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass Gott, der ihm bislang immer nur eher ein „theoretischer“ Gott – eine Vorstellung, ein mit Geschichten und Erzählungen verbundener Gedanke – gewesen ist, plötzlich zu einer ganz realen Macht und Kraft wird, zu einem Gegenüber, dem man sich nicht entziehen kann und das man auch kaum ertragen kann.

Wenn Gott – mit all seinen Ansprüchen und mit all seinen Verheissungen – tatsächlich real sein sollte, und wenn er das, was er zusagt auch wirklich erfüllen will, dann hat das schon etwas Erschreckendes und Erschütterndes.

Und dann versetzten wir uns noch einmal in die konkrete Situation Jakobs.

Der hat doch gerade alles verloren – hat gerade zu hoch gepokert, alles auf eine Karte gesetzt; und jetzt bleibt ihm nichts anderes als die Flucht.

Die Zukunft als „Stammesführer“, nach der es ihn so verlangt hat, hat er gerade für immer vergeigt.

Und zwar auf die mieseste Art.

Den Bruder übervorteilt, den Vater getäuscht – wie soll er sich da noch bei seiner Familie blicken lassen.

Persönlich und moralisch gescheitert.

Und dann kommt Gott und verheißt ihm, dass er ihm genau das geben will, wonach er gestrebt und was er sich selbst verbaut hat.

Was bedeutet das überhaupt für Jakob.

Es bedeutet doch, dass – wenn er sich auf diese Verheissung einlassen will – er sich seiner Vergangenheit (seinem Bruder) noch einmal wird stellen müssen.

Wenn er Gottes Verheissung trauen will, wird er es nicht beim „davonlaufen“ belassen können.

Sondern er wird wieder zurückgehen müssen – an den Ort seiner Schuld, und an den Ort, an dem sein auf Rache sinnender Bruder wartet.

Traue ich diesem Gott.

Lasse ich mich auf das ein, was er mir verheißt.

Traue ich ihm zu, dass er mir meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt – meinen sehnlichsten Wunsch, der auch verbunden ist mit meiner größten Schuld und meiner größten Gefährdung?

Verlasse ich mich so ganz und gar auf diesen Gott.

Ich verstehe ganz und gar, dass Jakob zunächst erschrickt.

Angesichts der so unmittelbar spürbaren Gegenwart Gottes.

Vor allem aber auch angesichts dessen, was Gott ihm verheißt – und damit gleichzeitig von ihm erwartet.

Dieser Gott, der ihn genau im Bereich seiner größten Sehnsucht, seiner größten Schuld und seiner größten Gefährdung berührt, hat schon etwas Erschütterndes.

Erschütternd, wie Gott an seinen Zusagen und Visionen festhält.

Erschütternd, wie er sich dafür diejenigen aussucht, die ihm dazu in den Kram passen.

Und erschütternd, wie unbeeindruckt er dabei bleibt vom bisherigen Verlauf der Geschichte – und von den Fehlern und den Irrwegen der Menschen.

Lasse ich mich auf diesen Weg ein? Bin ich bereit, meinen Weg mit diesem Gott zu gehen? Vertraue ich darauf, dass Gott mich auf diesem Weg leitet und bewahrt?

Es kostet Jakob einiges an Überwindung, doch schließlich überwindet er sich dazu zu vertrauen, und er macht dies fest in einem Gelübde:

„Wenn es so ist, dass Gott mit mir ist – und wenn es so ist, dass er mich auf diesem Weg, den ich jetzt gehe, behütet, und wenn es so ist, dass er mir Brot zu essen und Kleider anzuziehen gibt  und dafür sorgt, dass ich wohlbehalten in das Haus meines Vaters zurückkehre kann – wenn das so ist, dann so soll dieser Jahwe auch tatsächlich mein Gott sein.“

Dann will ich nicht mehr meinen eigenen Zielen und Vorstellungen oberste Priorität geben und nach meinen eigenen Wegen suchen.

Sondern dann will ich Gott und seinen Verheissungen und Forderungen die oberste Priorität geben – und Gott auch getreulich zurück geben, was ich aus seiner Hand empfange.

Die Geschichte Jakobs ist hier noch nicht zu Ende.

Im Gegenteil, sie hat gerade erst so richtig Fahrt aufgenommen.

Und sie geht auch ab hier nicht geradlinig auf das verheissene Ziel zu, sondern sie nimmt auch weiterhin allerlei Umwege und Irrwege, und bleibt spannungsgeladen wie bisher.

Und doch ist sie an dieser Stelle in einer entscheidenden Phase, weil Jakob von einer theoretischen Gottesbeziehung zu einer persönlichen Gottesbeziehung kommt – und weil diese Veränderung der Art der Beziehung die entscheidenden Parameter seines Lebens auf den Kopf stellt.

Bis Jakob in die Situation kommt, seinen Vorsatz, Gottes Verheißung zu trauen, unter Beweis stellen kann, dauert es noch.

Ich möchte das nicht vorweg nehmen – ihr werdet es an den nächsten Sonntagen hören, oder ihr könnt es auch selbst in der Bibel nachlesen.

Entscheidend ist mir für diesen Moment die Veränderung der Beziehung zu Gott, die sich bei Jakob vollzieht.

Und sie vollzieht sich mitten im Spannungsfeld von Selbstsucht, Scheitern und Schuld.

Gott lässt sich von alledem nicht aufhalten – im Gegenteil: Es scheint, als ob der Boden erst durch den Mist, den Jakob gebaut hat, fruchtbar geworden ist für die Saat, die Gott säen will.

Und auch auf den Mist unseres Scheiterns lässt Gott immer wieder Samen von Zukunft und Leben fallen.

Was für eine großartige Verheißung!

Amen