13. Dezember 2018

Gottesdienst am 13. Mai 2018

Predigt: Pastorin Esther Handschin

zu Johannes 17,6-19

Liebe Schwestern und Brüder!

Der heutige Sonntag liegt zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Der auferstandene Jesus hat die Jünger verlassen und ist zu seinem himmlischen Vater zurückgekehrt. Die Apostelgeschichte schildert uns, wie die Jünger und weitere Menschen, Frauen und Männer, zunächst in Jerusalem bleiben. Mir ist, als wüssten sie nicht so genau, was sie nun tun sollen. Jesus hat ihnen zwar versprochen, dass sie durch den heiligen Geist gestärkt werden und dass sie das Zeugnis von seiner Auferstehung weiter tragen sollen. Aber irgendwie scheinen mir diese Jünger ratlos zu sein. Sie wissen nicht so recht, was sie tun sollen. Also bleiben sie erst einmal in Jerusalem. Sie befinden sich so in einer Art Zwischenzeit. Die Zeit mit Jesus ist vorbei, aber das Neue, die Kraft des Heiligen Geistes, sie ist noch nicht da. Die Jünger haben noch keinen Mut gefasst für den nächsten Schritt. Sie sind einfach dazwischen: zwischen dem Alten, was war und dem Neuen, was kommen wird.

Die Zeit dazwischen: Wie fühlt sie sich an? Sie ist uns nicht ganz unbekannt. Wir sind zwar nicht dauernd in einer Zwischenzeit, aber hin und wieder erleben wir solche Zeiten. Manche haben es in ihrem Berufsleben schon erlebt. Die Zeit beim einen Arbeitgeber ist vorbei. Der Schreibtisch ist geräumt, die Schlüssel sind abgegeben. Aber bis der nächste Job beginnt dauert es noch eine oder zwei Wochen, vielleicht ein ganzer Monat. Man spürt in sich eine gewisse Freiheit, weil etwas abgeschlossen ist, vielleicht auch verbunden mit einer Prise Trauer. Und gleichzeitig gibt es eine Angespanntheit auf das, was kommen wird. Auch manche Teenager und Jugendliche erleben eine Zwischenzeit. Die offizielle Schulzeit haben sie hinter sich, aber noch ist keine Lehrstelle oder weiterführende Ausbildung in Sicht. Und überhaupt, in diesem Alter als Teenager befindet man sich sowieso überall dazwischen — kein Kind mehr, aber auch noch nicht richtig erwachsen.Und in einer methodistischen Gemeinde erlebt man von Zeit zu Zeit eine Zwischenzeit. Eine Pastorin hat ihre Dienstzeit beendet, aber es dauert noch, bis der nächste Pastor die Pastorenwohnung bezieht. Bis der neue da ist, werden die Dienste von den Menschen vor Ort übernommen. Man weiß, wie es bei der früheren Pastorin gelaufen ist, aber wie wird der neue Pastor die Akzente setzen? Was kommt da auf einen zu?

Es gibt nicht nur Zwischenzeiten, sondern auch Zwischenzustände. Z.B. beim Übersiedeln von einer Wohnung in die andere, oder von einer Stadt, von einem Land in ein anderes. Das Alte lässt man zurück, aber man fragt sich: Was kommt Neues? Spannung und Ungewissheit sind zu spüren. Und wie geht es erst Asylwerberinnen und Asylwerbern, die sich in einem Dauerzustand des Wartens befinden auf das, was kommen wird, ohne dass sie selbst etwas Beschleunigen oder Voranbringen können? Meist ist man in solchen Zwischenzeiten und Zwischenzuständen emotional viel sensibler als sonst. Vieles geht einem viel näher als üblich und es dringt viel tiefer unter die Haut als in normalen Zeiten: das können Worte, Geräusche, Empfindungen sein. Das können aber auch Begegnungen mit Gott, Gebetserhörungen und auch Enttäuschungen sein. Menschen in Zwischenzeiten und Zwischenzuständen — sie sind empfindsamer und empfänglicher zugleich.

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium kommt aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu. Der Evangelist Johannes hat hier alles zusammengefasst, was Jesus seinen Jüngern noch mit auf den Weg geben will, bevor er sie verlässt. Als ob er um die Schwierigkeiten weiß, in die Menschen geraten können, die in einer Zwischenzeit leben. Als wüsste er genau, was diese Menschen brauchen, wenn sie auf einmal auf sich alleine gestellt sind und sich bewähren müssen. Es ist als wären diese Worte Jesu das Vermächtnis, das er seinen Jüngern mitgibt.

Menschen in Zwischenzeiten brauchen das Gebet und die Fürbitte anderer Menschen. Darum ist dieser Abschnitt nicht eine Mahnrede an die Jünger, sondern ein Gebet Jesu zu seinem himmlischen Vater. Ihm gegenüber spricht Jesus aus, worum er für seine Jünger und Freunde bittet. Jesus betet für sie, er nimmt sie ins Gebet und legt sie so in die Hände seines Vaters. Gerade Menschen, die so empfindsam sind wie Menschen in den Zwischenzeiten, sie brauchen das Gebet. Nur manche von ihnen würden das nie von sich aus sagen, dass man für sie beten soll. Zumindest bei Teenagern ist es so. Da machen die Eltern und andere Erwachsene dauernd Vorschriften und dann wollen sie noch für einen beten. Bloß das nicht. Es ist das letzte, was sie einem gegenüber laut sagen würden. Aber tief drinnen sind sie froh um das Gebet und die Fürbitte. Es tut ihnen gut, dass jemand an sie denkt. Zu spüren, dass sie mit ihren Fragen und Ängsten nicht alleine sind. So sind sie, die Teenager und manche Menschen in Zwischenzeiten: Unfähig um Hilfe zu bitten, aber zugleich froh, dass andere ihre Not sehen und sie vor Gott bringen.

Jesus bittet für seine Jünger um Bewahrung und Schutz. Sie sollen bestehen können in dieser Welt. Sie sollen einen guten Stand haben, damit sie den Anforderungen, die an sie gestellt werden, gewachsen sind. Damit sie vom Wind, der ihnen entgegenbläst, nicht umgeworfen werden. Jesus weiß um die Auseinandersetzungen und Bewährungsproben, die auf sie zukommen werden. Darum bittet er für sie um Bewahrung. Sie stehen in dieser Welt, sind aber nicht von dieser Welt. In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Das ist eine feine, aber wichtige Unterscheidung. Wer in dieser Welt lebt, lebt nicht auf einem anderen Stern, sondern hat Teil an dem, was um ihn herum geschieht. Und dennoch ist er nicht von dieser Welt, lebt nicht nach den Gesetzen und Vorstellungen dieser Welt. Wer in dieser Welt lebt, ist mit hineinverwoben in das Geschehen dieser Welt und orientiert sich dennoch an etwas anderem, hat andere Ziele, weiß um eine andere Berufung. Wer in dieser Welt lebt und nicht von dieser Welt ist, lebt ein Leben im Dazwischen.

Was meine ich mit einem Leben „dazwischen“? Wer in der Nachfolge von Jesus Christus steht, lebt schon jetzt in dieser Welt mit ihren bestehenden Gesetzen ein Stück von dieser neuen Welt, die uns verheißen ist. Wer Jesus nachfolgt, orientiert sich an seiner Liebe und macht sie zum Maßstab seines Handelns. Diese Liebe überwindet Grenzen, die in dieser Welt bestehen und immer wieder neu gesetzt werden: Grenzen zwischen denen, die dazu gehören und denen, die draußen stehen. Grenzen zwischen denen, die man achtet und denen, die missachtet werden. Grenzen zwischen denen, die Ansehen haben und denen, die nicht angesehen werden. Wer von der Liebe Christi geprägt ist, überwindet nicht nur Grenzen, sondern stellt sich immer wieder dazwischen, stellt sich zwischen die Menschen, die nicht zueinander gehören können; stellt sich zwischen die Menschen, die sich nicht achten und nicht ansehen können. Wer von der Liebe Christi geprägt ist, hat die Chance des Dazwischenseins: nicht die Spiele mitspielen zu müssen, die von dieser Welt gespielt werden. Wer von der Liebe Christi geprägt ist, dessen Leben kann sich nach anderen Spielregeln ausrichten. Spielregeln, in denen man sich immer wieder dazwischen stellt und damit oft auch daneben steht.

Wir gehören nicht nur zu den Menschen, die immer wieder einmal Zwischenzeiten erleben und die darum empfindsamer und empfänglicher sind. Wenn wir in der Nachfolge Jesu stehen, dann sind wir direkt eingeladen als Zwischenmenschen zu leben. Denn als Christinnen und Christen wissen wir von der neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes und leben dennoch in dieser Welt mit ihrer ganz anderen Wirklichkeit. Wir erfahren schon jetzt etwas von diesem Reich Gottes, gerade auch hier, wenn wir zusammenkommen, um miteinander Gottesdienst zu feiern. Und doch wissen wir, dass das Reich Gottes in seiner ganzen Vollkommenheit und Endgültigkeit erst noch kommen wird.

Wer als Dazwischenmensch, als Mensch des Reiches Gottes lebt, lebt immer auch etwas anders als andere. Das Dazwischensein, das Anderssein: Man könnte es auch Heiligsein nennen. Menschen, die konsequent in dieser Welt den Weg Gottes gehen und sich nach seinem Reich ausrichten, sie sind heilig, weil sie anders sind als die anderen. Das ist eine andere Bitte, die Jesus in seinem Gebet an Gott richtet: „Heilige sie in der Wahrheit.“ Mache diese Menschen, die meinem Weg folgen anders, so anders, dass sie deinen Weg in dieser Welt gehen und nicht den Weg dieser Welt. Mache diese Menschen so anders, dass durch sie eine andere Wahrheit in dieser Welt aufleuchtet. Eine Wahrheit, die sich von der Wahrheit dieser Welt abhebt, weil sich diese Menschen immer wieder dazwischenstellen und Grenzen überwinden.

Entscheidend ist jedoch nicht, dass wir selbst diesen Weg des Andersseins wählen, weil wir uns von der großen Masse abheben möchten. Oder dass wir diesen Weg wählen, weil wir Wahrheitsfanatiker sind. Oder dass wir diesen Weg wählen, weil wir unbedingt heilig sein möchten. Wir gehen diesen Weg des Anderen, des Heiligen, weil Gott uns dazu fähig macht. Weil wir Gottes Weg und Gottes Liebe folgen, können wir gar nicht anders als uns dazwischenzustellen, wo Grenzen aufgerichtet werden. Weil wir von dieser anderen Welt, weil wir von Gottes Reich wissen, bekommen wir die Ausdauer und die Kraft, uns anders zu verhalten als man es in dieser Welt tut. Und weil wir selbst Dazwischenmenschen sind, wissen wir uns verbunden mit allen Menschen, die in Zwischenzeiten leben. So wie sie sind wir empfindsamer und empfänglicher zugleich. Denn Jesus mit seiner Liebe und das Reich Gottes, von dem er uns erzählt, das gibt uns einen anderen und neuen Blick für diese Welt und ihre Menschen. Amen.