17. Juli 2018

Gottesdienst am 29. April 2018

Predigt: Frank Moritz-Jauk

1. Johannesbrief 4, 7-21            Wo Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz                                          

Liebe Gemeinde, als Predigttext habe ich heute den Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief ausgewählt. Was mich dabei spontan angesprochen hat, war die Passage zum Thema Angst. Und nachdem wir als Gemeinde und als Einzelpersonen, als Angehörige und Mitfühlende gerade eine intensive Zeit der Abschiede erleben, denke ich, dass es sich anbietet, sich von Gott aufrichten zu lassen.

Mein heutiges Thema ist Vers 18: Wo Liebe regiert, da hat die Angst keinen Platz.

Das soll einmal die Überschrift sein unter der wir den heute gehörten Text bedenken wollen. Oder heute sollte ich vielleicht besser das Wort „hören“ im Sinne von anhören, annehmen, gebrauchen.

Es ist heute kein schwieriger Text in der Art, als er schwierig zu verstehen wäre. Die Aussagen sind klar und verständlich. Wer Gott liebt, der ist aus Gott geboren. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt. Gott ist sichtbar geworden in seinem Sohn, der für uns das Leben gewonnen hat. Seine Liebe hat uns von Grund auf erneuert und so weiter.

Das alles sind klare, kurze Sätze mit einer eindeutigen Aussage. Sie sind nicht schwierig zu verstehen. Die Schwierigkeit scheint mir woanders zu liegen: Es geht nicht darum, ob wir diese Aussagen verstehen, sondern ob wir ihnen glauben. Oder noch weiter zugespitzt: Ob wir die Gewissheit in unserem Herzen spüren, dass dies wahr ist, das dies tröstet, dass wir diesen Aussagen wirklich vertrauen können.

Wenn – ja wenn da nicht der Zweifel wäre.

An dieser Stelle möchte ich den ersten großen Trost aussprechen, die erste große Solidaritätserklärung: Jeder und jede, die diesen Zweifel fühlt, jetzt fühlt, ist damit nicht allein. Das geht nicht nur dir so. An deine Seite stelle ich eine berühmte Führungspersönlichkeit unserer Kirche, niemand Geringeren als den Gründer der methodistischen Bewegung selbst, niemand anderen als John Wesley.

John Wesley, das Pfarrerkind, der ausgebildete und ordinierte Pastor, der Mitbegründer des Holy Club, stellt auf seiner Überfahrt nach Amerika 1736 fest, „dass er nicht bereit war zu sterben.“ An Bord des von schweren Stürmen arg gebeutelten Schiffes stellt er fest, dass ihm die Heilsgewissheit fehlt. Was heißt das anderes, als dass auch er gezweifelt hat? Wesley hat gezweifelt und er war beschämt, dass zuzugeben. Zuugeben, sich selbst und seinem Tagebuch hat er es zugegeben. Er war gleichzeitig tief berührt vom Glauben der Herrnhuter Brüder, die auch trotz der über das Schiff brechender Wogen ihren Psalmgesang „ruhig und ohne Unterbrechung“ fortgesetzt haben.

Wir haben an dieser Stelle also beides: Den Zweifel im Angesicht des Todes und die ruhige, gelassene Gewissheit des Glaubens, ebenfalls im Angesicht des Todes, sollte das Schiff mit Mann und Maus untergehen. So selbstverständlich scheint diese Gewissheit also nicht zu sein, die wir im Text gehört haben.

Und dennoch liegt diese Gewissheit für uns bereit. Sie ist erfahrbar. Auch hier möchte ich nochmal auf John Wesley hinweisen, der eben beides erlebt hat. Seine Zeit des Zweifels, ebenso wie seine Erfahrung der Gewissheit. John Wesley erfährt diese Gewissheit im berühmt gewordenen Erlebnis am 24. Mai 1738 in der Gesellschaft in der Aldersgate Street. Er erfährt, dass Glaube als Vertrauen keine lehrsatzhafte Wahrheit ist, sondern erlebbare Wirklichkeit.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was dazu geführt hat, dass Wesley diese Gewissheit erfahren hat?

Ich maße mir nicht an, dies mit Sicherheit sagen zu können, aber jetzt am Montag der vergangenen Woche bin ich bei der Lektüre eines Textes über die Rechtfertigungslehre über eine Passage gestolpert, die aufschlussreich sein könnte.

Theodor Runyon, der Verfasser dieses Textes und sehr bekannter methodistischer Theologe meint, dass es das Loslassen war, das zu dieser Heilsgewissheit Wesleys geführt hat. Und zwar ein noch vollständigeres Loslassen, als wir es durch unseren evangelischen Schlüsselsatz „Gerechtfertigt allein aus Glauben“ gewohnt sind und den natürlich auch Wesley kannte. Aber, so meint Runyon, erst als Wesley wirklich losgelassen hat, also wirklich nicht seiner, sondern der Kraft Christi vertraut hat, erst da konnte er die Erfahrung des Heils, diese Erfahrung der Gewissheit des Heils machen.

Ist natürlich eine These, was wirklich geschehen ist, wissen wir nicht.

Aber ich finde, der Gedanke hat etwas für sich. Es lohnt sich darüber nachzudenken, denn Runyon verweist auf weiterführende Schriften und Gedanken von Wesley.

Diese besagen, dass es beim Loslassen nicht einmal auf unseren Glauben oder die Stärke unseres Glaubens ankommt.

Eine These, die ganz entgegen weitverbreiteter oder zumindest bekannter evangelischer Frömmigkeit reicht. Wir kennen das vielleicht aus vorwiegend evangelikalen Kreisen oder der Berührung mit diesen Kreisen: Wenn irgendetwas nicht passt, ob erwünschte Heilung oder die Errettung vom Tod oder eben eine vollkommene Gewissheit des Aufgehobenseins in Gottes Liebe, dann „Hast du oder ich eben zuwenig geglaubt.“

Genau dem hält Wesley mit Worten seines Freundes Christian David entgegen:

„Wir sollten uns nicht auf etwas stützen, was wir fühlen, oder gar etwas, was wir tun, als ob das vor der Rechtfertigung oder der Vergebung der Sünden notwendig wäre…Zu denken, du müsstest zerknirschter, demütiger, trauriger sein, das Gewicht der Sünde stärker spüren, bevor du gerechtfertigt werden kannst, hieße deine Zerknirschung, deine Trauer, deine Demut zur Grundlage der Rechtfertigung machen.“

Und nicht das Geschehen, das in Christus ist.

Wesley bringt es in seiner Lehrpredigt 20 noch einmal so auf den Punkt: „

„Die Gerechtigkeit Christi ist das ganze und einzige Fundment unserer Hoffnung. Durch den Glauben befähigt der Heiligen Geist uns dazu, auf diesem Fundament zu bauen. Diesen Glauben schenkt Gott. In diesem Augenblick sind wir von Gott angenommen – nicht um dieses Glaubens, sondern um dessen willen, was Christus für uns getan und erlitten hat.“

Das waren jetzt viele gescheite Männer die ich hier zitiert habe, aber das Entscheidende ist der Hinweis, wie so etwas wie Gewissheit entstehen kann: Loslassen.

Meinen Glauben weniger von dem abhängig zu machen, was ich tue, wie stark ich mich bemühe oder was ich spüre, sondern dem Wort und dem Wirken des Heiligen Geistes vertrauen.

Die Bewegung ist eindeutig: Weg vom ich, hin zum du, zu Gott.

Auf diesem Hintergrung können wir vielleicht auch das Wort Jesu vom Glauben wie die Kinder anders hören: „Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mat 18,3)

Was tun die Kinder?

Sie glauben, weil sie Mama und Papa vertrauen. Sie ahmen das Lächeln nach, das sie im Gesicht der Mutter sehen. Sie spüren die Liebe und suchen nach Wegen, wie sie die Liebe erwiedern können.

Ja, ja die Kinderleins.

Vielleicht hätte Jesus noch präzisieren sollen: Die süßen, kleinen Kinderleins. Wehe wenn sie älter werden.

Aber lassen wir das, kein Bild kann alles leisten. Ich denke Glauben als wirkliches Vertrauen, als „so nehmen können.“ kann trösten.

Kehren wir noch einmal zum Text zurück: „Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz.“

Vielleicht ist noch ein anderes Bild hilfreich, dass uns helfen könnte der Angst keinen Raum in unserem Fühlen und Denken zu geben. Ein Bild das ich aus dem Mittwochstreff mitgenommen habe: Dort wo ein Platz besetzt ist, hat nichts anderes Platz.

Anna Streifeld hat über Bäume referiert. Aus einem Buch erzählt könnte man auch sagen, aber referiert klingt einfach viel besser und wissenschaftlicher. Jedenfalls, hat sie vom Leben der Bäume im Allgemeinen und von einem Buchenwald im Speziellen gesprochen. Im Buchenwald sorgen die großen Bäume für die kleinen Bäume. Die Mama-Bäume für die Kinder Bäume. Warum? Weil nur 3% des Sonnenlichts bis zum Boden gelangt und das wäre für die kleinen Bäume einfach zuwenig. Warum nur sowenig Licht nach unten gelangt? Weil der Platz an der Sonne besetzt ist von den großen Bäumen. Die kleinen Bäume müssen warten, bis ihre Zeit kommt. Da können schon einmal 80 Jahre ins Land ziehen.

Wie gesagt kein Bild kann alles leisten, aber dieses Bild sagt: Der Platz an der Sonne, der Platz in meinem Herzen, im Zentrum meines Fühlens und Seins ist von den großen Bäumen, der Liebe, besetzt. Die kleinen Bäume, die kleinen Ängste, die müssen noch warten. Leider ist gerade kein Platz für sie, so dass sie sich jetzt nicht entfalten können.

Ob das jetzt von den großen Bäumen gemein ist oder ob gehört worden ist, dass die Großen die Kleinen ja mitversorgen bis ihre Zeit gekommen ist, lasse ich jetzt dahin gestellt. Ich wollte dem Text noch das „Platz besetzen“ Bild zur Seite stellen. Wenn die Liebe regiert, wenn die Liebe bestimmt, wenn die Liebe den Platz in meinem Herzen einnimmt, dann hat die Angst keinen Platz. Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst.

Und ein Letztes vielleicht noch zum ganzen Thema: Die Angst ist nicht die Trauer.

Die Trauer berührt meine Verlusterfahrung. Der Mensch der gestorben ist fehlt mir. Er fehlt mir, weil ich ihn geliebt habe. Und wie lange es dauert, bis ich mit diesem Verlust gut oder besser umgehen kann, ist sehr unterschiedlich. Das ist die Trauer.

Die Angst hat mit meiner Gottesbeziehung zu tun oder sagen wir es in diesem Kontext einmal so: Jeder Tod den wir erleben, weckt die Erinnerung an unseren eigenen, bevorstehenden Tod in uns.

Die Angst ist also die Angst vor unserem eigenen Tod oder die Angst vor dem, was dann sein wird.

Über den Tod als Ganzes und seine Verstrickung in unser menschliches Dasein möchte ich jetzt nicht eine neue Predigt beginnen, sondern beim Text bleiben: „Wer sich also noch vor dem Gericht fürchtet, bei dem ist die Liebe noch nicht zum vollen Durchbruch gekommen.“

Das aber ist die Botschaft die wir hören, glauben, in aller Demut unabhängig von unseren eigenen Gefühlen annehmen sollen: Dort wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz.

Christus hat diese Liebe zu uns gehabt und damit sind wir vor Gott gerechtfertigt. Alles was es für das Leben brauchte, hat Christus für uns getan. Damit hat die Angst keinen Platz für den, der da glaubt und gerettet ist. Amen