17. Juli 2018

Gottesdienst am 22. April 2018

Predigt von Pastorin Esther HandschinEnglish

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus als der gute Hirte, dieses Bild löst wohl bei den meisten — seien sie an die Bilder aus der christlichen Welt gewöhnt oder nicht— dieses Bild löst wohl bei den meisten ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit aus. Jesus als ein Hirte, der mich, sein Schaf, führt, leitet und für mich sorgt gegen allen Hunger und Durst; der mich vor den brüllenden Löwen schützt und vor jeglichem Unfall behütet, so wie wir es gesungen haben. Für manche fördert gerade das Lied „Solange mein Jesus lebt“ diese Gefühle besonders zu Tage. Sie haben es zu Hause mit den Eltern vor dem Einschlafen gesungen. Oder wie es mir der frühere Bischof unserer Kirche, Franz Schäfer aus seiner Jugendzeit erzählt hat: als Jugendlicher hat er bei den Sonntagsschulfreizeiten meines Großvaters mitgeholfen. Jeden Abend traf man sich zum Abschluss des Tages vor dem Haus unter dem großen Lindenbaum und hat „Solang mein Jesus lebt“ gesungen. Sich in Erinnerung zu rufen, dass Jesus der gute Hirte ist, das war für viele der Kinder das beste Mittel gegen das aufkommende Heimweh. So fühlten sie sich geschützt und geborgen trotz dem, dass die Eltern und Geschwister so weit weg waren.

Jesus als der gute Hirte, dieses Bild steht in einer langen Tradition von Bildern aus dem Alten Testament. An prominentester Stelle steht da Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Gott selbst ist hier der treu sorgende Hirte. Er sorgt für den einzelnen Menschen, für Nahrung und Bewahrung, für Schutz und gelingendes Leben, auch wenn der Lebensweg durch ein finsteres Tal führt. Die tröstenden Worte dieses Psalms begleiten viele Menschen durch schwierige Zeiten. Doch nicht nur für den einzelnen hat das Bild vom Hirten eine Aussagekraft. Wie wir in der Lesung aus dem Alten Testament gehört haben, hat es auch eine politische Dimension. Der Prophet Ezechiel sagt es den politischen Führern des Volkes Israel an: Wenn sie nicht zur Führung ihres Volkes taugen, wenn sie ihre Aufgaben vernachlässigen und lieber sich selbst statt ihre Herde weiden, dann macht sich Gott selbst zum Hirten seines Volkes. Er will seine Herde nicht verkommen lassen. Er macht sich auf die Suche nach all den zerstreuten, verlorenen und verirrten Schafen.

Jesus als der gute Hirte, dieses Bild ist ein Ausdruck dafür, dass der Mensch das Bedürfnis hat, gut umsorgt und gepflegt zu werden. Und das ist gut so. Der Mensch braucht immer wieder einmal Zeiten, wo er sich zurücklehnen darf, um sich auszuruhen; wo er sich fallenlassen darf, um Kraft zu schöpfen; wo er die Fürsorge und Pflege anderer in Anspruch nehmen darf, um nach einer Verausgabung wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Aber so wie Jesus nicht nur der gute Hirte ist, sondern uns in einer Vielfalt von Bildern und Bedeutungen begegnet, so ist auch der Mensch nicht nur ein Wesen, das sich pflegen und umsorgen lässt. Gerade wenn wir die Entwicklung von Kindern — seien es die eigenen, die Enkelkinder oder fremde Kinder — mitverfolgen, so wird das deutlich, dass sie nicht nur anfangen zu krabbeln und sich fortzubewegen. Die Kinder stellen sich bald einmal auf ihre eigenen Füße. Sie stehen auf, tun Schritte weg von der vertrauten Umgebung hinein in ihre eigene Welt, in ihr eigenes Leben. Es ist ein ungemeiner Drang da, etwas zu begreifen, selbst anzupacken, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, erwachsen zu werden.

Jesus als der gute Hirte: Dieses Bild verlockt dazu, sich nicht nur sich körperlich umsorgen zu lassen. Manche Menschen möchten auch im Bereich des Glaubens lieber unmündig bleiben und ihre eigenen Verantwortung auf andere abwälzen. Wenn wir uns Jesus als den treu sorgenden Hirten vor Augen halten, so können wir darin alle unseren kindlichen Sehnsüchte sehen, die wir auch als Erwachsene noch in uns tragen.

Er trägt uns auf seinen Armen, wenn wir schwach werden, so wie einst der Vater uns auf die Schultern genommen hat, wenn die kurzen Beine müde geworden sind beim Sonntagsspaziergang. Aber wer sich immer auf den Schultern oder Armen tragen lässt, stärkt und übt seine Muskeln nie, um auch das Gehen zu lernen. Dass der Hirte uns zu Futterplätzen und zum frischen Wasser führt, darin begegnet uns eine Mutter, die sich um Nahrung und ausreichendes Wachstum kümmert. Doch wer diese Aufgabe immerzu andern überlässt, lernt es nie seine Sinne zu schärfen, um selbst Futter und Wasser zu finden.

So möchte ich neben das Bild von Jesus als dem guten Hirten noch ein anderes Bild stellen. Es ist Jesus, das Lamm Gottes. So stellt ihn uns Johannes der Täufer vor. In der Überlieferung des Johannesevangeliums sieht er, dass Jesus zu ihm kommt und sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, ist ein Bild für Jesus, der sich für uns hingibt und stirbt. Das ist ein Gegenbild zum manchmal fast allmächtig erscheinenden Hirten. Das Lamm ist ein schwaches, ohnmächtiges Opfertier. Es kann sich nicht wehren. Es hat weder Hörner noch spitze Zähne. Es wird zum Schlachten geführt und kann sich nicht gegen seinen Tod zur Wehr setzen. Jesus ist nicht nur der gute Hirte, er ist auch das Lamm. Er hat sich selbst zu einem Opferlamm gemacht. Als das Lamm Gottes hat er die Sünde der Welt weggenommen, um uns dadurch das Heil zu schaffen.

So ist Jesus, das Lamm, umso mehr ein wahrer Hirte, weil er sein Leben lässt für die Seinen. Und damit kehren wir zurück zu unserem Text der Predigt. Denn darin unterscheidet sich der wahre gute Hirte von einem Hirten, der als bezahlter Knecht (Mietling) auf die Schafe seines Herrn schaut. Wenn der Wolf kommt, so macht sich ein solcher Knecht aus dem Staub. Der gute Hirte hingegen lässt sein Leben für die Schafe, die ihm anvertraut sind. Wo aber der Hirte zum Lamm wird und dafür sorgt, dass seine Schafe Heil und Leben erlangen, da werden die Schafe frei von der Sorge, sich um ihr eigenes Seelenheil kümmern zu müssen. Da werden die Schafe frei, selbst zu Mit-Hirten des einen großen Hirten zu werden.

Was heißt das, wenn Schafe zu Mit-Hirten werden? Wir werden dazu eingeladen, selbst Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für unser eigenes Leben und für unseren Glauben, Verantwortung in der Begleitung und Sorge um andere Menschen, Verantwortung im Dienst an dieser Welt. Gleichzeitig sind wir dazu eingeladen es einzuüben, was unsere Sorge, was unsere Aufgabe ist, und was wir getrost der Sorge und Pflege des großen Hirten überlassen können. Denn nur wenn wir uns das immer vor Augen halten, dass für das Heil von uns selbst und der uns anvertrauten Menschen schon gesorgt ist durch den großen Hirten, dass er uns erlöst hat, nur dann bleiben wir frei mit aller Kraft Mit-Hirten und -Hirtinnen zu sein.

Als christliche Gemeinde haben wir hier die Chance das im Übungsfeld der Gemeinde zu trainieren. Wir können uns üben in gegenseitiger Anteilnahme und Fürsorge. Wir erfahren gegenseitige Begleitung nicht nur im alltäglichen Leben, sondern wir wachsen aneinander und miteinander auf dem Weg des Glaubens. Da finden wir einen Mit-Hirten, der eine ähnliche Situation erlebt hat und sich in uns hineinversetzen kann. Er hilft uns damit umgehen zu lernen. Oder wir leiten ein anderes Schaf aus der Herde an, in einer Frage, mit der wir uns schon seit längerem beschäftigen, selbst eine Lösung zu finden. Eine Gemeinde ist jedoch nicht nur ein Übungsfeld gegenseitiger Fürsorge. Eine Gemeinde ist ebenso auch Entdeckungsraum von Begabungen und Fähigkeiten. Hier kann Neues gewagt und eingeübt werden. Hier darf man sich verändern und es gibt sogar Menschen, die sich mitfreuen selbst über kleine und kleinste Schritte, die gelingen.

Angesichts dieser vielen Möglichkeiten einander zu Mit-Hirten zu werden, sollen wir uns jedoch drei Dinge vor Augen halten, auf die uns Jesus mit seiner Rede vom guten Hirten hinweisen will.

Erstens: Die große Grundunterscheidung dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: Jesus ist der Hirte, wir aber sind Mit-Hirten. Jesus hat als Lamm Gottes für unser Seelenheil und für das Heil der Seelen, die uns anvertraut sind, gesorgt. Unsere Aufgabe ist es nicht, dies noch einmal zu tun. Bei aller Möglichkeit zur Übernahme von Verantwortung, die uns gegeben ist, die Verantwortung für das Heil unserer Nächsten, die können wir getrost abgeben. Dafür brauchen wir uns nicht ins Zeug zu legen. Das ist schon getan und geleistet. Diese Grundunterscheidung ist uns dann eine Hilfe dazu, dass gegenseitige Fürsorge und Anteilnahme sich nicht zu gegenseitiger Bevormundung auswächst, sondern dass jeder und jede frei bleibt, den eigenen Weg zu gehen.

Zweitens: Der gute Hirte kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn. Der gute Hirte ist es, der mich kennt. Er ist ganz für mich da. Jesus kennt mich mit meinen innersten Bedürfnissen und mit meinen tiefsten Sehnsüchten. Ihm kann ich sie zeigen. Ihn kann ich hineinblicken lassen in das, was mich umtreibt und beschäftigt. Er verurteilt mich nicht, sondern nimmt mich an, so wie ich bin. Jesus lässt mir die Freiheit und den Freiraum mich zu verändern und in ihm, in Christus, ein neuer Mensch, eine neue Kreatur zu werden. Er legt mich nicht fest auf eine Rolle. Er presst mich nicht in ein Schema oder in einen Bilderrahmen. Denn das ist die andere Gefahr, die es neben der Bevormundung statt Fürsorge gibt. Auch wenn es in einer Gemeinde viel Freiraum zur Entdeckung der unterschiedlichen Fähigkeiten und Gaben gibt, wir stehen immer in der Gefahr einander auf Rollen und Verhaltensweisen festzulegen. Wir stehen immer in der Gefahr das Alte zu zementieren statt Neues zuzulassen. Da hilft es uns zu wissen, dass uns der gute Hirte besser kennt als jeder Mensch. Er kennt auch meine Fähigkeiten und Möglichkeiten, die noch tief in mir drin schlummern und mir selbst noch verborgen sind.

Drittens: Der gute Hirte hat noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind. Der gute Hirte ist nicht nur mein guter Hirte und er ist nicht nur der Hirte der Herde, in der ich mich gerade befinde. Der gute Hirte ist auch Hirte so mancher Schafe außerhalb der Herde. Er sucht die verlorenen Schafe und wir als Mit-Hirten sind eingeladen, ihm dabei zu helfen. Doch wiederum gilt: Wir tragen nicht die Verantwortung dafür, dass die verlorenen Schafe nur dann Erlösung und Heil finden, wenn wir sie zu einer Herde führen. Das ist die Aufgabe des großen Hirten. Und er kennt noch Mittel und Wege, die uns verborgen bleiben. Ihm dürfen wir gerade die Sorge um diese verlorenen Schafe anvertrauen, wenn wir dabei an die Grenze unserer Kräfte und Möglichkeiten kommen.

Jesus als der gute Hirte und Jesus als das Lamm Gottes. Beide Bilder schöpfen tief aus dem Reichtum der biblischen Tradition. Und selbst wenn heute niemand mehr von uns im Bereich der Viehzucht oder als Hirte tätig ist, so spüren wir doch, wie wohltuend und gleichzeitig herausfordernd diese beiden Bilder für uns sind. Jesus als der gute Hirte zeigt uns, wie Gott für uns selbst und unsere Mitmenschen sorgt. Jesus als das Lamm lässt uns etwas erkennen von der Hingabe Gottes für uns Menschen und seiner Bereitschaft, sich für uns bis zum letzten, ja bis zum Tod einzusetzen. Wir sind eingeladen als Mit-Hirten und Mit-Hirtinnen gut füreinander zu sorgen und gleichzeitig herausgefordert, die Verantwortung für unser Heil und das Heil unserer Mitmenschen ganz dem guten Hirten zu überlassen, der uns kennt wie kein anderer.

Amen.