22. August 2018

Gottesdienst am 10. Juni 2018

Predigt: Christine Walzer

Markus 3, 20-35                                 FamilieEnglish

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! 

Jeden Sonntag gibt es vier Perikopen zur Auswahl für den Gottesdienst. Die Perikopen-Ordnung ist eine Zusammenstellung von Bibelabschnitten, den Perikopen, die in den Gottesdiensten zur regelmäßigen Lesung bzw. Behandlung in der Predigt vorgesehen sind. Manchmal ist es für mich wirklich schwierig einen Text auszusuchen. Weil ich zu keinem der vorgeschlagenen Texte einen Zugang finde. Die Texte sind nur sperrig für mich. Andere Texte wieder sind so interessant wie kompliziert. Das macht es auch nicht leichter, eine Predigt zu schreiben. Dann gibt es Texte, die sind kompliziert, haben aber ein Thema, das mich sehr beschäftigt.

Unser heutiger Evangeliums-Text ist so ein Text. Sofort sprang mir eine Idee für ein Hauptthema meiner Predigt ins Auge: Die Familie. Ein ewiges Thema, bemerkenswert und kompliziert. Ein Thema, das mich wahrscheinlich bis zu meinem Tod begleiten wird. Vermutlich geht es vielen von uns wie mir.

Es gibt die Kernfamilie, in all ihren Facetten und Versionen: Die klassischen Familien, Patchworkfamilien, Familien mit adoptierten Kindern oder Pflegekindern.

Man kann noch so erwachsen sein, immer wieder verfolgen uns gute und schlechte Erinnerungen an die Kindheit. Mit Familien ist es nicht immer einfach. Geschwister, die gemeinsam aufwachsen mit denselben Eltern haben doch „unterschiedliche“ Eltern und Erinnerungen. Ein erstes Kind wird anders behandelt als ein zweites. Beim ersten Kind ist alles neu, die Eltern müssen ihre Rollen erst finden und lernen damit umzugehen. Ich war das vierte von fünf Kindern. Meine Eltern waren bei mir lange nicht so streng wie bei meinem ältesten Bruder. Und dann kommt noch dazu, dass alle Kinder verschieden sind. Alle reagieren anders und haben unterschiedliche Wahrnehmungen. Meine Mutter hat immer gesagt: „Ein Familienausflug, fünf verschiedene Erzählungen über diesen Ausflug.“ 

Bewusst oder unbewusst nehmen wir Rollen und Handlungen aus unserer Kernfamilie ins Erwachsenenleben mit. Viele Menschen, die erfolgreich und selbständig sind, fallen, wenn sie in ihrer Familie sind, sofort in alte Muster zurück. Ein unsicherer Bub oder ein kleines stilles Mädchen kommen plötzlich wieder zum Vorschein. 

Oder wir treffen einen Menschen, der die gleich strenge Stimme wie ein Elternteil bei einer Zurechtweisung hat. Schon mögen wir vielleicht diesen Menschen nicht und projizieren unser Unbehagen in diese Person. Es kann sein, dass diese Person nett ist, für uns aber ist das schwer zu sehen. 

Ihr kennt wahrscheinlich auch viele Geschichten, in denen die Kernfamilie Menschen bis ins hohe Alter negativ beeinflusst. 

Natürlich gibt es auch positive Beeinflussung. Meine Großmutter hatte ein wunderbares Lächeln für mich, wenn es mir nicht gut ging. Wenn sie mich anlächelte, hatte ich ein so warmherziges und ermunterndes Gefühl. Es ging bis in mein Herz und ich fühlte mich mutiger und besser. Ein Lächeln, das mein Vertrauen in meine Großmutter und in mich selbst stärkte. Wenn ich heute eine Frau sehe, die ähnlich lächelt, wird es mir warm ums Herz. Ein Lächeln, das zeigt, dass man bereit ist zuzuhören. Ein Lächeln, das nicht bei den Zähnen stehenbleibt. Eines das ins Innerste geht und Verständnis signalisiert. 

Ja, die Familie. Geliebt, anstrengend und zwischendurch kompliziert. Für einige auch ein Ort des Schreckens. 

Unserem heutigen Predigttext vorausgegangen sind die ersten Wunderheilungen von Jesus. Eugen Drewermann beschreibt die Wunderheilungen sehr schön: Es war geschehen, dass Menschen sich ihr Lebtag lang wie verkrümmt und in ihren Gliedmaßen verdorrt empfunden hatten, unter dem Anspruch und Anruf Jesus es wagten, sich aufzurichten und selber ihre Gliedmaßen zu gebrauchen. 

Die Menschen, auch die Familie von Jesus, spüren, dass da etwas Besonderes geschieht. Es gibt in der damaligen Zeit einige Wunderheiler. Aber Jesus hat eine außergewöhnliche Ausstrahlung. Irgendetwas ist anders als bei den anderen Heilern. Alle spüren das, und es verunsicherte die Menschen. 

Und so beginnt ein ziemlich heftiges Streitgespräch unter allen Beteiligten. Die Anwesenden meinen, er ist entweder verrückt oder es geht nicht mit rechten Dingen zu. Jesus will sich den damaligen Zwängen nicht beugen. Er will unberührt sein von der Meinung der anderen. Er will sich von Angst nicht bestimmen lassen.

Und da will auch noch seine Familie etwas von ihm. Sie sind verunsichert, sie wollen ihn sprechen. Wahrscheinlich machen sie sich große Sorgen um ihn. Es wird über ihn nicht sehr freundlich geredet. Haben die Menschen vielleicht recht?

Jesus reagiert darauf, wie es sich viele von uns wahrscheinlich nicht vorstellen können. 

Seine Familie will ihn sprechen und er sagt: “Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister?“

Einige von uns haben Kinder. Stellt euch einmal vor, ihr macht euch große Sorgen um ein Kind. Das Verhalten des Kindes ist für euch nicht nachvollziehbar. Ihr wollt mit dem Kind darüber sprechen, und dann wird euch diese Frage gestellt. Wer ist meine Mutter und wer sind meine Geschwister? Wie würden wir uns fühlen? Familie ist sehr wichtig, für viele das Wichtigste. 

Wie kann er das gemeint haben?

Beziehungen sind stetig im Wandel. Niemand bleibt gleich, wir selber nicht und auch nicht die Menschen in unserem Umfeld. Auch Familien sind einem stetigen Wandel unterworfen. Und deswegen denke ich mir, Jesus wollte seine Familie nicht für immer verleugnen. Ich bin mir sicher, dass er nicht meinte, wir sollen alle anderen Menschen wichtiger nehmen als unsere Familie. Er will niemand trennen. Er will die Familie erweitern. 

Jesus will seine Mutter nicht brüskieren oder ihr die Liebe vorenthalten, die er sonst für jeden und jede hat. Nein, er will den Kreis der Liebe ausdehnen, nicht einengen auf die wenigen, die nach dem Blut zu seiner Verwandtschaft gehören. Sondern weiten für diejenigen, die durch das Band der Liebe mit ihm verbunden sind. Also schwächt Jesus nicht das vierte Gebot ab, sondern erweitert es und nimmt andere mit hinein.

Es ist für fast alle selbstverständlich, wenn Kinder erwachsen werden, dass sie von zu Hause ausziehen. Eltern sind froh, wenn ihre Kinder selbständig und lebensfähig sind. Die Kinder gehen neue Beziehungen ein und Eltern vertrauen ihren Kindern. Vertrauen auf ihre Beziehungsfähigkeit. Die Kinder lösen sich aus der Herkunftsfamilie. Die Loslösung ist notwendig, um ein eigenständiges Leben als Erwachsene zu führen. Es ist aber, in guten Fällen, keine totale Trennung. Der Kontakt bleibt bestehen und die Familie kann größer werden.

Das ist die positive Form von Familie. Es gibt aber auch Familien, in denen Angst das Leben bestimmt. Leider gibt es sehr viele Formen, in denen mit Hilfe von Angst Menschen gefügig gemacht werden. Für mich eine der furchtbarsten Arten ist sexueller Missbrauch, Gewalttätigkeit und psychischer Terror. Menschen werden klein gemacht, dass sie sich nichts mehr zu sagen getrauen. Kinder dürfen niemand Eigenständiges sein. Sie haben zu sein und zu denken wie die Eltern es wollen. Familie kann die Persönlichkeit ersticken, sie binden und einen nicht loslassen.

Wenn die Familie nicht erlaubt, eigene Fehler zu machen, um sich auszuprobieren und „fliegen“ zu lernen, wird es schwierig.

Um fliegen zu lernen braucht man eine Basis, von der man losfliegt. Zu der man zurückkehren kann, wenn man müde ist. Angenommen, dies ist in der eigenen Familie nicht möglich, dann kann es mit der Erweiterung der Familie, anderen Vertrauenspersonen, Schwestern oder Brüdern gehen. 

Ich denke Jesus hatte eine Vision von einer Zusammengehörigkeit, einer Familie von Menschen, die sich auf die Liebe Gottes gründet. Das klingt jetzt wunderschön, ist aber auch nicht immer einfach.

Unsere Familien können wir uns nicht aussuchen. Welche Menschen zu uns in die Gemeinde kommen auch nicht. Das kann zu einer großen Herausforderung werden. Gott will seine Liebe sichtbar und begreifbar machen. Dazu braucht es andere Menschen, auch welche an denen wir uns reiben. In christlichen Gemeinden gibt es selbstverständlich jede Art von Emotion, jede Art von Beziehung. Es kann von Freundschaft voll warmherziger Liebe bis zu Abneigung, Eifersucht und Neid gehen. Und alles was es so dazwischen gibt. 

Jesus träumte von einer Erweiterung der Familie, mit einer Freiheit im Denken und Sein. In der man lernen kann zu vertrauen, wenn man es als Kind nicht oder nur ein wenig lernte. Eine Familie voller Respekt und Wertschätzung füreinander. Einem Respekt, der Freiheit nicht missbraucht. 

In dieser ausgedehnten Familie ist es möglich, jemand zu finden, der bereit ist zuzuhören, da zu sein. Ein Mensch, der wahrnimmt, wenn es einem nicht gut geht. Oder auch, wenn man vor Freude glüht. Es kann immer jemand da sein, der mit einem fühlt und zuhört.
Da muss es dann keinen Zwang geben, dass alle gleich großartig und unfehlbar in ihrem Glauben sind. Dass niemand einen Fehler im Umgang miteinander macht. Wir sind Menschen und übersehen manchmal andere. Aber es kann jemand geben, der für einen da ist.

Für mich ist es natürlich, dass solch eine Liebe auch außerhalb von christlichen Gemeinden da ist. Ein Glaube voller Liebe ist für mich nicht nur an ein Gemeindeleben gebunden. Ich kann und will niemand den Glauben und die Liebe absprechen, weil sie in keiner Kirche Mitglied sind, oder weil sie einer anderen Religion angehören. 

Meiner Meinung nach hat Liebe nichts mit Frömmigkeit zu tun. Falsch verstandene Frömmigkeit kann dazu führen das Ungute und Schwierige in uns zu unterdrücken, weil es ja nicht sein darf. Da ist es denkbar, dass wir vor lauter Regeln unsere Nächsten nicht mehr wahrnehmen. Dass wir vor lauter richtiger Theologie ganz vergessen aus Glauben zu leben. Vielleicht geht es bisweilen weniger darum, was in unseren Augen theologisch richtig ist. Vielleicht geht es bisweilen darum, was in Gottes Augen aufrichtig ist.

Es ist dann auch möglich, Grenzen der Religionszugehörigkeit zu sprengen. Der barmherzige Samariter ist ein gutes Beispiel dafür. Auch Landesgrenzen sind dann kein Hindernis mehr, um anderen hilfreich zur Seite zu stehen.

Voller Liebe und Empathie, Toleranz für das Anderssein, können wir einander ein Korrektiv sein. Egal, woher wir kommen und welchem Glauben wir angehören. Der Grund dafür ist für mich die Liebe Gottes. Die Gewissheit, dass Gott alle Menschen gleich liebt. Auch die, die ich nicht mag. Er liebt auch mich, egal wie viele Fehler ich mache. Gott liebt uns alle. Diese Gewissheit hilft mir andere zu lieben, und nachsichtiger mit ihnen umzugehen. Der Grund ist auch unsere Liebe zu Gott. Liebe ist keine Einbahn, sie geht nicht nur in eine Richtung. Es ist eine Art der Zusammengehörigkeit, die sich auf nichts weiter als auf die Liebe Gottes gründen kann. Wir sind aufgehoben in dieser Gemeinschaft der Liebenden. Sie verbindet uns mit allen Menschen, in dieser Gemeinschaft. Egal wo sie sind und wer sie sind.

Unsere Eltern bleiben immer unsere Eltern. Unsere Familie ist immer unsere Familie, und wird für viele das ganze Leben lang etwas Besonderes bleiben. 

Jedoch, Jesus hat mit der Erweiterung der Familie eine neue Realität geschaffen. Er zeigt uns, dass wir weiter sehen und lieben können als unsere Kernfamilie. Dass uns Menschen lieben können, mit uns gehen können, die nicht zur Familie gehören. Dass wir Menschen mit Liebe ansehen können und wahrnehmen wer sie sind.

Jesus hat eine neue Qualität der Beziehung in die Welt gebracht.

Amen