20. Mai 2018

Gottesdienst am 6. Mai 2018

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

Johannes 15, 9-17             ein „Liebe-lern-Prozess“English

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ (Joh.15,12) Das ist das bedeutendste Liebe-lern-Programm, das die Welt je gehört und gesehen hat. Die Liebe Gottes unter den Menschen, Jesus Christus! 

Welch ein Mensch weiß von sich aus, wie groß und grenzenlos Liebe sein kann? Die Liebe der Menschen zueinander ist begrenzt. Ja, wir mögen unsere Partner lieben, unsere Kinder, unsere Familie und so manche Eigenheiten. Dabei wissen wir, unsere Liebe hat Grenzen. Und doch spüren wir eine Sehnsucht nach mehr.  Unzählige Schnulzen besingen romantische Liebesgeschichten und lassen uns einen Traum träumen, nämlich wirklich geliebt zu sein. 

„Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht!“ singt das verliebte und getraute Paar am Ende der Operette „der Zigeunerbaron“ von Johann Strauss jun.
Wer einmal verliebt war oder gerade verliebt ist, weiß von der Macht der Liebe. Sie fühlt sich tragisch an, wenn sie nicht erwidert wird. Aber sie fühlt sich großartig an, wenn sie erwidert wird. Dann fühlt man sich im siebenten Himmel. Dann spürt man sie, die Himmelsmacht. 

Jesus lebt diese himmlische Liebe. „Wie mich mein Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt!“ (Joh.15,9) Gott, dessen Wesen Liebe ist, offenbart sich im Sohn. Der Sohn erfährt diese Liebe und gibt sie weiter. Jesus erfährt und erlebt: „ich bin geliebt!“

Dieses „ich bin geliebt!“ vermittelt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern. Und sie durften in Jesu Leben, Sterben und Auferstehen ebenso erfahren: „sie sind geliebt!“
Überwältigt von dieser Liebe, haben sie die frohe Botschaft weitergegeben. Sie sind hinausgegangen in die Welt und haben verkündigt: „Gott liebt mich!“ Und seither verkünden unzählige Jüngerinnen und Jünger den Kern des Evangeliums: „ich weiß, ich bin geliebt!“

Allerdings hat es eine eigene Bewandtnis mit der Liebe. Sie ist das einzige, das zunimmt, indem man sie verschwendet. Liebe will gelernt werden!
Aber wie soll das geschehen? Jesus gibt seinen guten Rat: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben.“ (Joh.15,10)
Was sagt unser Herr hier? Bindet er hier seine Liebe an die Gebote? Heißt es nicht, Gott liebt bedingungslos, ob groß oder klein, ob schlank oder dick, ob reich oder arm, ob schwarz oder weiß? Heißt es nicht, die Liebe Gottes gilt allen Menschen, ohne Ansehen der Person? Und jetzt knüpft Jesus eine Bedingung daran?

Ja, so steht es geschrieben und wir lesen es. Doch warum?
Es ist die natürlichste Sache der Welt, dass auf eine Zuwendung eine Antwort kommen soll. Dadurch lernen wir. Die Mutter lächelt ihr Baby an, das Baby sieht das Lächeln und lernt zu lächeln. Verliebte geben aufeinander acht und lernen sich kennen. Man interessiert sich für eine Sprache, und bevor man sie sprechen kann, lernt man sie. Wir bewegen uns im Straßenverkehr und lernen zu unserem Schutz die Regeln.

So ist es auch mit den Geboten Gottes. Sie sind Weisungen seiner Liebe. Indem wir die Gebote befolgen und leben, lernen wir die Liebe.

Im letzten theologischen Gespräch ist der Gedanke der Abhängigkeit von Gott und von Jesus aufgetaucht. Dabei hat jemand ziemlich energisch reagiert und auf Freiheit plädiert. Wenn Gott Befreiung schenkt, dann passt es doch nicht, wieder von etwas abhängig zu sein? Freiheit bedeutet doch auch nicht von „Gott“ oder „Jesus“ abhängig zu sein? Sonst wäre es doch ein Widerspruch! Verschiedene Argumente der TeilnehmerInnen führten in eine angespannte Stimmung. Dann plötzlich löste sich die Spannung. Christoph wandte ein: ersetze die Wörter „Gott“ oder „Jesus“ durch das Wort „Liebe“. Und plötzlich wurde es klar. Wir wissen aus unserem Leben, Liebe macht abhängig. Liebe schränkt gewisse Freiheiten ein. Liebe sucht nicht die Freiheit von etwas, sondern zu etwas. 

Und Liebe sucht eine Antwort. Gott sucht eine Antwort. Seine Gebote sind lebensfördernd. Sie sind gut. Sie sind Wegweiser. Sie sind Richtschnur. Sie geben die richtige Richtung vor. Sie sind leichter zu halten als nicht. Sie nicht zu halten ist lebensverneinend und lebensabweisend. Gottes Gebote sind das Liebe-lern-Programm auf der Suche nach Glück.

Ich nenne ein Beispiel:
Wir kennen das dritte Gebot: „du sollst den Tag des Herrn heiligen!“ Für die Menschen jüdischen Glaubens ist es der Sabbat. Für die Christen ist der „Tag des Herrn“ der Sonntag. Nun hat sich bei uns eingebürgert, dass der Sonntag ein arbeitsfreier Tag ist. Und die meisten haben auch frei am Sonntag. Ich kenne viele Menschen, die sich Christen nennen, und sich am Sonntag die Freiheit nehmen, alle möglichen Freizeitgestaltungen zu nützen und dabei eigentlich den Gottesdienst nicht vermissen.
Ich möchte klarstellen, dass ich mich nicht befugt fühle, sie zu kritisieren. Aber ich stelle auch klar, dass sie einem großen Irrtum unterliegen, wenn sie meinen, sie brauchen den Gottesdienst nicht. Sie würden Gott auch in der Natur finden oder in gewissen Gemeinschaften unter Menschen.
„den Tag des Herrn zu heiligen“ heißt nämlich nicht, nur nicht zu arbeiten. Sondern es heißt, in die Gemeinschaft Gottes zu kommen. Im Gottesdienst tut Gott einen besonderen Dienst an uns. Es ist der wöchentlich verheißene Liebe-lern-Tag. Hier höre ich den Zuspruch Gottes: „du bist geliebt!“ in besonderer Weise.
Der Sonntag ist dazu da, um die Liebe zu lernen. Die Liebe Gottes lernen wir nicht in der Natur, oder in der sportlichen Betätigung, oder im Ausschlafen. Dort lernen wir vielleicht Dankbarkeit, oder Respekt, aber nicht Liebe.

Ein gutes Beispiel, wie die Gebote Gottes zu verstehen sind, können wir von den jüdischen Mitmenschen abschauen. Von der Geburt weg erfahren ihre Kinder, welchen Sinn Gottes Gebote für ihr Leben haben. Von klein auf werden sie in den heiligen Schriften unterwiesen. Von klein auf werden sie ermutigt zu fragen und die Antworten selbst zu finden. Von klein auf lernen sie den Gott der Liebe kennen, der sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat.

Alle 10 Gebote haben den Zweck Gottes Liebe zu lernen. Jesus erklärt diesen Liebe-lern-Prozess vertiefend in der Bergpredigt (Matthäus Kapitel 5-7). Das ist etwas für Fortgeschrittene. Wer in diesem Lernprozess schon fortgeschritten ist, wird auch Jesu Beispiel von der Feindesliebe einordnen und verstehen können. Ist sie doch das beständigste Mittel aus Schwertern Pflugscharen zu machen. Nämlich zum Frieden zu führen. Vom persönlichen Frieden bis hin zum Frieden für die ganze Welt. Die Liebe kann das. Die Liebe hat die Kraft die Welt zu verändern. Die Liebe ist das Heilmittel für die Welt.

Die christliche Gemeinde ist das Liebe-lern-Projekt Jesu Christi. Sie ist der bevorzugte Ort, wo Gottes Liebe gelebt und gelernt werden kann. Sie hat viele Adressen. Sie sind mittlerweile auf der ganzen Welt verzeichnet. Von den römisch-katholischen Kirchen bis zu den orthodoxen. Von den Baptisten bis zu den Pfingstgemeinden. Von den unzähligen Freikirchen bis zur United Methodist Church. Die Vielfalt der Kirchen ist ein Reichtum. Auch die Adresse 8010 Graz, Wielandgasse 10 gehört diesem Reichtum an. Doch es ist nicht das Gebäude, das die Liebe Gottes zum Ausdruck bringt; nicht Holz oder Stein, es sind wir! Das Haus Gottes sind wir! 

Wir sind es, die voller Hoffnung festhalten an der Liebe Gottes. Sie ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Wir haben diesen köstlichen Weg der Liebe eingeschlagen. Wir sind noch nicht fertig in der Liebe, aber wir lernen. Und die Freude an Gottes Geboten macht uns mutig und stolz.
Ebenso hören wir die Bitte unseres Herrn Jesus, der uns zuspricht: „du bist geliebt! ihr seid geliebt! Haltet die Gebote, wie ich sie gehalten habe! Liebt einander! Und lasst eure Mitmenschen teilhaben an eurer Liebe. Alle, die zu euch gehören. Eure Kinder, eure Familienmitglieder, eure Nachbarn, eure Verwandten, eure Bekannten. Und weiter alle jene Menschen, die ich zu euch senden werde.  Damit sie lernen und erkennen, was wirkliche Liebe ist! Amen.