22. August 2018

Gottesdienst am 21. Jänner 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Markus 1, 14-20                  Berufung

Liebe Gemeinde, letzten Sonntag haben wir vom Suchen und Gefundenwerden gehört. Am Beispiel von Philippus und Natanael haben wir zwei sehr unterschiedliche Wege in die Nachfolge kennen gelernt. Der eine war sofort überzeugt und begeistert. Der andere war zunächst skeptisch, aber seine Sehnsucht wurde von Jesus erkannt und so konnte auch Natanael sich für Jesus begeistern. Heute möchte ich diesen Weg in die Nachfolge um eine weitere Facette erweitern und das ist die Berufung. Wir haben von 2 Brüderpaaren gehört, die sich in die Nachfolge rufen lassen und diesem Ruf augenblicklich, und ohne wenn und aber, Folge leisten.

Damit bin ich bei meinen Themen für die heutige Predigt angelangt: Welche Menschen beruft Jesus und wie schaut dieser Ruf in die Nachfolge heute aus? Sind auch wir berufen, die frohe Botschaft Gottes zu verkündigen?

Auch wenn ich sonst immer schrittweise vorgehe, möchte ich heute die Reihenfolge umdrehen und die letzte Frage zuerst beantworten: Ja ich glaube, wir sind alle berufen, die frohe Botschaft Gottes zu verkündigen. Und was ist diese frohe Botschaft?

„Du willst ein Lehrer dieser Gemeinde sein und weisst das nicht“ könnte man hier mir, wie damals Nikodemus, entgegenhalten, aber ich will auf etwas Anderes hinaus. Heute würden wir die frohe Botschaft als das Erlösungswerk von Jesus Christus darstellen. Dass wir durch den Tod von Jesus am Kreuz von der todbringenden Folge unserer Sünden erlöst und befreit worden sind. Dass die Gemeinschaft mit Gott durch Jesus wieder ermöglicht wurde.

Aber welche frohe Botschaft meint Jesus dann im heutigen Text? Da er doch lebendig vor seinen Zuhörern und Zuhörerinnen steht? „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft.“

Die gute Botschaft Gottes damals ist, dass der Retter Israels gekommen ist, der Messias. So hat es der Engel den Hirten auf dem Feld verkündet: „Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden.“ (Lk 2,11) Oder letzten Sonntag haben wir gehört, wie Natanael bekennt: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel.“ (Joh 1, 49)

Das heißt,die gute Botschaft damals und die frohe Botschaft heute – übrigends werden beide Evangelium genannt – sind ähnlich, aber nicht gleich.

Jesus ist damals wie heute in einer Schlüsselrolle und ich habe mich schon oft gefragt, wann Evangelium leichter zu glauben war – damals oder heute. Ist es leichter an einen Jesus zu glauben, der mir bezeugt wird oder der leibhaftig vor mir steht. Jesus als ein Mann, der nicht widerspricht, wenn er Sohn Gottes genannt wird und der in der Synagoge in Nazaret bezeugt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt.“ (Lk 4, 21)

Man könnte meinen es ist eine müßige Frage, aber ich glaube sie liefert einen Hinweis auf die erste Frage meiner Predigt: Welche Menschen beruft Jesus in die Nachfolge.

Der heute gehörte Text ist eindeutig. Sowohl Andreas und Simon, als auch Jakobus und Johannes, sind Fischer. Wenn ich an Fischer denke, dann sehe ich entweder die bärtigen Männer in gelbem Ölzeug und Gummistiefeln von der Nordseeküste vor mir oder einen drahtigen, trainierten jungen Vietnamesen, der auf einem Einbaum steht und sein Boot durch ein Flussdelta schiebt.

Fischen, das hat etwas Achaisches, etwas Bodenständiges und es ist ja tatsächlich so, dass es sich ohne komplizierte Apparaturen oder Maschinen betreiben lässt. Natürlich braucht ein erfolgreicher Fischer eine Menge Erfahrung, aber er braucht keine Bildung, er braucht vor allem keine theologische Bildung.

Ich bin mir bewusst, dass ich jetzt eine Annahme formuliere, aber wenn ich mir die vielen Begegnungen und Streitgespräche von Jesus anschaue, die er geführt hat, dann haben sich die theologisch Gebildeten doch besonders schwer mit der guten Botschaft Gottes getan. Und ich glaube nicht, dass es immer nur um Macht und Ansehen gegangen ist, wenn Jesus sich mit den Pharisäern auseinander gesetzt hat. Für Menschen, die durch das Studium der Schriften wissen, „dass niemand das Angesicht Gottes sehen kann und am Leben bleiben wird“, wie wir es im 2. Buch Mose (33, 20) lesen, für diese Menschen muss die Vorstellung, Gottes Sohn in die Augen sehen zu können unerträglich, unmöglich, unglaubbar gewesen sein.

Nicht so für einen Fischer am See Genezaret. Für vier Fischer vom See Genezaret.

Sie sind in der Lage zu glauben, zu vertrauen, sich auf Jesus einzulassen.

Obwohl natürlich auch hier die Radikalität der Nachfolge psychologisch nicht erklärbar ist. Mit keiner Silbe wird je die Frau des Simon erwähnt und was sie vom Entschluss ihres Mannes gehalten hat. Und es muss diese Frau gegeben haben, denn Markus berichtet in weiterer Folge von der Heilung seiner Schwiegermutter, die mit Fieber im Bett lag. Ohne Frau, keine Schwiegermutter.

Aber offensichtlich waren Andreas, Simon, Jakobus und Johannes bereit, ihr Leben grundlegend zu ändern und sich von Jesus rufen zu lassen. Damit ist schon eine Qualität angesprochen, die meiner Ansicht auch heute noch gilt: Bin ich bereit mich rufen, mich berufen, zu lassen?

Auch hier handelt Jesus anders als die Rabbinen seiner Zeit: Ein Rabbi beruft seine Jünger nicht, seine Schüler schließen sich ihm aus eigenem Entschluss an. Sie werden auch nicht für eine Aufgabe, Menschenfischer zu werden, berufen, sondern gehen ein Lehrverhältnis ein.

Menschenfischer. Dieses Wort, diese Aufgabe, hat nicht nur heute, sondern hatte wahrscheinlich auch damals einen negativen Klang und ist deshalb wohl nie zu einem fixen Begriff christlicher Missionssprache geworden.

Am besten ist dieses Wort wohl im ursprünglichen Sinn, in der Situation, sozusagen als Wortwitz Jesus zu verstehen: „He ihr Fischer! Ich will aus Fischefischern, Menschenfischer machen. Ich traue euch das zu. Euer Lebensinhalt soll sich ändern, statt Fische zu fischen, sollt ihr fortan Menschen für das Reich Gottes gewinnen.“ Diese Aufgabe, bleibt auch unsere Aufgabe.

Kehren wir nochmal zur Ausgangsfrage zurück: Welche Menschen beruft Jesus in die Nachfolge?

Grundsätzlich könnte man darauf antworten: Alle Menschen. Und sicher, wenn wir vom Angebot Gottes ausgehen, von seiner Liebe die jedem Menschen nachgeht, dann gilt dieses Angebot tatsächlich allen Menschen. Vielleicht müssten wir daher die Frage ändern und fragen: Wer, welche Menschen, lassen sich von Jesus rufen?

Hier, denke ich, können wir wirklich etwas von den Fischern und Pharisäern lernen. Es braucht diese Offenheit, diese Bereitschaft Jesus zu vertrauen. Gottes Ruf zu hören und einmal ein Stück des Weges mitzugehen. „Komm und sieh“ hat Philippus zu Natanael gesagt.

Für Menschen, die sich die Welt selbst schon erklärt und umfassend ausgelegt haben, ist das natürlich schwierig. Oder zumindest schwieriger.

Berufung in die Nachfolge hat also ganz viel mit Vertrauen zu tun. Ein gegenseitiges Vertrauen. Ich vertraue Gott und Gott vertraut mir. Damit hat Berufung für mich immer auch mit Ermutigung und mit Ermächtigung zu tun: „Ich traue dir“, heißt immer auch „Ich traue dir das zu“

Und was dir fehlt, das werde ich beisteuern, du bist nicht allein. Ich glaube, das ist eine sehr wesentliche Gotteserfahrung: Gott sagt: Ich bin bei dir, du bist nicht allein. Du musst nicht alles aus dir heraus machen und können, sondern du kannst auf mich zählen, denn ich, Gott, helfe dir.

Wie schaut dieser Ruf in Nachfolge heute aus?

Natürlich zunächst einmal ganz individuell. So wie wir Menschen alle verschieden sind und kein Mensch dem Anderen gleich ist. Genauso wie mein Kreuz nicht dein Kreuz sein muss und umgekehrt, kann mein Ruf ein anderer sein wie deiner. Aber. Aber es gibt doch gemeinsame Aufgaben meine ich, die kgNs wie die Mathematik sie nennt, die kleinsten gemeinsamen Nenner.

John Wesley hat die Faustformel geprägt „Meide das Böse, tue Gutes und bleib in einer lebendigen Beziehung zu Gott“. Das ist schon mal ein guter Anfang. In weiterer Folge könnte es vielleicht zu etwas werden, das Rachel Naomi Remen, mit „das Leben segnen“ oder zum Segen für andere werden beschreibt. Vereinfacht gesagt bedeutet es, das Gute im Menschen zu sehen und zu stärken. Ihr Großvater sagt: „Neschume-le“ – das ist nicht schwäbisch sondern jüdisch und bedeutet „liebenswerte, kleine Seele“ – Neschume-le sagt er, ohne Mitgefühl kann die Welt nicht weitergehen. Unser Mitgefühl segnet und erhält die Welt.

Wie schaut der Ruf in die Nachfolge heute aus?

Ich habe hier im Gottesdienst und auch in unseren Gemeindenachrichten schon einmal von dem Projekt „Schulfrühstück“ der Stadtdiakonie erzählt. Wo Kindern deren Konzentrations- und Leistungsfähigkeit nachlässt, ein einfaches Frühstück einmal in der Woche angeboten wird, weil sie möglicherweise zuwenig gegessen haben. Es ist ein Projekt gegen verdeckte oder offene Armut. Mittlerweile melden sich immer mehr Schulen, die an dem Projekt mitmachen wollen und wir haben nicht genügend Menschen, um das Angebot auszuweiten. Vielleicht findet sich heute der eine oder andere, der sich dazu berufen lassen will. Vielleicht müssen wir es nochmal ins Gebet und unseren Freundes- und Bekanntenkreis mitnehmen. Aber es ist sehr konkret. Der Ruf, die Anfrage, ist klar im Raum. Es muss nicht – aber es könnte – dein Ruf sein. Amen