21. November 2017

Gottesdienst am 22. Oktober 2017

22. Oktober 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Matthäus 22, 15-22               Gebt Gott, was Gott gehört

Liebe Gemeinde, auf die Evangeliumslesung möchte ich heute näher eingehen. Jesus wird eine gefährliche Frage gestellt und es gelingt ihm, die wahre Absicht dahinter zu erkennen und sich äußerst geschickt und wortgewandt aus der Affäre zu ziehen. Diese Auseinandersetzung ist noch einmal gut gegangen, Angriff abgewehrt. Worin dieser Angriff bestand, werde ich gleich noch kurz ausführen.

Aber zu Beginn dieser Predigt möchte ich euch kurz meine zentrale Frage nennen, die ich im Text höre:

Was gehört Gott? Was sollen wir ihm geben?

Zurück zum Angriff, den Jesus abwehren muss. Die Praxis der römischen Münzprägung ist Jesus hier sehr gelegen gekommen. Römische Münzen wurden mit dem Bild und dem Namen des aktuellen Kaisers geprägt. Wir würden uns heute mit unseren Euro und unseren Cent schwer tun, so geschickt zu antworten.Dafür leben wir heute in einer Demokratie und nicht in einem besetzten Land. Einem besetzten Land. Genau hier liegt die Falle, welche die süßen, vor Schleim triefenden Worte über die Bedeutung der Wahrheit und die Unabhängigkeit von Jesus aufspannen:

Sagt Jesus „Ja, ihr sollt dem Kaiser Steuern zahlen“, dann stellt er sich gegen seine eigenen Leute, sein eigenes Volk, die Juden. Niemand will einer fremden Macht Geld geben, die einen gegen den eigenen Willen, mit militärischer Stärke, unterworfen hat.

Aber die Juden haben bei dieser Frage, die ja spätestens bei jeder neuen Abgabe, bei jedem neuen Zahlungstermin neu zu entscheiden ist sicher auch an die Thora gedacht. Hier speziell vielleicht an 5. Mose 6, 13-15: „Nur vor ihm sollt ihr Ehrfurcht haben, nur ihm dienen und nur bei seinem Namen schwören! Verehrt nicht die Götter eurer Nachbarvölker! Sonst wird der HERR, euer Gott, zornig und vernichtet euch. Denn er wohnt mitten unter euch, und er duldet keinen anderen Gott neben sich.“

Was, werden sie sich gedacht haben, heisst „dienen“? Oder „dulden“? Fängt „dienen“ mit dem Zahlen von Steuern an, muss es nicht eine Verweigerung oder einen Aufstand dagegen geben? Wie soll ich das machen, wenn die anderen, die Römer, stärker sind?

Genau hier liegt die andere Seite der Falle, denn wenn Jesus gesagt hätte „Nein, ihr sollt dem Kaiser keine Steuern zahlen“, was wäre dann passiert? Die Pharisäer hätten ihn sofort als Unruhestifter, als Gefährder der öffentlichen Sicherheit anzeigen können.

Es war also wirklich eine gefährliche Frage, auf die Jesus sehr geschickt mit einem Trick antwortet.

Worin dieser Trick besteht oder warum es ein Trick ist?

Weil natürlich auch Jesus weiß, dass dieses Geld nicht nur dem Kaiser gehört, sondern dass es Zahlungsmittel ist. Man kann mit diesem Geld wahre Werte, wie Getreide oder Schafe, kaufen.

Jesus gelingen aber auf diese Weise mehrere Dinge gleichzeitig:

Er trennt, wenn man so will, zwischen kirchlichen und staatlichen Angelegenheiten, er trennt zwischen Fragen des menschlichen Miteinanders und der persönlichen Lebensentscheidung und er beschreibt präzise seinen eigenen Auftrag, seinen eigenen Zuständigkeitsbereich.

Was heißt das?

Der Kaiser, das ist der Staat. Auch ein aufgezwungener Staat, ist ein Staat. Die Römer „regieren“, sie bestimmen zur Zeit Jesu die Regeln, es gilt römisches Recht. Zu den ureigensten, wichtigsten Aufgaben eines Staates gehört es, das Miteinander seiner Bürger zu regeln. Diese Regeln, auch Gesetze genannt, regeln die Art und Weise, wie wir als Gemeinschaft miteinander umgehen. Damit der Staat diese Aufgabe wahrnehmen kann, braucht er Geld, braucht er Steuern. Das ist bei jedem Staat so und ein Staat wird notwendig, sobald viele Menschen auf einem Fleck zusammenkommen.

Kommen wir zu den kirchlichen Angelegenheiten, ich habe gesagt Jesus trennt zwischen kirchlichen und staatlichen Angelegenheiten. Was sind kirchliche Angelegenheiten?

Wenn wir Texte der Bibel lesen, dann geht es natürlich auch um das menschliche Miteinander aber nicht nur. Zentraler Inhalt der Bibel sind Erfahrungsgeschichten, die Menschen mit Gott machen.

Und es geht früher oder später um die Frage, wie ich zu diesem Gott stehe, deshalb habe ich es eine persönliche Lebens-entscheidung genannt.

„Gebt Gott, was Gott gehört.“Was gehört denn Gott?

Meine Zeit, meine Kinder, mein Beruf?

Alles, was ich habe? Mein ganzes Leben, mein ganzes Sein? Ich?

Was gehört Gott?

Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. Der Erdkreis und die darauf wohnen.

Kommt euch bekannt vor? Stimmt, haben wir vorhin gebetet: Psalm 24.

So wie den Psalm 24 habe ich bewusst zwei heute gesungene Lieder vor diese Predigt gestellt.

Im Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ heißt es im vierten Vers:

„… und dann gehört dir unser Leben ganz.“

Und im Lied „Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel oh Herr…“ ist es der letzte Vers:

„…und ich dank dir, mein Gott, und ich preise dich Herr, und ich schenke dir mein Leben.“

Was sollen wir Gott geben?

Unser Leben. Mein Leben.

Irgendwie ist das erschütternd, oder?

Demgegenüber sind die paar römischen Münzen, die paar Steuern, dieses bißchen Geld doch absolut belanglos. Gegen mein Leben.

Also ich zumindest, fand es erst einmal erschütternd, dies in dieser Klarheit – wieder – wahrzunehmen.

Natürlich kenne ich diesen Anspruch Gottes, aber mit diesem Predigttext, steigt er sozusagen an die Oberfläche und steht mir vor Augen. Damit steht natürlich auch die nächste, zwingend folgende Frage vor Augen: Ist das so?

Genauer gesagt: Überlasse ich wirklich mein ganzes Leben, alles was ich habe, alles was mir möglich und zu Gebote steht, Gott?

Ehrlich gesagt: Nein.

Es tut mir wirklich leid, aber nach reiflicher Überlegung und Prüfung musste ich diese Frage mit „nein“ beantworten und ich bin wahrlich nicht stolz darauf.

Es steht auch jedem und jeder anwesenden Person frei, Beschwerde in Wien über mich einzulegen. Aber um es lutherisch auszudrücken: „Hier steh ich nun und kann nicht anders. Gott helfe mir.“

In Wahrheit lade ich alle, denen es auch so geht wie mir, ein, diese Hilfe Gottes in Anspruch zu nehmen und sich ihr zuzuwenden. Denn es ist das eine, festzustellen, dass ich nicht bereit bin, mein ganzes Leben hinzugeben, das andere ist die Frage, warum das so ist?

Dieser Text, diese Predigt, diese Aufforderung Jesu „Gebt Gott, was Gott gehört“, ist die Aufforderung genauer hinzuschauen.

Zwei große Bereiche habe ich wahrgenommen.

Der eine große Bereich umfasst alles, was ich gerne vor Gott privat, also für mich behalten möchte.

Wofür schäme ich mich? Was tue ich, obwohl ich weiss, dass es nicht dem Willen Gottes entspricht? Wie gehe ich mit diesen dunklen oder trüben Wahrheiten meines Lebens um.

Das muss ich mir anschauen, erst dann wird mir vielleicht klar, wieviel strafenden Gott ich noch in mir trage: Gott, darf dies und das nicht sehen, weil er mich dann dafür bestrafen wird.

Wer Gott zu Ende denkt, der wird merken wie kindisch, wie paradiesisch – huch, ich bin ja nackt – dieses Verhalten ist. Paradiesisch: Als ob Gott nicht sofort gemerkt hat, dass mit Adam und Eva irgendwas nicht stimmt, aber egal. Wir reflektieren ja nicht immer alles ganz rational. Ohne Fremdworte gesprochen:

Manches was wir machen, machen wir nicht weil wir es uns gut überlegt haben, sondern aus einem Gefühl heraus. Aus dem Bauch heraus, wie wir auch sagen.

Schauen wir uns unsere innerlichen Keller und Dachböden an und vor allem überlegen wir einmal, warum wir vom Gott der Liebe Strafe erwarten.

Wenn wir davon ausgehen, dass Gott ein noch viel besserer, liebevollerer und barmherzigerer Vater ist, als wir selbst Vater oder Mutter sein können, dann liegt doch diese Frage auf dem Tisch:

Welcher Vater möchte denn gerne seine Kinder bestrafen?

Welche Mutter verdreht nicht die Augen, wenn es „eine Konsequenz“ geben muss?

Grenzen setzen ist notwendig, aber Spass macht es nicht.

Wieviel mehr muss sich das unser Vater im Himmel wohl denken?

Der andere große Bereich ist vielleicht noch etwas schwieriger, weil hier immer Luft nach oben ist:

Wie gehe ich mit dem um, was ich habe und was mir anvertraut wurde?

Wie gehe ich mit meiner Lebenszeit um?

Wofür nehme ich mir Zeit, wofür nicht?

Würde Jesus sich auch für die Dinge Zeit nehmen, für die ich mir Zeit nehme?

Wie schaut es dann weiter mit unseren Begabungen aus?

Mit unserem Geld aus?

Und es tut mir genau nicht leid, dass ich uns diese Fragen stelle.

Das sind die Fragen, die sich reiche Menschen in Europa stellen müssen. Die nicht von der Schale Reis am Tag leben müssen.

Schaut euch das Gleichnis mit den anvertrauten Talenten an. Man kann darin auch folgendes Bild sehen: Wer viel hat, der muss auch viel erwirtschaften. Euch ist viel gegeben, also macht auch was damit.

Setzt es ein für Gottes Anliegen und nicht nur für eure eigenen.

Gebt Gott, was Gott gehört.

Was sich nur auf den ersten Blick wie eine Tempelsteuer oder ein Kirchenbeitrag anhört, ist in Wirklichkeit eine Anfrage an unsere Weltsicht: Gibt es einen Gott?

Wenn es einen Gott gibt, wenn wir glauben, dass Gott diesen Erdkreis geschaffen hat auf dem wir wohnen, wie lautet dann unsere ganz persönliche Antwort auf die Frage:

Wem gehört unser Leben?

Jedes Jahr sprechen viele von uns diesen denkwürdigen Satz beim Bundeserneuerungsgottesdienst:

„Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir.“

In diesem Satz steckt unheimlich viel Vertrauen.

Und unheimlich viel Hingabe.

Und manchmal ist es noch ein weiter Weg bis dorthin.

Liebe Gemeinde, es ist ein Weg.

Aber erinnern wir uns: Woher kommt diese Hingabe?

Vom Beispiel, das Jesus selbst uns gegeben hat:

Er hat sich am Kreuz für uns hingegeben. Gott hat sich aus Liebe zu uns verschenkt.

Gott der Schöpfer, will von seinen Geschöpfen nicht mehr, als er selbst bereit war zu geben.

Gebt Gott, was Gott gehört.

Aber tut es freiwillig.

Denn es geht um die Beziehung.

Zusammengefasst beten wir:

„Mache uns erneut dessen gewiss, dass wir dir gehören und du unser bist.“