21. November 2018

Gottesdienst am 14. Jänner 2018

Predigt: Pastorin Esther Handschin

Johannes 1, 43-51

Liebe Schwestern und Brüder!

in meiner Kindheit und Jugend habe ich leidenschaftlich gerne Verstecken im Wald gespielt, wobei es mir lieber war, mich zu verstecken als die mühsame Suche nach den anderen auf mich zu nehmen. Möglichst weit sind wir davon gerannt und haben uns so versteckt, dass wir möglichst nicht als erste gefunden wurden. Mit der Zeit wurden unsere Verstecke und unsere Taktik immer gerissener: Wir haben uns schlank gemacht hinter dicken Bäumen. Wir haben uns durch das Tannendickicht geschlagen, sind auf Bäume geklettert und haben uns hinter Holzstößen anschleichen. Auf Umwegen und zur Täuschung tauchten wir an ganz anderen Orten wieder auf als wir ursprünglich weggerannt sind, wir tauschten zur Täuschung unsere Jacken, gruben uns in Laubhaufen ein, schmückten uns mit grünen Zweigen und ließen uns manch andere Tricks einfallen, um nicht gefunden zu werden. Nur manchmal, wenn die Entfernung allzu groß oder sehr viel Zeit verstrichen war, wenn niemand anderes mehr in Sichtweite war, dann beschlich einem das eigenartige Gefühl: Ja, werde ich denn eigentlich nicht gefunden? Haben sie mich etwa vergessen? Wissen sie nicht, dass ich noch nicht gefunden wurde?

Es ist etwas Eigenes, das mit dem Suchen und Gefundenwerden. Es gibt Momente, wo wir alles darum gäben, damit etwas nicht aufgedeckt, sondern für immer vergessen und verschwunden bliebe. Das Entdecken, das Gefundenwerden kommt dann einer Entblößung gleich. Wir fühlen uns nackt, beschämt, allein gelassen. Es fehlen uns Schutz und Geborgenheit, der Raum für Deckung und Rückzug. Und auf der anderen Seite gibt es diese Sehnsucht des Gefundenwerdens wie beim Versteckspiel. Vergessen zu werden, nicht gefunden zu sein, das wird als schrecklich erlebt. Es gibt die Sehnsucht, dass jemand da ist, der auf mich wartet, der nach mir sucht, gerade nach mir und nicht nach jemand anderem, der sich darüber freut mich wieder zu sehen und beglückt ist, dass er ausgerechnet mich gefunden hat. Ja, es gibt auch diese Sehnsucht danach, dass etwas aufgedeckt wird, was mich schon lange im Verborgenen beschäftigt. Es gibt das Verlangen, dass endlich gesehen wird, was nicht in Ordnung ist; dass endlich das Spiel nicht mehr gespielt wird, an das sich alle zu halten scheinen, sondern dass die Wahrheit ans Licht kommt und damit die Chance eines Neubeginns da ist.

In der Begegnung von Jesus mit Natanael steckt viel von diesem zweifachen Erleben des Suchens und Gefundenwerdens. Natanael sitzt unter dem Feigenbaum. Im Schatten dieses großblättrigen Baumes trifft sich gern, was Rang und Namen hat in einem jüdischen Dorf. Hier wird gerne die Heilige Schrift studiert und man tauscht sich darüber aus. Da stürmt auch schon Philippus auf ihn zu, voll Überzeugung einen sensationellen Fund gemacht zu haben: „Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazareth, den Sohn Josefs.“ Ein Fund, der bei Philippus Begeisterung auslöst. Er hat schon lange nach dem in den Schriften verheißenen Retter gesucht. Nun hat er ihn gefunden. Nun ist er Jesus begegnet. Nun kann ihn nichts mehr halten. Auf den Ruf von Jesus hin, gibt es für ihn nur eines: Nachfolge, und das ohne Wenn und Aber.

Und Natanael? Er lässt sich von der Euphorie des Philippus nicht anstecken. Er begegnet ihm zunächst einmal mit einer großen Portion Skepsis und Zweifel: „Aus Nazareth? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ Aus diesem Provinznest, von dem es in den Schriften der Propheten nicht die geringste Andeutung gibt, dass dort je einmal etwas Besonderes geschehen wird? Woher auf einmal diese ganze Euphorie? Woher diese Überzeugung, wo es gar keinen Anlass dazu gibt? „Komm und sieh!“ lautet die Einladung des Philippus. Doch wozu soll Natanael dieser Einladung Folge leisten? Lässt sich dieser Fund, den Philippus gemacht hat, etwa noch besichtigen?

Natanael versteckt sich hinter seiner Skepsis und seinem Zweifel wie wir uns als Kinder einst hinter den Bäumen versteckt haben. Und mit Natanael tun es viele Menschen. Sie haben schnell eine Antwort bereit, um der Einladung „Komm und sieh!“ auszuweichen. Es gibt tausend Gründe, hinter die sie sich zurückziehen, um die Begeisterung und Überzeugung anderer nicht auf sich wirken zu lassen. Und es gibt Argumente genug, die wie Verstecke sind, mit denen sie der dringenden Bitte eines Philippus widersprechen. „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Was kann von der Kirche schon Gutes kommen? Sie ist es ja, die diesen Jesus am meisten verraten hat. Ich würde ja schon gerne kommen, aber da ist meine Familie. Oder da ist mein Bedürfnis nach Schlaf oder nach Bewegung und Sport. Ich bin sehr interessiert, aber ich habe auch schlechte Erfahrungen gemacht und darum bin ich zurückhaltend.“

Doch Natanael wird entdeckt. Da ist einer, der ihn sieht. Er hat ihn schon vorher unter dem Feigenbaum sitzen sehen, als vom Finden und Gefundenwerden noch keine Rede war. Jesus hat Natanael schon gesehen als Philippus noch nichts von „komm und sieh!“ gesagt hatte. Er hat ihn schon gesehen als er noch keine Skepsis und keinen Zweifel an den Tag gelegt hatte. Er hat ihn gesehen als der, der er ist. Er hat wahrgenommen, was ihm wichtig ist, was sein Innerstes bewegt, wofür sein Herzblut schlägt. Jesus sagt Natanael auf den Kopf zu: „Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit.“ Jesus hat Natanaels Ernsthaftigkeit, seine Ehrlichkeit gesehen. Er hat seinen Eifer, aber auch den Eiferer in ihm erkannt. Es ist erschreckend, wenn man so durchschaut wird. Es ist erschreckend, wenn uns jemand so auf den Kopf zusagt, was unser Eigenstes ist und wer wir sind. Und wir fragen uns wie Natanael: Woher weiß er das? Woher kennt er mich?

Natanael spürt aber auch: Da ist einer, der hat mich nicht nur durchschaut. Er hat auch meine Sehnsucht gespürt, meine Sehnsucht gefunden zu werden. Hinter den Bäumen der Skepsis und des Zweifels, hinter denen ich mich verstecke, hat er meine eigentliche Sehnsucht durchschimmern sehen. In den falschen Kleidern der Argumente, die ich mir überziehe, um nach außen hin zu täuschen, hat er meine Nacktheit und Scham gesehen. Im dicken Gestrüpp der Behauptungen, die ich mir zurechtlege, hat er einen Kern von Wahrheit entdeckt und will ihn nun ans Licht locken. Was zunächst als erschreckend erlebt wird, das entfaltet auf einmal etwas Wohltuendes und Befreiendes. Der, der mich da durchschaut, gibt mir zugleich mit seinem Blick auch Anerkennung. Er erkennt mich in allen meinen Facetten meiner Person. Ihm brauche ich nichts mehr vorzuspielen. Es liegt alles offen da. Sein Blick spricht mir zu: Ich habe dich erwartet. Ich freue mich, dich zu sehen. Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe, so wie du bist. Ich will dich nicht anders haben, als so wie ich dich vor mir sehe.

Natanael ist gekommen, um Jesus zu sehen. Was Philippus für sich gefunden hat will auch er zu Gesicht bekommen. Doch er ist nicht mehr der, der sieht. Er ist der, der gesehen wird. Er ist nicht mehr der, der findet, was ein anderer gefunden hat. Er wird selbst gefunden. Er ist nicht mehr der Suchende, sondern der Gesuchte. Er wird vom Durchschauten zum Erkannten und Anerkannten. Was ihn bisher in seinem Versteck geschützt hat, die Skepsis, der Zweifel, das Zögern, die Gegenargumente, die Ausreden: Er braucht sie nicht mehr. Es wird auf einmal unwesentlich neben dem, was nun auch Natanael zu sehen anfängt. Und so klingt ein ganz anderer Ton aus seinem Mund: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König in Israel.“ Aus Nazareth kommt dieser König in Israel, aus diesem Provinznest, über das keiner der Propheten je etwas gesagt hat, kommt der Sohn Gottes. Natanael spricht aus, was er sieht und bisher nicht sehen konnte.

Philippus und Natanael, zwei sehr unterschiedliche Menschen, begegnen Jesus. Der eine schon lange auf der Suche und glücklich darüber, dass er nun endlich gefunden hat, was er schon lange suchte. Philippus mit seiner Begeisterung, mit der er auf Natanael zugeht und ihn einlädt: „Komm und sieh!“ Und daneben Natanael, in dem hinter vielen Einwänden und Bedenken die tiefe Sehnsucht steckt, gefunden zu werden. Letztlich ist er froh, dass sich Jesus nicht von seinem Widerstand hat abschrecken lassen. Es tut ihm gut, dass da einer ist, der ihn aushält und der genau hinschaut. Einer, der ihm aufdeckt, was er sich selbst an Hindernissen in den Weg gestellt hat. Einer, der ihn mit seiner Sichtweise hervorlockt aus den Verstecken, in die er sich gerne zurückzieht.

Im Johannesevangelium ist die Begegnung dieser beiden mit Jesus unmittelbar nacheinander zu lesen. Das zeigt, dass Suchen und Gefundenwerden zusammengehören und dass es eine Bewegung ist, die nach beiden Richtungen hin geht. Da ist Philippus, der sich auf die Suche macht und Jesus findet. Jesus selbst ist der Gesuchte und Gefundene. Aber es geht auch anders herum: Da ist Jesus, der Natanael sieht und in ihm einen treuen Gläubigen findet. Da ist Jesus der Suchende und Natanael der Gefundene. Mit dem Suchen und Finden von Gott verhält es sich wohl kaum anders, als wenn zwei Menschen sich in Liebe und Freundschaft einander zugetan sind. Sie können letztlich nicht mehr benennen, wer von den beiden gesucht hat und wer gefunden wurde. Es überwiegt vielmehr die Freude, dass da einer ist, der mich sieht und sich darüber freut, dass es mich gibt. So eben sucht und findet die Liebe. Amen.