23. Oktober 2017

Gottesdienst am 24. September 2017

24. September 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Römerbrief 1,16                   Unverschämt glauben

Liebe Gemeinde, wie gesagt möchte ich heute einen Gottesdienst mit euch feiern, zu dem sich viele bekannte und gescheite Leute Gedanken gemacht haben. Und das weniger aus dem Grund weil ich selbst zu faul bin eine Predigt zu schreiben.

Sondern weil ich mir erstens gedacht habe, wann wenn nicht jetzt, noch vor dem Fest und zweitens, weil ich es ist schon gemein finde, diese Arbeit, gut schwäbisch gesagt,„verkomma“ zu lassen.

„Verkomma“ für alle Nichtschwaben unter uns, bedeutet, dass zum Beispiel wenn eine Speise oder ein Lebensmittel verkommt, dann wird es schlecht, fault oder schimmelt und wird damit ungenießbar.

Es trifft natürlich das Wesen schwäbischen Denkens und Handelns, dass so etwas unter allen Umständen zu vermeiden ist, denn ein „verkommenes“ Lebensmittel ist natürlich „naus gschmissenes Geld“.

Ein Sakrileg also. So etwas geht natürlich gar nicht.

Deshalb also der Versuch meinerseits mit diesen Materialien zu arbeiten, die wir als Gemeinden zum Jahr des Glaubens zur Verfügung gestellt bekommen haben.

Die Lesung und das Evangelium zu diesem Themenbereich „Wer glaubt, wird leben“ haben wir gehört und ich lese jetzt noch den Predigttext, der in diesem Fall erfrischend kurz ist, nur einen Vers umfasst und im Römerbrief zu finden ist. Paulus schreibt:

„Zu dieser Botschaft bekenne ich mich offen und ohne mich zu schämen, denn das Evangelium ist die Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, Rettung bringt. Das gilt zunächst für die Juden, es gilt aber auch für jeden anderen Menschen.“

Was jetzt folgt ist eine Betrachtung von Ulrich Körtner, seines Zeichens Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Fakultät der Universität Wien.

Körtner schreibt:

„Religion, so sagt man, ist Privatsache.

Mehr noch: eine höchst intime Angelegenheit; frei nach der Arie aus der Operette „Land des Lächelns“: „… doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an.“

Auch wenn von der öffentlichen Wiederkehr der Religion die Rede ist, spricht man doch in der Öffentlichkeit kaum über den eigenen Glauben oder Unglauben.

Evangelikale Straßenprediger empfinden wir eher als peinlich.

Selbst im Freundes- und Bekanntenkreis sind persönliche Glaubensstatements, sind Glaubensfragen weithin tabu.
Woher kommt die Scham?

Rührt sie vielleicht von der Angst, als unaufgeklärt und rückständig zu gelten?

Es könnte ja peinlich wirken, offen zu gestehen, regelmäßig zu beten oder in die Kirche zu gehen.

Ich erinnere mich gut, wie man mir von einem angesehenen Juristen, einem wirklichen Experten auf seinem Fachgebiet, halb bewundernd, halb kopfschüttelnd erzählte, er lese die Bibel.

Spiritualität, die vermeintlich lebensfreundliche und undogmatische Form von Religion, ist heute durchaus salonfähig.

Fernöstliche Meditations- und Körpertechniken, bewusste Ernährung, Komplementärmedizin und die Kraft des positiven Denkens stehen hoch im Kurs.

Aber die Botschaft von dem gekreuzigten Gott, die Paulus als Evangelium – als gute Nachricht also – bezeichnet, stößt weithin auf Unverständnis und Ablehnung.

Verbreitet ist die Kritik, hier werde ein gewalttätiger und sadistischer Gott verkündigt, dessen Religion in Geschichte und Gegenwart Gewalt legitimiere.

Paulus verkündigt jedoch nicht einen Gott, der Gewalt ausübt, sondern im Gegenteil einen Gott, der Gewalt erleidet, weil er auf der Seite derer steht, die unter der Macht der Sünde leiden.

Das Wort vom Kreuz, wie Paulus sein Evangelium auch nennt, besagt, dass Gott in Jesus Christus war und selbst den Tod erlitten hat. Gott war in jenem Menschen aus Nazareth, der gewaltlos lebte und gewaltlos die Liebe Gottes verkündigte, der seine Feinde liebte bis zum Tod am Kreuz. So wollte Gott Frieden stiften zwischen sich und den Menschen und die Welt mit sich versöhnen.
Die Botschaft von dem menschgewordenen Gott, der in den Schwachen mächtig ist, mag in einer Welt, die an das Recht der Stärkeren glaubt, wie eine Torheit erscheinen.

Für Paulus aber ist sie eine Quelle der Kraft, der Zuversicht und des Glaubens.

Wenn Paulus schreibt, er schäme sich nicht für das Evangelium und seinen Glauben, ist das nicht psychologisierend misszuverstehen.

Der Apostel verwendet eine geprägte Formel der Bekenntnissprache, mit der er sein öffentliches Bekenntnis zu Jesus Christus bekräftigen will.

Der von einem unbekannten Schüler verfasste 2. Timotheusbrief greift die Formulierung aus dem Römerbrief auf, geht aber noch darüber hinaus, indem er Timotheus auffordert, sich weder des Evangeliums noch des Paulus zu schämen, der wegen seiner Verkündigungstätigkeit in Gefangenschaft geraten ist (vgl. 2. Tim 1,8.12.16).

Sich des Evangeliums nicht zu schämen, heißt eben auch, zu denen zu stehen, die für das Evangelium eintreten oder um ihres christlichen Glaubens willen verfolgt werden.

Und das sind heute nicht wenige.
Ohne Scham zu glauben, hat aber noch eine andere Facette.

Wie die Witwe in Jesu Gleichnis dem Richter so lange in den Ohren liegt, bis sie endlich Recht bekommt (vgl. Lk 18,1–8), so wenden sich auch Menschen, die Gott rückhaltlos vertrauen, an ihn nicht nur im Lobpreis und in der Fürbitte, sondern auch in der Klage.

Einer wohltemperierten Frömmigkeit mögen ihre Gebete unverschämt klingen, so wie Hiobs Freunden seine leidenschaftliche Anklage gegen Gott.

Martin Luther aber war davon überzeugt, dass selbst die Flüche der Gottlosen in Gottes Ohren manchmal besser klingen, als die Hallelujas der Frommen.“

Soweit einmal Körtner.

Was seine Betrachtung auf alle Fälle bei mir ausgelöst hat und auslöst, ist die Frage nach meinem persönlichen Bekenntnis.

Wo bekenne ich meinen Glauben?

Wann bekenne ich ihn?

Wo sind also die Räume, die Gelegenheiten und die Orte, um über den Glauben zu sprechen?

In Wirklichkeit ist die Herausforderung sogar noch größer, denn was unser Predigttext anspricht, ist das Geschehen und die Bedeutung des Kreuzes Christi.

Letzten Samstag, nach dem Wandern für die Andern, waren wir im Gottesdienst in Schladming und der  dortige Pfarrer, der Superintendent-Stellvertreter, Gerhard Krömer hat sinngemäß in seiner Predigt gemeint:

„Über Gott kann bald einmal jemand sprechen. Aber Christus, wie sprechen wir als Christen und Christinnen über Christus?“

Ein evangelikaler Straßenprediger wird aus mir – aus heutiger Sicht und in der überschaubaren Zukunft – wohl nicht werden.

Ich bin tatsächlich der Meinung, dass die brachiale Art mehr kaputt macht, als sie zu retten im Stande ist.

Aber die Frage ist hochaktuell: Wie können wir unverschämt glauben?

Wie kann das, was wir im persönlichen Gebet und hier im Gottesdienst erleben, unsere geschützte Privatsphäre verlassen und Gutes bewirken unter den Menschen?

Diese Frage beschäftigt mich.

Ich möchte sie gerne mitnehmen in meinen Alltag ohne dass ich jetzt ständig unter Strom, unter Mitteilungsbedürfnis stehe.

Die mich aber erinnern soll, meine Komfortzone zu verlassen. Und die mich ermutigt, an meinem Selbstbewusstsein zu arbeiten: Dass Jesus eine Wirklichkeit ist, die ich erfahre und die ich nicht missen möchte in meinem Leben.

Über die ich dann auch ganz selbstverständlich sprechen kann, weil ich glaube.

Weil Jesus meine Hoffnung und Freude ist.

Ulrich H.J. Körtner und Frank Moritz-Jauk