22. Oktober 2018

Gottesdienst am 17. Dezember 2017 – 3. Advent

Predigt: Stefan SchröckenfuchsEnglish

611 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, …

Liebe Schwestern und Brüder,

gute  Nachrichten für Menschen in Armut; Heilung für die Zerbrochenen; Freiheit für Gefangene; Trost für Trauernde…

was für ein verheissungsvoller Text!

Aber wer ist es eigentlich dieser „Gesalbte“, der hier spricht?

Es liegt nahe, diesen Text mit Jesus in Verbindung zu bringen – und es gibt da auch tatsächlich einen unmittelbaren Zusammenhang.

Denn der Evangelist Lukas berichtet ziemlich am Anfang seines Evangeliums davon, dass Jesus einen Synagogengottesdienst in seiner Heimatstadt Nazareth aufsucht, und dort eben diese Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja liest.

Und anschließend daran sagt Jesus zu den Umstehenden:
Heute ist dieses Schriftwort erfüllt – ihr habt es gehört.

Jesus bezieht diese Worte des Propheten also auf sich selbst; oder zumindest tut es der Evangelist Lukas, der uns diese Geschichte überliefert.

Ursprünglich aber sind diese Worte in eine ganz andere Situation gesprochen, von einem Propheten, der mehr als 500 Jahre vor Christus gelebt hatte.

Es war die Zeit, in der sich die Israeliten im Babylonischen Exil befunden haben, genauer: die Zeit, als Exils eben vorüber war.

Fast 60 Jahre, nachdem die Israeliten von den Babyloniern aus ihrer Heimat verschleppt wurden, gibt der mittlerweile herrschende Perserkönig Kyros die Erlaubnis, dass die Israeliten zurück in ihre Heimat kehren dürfen.

Und zwar mit weitreichenden Erlaubnissen:

sie dürfen die alten, zerstörten Städte wieder aufbauen, Handel betreiben, sich weitgehend selbst bestimmen – ja, sie dürfen sogar den zerstörten Tempel wieder aufbauen und sind frei ihre Religion auszuüben.

Allerdings: nach 60 Jahren der Fremdbestimmung in der Diaspora war da nicht mehr viel übrig – an Glaube, an Hoffnung, an Zuversicht.

Die Rückkehr aus dem Exil nach Jerusalem – sie war kein Triumpfzug – es war vielmehr der verzagte Weg eines verunsicherten Volks in eine Heimat, die für die allermeisten von ihnen nie wirklich eine Heimat war.

Fast 60 Jahre sind eine lange Zeit – der Großteil derer, der hier „zurückkehrt“, hat diese Heimat noch nie gesehen.

Entsprechend groß muss die Verunsicherung gewesen sein angesichts dieser neuen Freiheit.

Ihnen spricht der Prophet Mut zu:

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, …

 Ein Wort sticht in diesen Sätzen für mich besonders heraus:

Es ist das Wort vom gnädigen Jahr des Herrn – vom Jubel- oder Jobeljahr.

In 3.Mose 25 taucht dieses Bild vom Gnadenjahr schon einmal auf, und da heißt es:

…ihr sollt das fünfzigste Jahr für heilig erklären und eine Freilassung ausrufen im Land für all seine Bewohner. Es soll für euch ein Jobeljahr sein, und jeder von euch soll wieder zu seinem Besitz kommen, und jeder soll zurückkehren zu seiner Sippe.

 Alle 50 Jahre sollen wieder die ursprünglichen Besitzverhältnisse hergestellt werden – so muss man die Idee des Jobeljahres in 3.Mose verstehen.

Die Ungleichverteilung von Geld, Grund und Gütern ist ein Problem für das solidarische Zusammenleben der Menschen – das wusste man schon im alten Israel.

Wo aber Handel betrieben wird, kommt es irgendwann geradezu zwangsläufig zu einer Ungleichverteilung dieser Dinge – weil mache eben erfolgreicher sind oder mehr Glück haben, während andere von Unglück verfolgt werden und sich verschulden müssen, um zu überleben.

Deshalb soll man alle 50 Jahre wieder den ursprünglichen Zustand herstellen, in dem alle in etwa über gleich viel verfügen können, und die, die sich Schuldsklaverei begeben mussten, wieder frei sein können.

Ein Leben in Freiheit und Sicherheit für alle, das ist auch die Verheißung, von der der Prophet zu denen spricht, die aus dem Exil zurückkehren.

Für die Armen, die besitzlosen, ist das eine gute Nachricht.

Die, die innerlich gebrochen sind, können aufatmen, weil Gott ihnen eine neue Zukunft eröffnet.

Die Gefangenen, die versklavt und ausgebeutet wurden, können wieder frei und selbstbestimmt leben und handeln.

Die, die trauern, um die alte Heimat, um geliebte Menschen, sie werden Trost erfahren.

Und die alten Trümmer – die Ruinen früherer Generationen – werden wieder aufgebaut werden.

Der Prophet nennt auch den Grund, worin solche Hoffnung begründet ist:

„Denn ich, der Herr, liebe das Recht, hasse Raub und Unrecht.“

Und der Schluss, den er daraus zieht, lautet:

„Wie die Erde hervorbringt, was sprießt… so wird Gott der Herr Gerechtigkeit spriessen lassen…“.

Wo Gott am Werk ist, da breitet sich Gerechtigkeit aus und wächst wie das Getreide im Frühling auf den Feldern.

Es ist eine Ermutigung zur Hoffnung für die Rückkehrer aus dem Exil – eine Ermutigung, sich auf den Weg zu machen; aber nicht nur das:

Es ist auch eine Ermutigung zum Glauben, eine Ermutigung, sich wieder Gott zuzuwenden, Gott und seinen Weisungen und Geboten.

Denn die Gerechtigkeit, von der der Prophet spricht, ist nicht irgendwie eingefühlter Dauerzustand – sondern Gerechtigkeit ist etwas, das auch geübt, gehalten und getan werden muss.

Und wenn wir solche Gerechtigkeit bis heute nicht finden – nicht in ihrer Vollkommenheit – dann vor allem wohl deshalb, weil sich so viele Menschen nicht um solche Gerechtigkeit scheren.

»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

sagt Jesus am Anfang seines Wirkens, und er fügt an:

Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

In Jesus ist diese Zusage einer guten Nachricht für die Armen, die Gefangenen, die Blinden und die Zerschlagenen noch einmal Neu an uns ergangen – ja in Jesus hat sie sich erfüllt, sagt Lukas.

Und auch die Verheißung eines Gnadenjahrs ist erneuert – die Verheißung, dass die ursprüngliche, göttliche Ordnung wieder hergestellt wird, in der für jeden Menschen ein Leben in Freiheit und Würde gesichert ist.

Nun, ich glaube, ich muss euch nicht erst irgendwelche Beispiele erzählen, um euch davon zu überzeugen, dass dieses göttliche Ordnung bis heute noch nicht wieder hergestellt ist.

Und wenn ich heute in die Zeitung schaue und lese, was unser zukünftige Regierung plant, suche ich vergeblich nach guten Nachrichten für die Armen, oder nach einem Befreiungsschlag für die, die in der Schuldenfalle festsitzen oder auf einen Arbeitsplatz angewiesen sind, der sie krank macht.

Vielmehr befürchte ich, dass viele der geplanten Maßnahmen zu einer weiteren Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich beitragen – und nicht zu einem Ausgleich, wie ihn das Jobeljahr verheißt.

»Der Geist des Herrn ist auf mir, …zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Hat sich das in Jesus erfüllt? Oder hilft ein anderes Bild?

An anderen Stellen redet Jesus davon, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

Und wenn wir die Evangelien lesen, sehen wir, dass genau das für Menschen, die mit Jesus zu tun hatten, auch tatsächlich so war.

Denn wo Jesus mit Menschen zu tun hatte, da hat sich etwas für sie verändert.

Menschen, die Krank waren – in einem körperlichen Sinn, aber auch in einem geistlichen Sinn – wurden gesund.

Menschen, die blind waren – im körperlichen wie im übertragenen, geistlichen Sinn – haben begonnen zu sehen.

Menschen, die ausgeschlossen waren von der Gesellschaft und Arm waren – im materiellen Sinn ebenso wie arm an Beziehungen, an Berührung, an Würde, – sind wieder eingeschlossen worden, Teil der Gesellschaft, Teilhaberinnen am Leben.

Menschen, die gefangen waren – von eigener Schuld, oder auch von lebensfeindlichen Mächten und Einflüssen – haben eine Befreiung erfahren.

Und Menschen, die sich auf unrechte Weise bereichert haben – wie der Zöllner Zachäus – haben begonnen, ihre Habe zu verteilen, um die ungleiche Verteilung von Besitz aufzuheben.

In Jesus ist tatsächlich etwas von dieser Verheißung wahr geworden – wo Menschen mit Jesus in Berührung kommen, ist ihnen das Himmelreich nahegekommen.

Es ist nicht nur im Stadium einer Idee geblieben – nicht mehr bloß Utopie – unerreichbarer Ort – sondern greifbar und spürbar und erfahrbar.

Noch hat es sich nicht durchgesetzt. Aber es war sprichwörtlich „zum Greifen nahe“.

Und heute?

Haben wir heute mehr als die Erinnerung an das, was irgendwann einmal in Ansätzen war?

Meine Antwort darauf ist ein eindeutiges JA!

Denn Jesus war viel mehr als nur jener Wunderheiler, über dessen Taten und Macht wir nur staunen können.

Jesus ist auch der, der in die Nachfolge ruft:

Folge mir! D.h. Geh mir nach, leb dein Leben mit mir, lern von meinem Vorbild – und lass zu dass dein Leben sich verwandelt, durch die Gemeinschaft mit mir.

Das ist die erste, große, und wichtigste Einladung an uns alle – an dich, an jeden, an mich:

Folge mir – sie mein Jünger. Teil dein Leben mit mir, und lass dich verwandeln durch die Gemeinschaft mit mir.

Ein Jünger Jesu zu sein – das heißt, sich leiten lassen von Jesus, das heißt ihm zu vertrauen.

Ein Jünger Jesu zu sein – von Jesus zu lernen, darauf danach zu fragen: wie hat Jesus gehandelt, was hat er gesagt, was hat er gemacht.

Ein Jünger Jesu zu sein – das heißt wie Jesus die Gemeinschaft mit Gott zu suchen, sich auszurichten, zu beten, Kraft zu erwarten, Segen – Auftrag und Sendung.

Ein Jünger Jesu zu sein, das heißt seine Gebote zu halten, zu leben wir er, zu entscheiden wie er.

Und ich bin überzeugt, ein Leben als Jünger Jesu zu führen führt letztlich zu beiden.

Es verändert einerseits etwas in mir.

Wo ich gefangen bin, in Schuldgefühlen, in Ängsten, in Sorgen, im Hass – da werde ich frei.

Wo ich blind bin und keinen klaren Blick habe, oder gelähmt, gehemmt oder blockiert, da werden mir die Augen geöffnet und ich werde aufgerichtet.

Wo ich zerschlagen bin, mutlos, verletzt, gedemütigt, da werde ich heil.

All das geschieht vielleicht nicht so unmittelbar und plötzlich wie zur Zeit Jesu – oder vielleicht auch nicht so, dass ich das explizit nur auf den Glauben zurückführen könnte.

Aber doch bin ich gewiss: es geschieht! Und ich kann es im Leben vieler Christinnen und Christen sehen.

Und es verändert sich nicht nur etwas in mir innerlich, sondern es  verändert sich auch mein Verhalten zu meine Mitmenschen und zur Welt.

Wer sich auf den Weg macht als Jüngerin, als Jünger, in der Gemeinschaft mit Jesus als seinem Lehrer und Herrn, der wartet nicht nur darauf, dass irgendwann eine gerechte Welt kommt, sondern er beginnt schon heute an dieser Welt zu bauen.

Wo er Böses vermeiden kann, da lässt er es sein.

Wo er Gutes tun kann, wird er es tun.

Und wo er Menschen in die heilsame Gemeinschaft mit Gott und anderen leiten kann, da lädt er sie dazu ein.

In alledem mögen wir alle nicht vollkommen sein.

Und auch wir können den Himmel nicht aus eigener Kraft auf Erden verwirklichen; dafür sind die Mächte der Sünde und des Todes für uns Menschen zu stark und real.

Und doch ist es auch heute noch war, dass da, wo sich Menschen auf die Gemeinschaft mit Jesus einlassen der Himmel nahe ist.

Und wenn wir auf das endgültige Kommen des Reichs Gottes noch warten müssen, so ist unser Warten ein Warten voll Hoffnung

weil wir durch Christus auf die Überwindung dieser Mächte glauben – nicht die Sünde ist die größte Macht, sondern die Liebe; und nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern Gott.

»Der Geist des Herrn ist auf uns, weil er uns gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit 19 und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Ihr Lieben, es ist heute mein letzte Gottesdienst als euer Aufsichtspastor – darum lege ich euch diese Worte besonders ans Herz:

diese Worte gelten auch euch!

Nicht weil wir uns an Jesu Stelle setzen sollten.

Sondern weil wir als Gemeinde dazu berufen sind, Jesu Hände, Mund und Füße zu sein.

In seinem Sinn zu handeln, zu helfen, zu heilen.

Lasst euch diese Worte ins Herz gehen – als seine Jüngerinnen und Jünger.

Dazu will Gott uns gebrauchen – hier an diesem Ort, als EmK-Gemeinde in Graz.

Der Geist des Herrn ist auch auf euch – ihr seid berufen und seid gesannt als Jüngerinnen und Jünger unseres Herrn.

Gott segne euch dazu. Amen!