24. Januar 2018

Gottesdienst am 31. Dezember 2017

31. Dezember 2017
10:00bis11:00

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Galaterbrief 4, 1-7          Freie Kinder Gottes

Liebe Gemeinde, ich möchte heute Bezug nehmen auf den Text aus dem Galaterbrief, den wir in der ersten Lesung gehört haben. Dessen zentrale Botschaft ist die Gotteskindschaft. Dass aus Knechten Kinder geworden sind und sie dadurch, dass sie jetzt Kinder sind, auch zu Erben wurden.

Was heisst das eigentlich? Was heisst das heute für uns, dass wir Gottes Kinder sind?

Und nachdem heute wirklich der allerletzte Tag des Reformationsjubiläumsjahres ist, lohnt es sich meiner Ansicht auch, diese Botschaft von der Kindschaft mit der zentralen Botschaft des Galaterbriefes – der Freiheit  – zusammen zu bringen. Das vergangene Jahr stand ja unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ und ich denke, diese Botschaft passt sehr gut für ein Weiterleben im nächsten Jahr.

Ich werde also heute bei der Befreiung vom Gesetz durch Christus anfangen, dann über die Kindschaft nachdenken, um dann beides zusammen zu bringen: Die Freiheit und die Verantwortung der Kinder Gottes.

Ursprünglich richtet sich der Brief an die Gemeinde oder die Gemeinden in Galatien, die Paulus im heutigen Zentralanatolien gegründet hat. Es handelt sich um einen leidenschaftlichen Kampfbrief, der sich nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln aufhält, sondern unumwunden auf folgendes Problem zusteuert: Offensichtlich hatten strenggläubige Judenchristen Zugang zu diesen jungen Gemeinden gefunden. Diese versuchten jetzt, die jungen Gemeinden davon zu überzeugen, dass sie nur dann Zugang zur Heilsgemeinde hätten, wenn sie in den Verband des Gottesvolkes Israel eintreten würden. Sich also beschneiden ließen und bereit waren, sich dem Gesetz des Mose zu unterstellen.

Damit werden zwei Punkte berührt, die Paulus sein ganzes zweites Leben lang, also nach seiner Bekehrung, bekämpft hat und für die er als Heidenmissionar stets eingetreten ist: Gerechtfertigt allein aus Glauben und gerechtfertigt allein wegen Christus.

Kommt uns bekannt vor, oder? Sola fide und sola Christus. Zwei der vier Schlagworte der Reformation: Allein durch den Glauben und allein durch Christus.

Ich denke, wenn wir heute diese Worte hören und ob ihrer Schärfe überrascht sind oder vielleicht auch widersprechen wollen, sollten wir nie die Zeit außer acht lassen, in der diese Schriften verfasst worden sind. Es ist natürlich und zu Recht ein Unterscheid, ob wir diesen Brief heute lesen oder die galatischen Gemeinden im Frühjahr des Jahres 55. Christlicher Glaube ist am Beginn, ist im Entstehen und deshalb dieses Ringen: Was ist das Wesentlichste am christlichen Glauben? Christus.

Wenn wir also heute selbstverständlich die Gültigkeit der zehn Gebote anerkennen, oder Jesus zitieren, der gesagt hat: „Ich bin nicht gekommen um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern um es zu erfüllen“ (Mat 5, 17-18) dann tun wir es mit 2000jähriger Entwicklungsgeschichte.

Wenn Paulus davon spricht, dass Jesus die, die unter dem Gesetz waren, erlöst hat (V5), dann geht es nicht um die Auflösung des Gesetzes, sondern um die Befreiung von der Uneinlösbarkeit des Gesetzes.

Es geht um die Frage, worauf setzt du deine Hoffnung? Durch was willst du gerecht vor Gott werden? Durch die Erfüllung, also das strenge Halten, des Gesetzes oder durch die Erlösung von deiner Schuld, die Jesus am Kreuz für dich erwirkt hat. Worauf setzt du deine Hoffnung.

An anderer Stelle bringt es Paulus in seinem Brief an die Galater so auf den Punkt: „Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Wege oder durch die Predigt vom Glauben?“ (Gal 3,2)

Dieser Geist, der Heilige Geist, ist ganz entscheidend, um sagen zu können: Ich bin ein Kind Gottes. Damit kommen wir zu den Überlegungen zur Kindschaft.

Ich stelle mir vor, dass damals folgende Fragen bei allen sogenannten Heiden im Vordergrund gestanden sind: Was bitte, habe ich mit dem Gott eines kleinen Volkes, genannt Israel, zu tun? Was geht mich deren Gott an?

Dass dieser Gott sich als universaler Gott, als alleiniger Gott offenbart, hat ausschließlich mit dem Geist des Sohnes zu tun, der in die Herzen von Menschen gesendet wird. Oder wie Paulus später im Römerbrief schreiben wird: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm 8,16) Was bedeutet es nun, ein Kind Gottes zu sein?

Es bedeutet, dass Gott uns die stärkste und innigste Beziehung anbietet, die wir Menschen kennen.

Im Regelfall wird eine Mutter alles, was ihr zur Verfügung steht, einsetzen, um ihr Kind zu retten, wenn Gefahr droht. Sie wird ihr eigenes Leben einsetzen.

Das können wir oft an Säugetieren beobachten. Ich wollte erst Tiere schreiben, aber beim Gedanken an die Fische, die Frösche und die Insekten habe ich mich doch für Säugetiere entschieden. Natürlich gibt es auch hier Sonderfälle, aber das Bild der Bärin, die ihr Junges gegen zahllose Wölfe verteidigt, kennen wir wohl alle.

Und auch bei uns Menschen ist diese Liebesbeziehung der Regelfall. Eine Mutter wird viel, um nicht zu sagen alles, für ihr Kind tun, wenn es Gefahr läuft, Schaden zu erleiden. Viele Mütter denken so. Manche Väter vielleicht auch, aber der Klassiker ist die Mama.

Egal, auch der Umkehrschluss ist im Regelfall stimmig. Die Beziehung zu unseren Eltern ist besonders. Auch wenn es Lebensphasen gibt, wo wir Abstand brauchen oder sie auf den Mond schießen möchten, weil sie uns das Handy weggenommen haben.

Damit komme ich zu einem weiteren Gesichtspunkt von Kindschaft: Kind ist man ewig. Egal, wie alt, wie dick, wie schwer, ob ich es will oder ob ich es nicht will, ich bleibe das Kind meiner Eltern.

Und damit sagt Gott etwas sehr Hoffnungsfrohes in unser Leben: Ich bin und bleibe dein Vater auf ewig. Immer. Es ist nicht von deinem Wollen oder deinem Verhalten abhängig.

Für mich ist das ein großer Trost. Ein Trost, den ich an Worten festmache, die wir auch in einer unserer Abendmahlsliturgie (772) finden: „Als wir uns von dir abwandten und unsere Liebe versagte, blieb deine Liebe unverändert fest.“

Wir verhalten uns oft wie kleine Kinder die trotzig, motzig, verärgert, beleidigt, enttäuscht und alles mögliche andere sind, aber dadurch sieht nur unsere Beziehung zu Gott dementsprechend aus. Die Grundhaltung und die Grundwahrheit werden dadurch nicht berührt: Wir sind und bleiben Gottes Kinder. Der Geist Gottes führt es uns nur spür- und erlebbar vor Augen, wenn die Liebe Gottes auch  in uns eine Antwort findet.

Damit komme ich zum letzten Punkt, der Freiheit und der Verantwortung der Kinder Gottes. Ein Thema, das nicht explizit in unserem Abschnitt angesprochen wird, das ich aber im Hinblick auf das auslaufende Gedenkjahr aufgreife.

Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass Paulus von einer Freiheit spricht, die in ihrer Beziehung zu Christus hin besteht. Eine Freiheit, die ihre Hoffnung auf die Erlösung in Christus setzt und nicht auf die Erfüllung des Gesetzes. Diese Freiheit ist in Verbindung mit Jesus.

Sie hat nichts gemein mit der Freiheit, alles tun zu können, was ich möchte oder egoistische Selbstverwirklichung. Genauso hat sie auch nichts mit einer Loslösung vom Weltgeschehen zu tun. Nach dem Motto: Ich bin frei und unabhängig, weil ich eh keinen Einfluß auf mein Schicksal habe.

Nein, die Freiheit der Kinder Gottes besteht darin, wieder „Abba, lieber Vater“ sagen zu können, wegen Christus. Und das aus einem Wunsch, einer Sehnsucht heraus, Gemeinschaft mit Gott zu haben. Diejenigen, die am Gesetz scheitern und erkennen, dass sie Gott nie mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit dem ganzen Gemüte werden lieben können – diejenigen werden die Erlösung spüren, die mit Christus und mit dem Glauben an ihn kommt.

Ich glaube, diese Freiheit ist gemeint. Und welche Verantwortung?

Paulus schreibt später im Galaterbrief im 5. Kapitel (V6) vom „Glauben, der in der Liebe tätig ist“. Wir MethodistInnen hören natürlich John Wesley bei diesem Satz, aber sein Ursprung ist bei Paulus. Ich glaube, die Verantwortung erwächst aus der Liebe. Wer liebt, dem sind die Dinge nicht egal. Dem sind die Menschen nicht egal.

Und Verantwortung ist ja nicht immer nur eine Last oder eine Bürde. Mit der Übernahme von Verantwortung gewinnen wir Gestaltungsspielraum. Wenn ich die Verantwortung für die

Jugendarbeit in einer Gemeinde übernehme, dann kann ich mich mit meinen Ideen, Vorlieben und Begabungen einbringen. Damit gibt es auch Raum für gutes Gelingen, positive Rückmeldungen und Anerkennung. Also lauter Dinge, die wir ja auch mögen und brauchen.

Wie immer – und das trifft auf beide Begriffe zu – kommt es auf das richtige Maß an. Und zwar nicht auf ein absolutes Maß, sondern auf ein individuelles Maß. Oder ein Maß, mit dem wir im Gespräch sind. Wie weit reicht meine Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung? Darf ich jetzt nur noch Bioprodukte kaufen? Und Mehrwegflaschen? Kann ich manche Orte nicht auch mit öffentlichem Verkehr erreichen, statt mit dem Auto? Oder Freiheit: Reicht es nicht, einmal im Monat in den Gottesdienst zu kommen, um meine Gottesbeziehung leben zu können? Wie oft soll ich beten? Habe ich wirklich die Freiheit, Vergebung zu verweigern?

Ich denke bei vielem wird man aktiv in sich hinein hören müssen, um immer wieder diese Balancen zu finden. Wo lasse ich mich ein, wo sage ich nein. Manches wird den Austausch mit Anderen brauchen. Aber gerade darin liegt die Aufgabe der Kinder Gottes: In Freiheit und Verantwortung zu leben.