21. November 2018

Gottesdienst am 28. Jänner 2018

Predigt: Christine WalzerEnglish

Markus 1, 21-28                              Sehen und Helfen

Liebe Gemeinde!

Böse Geister? Wie ist es euch nach dieser Lesung gegangen? Irgendwie unangenehm, von bösen Geistern zu hören. Bedrohlich, manche schieben diese Worte vielleicht gleich beiseite. So reden wir heute nicht mehr. Wörter aus früheren Zeiten. Wenn wir heute von bösen Geistern hören, dann verbinden wir es eher mit Hollywoodfilmen oder vielleicht Wunderheilern, aber nicht mit unserer Welt, in der wir leben. Böse Geister, haben sie wirklich nichts mit uns zu tun?

Aber zuerst der Reihe nach.

Zu Beginn der Lesung hören wir, dass Jesus mit Vollmacht in der Synagoge lehrte. Mit Vollmacht? Dieser eigentlich kurze Text wirft sehr viele Fragen auf.

Von jemand eine Vollmacht zu bekommen bedeutet für mich, dass jemand großes Vertrauen in diese Person setzt. Mit einer Vollmacht ausgestattet, weiß die Person die die Vollmacht erhalten hat, dass jemand ganz und gar hinter ihr oder ihm steht. Der die Vollmacht ausstellt traut jemanden viel zu. Es wird darauf vertraut, dass sie oder er genau weiß was er oder sie tut und wovon man spricht.

Jesus spricht mit Vollmacht. Mit der Vollmacht Gottes. Gott weiß, was Jesus kann und tun wird. Seine Liebe und sein Vertrauen stärken Jesus.

Jesus lehrt in der Synagoge mit Weisheit. Er wiederholt nicht Worte oder Phrasen von anderen. Er wärmt nicht alt bewährte Sprüche auf. Jesus verkündet, was er wirklich weiß und erlebt hat. Er ist ganz bei sich und wirkt authentisch. Aus diesem Grund hören ihm die Menschen gerne zu.

Gleich zu Beginn des Markusevangeliums erfahren wir viel über Jesus. In diesem Bild erfahren wir etwas über das Heilshandeln von Jesus. Er handelt wo er Bedarf sieht, ruhig und mit der Vollmacht Gottes. Es liegt ihm nichts daran, dass die Menschen über seine tolle Taten reden. Es liegt ihm daran zu helfen, wenn es nötig ist.

In der Synagoge war ein Mann, der seiner nicht mächtig war. Ein Mann, der einen bösen Geist in sich hatte. In anderen Übersetzungen ist auch von Dämonen die Rede.

Wie kann dieses Bild in unsere Zeit passen? Was können wir davon lernen?

Für mich sind hier drei Punkte sehr wichtig.

Der erste Punkt, der mir bei dieser Geschichte auffällt, ist die Reaktion von Jesus. Er sieht jemanden, der sich sehr auffällig benimmt. Der Mann unterbricht Jesus, er schreit ihn an. Ihn, einen wichtigen Menschen. Als Lehrer in der Synagoge könnte er sich ja ärgern über diese Unterbrechung.

Nein, Jesus wendet sich ihm zu und nimmt ihn wahr. Er erkennt ihn als einen Menschen, der seine Zuneigung braucht. Jesus zeigt Mitgefühl und nicht Abneigung. Mitgefühl einem Menschen gegenüber der lästig ist, der stört.

Hier ist die Stelle, die für mich sehr wichtig ist. Jesus sieht den Mann, er wendet sich ihm aufmerksam zu und hilft ihm. Und das obwohl Sabbat ist. Jesus sieht die Not dieses Mannes, er will etwas tun und zwar gleich. Ob Sabbat ist oder nicht. Jetzt soll diesem Menschen, der Hilfe nötig hat, geholfen werden. Nicht morgen, wenn es wieder erlaubt ist etwas zu tun. Jesus spricht mit diesem Mann mit der Vollmacht Gottes. Mit der Unterstützung Gottes, die so wichtig sein kann, wenn man jemanden helfen will. Er hilft mit der Vollmacht eines Gottes der Liebe und nicht eines Gottes des Gesetzes.

Jemand stört in der Synagoge ganz massiv, er ist laut und aggressiv. Jesus beschäftigt sich mit diesem Mann. Alle sehen es. Dies ist auch ein wesentlicher Teil der Zuwendung für mich. Jesus ergreift Partei. Es ist ihm nicht peinlich mit ihm zu sprechen.

Jesus verletzt die Regeln für jemanden, der unangenehm ist.

Der nächste Punkt, der für mich zentral ist, ist die Frage:

Was kann es heißen, einen bösen Geist in sich zu haben? Oder anders gefragt: was kann einen Menschen daran hindern, selbst bestimmt zu leben?

Ein schwieriges Thema, wie ich finde.

Ein Erklärungsversuch wäre: Wenn Menschen etwas auf übertriebene Weise in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Auf so übertriebene Art, dass es einen Menschen in Besitz nimmt. Das können Handlungen oder Gedanken sein. Denken und handeln wird dann so stark beeinflusst, dass vernünftiges Leben nicht mehr möglich ist. Manche Menschen können dann nicht im Einklang mit sich selbst leben. Diese Menschen verlieren die Orientierung. Es ist als ob sie im Nebel im Kreis gehen. Sie kommen immer wieder am Ausgangspunkt an. Sie gehen und bemühen sich, kommen aber nicht vorwärts.

Es kann bedeuten, dass Gedanken und Handlungen sich verselbstständigen, nicht mehr steuerbar sind. Dass Gedanken den Menschen beherrschen und nicht der Mensch die Gedanken. Man wird so beherrscht, dass man nicht mehr wieder zu erkennen ist und vielleicht sogar beginnt sich selbst zu zerstören.

Oft wissen die Menschen genau, wie sie mit sich umgehen, dass sie sich selbst nicht gut tun. Sie finden aber keinen Punkt, an dem sie aufhören können. Es ist ein Teufelskreis.

Misstrauen und Angst davor, nicht geliebt zu werden, können böse Geister sein. Wenn böse Gedanken über andere Menschen uns beherrschen. Wie schlecht jemand ist, und alles wird misstrauisch beäugt was andere tun.

Mitunter will man Wunden, die einem beigebracht wurden, nicht sehen. Man will nicht wahrnehmen was einem geschehen ist und verdrängt es ganz massiv. Das kann zu Handlungen führen, die gar nicht gesund sind.

Starke Launenhaftigkeit, sich ständig extrem Sorgen machen. Erfolgsstress, Habgier, Lieblosigkeit, ein Mangel an Wertschätzung, dass alles könnte man als böse Geister bezeichnen.

Einige Menschen suchen nach einem Ersatz für Liebe und Wertschätzung. Weil ihnen vielleicht nie Liebe entgegengebracht wurde. Sie wollen eine Sehnsucht stillen, eine Leere füllen. Mit allem möglichen. Viele stellen dann schmerzhaft fest, dass ein Ersatz für Liebe keine Liebe ist.

Dies alles können böse Geister sein, die einen aus Not zum Schreien bringen.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen, ihr wisst sicher genau was ich meine.

Da komme ich zum dritten Punkt: Wie kann man die Not mancher Menschen nicht nur sehen, sondern auch helfen? Wie kann man einem Menschen helfen aus dem Labyrinth der Angst zu entkommen? Wie kann man helfen, eine Leere zu füllen und Sehnsüchte zu stillen?

Da gibt es keine einfache Antwort, kein Rezept. Jedes Problem braucht ganz individuelle Zugehensweisen. Hilfe von Profis, von Therapeuten und vielem mehr.

Jedoch, wie kann ich als Nächste, Nächster, Freund oder Freundin helfen? Als Familienmitglied?

Ein wichtiger Teil der Hilfe ist sicher zu zeigen, dass jede und jeder einzelne es Wert ist geliebt zu werden. Es geht um einen tiefen Respekt und die große Achtung vor der Einmaligkeit jeder Person.

Mit der Vollmacht Gottes können wir das sagen und zeigen. Ich bin davon überzeugt, dass Gott uns diese Vollmacht gibt, wenn wir mit und aus Liebe handeln. Er unterstützt uns, gibt uns die Vollmacht der Liebe und nicht des Gesetzes.

Die Vollmacht Gottes ermutigt uns Verantwortung zu übernehmen. Er traut uns zu, nicht nur zu sehen, sondern auch zu handeln.

Sehen und helfen, in dem Moment wo wir wahrnehmen, dass jemand Hilfe braucht. Vielleicht Partei zu ergreifen für jemand der lästig ist und laut. Oder vielleicht so still und leise , dass er oder sie übersehen wird. Für jemand Partei zu ergreifen über den viele sagen: selber Schuld, das er oder sie das Leben nicht im Griff hat. Selber Schuld am Leid, er oder sie soll sich doch endlich einmal zusammenreißen.

Das Schwere an der Befreiung von Seele und Geist mit zu helfen ist sicher die Beständigkeit der Hilfe. Liebe ist nicht eine einmalige Tat. So im Sinne von: Jetzt war ich wirklich toll und hilfsbereit, jetzt passt das schon.

Liebe, noch weiter ausgeholt, bedingungslose Liebe, bewahrheitet sich durch Wiederholung, durch Geduld und Ausdauer.

Die Art von Liebe, die nicht auf irgendeinen Zeitpunkt wartet. Die Liebe die hört und sieht was gebraucht wird. Die Liebe die zugreift wo es notwendig ist, und auch los lässt wo es angesagt ist. Diese Liebe kann uns ein offenes Herz schenken, das dann zu einer sensiblen Achtsamkeit, für unsere Nächsten, führt.

Es geht nicht schnell, seine Ängste und inneren Dämonen loszuwerden. Zu helfen, Hilfe anzunehmen, die Seele zu stärken, Leere aufzufüllen braucht seine Zeit. Manchmal sehr viel Zeit. Es ist ein Lernprozess, z.B. zu glauben ein liebenswerter Mensch zu sein. Wenn ich einem Menschen begegne der mir Liebe entgegenbringt, merke ich es vielleicht gar nicht gleich. Oder ich glaube es einfach nicht und werde misstrauisch. Es muss oft geschehen, dass die Liebe mir begegnet, dass ich es glauben kann. Das ich Sicherheit und Geborgenheit empfinde.

Es ist auch ein Lernprozess zu erkennen, was einen gefangen hält. Zu erkennen, dass so manche Wunde in mir ist. Das ich nicht außerhalb die Wunden zu heilen versuche die in mir sind. Das ich nicht außerhalb bekämpfe was in mir versöhnt werden will. So etwas kann mit viel Schmerzen verbunden sein, und denen will man manchmal aus dem Weg gehen.

Sich seinen Ängsten, Verletzungen, inneren bösen Geistern zu stellen erfordert sehr viel Mut und Konsequenz.

Ungeachtet aller Schwierigkeiten die beim Heilungsprozess auftreten können, habe ich gesehen und erlebt, dass es gelingen kann. Ich kenne einige Beispiele wo es gelungen ist frei zu werden. Frei von Gedanken und Handlungen die einen treiben und nicht gut für einen sind.

Ich habe gesehen wie Menschen gesund wurden. Nicht so schnell wie in der Synagoge, aber es ist gelungen frei zu werden.

Und immer waren Menschen da, die die Not bemerkt haben und dann taten was angebracht war. Die zu den Menschen gestanden sind, wenn sie angeblich noch so lästig, extrem schweigsam, schwierig und selbst schuld waren. Menschen, die mit der Vollmacht Gottes geliebt haben.

Amen