24. September 2018

Gottesdienst am 20. Mai 2018 – Pfingsten

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Apostelgeschichte 2, 1-21                  Der Heilige Geist ist lebendig unter uns

Liebe Gemeinde, wir feiern heute Pfingsten. Das Fest, an dem wir die Ausgießung des Heiligen Geistes feiern. Das Fest, das als die Geburtsstunde der Kirche bekannt geworden ist. Und das doch von allen christlichen Hochfesten das unspektarulärste kirchliche Fest geblieben ist. Während Weihnachten vom Konsumrausch und dem Weihnachtsmann begleitet wird und Ostern die Eier und den Osterhasen hat, so ist Pfingsten weitgehend folkloristisch verschont geblieben. Und mit dem Pfingstmontag, der im deutschsprachigen Raum ein gesetzlicher Feiertag ist, besteht für Pfingsten immer die Gefahr, zum langen Wochenende zu werden und damit Urlaub statt Gottesdienst oder Festtag zu sein.

Dabei ist Pfingsten eigentlich der krönende Abschluss des Ostergeschehens und meines Erachtens nicht nur die Geburtsstunde der Kirche, sondern eigentlich auch die Geburtsstunde des Glaubens. Unseres Glaubens.

Dieses Geschehen, dass sich in unserem Leben immer wieder neu vollzieht, möchte ich heute als Grundtenor ansprechen, denn der Heilige Geist ist lebendig unter uns.

Wir haben heute sicher eine der spektakulärsten Geschichten vom Kommen des Heiligen Geistes gehört. In der Apostelgeschichte wird uns von einem mächtigen Brausen bereichtet, von so etwas wie Flammenzungen, die sich auf die Einzelnen niederließen und von den fremden Sprachen in der die Apostel und diejenigen die bei ihnen waren, gesprochen haben.

Und natürlich entspricht es einem ersten Impuls sich so etwas auch zu wünschen. Eine spektakuläre Glaubenserfahrung die keinen Raum für Zweifel lässt, die endlich Gewissheit schafft. Kraftvoll und mächtig.

Und natürlich können dabei resignative Gedanken zur aktuellen Lage des Christentums in Europa hochkommen. Wie gewaltig und kraftvoll war doch dieses Geschehen und wo sind wir als Kirchen heute?

Allein wie sagt schon Soren Kierkegaard: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

Dieser weise Satz des dänischen Philosophen und Theologen Kierkegaard führt uns vor Augen, dass wir das gehörte Pfingstwunder übertragen, im Sinne von weitertragen, müssen. Der Vergleich mit früher hilft uns nicht weiter, sondern ist eher geeignet uns unglücklich und unzufrieden zu machen.

Ich erkenne in dieser Erzählung von der Ausgießung des Heiligen Geistes mehrere Wunder, die wir auch heute noch erleben: Das Sprachwunder, das Hörwunder und das Entscheidungswunder.

So nenne ich die drei jetzt einmal und fange gleich mit dem Sprachwunder an: Der Heilige Geist ermöglicht uns viele verschiedene Sprachen. Und diese verschiedenen Sprachen sind nicht nur Sprachen wie englisch, koreanisch oder deutsch. Nein, diese verschiedenen Sprachen sind die verschiedenen Zeugnisse die wir durch unser Leben mit Christus geben können. Was meine ich damit?

Ich meine damit, dass jeder und jede von uns seine oder ihre ganz eigenen Glaubenserfahrungen gemacht hat. Wir alle haben ganz verschiedene Formen des Zweifels erlebt. Uns allen wurde in verschiedener Art und Weise von Gott geholfen. Wir alle sind auf verschiedene Arten zum Glauben gekommen. Jeder und jede von uns hat ihre oder seine ganz persönliche Geschichte mit Gott. Und alle diese Erfahrungen als Ganzes genommen, ermöglichen uns als hier versammelte Gemeinde, in verschiedener Art und Weise, in verschiedenen Sprachen, von Jesus Christus zu sprechen. In Wirklichkeit ist dies eine Erkenntnis die uns als Einzelpersonen betrifft, die aber natürlich auch übertragbar ist auf die Buntheit der Kirche. Unsere Geschwister im Glauben, seien sie jetzt römisch-katholisch, orthodox oder charismatisch, sprechen verschiede Sprachen des Glaubens. Das ist nun einmal so. Ob wir den einzelnen Kirchen in ihrer Theologie jetzt vollinhaltlich zustimmen spielt dabei keine Rolle – es sind verschiedene Sprachen des Glaubens. Und es ist wichtig, dass sie gesprochen werden. Es ist wichtig, dass über Gott, dass über Jesus Christus gesprochen wird.

Dieses Sprachwunder können wir auch noch auf andere Weise bezeugen: Immer dann, wenn wir um Worte ringen. Dabei muss man nicht notwendigerweise eine Predigt schreiben, um diese Erfahrung machen zu können. Da geht es um jede Vorbereitung für ein heilsames, gutes Gespräch. Wie drücke ich meine Anteilnahme aus, wenn jemand gestorben ist? Was sage ich, wenn mir erzählt wird, dass mein Gegenüber unheilbar an Krebs erkrankt ist? Wie begegne ich unseren Kindern und Jugendlichen in ihrem wissenschaftlichen Denken? Diese Sprachfähigkeit, dieses Sprachenwunder, welches der Heilige Geist bewirkt, können wir heute,, genauso wie damals erleben.

Kommen wir zum Hörwunder: „Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wie kommt es dann, das jeder sie in seiner Muttersprache hört?“ Glaubt man dem Theologen Jürgen Roloff, dann handelte es sich damals bei den frommen Juden die auf Grund des Brausens in Scharen zusammen geströmt waren um Diasporajuden, also Juden die in der Fremde leben. Das Interessante ist, dass die aufgezählten Gebiete, die doch recht zungenbrecherisch daherkommen, mehrheitlich eigentlich gar keine eigenen Sprachgebiete sind. Folgt man also Roloff dann würde dies bedeuten: Sie hörten sie in ihren Muttersprachen sprechen, nämlich griechisch, griechisch und griechisch. Das heißt, auch hier gilt es zu übertragen, auch hier brauchen wir die Frage, was uns die Erzählung weitergeben möchte. Wir müssen den Sinn dieser Aufzählung in den Blick nehmen. Die Botschaft, die Lukas vermitteln möchte, ist: Für alle Menschen kann die Botschaft von Gottes großen Taten hörbar gemacht werden. Das Entscheidende ist, dass der Heilige Geist dafür sorgt oder dafür verantwortlich ist, dass die Kommunikation gelingt. Damit bin ich wieder im heute. Nichts anderes geschieht heute. Wir alle wissen, dass es für eine gelungene Kommunikation, für ein gutes Gespräch, beides braucht: Die Botschaft, die ich durch mein Sprechen aussende, muss auch beim Hörer oder der Hörerin ankommen. Ach und wenn es nur das wäre, nein: Das was ich meine, sagen oder ausdrücken will, muss vom anderen erst einmal verstanden und richtig gedeutet werden. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Ein ganz einfaches Beispiel dazu. Ich sage: „Ich liebe dich.“ Dieses „Ich liebe dich“ kann eine ganze Bandbreite von möglichen Reaktionen hervorrufen, die völlig losgelöst sind von meinem Anliegen. Die Reaktion kann ein „Oh schön, dass tut mir gut, das du das sagst“ sein. Sie kann ein „Ja und was willst du von mir?“ sein. Sie kann ein „Aber ich dich sicher nicht“ oder ein „wie kannst du soetwas sagen, ich liebe mich doch selbst nicht“ sein. Drei Worte und sie zeigen uns, wie stark wir immer wieder auf ein Hörwunder angewiesen sind. Ein Hörwunder, das der Heilige Geist bewirken kann.

Damit komme ich zum letzten der eingangs erwähnten Wunder: Dem Entscheidungswunder. Für mich ist und bleibt es ein großes und wundersames Wunder, dass der Heilige Geist bewirkt, dass sich Menschen dem dreieinigen Gott zuwenden und beginnen Christus nachzufolgen. Auch hier gilt : Auch heute noch.

Natürlich kann man auf die Zahlen schauen, auf die Beitragszahlungen und Mitgliederstatistiken. Auf die Kirchenaustritte und die Anzahl von Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Aber was ändert sich dadurch? Ist es nicht vielmehr unglaublich in welch langer Geschichte des Glaubens wir mit unseren Vorgängern und Vorgängerinnen verbunden sind? Wie Texte die hunderte von Jahren alt sind und immer wieder neu übersetzt wurden, solch eine Wirkung entfalten können, dass Menschen zum Glauben an Gott kommen? Das dieses Entscheidungswunder auch heute noch stattfindet. Wie sollen wir uns das selbst erklären ohne festzustellen, dass der Heilige Geist lebendig unter uns ist. Ja lebendig unter uns sein muss, sonst gibt es doch so etwas garnicht.

Ohne den Heiligen Geist, ohne die Wirkungsgeschichte des Glaubens, der unmittelbaren Erfahrbarkeit von Gottes Liebe durch alle Zeiten. Wenn dem nicht so wäre: Wer würde sich denn dann heute noch an Jesus erinnern?

Also für mich ist es ein Entscheidungswunder, dass durch den Heiligen Geist bewirkt wird. Bewirkt wird, wenn Menschen bereit sind oder bereit werden, sich auf dieses Wunder einzulassen, denn eines ist klar: Der Heilige Geist erzwingt nichts. Gott rennt keine Türen ein, sondern klopft an und wartet, bis wir Gott aufmachen. Der freie Willen des Menschen ist nicht verhandelbar.

Das höre ich ganz deutlich im heutigen Text: Alle hören die Apostel in ihrer eigenen Sprache die großen Taten Gottes preisen. Aber während die einen fragen: „Was hat das zu bedeuten?“ ziehen sich die anderen zurück und spotten: „Sie haben zuviel süßen Wein getrunken.“ Mit diesen unterschiedlichen Möglichkeiten, auf die Botschaft von Gottes großen Taten zu reagieren, müssen wir auch heute rechnen. Es kann uns aber trösten, dass es nie anders war.

Pfingsten, und daran erinnert uns dieser großartige Text aus der Apostelgeschichte, ist die Zeit der Erfüllung. Mit der Auferstehung von Jesus sind die Bünde die zwischen Gott und uns Menschen geschlossen worden, sind zu ihrem Ziel gekommen. Gott hat seine Zusagen eingelöst. Mit Jesus ist alles vollbracht worden, was wir für unser Heil brauchen. Und der Geist Gottes bewirkt diesen Glauben in uns.

Soweit zur Theologie. Theologie nicht Theorie.

Denn dieses Wirken des Heiligen Geistes können wir erfahren. Der Heilige Geist ist lebendig unter uns, sonst wären wir gar nicht in der Lage über Gott zu sprechen. Ich erinnere an letztes Jahr zu Pfingsten:. Damals hatten wir den Text aus dem 1. Korintherbrief: „Und umgekehrt kann niemand sagen „Jesus ist der Herr“, es sei denn, er wird vom Heiligen Geist geleitet.“(1.Kor 12,3)

Unsere Erfahrungen mit dem Heiligen Geist sind vielleicht nicht so spektakulär, wie das heute gehörte Pfingstwunder mit dem Brausen und den Flammenzungen. Aber deswegen ist der Heilige Geist ja keinesfalls weniger wirksam oder real. Es ist manchmal einfach so, wie wir es vorhin besungen haben: Geist kannst du nicht sehen, doch wo er will sein, weicht die Angst und strömt die Freude mächtig ein.

Amen