13. Dezember 2018

Gottesdienst am 27. Mai 2018

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Jesaja 6, 1-8                         Sende du michEnglish

Liebe Gemeinde, wir haben heute als erste Lesung einen Text aus dem Alten Testament, aus dem Buch Jesaja gehört, den ich zur Grundlage meiner Predigt heranziehen möchte. Wobei dieser Text, der sozusagen die Berufung des Propheten Jesaja darstellt, ja viele verschiedene Ebenen und Aussagen hat. Was hier gesagt wird betrifft das Größte, Erhabenste und Unzugänglichste des Glaubens selbst: Gott in seiner Majestät, als Herrscher auf einem hohen und erhabenen Thron. Gleichzeitig sagt es etwas über die Art und Weise aus, wie eine vollständige Sündenvergebung, ein vollkommenes Heilwerden auch im Alten Testament möglich ist. Und schließlich beschriebt der Text den Vorgang der Berufung und Sendung den wir mit dem Lied „I the Lord of Sea and Sky“ nochmal nachgesungen haben.

Gerade diese Berufung und Sendung soll das Thema der heutigen Predigt sein. Anknüpfen werde ich beim Sprachen- und Hörwunder, das ich an Pfingsten, also letzten Sonntag, beschrieben habe. Diese Sprachfähigkeit, die wir durch unsere Erfahrungen mit Gott und dem Wirken des Heiligen Geistes gemacht haben, befähigt uns, uns senden zu lassen. Wozu? Um den Glauben an Jesus Christus weiterzugeben.

Mission. Ich möchte heute den Versuch unternehmen, dem doch arg strapazierten Wort der Mission wieder ein positives, entspannteres und fruchtbareres Momentum zu verleihen.

Denn daß die Kirche „sich in die Welt senden läßt, um die befreiende Liebe Christi, von der sie selbst lebt, durch Wort und Tat zu bezeugen, ist das entscheidende Kennzeichen der Kirche im methodistischen Verständnis.“ Solche oder ähnliche Formulierungen finden alle, die sich die Mühe machen, einmal den Abschnitt über „den Dienst aller Christen und Christinnen“ in unserer Kirchenordnung zu lesen.

Was hindert uns? Warum tun wir uns so schwer bei diesem Thema? Auf welche Grenzen stoßen wir bei der Weitergabe des Evangeliums in unserer Lebens- und Arbeitswelt? Welche finden wir vor, welche haben wir, vielleicht unbeabsichtigt, selbst gezogen? Welche von diesen Grenzen brauchen wir, welche sollten wir respektieren, welche überschreiten oder gar beseitigen?

Mit diesen Fragen sei einmal das Thema umrissen und ich fange mit einem leidvollen Blick in die Vergangenheit und damit in die Kirchengeschichte an: Vermutlich tun wir uns mit dem Wort Mission heute so schwer, weil es für uns mit dem historischen Verbrechen der Zwangsmissionierung verbunden ist. Ob auf dem afrikanischen oder amerikanischen Kontinent – jeder und jede kennt die Formen von Gewalt die mit der Verbreitung des Christentums einher gingen. Macht, Ausbeutung, Vernichtung, die Überlegenheit der weißen Rasse und alles was uns dazu noch in den Sinn kommt. Das ist natürlich alles wahr und wir als Kirchen sind da an den Menschen schuldig geworden.

Was uns aber zu denken geben könnte ist die Tatsache, dass es mittlerweile diese Länder auf diesen Kontinenten sind, die zu lebendigem Glauben gefunden haben. Denen wir eine Befreiungstheologie verdanken. Oder einen Gospelchoir.

Warum sich das Evangelium in diesen Ländern ausbreiten konnte, wo doch die Bedingungen absolut dagegen gesprochen haben und zu einer Ablehnung, einem Hass auf alles Christliche hätten führen müssen, wird man meines Erachtens wahrscheinlich nur verstehen, wenn man Mission nicht auf menschliches Handeln reduziert. Wir Menschen sind oft Träger der Mission, aber eigentlich ist und bleibt es das genuine Interesse Gottes, sich der Welt zu offenbaren.

Wenn wir zu dieser ganz grundlegenden Botschaft des heute gehörten Evangeliums zurückkehren bekommen wir einen anderen Blickwinkel auf das Thema der Weitergabe des Evangeliums: Gott sendet seinen Sohn nicht, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. (Joh 3, 17) Gott offenbart sich den Menschen in Christus. Durch Jesus soll die Welt erfahren, wie Gott ist.

Schauen wir einmal auf die Grenzen die wir bei der Weitergabe des Evangeliums erfahren und die wir vorfinden. Ich würde einmal folgende Grenzen benennen wollen:

Eine Grenze, die ich vorallem bei unseren Kindern und Jugendlichen erlebe, ist das naturwissenschaftlich geprägte Denken und das damit verbundene Weltbild, das sie in der Schule gelehrt bekommen. Real ist nur was sich beweisen lässt. Alles muss erklärbar sein. Wahrheits- und Wirklichkeitserfassung bleibt in den Grenzen der Logik gefangen. Typische Aussage: „Beweis mir, dass es deinen Gott gibt, zeig ihn mir, sodass ich ihn sehen kann.“

Eine weitere Grenze sind die negativen Sozialisierungserfahrungen die Menschen in Kirchen oder Gemeinden gemacht haben. Der elterliche Zwang zum Gebet, zur Beichte oder zum Gottesdienstbesuch. Die Erfahrung des Ausschlusses wenn gewisse Frömmigkeitsformen nicht eingehalten werden etc. Das führt dazu, dass solche Menschen ihre „christliche (Leidens)zeit überwunden“ haben. Sich also von diesen Negativerfahrungen „befreit“ haben und nicht mehr mit „Kirche“ in Berührung kommen wollen.

Eine weitere, oft erlebte Grenze ist die Theodizeefrage: „Wie kann ein liebender Gott soviel Leid in der Welt geschehen lassen?“ Oder auch erlebt: „Wie kann ich mich einem Glauben und einer Gemeinschaft / Kirche zugehörig fühlen, die Donald Trump gewählt und damit ermöglicht hat?“

Dann die Wohlstandsgrenze: „Wenn ich mir alles leisten kann, wenn ich alles habe was ich zum Leben brauche, wozu brauche ich dann Gott? Ich hab doch eine Versicherung und eine private Altersvorsorge?“ Und als letzte Grenze vielleicht die Frage: Wo außerhalb der Kirchen sind die Räume, wo wir über das Tabuthema Gott sprechen können? Wie kann man über etwas sprechen, wonach niemand gefragt hat?

Ich denke das sind so die Grenzen die wir vorfinden, mit denen wir uns auseinander setzen müssen.

Kommen wir zu den selbstgezogenen Grenzen.

Zu den selbst gezogenen Grenzen gehören meines Erachtens mangelnde Empathie, mangelnde Liebe, die fehlende Bereitschaft zu den Randgruppen unserer Gesellschaft zu gehen. Wie hat Wesley gesagt: „Die fehlende Empathie der Reichen für die Armen, also das fehlende Einfühlungsvermögen in die Situation der Armen, hat damit zu tun, dass sie, die Reichen, die Armen so wenig besuchen.“ Kann das auch auf uns zutreffen? Ich fürchte, ich muss mir diese Frage gefallen lassen. Sie führt uns zumindest zu den vielleicht unbewusst gezogenen Grenzen.

Zu den unbeabsichtigt gezogenen Grenzen könnte unser Zeitmanagement zählen: Wozu nehme ich mir Zeit? Welche Schwerpunkte setze ich in meiner Arbeit? Wozu setze ich meine Energie ein? Das kann sehr gut sein, muss es aber nicht. Deswegen zähle ich es zu den Grenzen, die uns vielleicht garnicht bewusst sind. Aber natürlich ist es so: Wenn ich das eine mache, kann ich das andere nicht machen. Ich werte das jetzt auch garnicht. Das steht mir nicht zu und das muss jeder und jede selbst machen – ich sage nur, der Umgang mit der eigenen Zeit kann eine unbeabsichtigte Grenze sein. Und interessanterweise gehört der Umgang mit der eigenen Zeit auch zu den Grenzen die es braucht.

Denn es gehört für mich zu einem gelungenen Zeitmanagement auch dazu, dass es so etwas wie das Freizeit, arbeitslose Zeit, Feierabend, Pausen gibt. Gerade ein Thema wie die Mission oder, anders genannt, das Weitersagen des Glaubens, könnte ja auch ein ewiges „es ist nie genug“ implizieren. Das ist mein ganz persönlicher Kritikpunkt an unserem Gründungsvater Wesley, dass er die Menschen so getrieben hat. Ruhelos war er selbst und Ruhelosigkeit hat er gepredigt. Ich gehöre zur Fraktion der Feierabendvertreter und Luftschnappenlasser.

Als letzten Punkt komme ich zu den Grenzen die überschritten werden sollten. Dazu zähle ich die Grenze des nicht in Berührung kommen wollens mit sozial Benachteiligten. Sei es weil es in ihren Wohnungen stinkt, sei es weil wir eine Überschüttung mit Forderungen und Problemen fürchten, sei es weil wir der Armut ins Gesicht sehen müssen. Ich denke es ist eine Grenze die wir bewusst oder unbewusst ziehen, die wir aber überschreiten sollen. Ok, es ist eine Grenze die ich bei mir sehe und ich hoffe, dass Gott mich darin anleitet und mir hilft, sie zu überschreiten.

Kommen wir nochmal zum Anfang zurück. Zum Jesajatext. Zum Thema der Berufung und Sendung.

Grundsätzlich sind wir alle dazu berufen, das Evangelium, die frohe Botschaft von der Erlösung und dem Beziehungsangebot von Jesus in die Welt zu tragen. Wir alle sind gesandt.

Was uns gehindert hat und hindert und vielleicht nicht hindern sollte, habe ich mit dem Thema der verschiedenen Grenzen zu beschreiben versucht. Es ist gut sich anzuschauen, was uns hindert, um Klarheit zu bekommen. Gleichzeitig ist ein Aspekt des Ganzen bisher noch zu wenig beleuchtet worden, wenn wir über Berufung und Sendung sprechen: Es ist Gott der sendet.

Wie heißt es im Text: „Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“ Und Jesajas Antwort ist: „Hier bin ich, sende mich!“

Es ist vollkommen klar, wer sendet, wer der Auftraggeber ist. Hier liegt überhaupt nichts im Dunkeln oder in der Unverständlichkeit: Gott beruft und sendet Menschen, um seine frohe Botschaft zu verkündigen.

Vorhin habe ich gesagt es liegt in Gottes genuinem, also ursprünglichen Interesse, sich der Welt in Jesus Christus zu offenbaren. Das, liebe Gemeinde, ist meines Erachtens der Punkt auf den wir stärker schauen sollten, damit wir unsere Angst vor der Mission überwinden können. Es liegt in Gottes Interesse sich der Welt zu zeigen und verständlich zu machen. Damit ist alle Hilfe ausgedrückt, die es braucht und die wir in Anspruch nehmen können. Ja nehmen sollen!

Das Lied das wir gesungen haben, hat es ja schon weiter getragen, dieses „Sende mich, Gott!“ „If you lead me“ haben wir gesungen: Ich will gehen, wenn du mich leitest. Wenn du mit mir gehst.

Niemand hat gesagt, dass die Verkündigung an uns alleine als Einzelne hängt. Niemand.

Gott geht mit, er schenkt uns Worte und Taten, von ihm geht die Offenbarung aus. Es ist sein Plan und sein Weg. Gott ist es, der uns sprachfähig macht.

Ich weiß, das mag jetzt pathetisch klingen oder im Einzelfall nicht so einfach sein, aber mein Anliegen war es ja, dem Thema Mission ein entspannteres, fruchtbareres Momentum zu geben. Zumindest den Versuch dazu zu unternehmen. Wenn wir Gott mehr als Partner, als Freund an unserer Seite wahrnehmen, der uns unterstützt in der Verkündigung, weil es sein Interesse ist, dann besteht die Hoffnung, dass wir Mission nicht als Schreckensgespenst oder lästigen Auftrag an uns sehen können. Dann macht es vielleicht auch wieder mehr Spaß von den großen Taten Gottes zu erzählen, die er zu Pfingsten, aber auch in unserem Leben gewirkt hat. Dann können auch wir sagen: „Ja Gott, hier bin ich. Sende du mich! Ich will gehen, wenn du mich leitest.“ Amen