23. Oktober 2017

Gottesdienst am 1. Oktober 2017

1. Oktober 2017
10:00bis11:00

Predigt: Gerhard WeissenbrunnerEnglish

Philipper 2, 1-13                   tiefe Verbundenheit

Vor 14 Tagen war der ORF bei uns und hat einige Scenen im Gottesdienst mit gefilmt. Anschließend hat der Redakteur verschiedene Personen zu verschiedenen Themen interviewt. Dann wurde jemand gesucht, die oder der auf die Frage „warum gehe ich jeden Sonntag in den Gottesdienst?“ eine Antwort geben möchte. Unsere beiden Pastoren haben gemeint, das sollte ich tun. Doch so überraschend, ohne Vorbereitung, vor laufender Kamera, ein Interview zu geben, ist nicht das, was ich gern tue. So habe ich mich davongestohlen und zur Chorprobe gerettet.
Und am Nachhauseweg, allein im Auto, habe ich versucht eine gute Antwort zu finden. Und meine beste Antwort (von mehreren) ist: „ich gehe jeden Sonntag in den Gottesdienst um mit unserem liebenden Gott und den Menschen in unserer Gemeinde verbunden zu sein und verbunden zu bleiben. Die Beziehung soll nicht durch irgendetwas anderes behindert werden oder abbrechen. Es heißt: du sollst den Tag des Herrn heiligen. Und wenn Gott mich am Sonntag ruft: >Gerhard wo bist du? <Kann ich antworten: >ich bin hier Herr, in deinem Haus!“

Christus ist unser Vorbild! So stark er mit dem Vater verbunden war, so sollen wir mit ihm verbunden sein. Jesus sagt: „der Vater und ich sind eins!“ Ein Herz und eine Seele! Als Zwölfjähriger schon hat er seine Bindung mit Gott klargemacht. Alle wichtigen Entscheidungen hat er im Gebet getroffen. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang war Jesus im Geist mit Gott, unserem Vater im Himmel, unserer Mutter im Himmel, verbunden.

Viele sagen, Jesu größter Schmerz waren nicht die Schmerzen am Kreuz. Sondern als kurz vor seinem Tod die Verbindung zu Gott abgebrochen ist. Wir haben seine Worte im Ohr: „Vater, warum hast du mich verlassen?“

Die tiefe Verbundenheit Jesu zu Gott soll uns ein Beispiel sein. Aus ihr kommt die tiefe Freude, die Paulus den Philippern bestätigt. Der Philipperbrief ist eine einzige Freudenbotschaft. Die in der Nachfolge Jesu Christi gegründet ist.

Zu keiner anderen Gemeinde äußert sich Paulus so freudig, wie zu den Philippern. „Nicht wahr, es ist euch wichtig, einander im Namen von Christus zu ermutigen? Es ist euch wichtig, gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten. Es ist euch wichtig, durch den Heiligen Geist Gemeinschaft miteinander zu haben. Es ist euch wichtig einander tiefes Mitgefühl und Erbarmen entgegenzubringen?“ (Phil.2,1)

Und Paulus steigert noch: „macht meine Freude vollkommen und haltet entschlossen zusammen! (V.2) Seid eines Sinnes! Seid so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht!“

Jene Haltung, wie sie Jesus vorgelebt hat, soll auch ihre Haltung sein.

Jesus hat seine Macht nicht zu seinem Vorteil ausgenutzt. Im Gehorsam gegenüber Gott hat er sogar den Tod am Kreuz auf sich genommen. Alle Sünde und Schuld jedes einzelnen Menschen und die der ganzen Welt liegt auf ihm. Er hat ein universales Heilswerk vollbracht. Gott hat seinen Namen erhöht über alle andere Namen. Und vor ihm werden sich einmal alle auf die Knie werfen. Alle, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. Das ganze Universum wird seine Knie vor Jesus beugen; in Demut, Dankbarkeit und Freude.

Ich las ein Zitat eines unbekannten Autors: „Gott spricht: Mir gehört dieses Universum, und ich habe einen Plan damit. Vielleicht hast du einen besseren Plan, aber dir gehört kein Universum.“

Wie oft überheben wir uns über Gottes Plan. Wir machen ihm Vorschläge, wie er dieses oder jenes besser machen könnte. Wir würden aber oftmals uns und Gott eine Menge Stress ersparen, wenn wir uns ihm bedingungslos anvertrauen würden. Und ihm die Erlaubnis erteilen, uns in seinen Plan einzufügen und nicht umgekehrt.

Jesus gibt die Richtung und den Weg von Gottes Plan vor.    –    Es ist der Weg der Liebe!

Wer diese Liebe sucht kann sie auf dem Weg mit Jesus finden. Viele gehen diesen Weg mit Jesus und können das bezeugen. Vorrangig in der christlichen Gemeinde. Sie ist ein Ort, in der sich die Verheißungen Gottes in erster Linie verwirklichen. Christus ist das Haupt der Gemeinde, die Gläubigen sind die Glieder. Sie alle sind nach den Maßstäben der Liebe miteinander verbunden.

Wir haben uns bis jetzt ausführlich mit der tiefen Verbundenheit von Christus mit Gott, als Vater oder Mutter befasst. Über die universale Rettungsaktion Jesu für die Welt. Und über die tiefe Beziehung  von Christus und seinen Gemeinden. Über allem die Liebe! Die Liebe von Gott zu den Menschen als vertikales Geschehen.

Doch dabei darf es nicht bleiben. Es ist nicht das Ziel der Christen, sich zurückzulehnen und sich in der Liebe Gottes zu sonnen. Wer die Liebe Gottes erfahren hat, kann auch nicht anders, als sie seinen Mitmenschen zu bezeugen.

Der köstliche Weg der Liebe soll ausgebaut werden von einem schmalen Pfad auf eine breite Straße. Man sagt die Liebe geht auf dem schmalen Pfad, die Angst auf der breiten Straße. Doch das soll sich umkehren. Ist denn nicht die Liebe das einzige Mittel gegen die Angst?

Wenn ich weiß: ich bin geliebt, weiß ich auch: ich bin wertvoll. Wenn ich weiß: Gott liebt mich, und mich nichts von dieser Liebe trennen kann, was sollte mir dann noch Angst machen? Die Liebe vertreibt die Angst.

Die Liebe vertreibt die Angst! – das kann ich relativ leicht behaupten, wenn ich von der Liebe Gottes weiß, sie kenne und weil sie in mein Leben einwirkt. Doch wie sieht es dort aus, wo man von dieser Liebe nichts weiß? Haben nicht Ersatzgötter den Platz Gottes eingenommen? Sie versprechen alles und können doch nichts halten. Es ist, wie wenn man aus einer leeren Porzellantasse trinken würde. Sie sieht schön aus, ist aber leer und stillt den Durst nicht. Wenn der Durst der Seele nicht gestillt wird trocknet sie aus. Was bleibt ist: Angst!

Die Urgeschichte von Kain und Abel ist eine Geschichte tiefer Angst.

Die Ableitung des Namens „Abel“ ist Atem, Hauch, Wind.

Abel ist mit dem Atem Gottes, dem „Ruah“, dem Heiligen Geist verbunden. Abel weiß von der Liebe Gottes, ist mit Gott verbunden und genießt sein Leben als Hirte. Das einzige, was er zu tun hat ist, die Schafe von einer Futterstelle zur anderen zu führen. Abel opfert Gott mit Freude und Dankbarkeit.

Die Ableitung des Namens „Kain“ ist erwerben, erschaffen, Besitz, etwas zu haben. Kain ist ein Ackermensch, ein Bauer. Er erfüllt die Aufgabe, die Gott den Menschen gestellt hat, nämlich den Acker zu bebauen. Auch Kain opfert von den Früchten des Feldes. Es steht nicht, aber es wäre doch gut möglich, dass Kain den zehnten Teil seines Ertrages geopfert hat. Dankbar, weil er weiß, dass er zwar sähen kann, das Wachstum aber schenkt Gott. Doch das Problem ist, Kain hat bei seiner Arbeit die direkte Beziehung zu Gott verloren. Er ist sein eigener Herr. Er hat sein Vermögen, von dem er den zehnten Teil zurückgibt, im Schweiße seines Angesichts erworben. Er hat sich sein Vermögen selbst erwirtschaftet. Jetzt gehört es ihm. Sein Besitz ist seine Sicherheit. Doch im Innern seines Herzens weiß er, dass er nichts mitnehmen kann, wenn sein Leben zu Ende ist. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Sein Leben ist ein Scheinleben. Es ist nicht auf Zukunft ausgelegt. Das macht ihm Angst!

Das ist der springende Punkt in der Geschichte. Gott will nicht unser Opfer. Er will uns als Gegenüber. Er will, dass wir leben! Und zwar nach seinem Plan.

Ich komme zurück zur Gemeinde.

Es wundert mich nicht, dass Kain den Abel erschlagen hat. Es wundert mich nicht, dass christliche Kirchen von außen angefeindet und lächerlich gemacht werden. Sie sind wie Abel, der sich in der Liebe Gottes sonnt und seinen Status genießt.

Was wäre gewesen, wenn Abel seinem Bruder mit der Liebe Gottes begegnet wäre? Hätte er nicht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die Beziehung zu Kain pflegen sollen? Selbst zurückstecken, zum Wohl des anderen? Hätte Kain die Liebe Abels erfahren, ich bin sicher, er hätte gelernt Liebe zurückzugeben und ihn nicht erschlagen.

Es ist die Sünde Abels, dass sein Bruder die Liebe Gottes nicht genug erfährt. Sodass Kain weiter in Angst leben muss.

„Abel steh auf!“ heißt ein Gedicht der Schriftstellerin Hilde Domin. Abel soll sich nicht geschlagen geben. Sondern aufstehen, um immer wieder neu Verantwortung für andere zu übernehmen. Abel soll aufstehen, damit sich jeder und jede dazu bekennen kann, des anderen Hüter zu sein. Abels Kinder sollen sich nicht mehr fürchten, weil Kain nicht Kain bleibt.

Und ich füge hinzu: „Abel steh auf! Und begegne Kain mit all deiner Liebe, so wie du sie von Gott empfangen hast. Sei freundlich zu deinem Bruder, deiner Schwester! Überhebe dich nicht und sei nicht rechthaberisch! Sondern achte sie höher als dich selbst. Sei bedacht auf das Wohl der anderen, nicht nur auf das eigene! Kain wird seine Angst (und sie ist die Ursache jeden Unrechts) nur durch deine Liebe verlieren.“

Abel steh auf! Christus zählt auf dich. Du bist seine Hoffnung. Führe Kain zurück in die tiefe Verbundenheit mit Gott. Abel steh auf! Christus fragt dich heute und am Ende jeden Tages: „Wo ist dein Bruder? Wo ist deine Schwester?“          Amen