22. Oktober 2018

Gottesdienst am 25. Dezember 2017 – Christtag

Predigt: Gerhard WeissenbrunnerEnglish

Johannes 1, 1-14                Licht ins Dunkel

Viele kennen die Spendenaktion „Licht ins Dunkel“. Seit 1978 findet die Kampagne im Fernsehen statt. Jeweils am Heiligen Abend präsentiert der ORF eine 14-stündige Fernsehsendung, in der um Spenden für Sozialhilfe- und Behindertenprojekte in Österreich gebeten wird. Die 2,2 Millionen Zuschauer spenden an diesem Abend ca. 5,7 Millionen Euro.

Sie ist sicherlich eine gute Aktion. Viele bekommen jene Unterstützung, die sie brauchen. Auch der Name ist genial: „Licht ins Dunkel“. Er suggeriert, dass ich durch meine Spende etwas Licht in diese dunkle Welt bringe. Und ich darf auch erwarten, dass sich ein Mensch, wenn ich ihn auch nicht kenne, sich über meine Spende freut. Und vielleicht sogar darüber strahlt.

Jedoch, wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass durch diese Aktion nicht wirklich Licht ins Dunkel kommt. Es ist halt ein Schlagwort, das etwas suggeriert, was es aber nicht erfüllen kann. Genauso wie eine Bank mit dem Slogan „bei uns zählt der Mensch“ Kunden wirbt. Oder eine Versicherung behauptet „wir versichern Leben“. Oder die Wirtschaftskammer meint „geht’s der Wirtschaft gut, geht’s den Menschen gut“. Oder die Supermärkte versprechen, dass „shopping“ glücklich macht.

Wer glaubt denn wirklich, dass diese Slogans ehrlich gemeint sind? Jeder weiß doch, dass Banken, Versicherungen oder Wirtschaftstreibende nur aufs Geld aus sind. Wenn du kein Geld hast, gehörst du nicht zu ihrer Zielgruppe! Und nicht nur die Werbung macht uns was vor. Wir selbst machen uns etwas vor. Wir belügen und betrügen uns selbst. Wir leben in einer Scheinwelt. Aber was sollen wir tun. Wir wissen es zwar, aber wir können es nicht besser.

Vor kurzem sagte zu mir ein guter Bekannter: „Wir sind privilegiert! Wir leben gut. Wir essen gut, wir wohnen gut, wir sind einigermaßen gesund. Wir haben genug. Wir genießen das Leben. Wir können uns leisten, was wir brauchen. Wir sollen dankbar sein!“ Ich antwortete ohne weiter nachzudenken: „ja. Das stimmt!“

Heute ärgere ich mich über meine dumme Zustimmung. Weil, wir sind nicht privilegiert. Wir meinen wir sind reich, doch wir sind arm. Wir leben geistlich in einer Scheinwelt. Wir freuen uns an den Lichtern der Weihnachtsbeleuchtung. Wir freuen uns an den Lichtern in den Schaufenstern und in den Straßen. Und wir wissen genau, wenn es um die Ecke kein Geschäft mehr gibt, wird es dunkel.

Das Licht, das wir Menschen machen können, leuchtet nicht weit. Wie der Strahl einer Taschenlampe sich in der Dunkelheit verliert, so verliert sich auch unser Licht in der Dunkelheit. Ein Mensch braucht nicht erst alt zu werden, um das zu erkennen. Wir leben im Dunkeln. Die Welt lebt im Dunkeln.

Wir haben Angst in der Dunkelheit!

Wenn wir heute Weihnachten feiern so gibt es nur einen wirklichen, tiefen Grund zur Freude. Das ist die Geburt Jesu, den Christus. Er bringt Licht ins Dunkel.
Im Prolog des Johannesevangelium haben wir gelesen (V.4-5): <In Jesus war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht auslöschen können<. und (V.9) >er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet – das Licht, das in die Welt kommen sollte<.

Wir leben geistlich gesehen in zwei Welten. Das eine ist die Schein- oder Schattenwelt mit ihren armseligen, schwachen Nachahmungen. Das andere ist die wirkliche, ewige, zum Teil noch unsichtbare Welt. Sie ist die Welt der ewigen Wahrheit. Nach dieser ewigen, ehrlichen und wirklichen Welt richtet sich unsere Sehnsucht. Nach ihr haben wir Verlangen im tiefsten unseres Herzens.

Jesus Christus macht diese wirkliche und ewige Welt für uns erkennbar. Er ist das Fenster zur Wirklichkeit.

Das Evangelium nach Johannes will uns im besonderen Jesu Herkunft und Herrlichkeit durch seine Handlungen beweisen.

  • zuerst in der Hochzeit zu Kanaan (Joh.2.1-12): er verwandelt urplötzlich Wasser in Wein. In guten Wein. Gott kann das!
  • Oder in der Heilung eines Blindgeborenen (Joh.9): Jesus sah einen Menschen, der blind geboren war. Er sagte zu seinen Jüngern: „Ich bin das Licht der Welt.“ Nachdem er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
  • Oder in der Auferweckung des Lazarus (Joh.11, 1-45): Jesus ging zum Grab von Lazarus und sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen. Und Jesus rief mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kam heraus.
    Jesus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“
  • Oder die Speisung der 4.000, und ein anderes Mal der 5.000. Mit ein paar Fischen und Broten wurden alle satt. Jesus ist: „das Brot des Lebens!“

Jesus Christus repräsentiert die Herrlichkeit Gottes. Er ist Licht, Auferstehung, Brot, Leben, Wahrheit, der gute Hirte, die Tür usw. für immer und für alle Menschen.

Das Johannesevangelium beginnt mit dem Hinweis auf das schöpferische Wort. Am Anfang war das „Wort“. Jesus Christus war das „Wort“. Die Griechen nannten es den „Logos“.

Der „Logos“ hat einen außerordentlich weiten Bedeutungsspielraum und heißt übersetzt: Vernunft, Ordnung, Regeln, Gesetz, Wissen, Denken, Sinn – Alles wird durch den Logos gesteuert. Im ganz weiten Sinn ist die lenkende Kraft der Logos, das Wort, die Vernunft Gottes.

Diese Vernunft Gottes wohnt auch in den Menschen. Es kann sein, dass sie schon mehr oder weniger zugeschüttet ist, aber sie ist in uns hineingelegt. Es ist die Vernunft Gottes, die uns  zu vernünftige Wesen macht. Dass wir erkennen können, was wirkliche Wahrheit ist. Dass wir Gut und Böse unterscheiden können.

Die Vernunft Gottes ist eine Kraft, die in uns Ordnung und Orientierung bewirkt, statt Chaos. In seiner Vernunft tritt Gott an die Menschen heran. Sie brauchen nicht länger im Dunkeln tasten und vermuten.

Die Vernunft Gottes kommt in Jesus zu uns und will uns nahe sein. Wir brauchen nicht mehr flüchten in billige Ausreden, faule Lügen, erfundene Geschichten. Vor Jesus können wir endlich unsere Masken ablegen. Wir brauchen uns nicht mehr verstecken, nicht mehr vor uns selbst flüchten. Wir dürfen sein und uns beschenken lassen.

Kommt, lasst uns nicht weiter in Unvernunft leben! Kommt, lasst uns das Leben suchen. Kommt, wir wollen der Gnade und Wahrheit begegnen. Kommt, lasst uns aufbrechen, Jesus entgegen!

Gott ist Mensch geworden. Aus Liebe zu uns. Er wartet auf uns mit ausgestreckten Händen.
Lasst uns aufbrechen aus unserer Dunkelheit und ihm entgegengehen!

Amen.

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