22. August 2018

Gottesdienst am 4. Februar 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

1. Korintherbrief 9, 14-23               Für alle alles werden

Liebe Gemeinde, für die heutige Predigt habe ich mir den Text der 1. Lesung vorgenommen. Warum? Weil ich der Meinung bin, dass Predigt, als ein Teil des gesamten Gottesdienstes, den wir feiern, unter anderem auch diese Aufgabe hat: Schwierige Texte verständlich zu machen.

Wenn ich jetzt hier in die Runde fragen würde, „Was hast du denn gehört, was ist denn vom Text den wir aus dem 1. Korintherbrief gehört haben, hängengeblieben?“, dann, vermute ich zumindest, würde ich viele „ähs“ und „hms“ und „weiß nicht genau“ hören. Vermute ich einmal. Ich weiß es natürlich nicht, aber ich vermute es. Denn der Text lässt sich schwer aufnehmen. Warum? Weil er, meiner Ansicht nach, in sich zerissen ist, mehrere Botschaften zugleich aussendet und damit schwer fassbar ist. Besonders was den 1. Teil anbelangt, sind wir doch versucht zu fragen: „Lieber Paulus, was willst du uns denn jetzt wirklich sagen?“ Und der 2. Teil lässt uns doch fragen: „Ist das so? Kann und will ich allen alles werden?“

Damit bin ich bei der Struktur für diese Predigt angelangt: Im ersten Teil geht es um die Fragen: Wie schaut es jetzt aus mit dem Lohn? Welchen Lohn gibt es für die Verkündigung des Evangeliums? Sollen wir unserem Pastor jetzt noch ein Geld geben oder nicht? Und im zweiten Teil wollen wir die Chancen und Grenzen des „Allen, alles werden“ bedenken.

Wenn wir, für den 1. Teil, nochmal zum Text zurückkehren, dann haben wir mehrere Aussagen zum Thema Lohn. Einerseits die materielle Komponente: Vers 14 „Die das Evangelium verkündigen, haben das Recht davon zu leben.“ mit der Möglichkeit, auf diese Versorgung zu verzichten Vers 15 „Ich, Paulus, aber habe nichts von dem, was mir zusteht, in Anspruch genommen.“ Und anderseits eine immaterille Komponente, die natürlich stark mit der Bewertung der Freiwilligkeit zusammenhängt: Vers 16 „Ich bin verpflichtet, das Evangelium zu verkündigen, wehe mir wenn ich es nicht täte.“ und der Aussage: Vers 17 „Lohn, gemeint ist materieller Lohn, könnte ich erwarten, wenn ich „die Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen hätte. Ich habe sie aber nicht gewählt, sie ist mir übertragen worden.“

An dieser Stelle möchte ich uns in Erinnerung rufen, dass es Jesus selbst war, der diesen Zusammenhang zwischen Verkündigung des Evangeliums und Entlohnung hergestellt hat. Als er seine Jünger aussendet, weist er sie an, kein Geld in den Gürtel zu stecken. Auch kein 2. Hemd sollen sie mitnehmen, denn: „Wer arbeitet, hat Anrecht auf seinen Lebensunterhalt.“ (Mat 10,10)

Warum also druckst Paulus so herum? Ich denke, weil es bei der Verkündigung des Evangeliums auch um Berufung geht. Um das Spannungsfeld zwischen Berufung und nachvollziehbarer Entlohnung anders zu formulieren: Wie „normal“ ist der „Job“ eines Verkündigers oder ins Heute übertragen, eines Pastors?

Auf der anderen Seite steht die Frage, wieviel Zeit für die Verkündigung bleibt, wenn daneben gearbeitet wird. Wenn Paulus seine Zelte machen muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern.. Wieviel Kraft und Konzentration ist dann noch übrig, nach einem harten Arbeitsalltag? Oder den Vorwurf, den wir aus unserer heutigen Lebenswelt kennen. „Was nichts kostet, ist auch nichts wert.“ Wenn hier jemand arbeitet und wir müssen ihn nicht entlohnen, dann kann ja diese Arbeit nichts wert sein.

In Wirklichkeit geht es auch um die Frage nach Abhängigkeit oder Unabhängigkeit. Unabhängigkeit im Fall des Paulus, von gewissen wohlhabenden Gönnerkreisen, die dann vielleicht eine Sonderbehandlung für sich in Anspruch nehmen wollen. Und Abhängigkeit in besonderer Weise von Gott, der Paulus diese Aufgabe anvertraut hat.

Gerade diese letzte Abhängigkeit kann ich total bestätigen: Ohne Gott könnte ich meine Arbeit niemals tun. Besonders die Verkündigung. Woher sollen denn all die Worte kommen? Wie sonst kann diese Verbindung bestehen zwischen Gottes Wort und dem, was Gott seiner Gemeinde sagen will?

Schlussendlich muss man, glaube ich, festhalten, dass Paulus deshalb nicht ganz eindeutig ist, weil die Situationen, weil das Leben, nicht eindeutig ist. Nicht schwarz weiß ist.

Hier, in dieser Situation, in diesem Brief, geht es Paulus um die Absichtslosigkeit bei seiner Verkündigung des Evangeliums. Er, Paulus ist frei und keinem Menschen gegenüber verpflichtet, will heißen, er ist niemandem in der Pflicht. Er ist unabhängig. Nur Gott abhängig. Weil Gott ihn beauftragt hat, deshalb verkündigt er das Evangelium. Es steckt keine menschliche Absicht dahinter, er tut es nicht, um damit sein Leben zu finanzieren. Paulus will damit wahrscheinlich auch die Reinheit und Unbeflecktheit der frohen Botschaft unterstreichen.

Aber natürlich muss er den Anspruch auf Versorgung irgendwie aufrecht erhalten. Schließlich geht es ja nicht nur um ihn, sondern um alle Menschen, die im Dienst des Evangeliums stehen. Und Paulus kann ja nicht das Jesuswort aufheben: Wer arbeitet, soll dafür auch seinen gerechten Lohn erhalten. Das ist das eine und ja, es gab Situationen, in denen selbst Paulus Geld angenommen hat. Im Philipperbrief schreibt er, dass: „ … keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen, als ihr allein.“ (Phil 4, 15) Insofern darf man also schon dazu beitragen, dass die hauptamtlich angestellten Pastoren und Pastorinnen ein Geld bekommen. So lautete ja die Eingangsfrage: Sollen wir unserem Pastor jetzt noch ein Geld geben oder nicht? Liebe Gemeinde, noch sind wir in Österreich nicht so weit, dass wir unsere Hauptamtlichen aus den Kirchenbeiträgen , aus der Umlage an die Zentralkasse unserer Kirche, bezahlen können. Gesamtkirchlich betrachtet können wir nur deshalb unsere PastorInnen bezahlen, weil wir als Kirche Immobilien besitzen und diese einen Ertrag erwirtschaften.

Meines Erachtens geht es in diesem ganzen Abschnitt über Lohn, Berufung, Unabhängigkeit und Auftrag letztlich um eines: Die Autorität des Apostels Paulus und damit um das Gewicht, dass seinen Worten zukommen soll. So würde ich es einmal zusammenfassen. Daher stimmt die Paralelle zwischen dem was Paulus über sich schreibt, und einem Pastor oder einer Pastorin heute, nur bedingt. Uns eint die Verkündigung, aber nicht die Autorität oder der Kampf für ein unverfälschtes Evangelium. Da liegen doch einige Jahre dazwischen.

Wenden wir uns jetzt einmal dem zweiten Teil zu: Paulus schreibt, dass er sich zum Sklaven aller gemacht hat, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. (V19) Den Juden sei er zum Juden geworden, den unter dem Gesetz Stehenden gegenüber verhält er sich so, als würde er noch unter dem Gesetz stehen. Ein ähnliches Verhalten versucht Paulus gegenüber denjenigen zu leben, die das Gesetz nicht kennen und ebenso möchte er mit Menschen umgehen, deren Gewissen empfindlich ist. Alles immer unter dem Aspekt, Menschen für Christus zu gewinnen.

Das klingt natürlich erst einmal, in meinen Ohren zumindest, ziemlich pathetisch. Mir stellt sich sofort die Frage, ob das echt ist. Und ob das immer so geht. Womit wir bei den Chancen und Grenzen angekommen wären.

Die Chancen liegen natürlich in der Empathie. Dass Menschen dort abgeholt werden, wo sie stehen und Paulus aktiv ihren Hintergrund und ihre Lebensüberzeugungen wahr- und ernst nimmt. Menschen ernst zu nehmen ist, no na, eine gute Grundlage für ein offenes, ehrliches Gespräch.

Die Grenzen eines solchen Verhaltens sind meines Erachtens dort erreicht, wo ich mein Gegenüber nicht mehr als ernstzunehmende, wirkliche Person wahrnehme. Wo ich das Gefühl bekomme, hier spielt mir jemand etwas vor. Meint die Person das wirklich, was sie sagt? Oder sagt sie es nur, um mir zu gefallen. Hier wird eine Grenze erreicht, die ich vorhin echt genannt habe. Ist jemand echt, bedeutet: Ist jemand glaubwürdig. Eine weitere Grenze ist für mich dort erreicht, wo die Motive unlauter werden. Menschen für Christus zu gewinnen mag auf den ersten Blick sehr christlich oder sehr ehrbar sein. Aber auf den zweiten Blick? Mir fallen sofort die Menschen vor dem Grazer Hauptbahnhof ein, die auf mich zugehen, mich freudestrahlend begrüssen und mit mir reden möchten. Und Greenpeace mag ja ein toller Verein sein und Ärzte ohne Grenzen brauchen sicher Geld, aber das Gespräch mit mir wird geführt, damit ich als Kunde gewonnen werde. Wilfried Nausner hat dazu folgende Geschichte von einer geistlichen Krankenschwester erzählt, die ihn im Krankenhaus gepflegt hat. Als er sich für die gute und aufopfernde Pflege bedankt hatte, hat die Krankenschwester sinngemäß geantwortet, er brauche sich garnicht bei ihr zu bedanken, denn sie tue das alles, um sich einen unverrottbaren Schatz im Himmel zu erwerben. Natürlich steht das im Matthäusevangelium (Mat 6, 20), aber wie kommt das an? Genau, es geht garnicht um dich. Es geht um mich und meinen Schatz im Himmel. Das macht natürlich wenig Freude. Hier sind Grenzen erreicht.

Wenden wir uns noch einmal den Chancen zu. Walter Klaiber schreibt, dass die positive Umsetzung dieses paulinischen Ansatzes bedeuten müsste, den Muslimen ein Muslim und den Nicht-Religiösen ein Nicht.Religiöser zu werden. Ich glaube, es lohnt sich über diese beiden Settings nachzudenken. Wie könnte soetwas aussehen, oder geht das garnicht? Nach dem Nachdenken sollten wir uns miteinander unterhalten. Denn wenn ich Klaiber richtig interpretiere, dann geht es nicht um das Gewinnen. Es geht nicht um das Sammeln von Menschen oder die Erhöhung der Mitgliedslisten. Sondern es geht darum, wie wir gut ins Gespräch kommen können. Welches Hintergrundwissen braucht es, welche Worte braucht es und wieviel Empathie braucht es , um einen guten, ehrlichen Austausch haben zu können.                                                 Frank Moritz-Jauk