18. August 2017

Gottesdienst am 6. August 2017

6. August 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Mein Jabbok, meine Grenzerfahrung, die zum Segen wird         Genesis 32, 22-31

Liebe Gemeinde, mit der heutigen Erzählung von Jakobs Kampf am Jabbok, enden jetzt einmal die Lesungen, die wir zur Geschichte Jakobs an den vergangenen Sonntagen gehört haben. Damit endet in gewisser Weise auch eine kleine Predigtreihe, die Stefan und ich zur Geschichte von Jakob angeboten haben. Heute geht es also noch einmal um Jakob und es geht um einen Kampf. Einen Kampf zwischen Jakob und einem „Mann“. Und es geht um den Siegespreis für diesen Kampf, es geht schon wieder um einen Segen. Diesmal nicht um einen erschlichenen, sondern um einen erkämpften Segen.

Ich denke, damit sind die entscheidenden Fragen an die Erzählung angesprochen:

Wer ist dieser „Mann“?

Was ist das für ein Kampf, der hier ausgetragen wird? und

Welchen Segen bekommt Jakob diesmal zugesprochen?

Beginnen wir mit der ersten Frage: Wer ist dieser Mann?

Woher kommt er? So ansatzlos, so plötzlich, so unmittelbar? Und warum hat er ein Problem mit der Morgenröte? Wie stark / schwach ist den dieser Mann, dass Jakob eine ganze Nacht mit ihm ringen kann und welche Zauberkräfte hat er, um Jakobs Hüfte durch Berührung zu verrenken?

Ist es ein Dämon, ein gewöhnlicher Mensch, ein Engel oder sogar Gott? Oder ist es vielleicht doch etwas anderes?

Ein Dämon?

Für einen Dämon spricht, dass er offensichtlich Angst vor der Sonne hat. So wie ein Vampir, der dann zu Staub zerfällt. Aber warum bitte, sollte Jakob einen Segen von einem Dämon einfordern? Was könnte man sich denn davon erwarten? Was hat denn ein Dämon anzubieten, das mir von Nutzen sein könnte? Ich glaube nicht, dass es ein Dämon war.

Ein Mensch? So einer wie du und ich?

Ich bezweifle, dass in irgendeiner Nacht, an irgendeiner Stelle des 65km langen Flusses Jabbok, jemand herumzieht der neugierig darauf ist, mit Jakob zu kämpfen. Jakob, einem Menschen, der seine ganze Habe ja schon über den Fluß gebracht hat, der nur noch allein am anderen Ufer ist.

Glaube ich also auch nicht.

War es ein Engel, war es vielleicht sogar Gott?

Natürlich kann sich Gott selbst, so schwach machen, dass ihn Menschen ans Kreuz nageln können. Oder dass jemand wie Jakob, eine Nacht mit ihm kämpfen kann. Das kann ich mir vorstellen. Aber heißt es nicht bei Mose (2.Mos 33,20): „denn kein Mensch kann mein Angesicht schauen und am Leben bleiben.“ Das spricht dann wieder für einen Engel, aber kann man einen Engel angreifen? Kann man die Benennung der Ortes Peniel – Gottes Angesicht – wirklich wörtlich nehmen?

Ehrlich gesagt, auch hier habe ich meine Zweifel.

Besonders bezweifele ich, dass man Gott zwingen kann, einen Menschen zu segnen. „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ Kann ein Mensch so Gott gegenüber treten? Ist Segen nicht etwas Unverfügbares? Etwas, das ausschließlich geschenkt werden kann?

Wenn ich mir das ganze Paket an eher unmöglichen Erscheinungsformen dieses „Mannes“ anschaue, dann komme ich zu dem Schluss, dass mit dem „Mann“, vielleicht Jakob selbst gemeint ist.

Oder besser gesagt: Etwas, das in Jakob enthalten ist, das in ihm drinsteckt, das ein Teil von ihm ist.

Wer dieser „Mann“ ist, führt uns unweigerlich zu der Frage, welcher Kampf hier gekämpft wird.

Dazu ist es vielleicht wichtig, sich diesen Ort, diesen Fluß Jabbok, nochmal anzuschauen. Jabbok der Grenzfluss. Die Grenze zwischen Heimat und Fremde. Die Grenze zwischen Esau und Jakob. Die Grenze zwischen „dein Leben“ und „mein Leben“. Die Grenze zwischen „hier bin ich“ und „da bist du“. Wagst du es, diese Grenze zu überschreiten?

Weisst du noch, was du mir vor 20 Jahren angetan hast, Jakob?

Hier am Jabbok bist du Gott begegnet, hast die Himmelsleiter gesehen und diese großartige Zusage bekommen: „Siehe, ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land.“

Aber ich, dein Bruder Esau, komme dir mit 400 Mann entgegen. 400 Mann, das ist kein normales Empfangskomitee, das ist eine ordentliche Horde. Das ist eine kleine Armee die schon so Einiges niedermetzeln kann.

Was ist also dieser Kampf am Jabbok?

Vielleicht kann man es so sehen, wie Philipp Greifenstein es beschreibt:

„Wer zu seinem Jabbok zieht, der will eine Entscheidung. Der will zurückkehren, heimkommen. Der will Vergebung und Versöhnung. Der möchte Frieden machen mit denen, die er verletzt hat. Frieden machen mit sich und dem eigenen Weg.

Wer zu seinem Jabbok zieht, der will Klarheit und Ehrlichkeit. Der will nicht mehr Jakob, der Lügner heißen.

Wer an seinen Jabbok zieht, der will Buße tun, Abbitte leisten, weil er es sonst nicht mehr aushält in den Kämpfen seiner Nacht.“ Zitat Ende.

Wenn man diesen Kampf am Jabbok, als einen inneren Kampf auslegt, den Jakob sozusagen mit seinen Ängsten, seinen Sorgen, seiner Schuld und seiner Vergangenheit führt, dann, finde ich, machen viele der gebrauchten Bilder einen Sinn.

Dann kann ich die Nacht, den Hinweis auf die Morgenröte und auch den eingeforderten, den „erzwungenen“, Segen besser verstehen.

Es deckt sich mit unserer eigenen Erfahrung, dass wir in der Nacht anfälliger dafür sind, dass uns unsere Sorgen und Ängste bedrängen. Dass es zu einem Kampf kommt, zu einem Ringen.

Am Tag können wir uns ablenken, da sind andere Menschen um uns herum. Aber in der Nacht, da ist Stille, da sind wir allein und da entfalten die Ängste und Sorgen ihre Kraft.

Mit der Morgenröte werden diese Kräfte schwächer und deswegen würden sie ja gerne loskommen. Loskommen, um ein anderes Mal, in einer anderen Nacht, zu einem anderen Zeitpunkt, wiederzukommen.

Das ist der Punkt, wo Jakob sagt : „Nein.“

„Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“

Man könnte es auch anders sagen: Ich, Jakob, bin es leid, von meinen Ängsten eingeholt zu werden und mit ihnen zu ringen. Jetzt, hier am Grenzfluss Jabbok, will ich eine Entscheidung. Und zwar eine Entscheidung zum Guten. Ich will den guten Zusagen, die auch mit diesem Grenzfluss verbinde, endlich dauerhaft vertrauen können. Meine Ängste müssen umgewandelt werden. Ich will erneut einen Segen.

Diese Umwandlung, diese neue Gewissheit, die hier eingefordert wird, findet ihren Ausdruck dann in dem neuen Namen den Jakob erhält: Israel.

Ein neuer Name. Eine neue Identität. Ein Neuanfang.

Jakob der Gauner, der Betrüger, das Muttersöhnchen, der Brave, der Flüchtling, der Betrogene – was auch sonst uns zur bisherigen Geschichte von Jakob einfällt – das ist Geschichte.

Das endet hier am Jabbokfluss.

Ab hier wird zwar immer noch der Name Jakob verwendet, aber Jakob ist zu Israel geworden. Zum Stammvater des Volkes Gottes, „dessen Nachkommen so zahlreich sind, wie der Staub auf der Erde.“ (1.Mos 28,14)

Ich fasse zusammen, indem ich nochmal die eingangs gestellten Fragen auf der Grundlage dieser Überlegungen beantworte.

Wer ist dieser „Mann“?

Jakob selbst. Seine Ängste und Sorgen in Form einer Person.

Welcher Kampf wird ausgefochten?

Der Kampf: Wer regiert mein Leben? Meine Ängste und Sorgen oder mein Wunsch nach Versöhnung und mein Vertrauen auf Gott und seine Zusagen.

Welchen Segen bekommt Jakob diesmal?

Er bekommt einen neuen Namen. Und was für einen! Dieser Name – Gottesstreiter – macht deutlich, wer Jakob ist und bestätigt die schon vorher getätigten Zusagen Gottes.

Die obligate Schlussfrage: Was bedeutet das für mich?

Ich denke die Antwort liegt auf der Hand:

Auch wir haben unsere Ängste, Sorgen und unversöhnten Baustellen in unserem Leben. Natürlich können wir die Morgenröte wieder ungenützt heraufziehen lassen. Aber es wäre auch möglich, diese Ängste und Situationen einmal wirklich so zu bearbeiten, dass sie uns zum Segen werden, statt immer wiederzukehren.

Ich lasse nicht locker, bis du dich umwandelst und Gutes für mich bewirkst.

Werden auch wir zum Gottesstreiter, zur Gottesstreiterin.

Was nichts weniger bedeutet, als dass wir gemeinsam mit unserem Gott für die Überwindung des Bösen, des Angsteinflößenden, des Vergebung Verweigernden, kämpfen.

Innerhalb und außerhalb unseres Lebens.

Amen