23. Oktober 2017

Gottesdienst am 17. September 2017

17. September 2017
10:00bis11:00

Predigt: Stefan Schröckenfuchs

Liebe Schülerinnen und Schüler, Liebe Lehrerinnen und Lehrer, Liebe Schwestern und Brüder,

am Montag hat für viele von uns wieder der ganz normale Alltag begonnen; die Schülerinnen und Schüler drücken wieder die Schulbank, die Lehrerinnen und Lehrer stehen an der Tafel – und viele Eltern stehen früher auf, damit der Nachwuchs rechtzeitig in der Schule ist.

Die Tage sind oft voll mit Arbeit, und manchmal auch mit dem Freizeitprogramm, das man sich so vorgenommen hat.

Und die Sorgen, die wir vielleicht in den ruhigeren Monaten des Sommers vergessen oder zumindest ein bisschen auf Distanz halten konnten  – die kommen jetzt auch alle ganz schnell wieder hoch.

Werde ich alles schaffen? Alle Prüfungen, alle Tests, alle Referate? – fragen sich die Schüler.

Werde ich das alles schaffen? Die Herausforderungen in der Klasse, den Spagat zwischen Lehrplan und dem, was die Schüler eigentlich brauchen – fragen sich die Lehrer?

Werde ich das alles schaffen? Den Spagat zwischen Arbeit, Familie und den paar Dingen, die ich vielleicht sonst auch noch ganz gerne machen müsste.

Werd ich das alles schaffen? Immer wieder fragen wir uns das – und im Grunde ist das ganz normal. Der Alltag bringt es einfach mit sich.

 Und dann kommen wir in die Kirche, und was bekommen wir zu hören? Macht euch keine Sorgen!!!

Nicht um das, was ihr essen oder trinken werdet, nicht darum was ihr anzuziehen habt, ja nicht einmal um den nächsten Tag.

Klingt zwar irgendwie ganz nett – klingt aber auch nicht besonders überzeugend. Oder?

Nun, ich habe heute etwas ausprobiert.

Ich habe das Evangelium nämlich einmal ganz einfach ins Gegenteil verkehrt.

Hört einmal zu – ob euch das Gegenteil von unserem Evangelium nicht viel überzeugender erscheint.

Macht euch Sorgen um euer Leben –

was ihr essen oder trinken sollt.

Und um euren Körper –

was ihr anziehen sollt.

Zum Leben braucht man Essen und Trinken!

Und Kleider machen Leute.

Seht euch die Vögel an!

Sie säen nicht,

sie ernten nicht,

sie sammeln keine Vorräte in Scheunen:

Und wenn ein harter Winter kommt, verhungern sie.

Glaubt ihr, dass es euch anders geht, wenn ihr nicht aufpasst?

 Die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich ist in den letzten 60 Jahren um 15 Jahre gestiegen – dank guter Vorsorge!

Sorgt euch also!

Auch um das, was ihr anzieht. Seht euch die Wiesenblumen an:

Eine jede von ihnen blüht in den schönsten Farben – damit sie die Bienen nicht neben all den anderen Blumen übersieht.

Legt euch also ins Zeug und putzt euch raus.

Sonst wird man auch euch noch übersehen.

Macht euch bitte Sorgen!

Fragt euch – und zwar rechtzeitig:

Was sollen wir essen?

Was sollen wir trinken?

Was sollen wir anziehen?

Um all diese Dinge dreht sich das Leben.

Vom Himmel fallen die Sachen nicht.

Bleibt doch bitte mit beiden Beinen auf der Erde und gebt euch nicht dem Wunschtraum hin, der liebe Gott würde euch alles einfach in den Schoß legen.

Auf dieser Welt gibt es nichts geschenkt.

Darum: denkt bitte heute schon am morgen.

Wer nicht rechtzeitig vorsorgt, steht am Ende blöd da!

Klingt doch gleich viel besser, oder?

Oder sagen wir: es klingt zumindest erschreckend vertraut!

Botschaften wie diese hören wir ständig – sei es von Versicherungen oder Banken, von Lebensmittelgeschäften oder von Modegeschäften.

Und es ist schwer zu sagen, diese Botschaften wären tatsächlich falsch.

Macht euch keine Sorgen. Was sollen wir damit anfangen?

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal diesen Text in einem Gottesdienst gehört habe.

Ich selbst war da gerade einmal 18 oder 19 Jahre alt und hatte gerade das erste Mal selbst eine Versicherung für etwas abgeschlossen.

Und nach dem Gottesdienst habe ich mich gefragt: und was heißt das konkret? Heißt das, ich soll meine Versicherung wieder kündigen?

Diese Frage habe ich dann nach dem Gottesdienst auch Helmut Nausner gestellt, der an diesem Sonntag gepredigt hatte.

Seine  Antwort war typisch Helmut: „Die Bibel sagt ja nicht, dass wir unvernünftig sein sollen“

  1. Aber wo ist der Unterschied zwischen „unvernünftig sein“ und dem „sich sorgen“, von dem Jesus spricht?

Ich weiß nicht, ob ich den Unterschied schon ganz verstanden habe, aber ich kann euch zumindest ein paar Anregungen geben.

Die erste hat etwas mit Sprache zu tun:

Der Begriff „sich sorgen“ kann im deutschen ja positiv wie negativ sein. Es gibt die Fürsorge – da sorgt man für andere, es gibt die Vorsorge – da versucht man vorausschauend zu handeln und unnötiges Unglück von vornherein zu verhindern.

Das ist alles eher positiv behaftet.

Ich bin aber nicht sicher, ob es griechischen Wort für Sorgen μεριμνᾶτε diese positive Konnotation nicht gibt.

In μεριμνᾶτε schwingt v.a. der Aspekt der Angst mit. Im englischen wird es oft übersetzt mit „to be anxious“ – ängstlich sein.

Das kennen wir im Deutschen auch:

Meine Sorgen rauben mir den Schlaf, sagen wir – oder sogar: meine Sorgen bringen mich um den Verstand.

Nun – wer sich von seinen Sorgen um den Verstand bringen lässt ist doch mindestens so gefährdet, unvernünftig zu handeln wie der, der sich keine Sorgen macht!

„Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag“ heißt nicht, dass es verboten ist, am Samstag schon das Essen für den Sonntag oder gar den Montag einzukaufen.

Es heißt auch nicht – um es mal ein bisschen größer zu fassen – dass wir uns als Erwachsene nicht Gedanken darüber machen sollten, in welcher Welt unsere Kinder einmal leben werden, wenn wir die Umwelt weiterhin so gnadenlos ausbeuten.

Worum es Jesus aber offensichtlich geht, ist die Frage, wovon wir uns bestimmen und beherrschen lassen.

Lassen wir uns von unseren Sorgen beherrschen – oder lassen wir uns von unserem Vertrauen beherrschen?

Das ist die entscheidende Frage!

Die Sorgen treiben uns viel eher dazu, dass wir den Verstand verlieren und unvernünftig zu handeln beginnen, als die Hoffnung und das Vertrauen.

Ein gesundes Gottvertrauen macht sicher nicht zwangsläufig unvernünftig; ein gesundes Gottvertrauen macht normalerweise etwas anderes: nämlich gelassen!

An Gott zu glauben heißt für mich, daran zu glauben, dass Gott in jeder Situation – und sei sie noch so verworren oder aussichtslos – in der Lage ist, noch eine Tür zu öffnen, einen Weg zu zeigen oder eine neue Perspektive aufzutun.

Darum wird sich der, der an Gott glaubt, auch nicht so schnell der Hoffnungslosigkeit hingeben – sondern hartnäckig sucht er in jeder Situation nach dem Weg, den Gott ihm zeigen wird.

Er ist bereit, sich auch auf Wege einzulassen, die ihm nicht gefallen wollen – ja die ihm vielleicht sogar Angst machen.

Aber er vertraut darauf, dass Gott mit ihm ist auf diesem Weg.

Und selbst wenn sich in einer Situation partout kein Weg auftut, so hofft er dennoch darauf, dass der Tag noch kommen wird, an dem Gott eine Türe öffnet, die er jetzt noch nicht sieht.

Wer Gott vertraut, lebt und handelt nicht dumm oder unvernünftig.

Aber er es gibt für ihn einen Grund zur Hoffnung, und ein Gegenüber, mit dem er ringt in seiner Angst und in seiner Not.

Und so ist er weniger gefährdet, vor Sorgen den Verstand zu verlieren als der, der sich nur von seinen Sorgen leiten lässt.

Und es gibt noch eine zweite Komponente:

das „sich sorgen“ bringt uns nämlich nicht nur in Gefahr, vor lauter Sorgen den Kopf zu verlieren – es bringt uns auch in Gefahr, die eigentlich wichtigen Dinge aus dem Blick zu verlieren.

Die eigentlich wichtigen Dinge – das ist nach Jesu Worten Gott zu lieben, und meinen Mitmenschen wie mich selbst.

Wer sich ständig nur von seinen Sorgen leiten lässt und um – sehr oft ja sehr äusserliche – Fragen wie Essen, Trinken und Kleidung kreist, der ist leicht in der Gefahr, Gott, seinen Mitmenschen und sogar sich selbst aus dem Blick zu verlieren.

Und – um das klar zu sagen – es geht hier wohl nicht um die, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder am Abend satt kriegen oder ein paar Socken ohne Löcher auftreiben sollen.

Sondern es geht wohl eher um die, die sich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie nach Umluftherd, Mikrowelle und Dampfgarer jetzt doch eher auf einen Dialoggarer umrüsten sollen, weil das halt jetzt der neueste Schrei ist – und die gleichzeitig nach Obergrenzen für Flüchtlinge oder einer Kürzung der Mindestsicherung schreien, weil wir uns Solidarität mit den Schwachen angeblich nicht mehr leisten können.

Wie leicht lassen wir uns aber von „Sorgen“ wie diesen gefangen nehmen – und wie leicht ist es, uns einzureden, wir müssten uns mehr Sorgen machen – mehr Sorgen ums Essen und ums Trinken und ums Morgen.

Sorgt euch nicht, sagt Jesus.

Gebt euren Sorgen keinen Millimeter mehr Platz als unbedingt nötig.

Die Sorgen – v.a. die unnötigen Sorgen – bringen euch keinen Millimeter weiter.

Im Gegenteil – sie machen alles nur schlimmer, weil sie uns von Gott entfernen, von unserem Mitmenschen, und im Grunde auch von uns selbst – von einem Gespür dafür, was es zum Leben eigentlich braucht.

Sorgt euch nicht. Lernt lieber zu vertrauen.

Zügellose Ängste und Sorgen lassen keinen Raum für Mitgefühl und Liebe; wer aber lieben will, der braucht dafür auch den Mut, zu vertrauen.

—-

Für die Schülerinnen und Schüler und die Lehrerinnen und Lehrer und viele Eltern beginnt jetzt wieder der ganz normale Trott des Alltags.

Der Sommer – mit seiner Leichtigkeit – ist vorbei. Und es ist verständlich, wenn immer wieder Sorgen und Ängste auftauchen: Schaff ich das alles? Geht sich das alles aus? Werde ich dem allem Gerecht.

Nehmt euch in dieser Zeit diese Botschaft mit:

Lasst euch nicht von euren Ängsten und Sorgen leiten – gebt ihnen nicht mehr Raum als das, was unvermeidlich ist.

Rechnet nicht nur mit dem, was ihr aus eigener Kraft bewerkstelligen könnt.

Übt euch stattdessen immer wieder im Vertrauen – in dem Vertrauen, dass Gott uns in jeder Situation einen Weg und eine Zukunft eröffnen kann.

Das heißt nicht, dass man vor einer Prüfung nicht lernen oder seine Hausaufgaben nicht machen müsste.

Aber es heißt zum Beispiel, dass die Welt nicht untergeht, wenn man es einmal nicht geschafft hat, und einmal ein Jahr wiederholt.

Unser Leben und jeder neue Tag ist ein Geschenk unseres Gottes.

Leben wir die Zeit, die uns geschenkt ist dankbar, vertrauensvoll – und in Zuversicht, dass Gott uns nicht verlässt.

Amen