23. Oktober 2017

Gottesdienst am 10. September 2017

10. September 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Nachgehen         Matthäus 18, 15-20

Liebe Gemeinde, die heutige Predigt bezieht sich wieder, gleich wie letzten Sonntag, auf den Evangeliumstext, den wir als 2. Lesung gehört haben. Letzten Sonntag ging es um die Nachfolge: Wie wird Jesus Christus in meinem Leben sichtbar? Es ging auch um das jeweils eigene Kreuz, dass man finden, benennen und auf sich nehmen soll.

Heute geht es als Hauptthema auch um Nachfolge, aber diesmal in Form eines Nachgehens, eines Dranbleibens. Mein Bruder oder meine Schwester ist zu wichtig, als dass es mir einfach egal sein soll, wie es ihm oder ihr geht.

Auch die Frage, was es bedeuten könnte zu binden und zu lösen, werden wir uns näher anschauen. Sowie die Verheißung, dass wir bitten können – was immer es auch sei – und es wird uns vom Vater im Himmel gegeben werden.

Beginnen wir mit den Anweisungen oder Vorschlägen, die Jesus empfiehlt, wenn unser Bruder sündigt. Andere Übersetzungen sprechen davon, wenn unser Bruder gegen uns sündigt. Natürlich ist das nochmal ein wenig anders, wenn wir direkt selbst betroffen sind, aber mir gefällt die allgemeinere Form besser. Warum, werde ich noch erklären.

Zunächst gilt es einmal die Barschheit der Sprache in die heutige Zeit zu übertragen und auch den geschichtlichen Kontext zu berücksichtigen. Heute ist es schon eine als aggressiv wahrgenommene Formulierung, wenn ich jemanden zur Rede stelle. Oder einen Menschen zurechtweise. Mein Gegenüber wird in vielen Fällen eine defensive, also auf Verteidigung und Rechtfertigung abzielende Haltung einnehmen. Oder mich fragen, was ich mir denn einbilde, wenn ich zu einer Zurechtweisung ansetze. Zu Recht. Die Zeiten haben sich geändert.

Gleich wie ich heute automatisch zum Bruder die Schwester mitdenken und mitsprechen werde, muss ich mir bewusst machen, dass es heute „Lernen“ heißt und nicht mehr „unterwiesen werden“

Wenn uns heute der etwas gerichtlich wirkende Ablauf stört, erst Einzelgespräch mit dem Ermittler, dann eine Aussage unter der Anwesenheit von Zeugen bis hin zur Öffentlichkeit vor der ganzen Gemeinde, mit der letzten Konsequenz als gottloser Mensch gesehen zu werden, dann hilft uns der geschichtliche Kontext. Jesus spricht diese Worte vor seinen Jüngern aus, hinein in eine tiefreligiöse Gesellschaft.

Ob jemand sündigt oder nicht war damals keine persönliche Entscheidung, die niemand sonst etwas anging, sondern hatten meist gerichtliche, lebensbedrohliche Konsequenzen.

Heute wird man dich ignorieren oder bestenfalls sagen, du bist ein wenig verrückt oder merkwürdig, wenn du bekennst, dass du der Sohn Gottes bist. Jesus hat es sein Leben gekostet. Gotteslästerung, was brauchen wir noch Zeugen, hat der Hohepriester gesagt.

Heute brauchen wir vor allem wieder ein verstärktes Verständnis von Sünde. Sünde ist nur manchmal eine Bagatelle, also eine Kleinigkeit. Sünde, so sagen wir heute, ist die Abkehr, die Abwesenheit von Gott. Sünde ist das, was uns von Gott trennt. Die Macht der Sünde hält uns davon ab, Gottes Willen zu tun. Um die Macht der Sünde zu brechen, deshalb ist Christus gestorben.

Wenn mein Bruder oder meine Schwester sündigt, dann verlässt er oder sie die Gemeinschaft mit Gott. Wenn mir etwas an ihm oder ihr liegt, dann soll ich ihm oder ihr nachgehen.

So höre ich Jesu Worte heute.

Mir ist bewusst, dass ich sie eben nicht wortwörtlich nehmen kann. Daher stelle ich meine Schwester nicht zur Rede, sondern suche das Gespräch. Unter vier Augen ist immer noch eine gute Idee, aber dazu muss die Beziehung passen.

Manchmal kann es ratsam sein, statt 2-3 Zeugen einen Mediator, eine Vermittlerin, zu einem klärenden Gespräch dazu zu bitten. Wenn auch das nichts hilft, dann kann vielleicht in der größeren Gemeinschaft der Gemeinde geschaut werden, ob jemand besser geeignet ist, den Bruder oder die Schwester zurück zu gewinnen.

Das ist der springende Punkt: Mein Mitmensch, mein Nächster soll zurückgewonnen werden. Meine Schwester, die verloren war, soll wieder gefunden werden. Zurückgeholt in die Gemeinschaft mit Gott.

Unmittelbar vor diesen Worten, erzählt Jesus seinen Jüngern das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Der Besitzer der Schafherde geht dem verirrten Schaf nach und Jesus beschreibt die Freude, die wegen des einen wiedergefundenen Schafs herrscht.

Daher gehe ich davon aus, dass diese Motivation auch auf die heute gehörten Worte von Jesus zutrifft.

Das Zurechtweisen, ermahnen oder zur Rede stellen ist leider oft im Sinne einer Tugendkontrolle missbraucht worden. Aber vielleicht hilft uns noch der nützliche Gedanke es einmal anders rum zu sehen. Wie schaut es aus, wenn wir der Bruder oder die Schwester sind, die sündigen? Die auf einem Weg weg von Gott sind. Können wir uns dann darauf verlassen, dass diese Worte unseren Brüdern und Schwestern Anlass sein werden, um uns nachzugehen? Um uns wiederzufinden?

Kommen wir jetzt zu dem Teil, an dem es heißt, dass das, was wir binden und das, was wir lösen, auch im Himmel gebunden oder gelöst sein wird. Was heißt das eigentlich?

Zunächst einmal heißt es, dass die Verheißung, die im 16. Kapitel, Vers 19 nur Petrus zugesprochen wurde, auf die Gemeinde ausgeweitet wird. Nicht er allein kann binden oder lösen, sondern ihr, also ihr alle, sprich wir alle, können dies.

Um der Absicht des Verfassers dieses Verses auf die Spur zu kommen, müssen wir uns die griechischen Wörter in ihrer ursprünglichen Bedeutung anschauen, denn die deutsche Übersetzung ist uneindeutig. Binden: Eine Fessel kann gebunden werden, aber eine Abmachung kann verbindlich sein. Lösen: Ein Vertrag oder eine Ehe kann aufgelöst werden, aber gleiches gilt auch für ein Problem oder einen Streit.

Glaubt man den Kommentaren, die zumindest ich gelesen habe, dann lag der Akzent in Mt 16,19 auf Lehrentscheidungen – in zahlreichen jüdischen Parallelen ist von „verbieten“ und „erlauben“ die Rede. Jetzt, so sagen die Experten, wird binden zu „nicht vergeben“ und lösen zu „vergeben“.

Genau mit dieser Bedeutung wird es dann auch im Johannesevangelium (Joh 20,23) „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben“ wiedergegeben.

Natürlich, wenn wir beispielsweise an die Inquisition im Mittelalter denken, hat die Geschichte aus den Interpretationen von „binden“ und „lösen“ Urteile abgeleitet, die das Evangelium in eine Hölle verwandelt haben. Keine Frage.

Und auch heute noch erscheint uns die Tragweite menschlicher Entscheidungen, die selbst im Himmel noch gelten, zu groß zu sein. Wer möchte schon diese Verantwortung tragen? Auch keine Frage.

Aber zwei große „aber“ möchte ich an dieser Stelle anführen.

Erstens, was ist die Alternative? Wer, wenn nicht wir als Nachfolgerinnen Jesu, sollen den Menschen, die ihre Schuld bereuen und sich Gott zuwenden, die Vergebung und Erlösung zusprechen? Es braucht uns Menschen aus Fleisch und Blut, davon bin ich überzeugt. Es braucht unser Beispiel, unsere Worte, unsere Umarmungen. Heil und Erlösung muss meiner Ansicht nach zugesprochen werden, das kann man sich schwerlich selbst zusprechen.

Mein zweites großes „aber“ betrifft die Angst vor Fehlurteilen. Wer schreibt uns denn die Gewichtung vor? Warum sollten wir nicht viel mehr lösen, als wir jemals binden wollten. Anders gesagt: Wer schreibt uns das Maß an Barmherzigkeit und Großzügigkeit vor? Warum sollten wir uns nicht von den Versen leiten lassen, in die diese Aussage vom Binden und Lösen eingebettet ist: Wie schon erwähnt wird vor diesen Versen das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt. Es geht darum das Verlorene zu finden. (V14) Nach diesen Versen fragt Petrus Jesus wie oft er denn seinem Bruder vergeben muss und Jesus antwortet nicht mit sieben, sondern sieben mal siebzig Mal, also uneingeschränkt. (V22)

Trotzdem muss uns klar sein, dass es eben auch Schuld gibt die behalten, also nicht vergeben werden kann. Schuld die nicht eingestanden wird, kann auch nicht vergeben werden. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat immer wieder vor billiger, verschleuderter Gnade gewarnt. Wenn es die Möglichkeit des Bindens, des Behalten von Schuld nicht gibt, dann verliert das Lösen seinen Wert. Dann wird die Vergebung von Schuld oder Sünden zu einer entbehrlichen, sinnlosen Handlung.

Soweit einmal zum Binden und Lösen, das uns anvertraut ist.

Zum Schluss noch ein paar Überlegungen zur gehörten Verheißung, wonach zwei Menschen alles gegeben wird, wenn sie es schaffen, eins zu werden.

Mit kindlichem Gemüt gelesen oder gehört könnte man meinen, es handelt sich hier um eine fantastische Wunschmaschine. Mit der Kleinigkeit, dass man sich halt auf eine Sache, eine Bitte oder einen Wunsch einigen muss. Was schon schwer genug, aber durchaus möglich sein kann.

Was möchte uns Jesus damit sagen?

Meiner Meinung nach geht es erstens wirklich um dieses eins werden. Ich entscheide nicht auf Grund von meinen eigenen Überlegungen, sondern stimme mich mit einem anderen Menschen ab. Hier geht es um einen ganz anderen Prozess der Willensbildung. Ich meine, das eine so gefundene Bitte um einiges reifer, überlegter und fundierter ist, als wenn einer Einzelperson etwas einfällt.

Zweitens glaube ich, dass es wie bei der Stelle, nachdem Glauben Berge versetzen kann (Mat 17,20) wirklich um den Glauben geht: Kann Gott mir helfen oder kann er es nicht? „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Es ist wenige Minuten her, dass wir genau diesen 121. Psalm gebetet haben.

Diese Glaubensbeziehung würde ich auch als abschließend letzten, dritten Punkt nennen, um zu begründen, warum ich nicht davon ausgehe, dass mit diesem Vers leichtfertig umgegangen wird und umgegangen wurde: Es geht um eine Beziehung zwischen den Bittenden und Gott. Menschlich gesagt: In einer Liebesbeziehung werde ich den Anderen nicht um etwas bitten, dass ihn oder sie in Verlegenheit bringt. Könntest du mir zum nächsten Geburtstag bitte einen Ferrari schenken?

Eine echte Bitte lässt zudem immer das Ergebnis offen, sonst wäre es ja keine Bitte, sondern eine Forderung oder ein Befehl.

Es geht meiner Ansicht nach darum, Gott in unser Leben hinein wirken zu lassen.

Es gibt eine Geschichte im Alten Testament, bei Jesaja (Jes 7,11) da wird der König Ahas, einer der tat was Gott mißfiel (2.Kön 16,1), vom Propheten aufgefordert, sich von Gott ein Zeichen zu erbitten. Ahas antwortet darauf: „Ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen.“ Was unheimlich fromm klingt, kann man auch so hören, dass hier jemand keine Beziehung haben möchte. Ich werde um nichts bitten. Sicherlich nicht. Wer bittet, will etwas vom anderen.

Die heute gehörte Verheißung höre ich zumindest fast wie einen Stoßseufzer Gottes: Kommt doch zu mir. Macht es euch doch nicht so schwer. Ich bin da und kann und werde euch helfen.

Ich fasse zusammen:

Wir sollen einander nachgehen. Besonders wenn wir oder die anderen sündigen, also auf einem Weg weg von Gott sind.

Als Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu sind wir verantwortlich für den Zuspruch der Erlösung, den Menschen erfahren. Dieser Zuspruch darf keine billige Gnade sein, aber er gilt allen Menschen.

Wer bittet ist in einer Beziehung. Jesus selbst bietet uns diese Beziehung an, indem er uns verheißt, mitten unter uns zu sein.

Amen