17. Juli 2018

Gottesdienst am 17. Juni 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Gleichnisse, Saat und Senfkorn                                                              Markus 4, 26-34

Liebe Gemeinde, wir haben heute zwei Gleichnisse gehört. Das Gleichnis vom Wachsen der Saat und das Gleichnis vom Senfkorn. Und wir haben in der ersten Lesung von der Salbung des jungen Königs David gehört. Damit habe ich heute eine wunderbare Gelegenheit in meiner Predigt auf die Frage einzugehen: Was, bitteschön ist denn ein Gleichnis? Ist das so klar, was wir darunter verstehen?

Und damit verknüpft die Frage, die wir uns wohl schon alle einmal bewusst oder zumindest unbewusst gestellt haben: Warum verwendet Jesus Gleichnisse, deren Deutung, deren Auslegung, dann den Jüngern und Jüngerinnen vorbehalten ist? Ist ein Gleichnis jetzt aus sich heraus verständlich oder muss es erst erklärt werden?

Ich selbst habe vor Jahren einmal gewagt, in einem Kurs mit Manfred Marquard, einem doch recht bekannten Theologen und ehemaligen Professor an unserer Theologischen Hochschule in Reutlingen, diese Frage zu stellen. Und an die schallende Ohrfeige kann ich mich noch gut erinnern: Sinngemäß hat er geantwortet: Ja was denn sonst? Bist du wirklich so dumm, dass du das nicht begriffen hast? Natürlich erklärt sich ein Gleichnis aus sich selbst heraus, sonst wäre es ja kein Gleichnis.

Ich war damals zu schockiert über die Antwort, als dass ich nachgefragt hätte, aber ich hatte es tatsächlich nicht kapiert. Wenn ein Gleichnis sich aus sich selbst erklärt, warum wird es dann den Jüngern und Jüngerinnen ausgelegt?

Zugegeben, bei den heute gehörten Gleichnissen, ist es ein wenig einfacher, sich aus dem Gesagten ein Bild zu machen. Eine Vorstellung davon zu bekommen, was Jesus meinen könnte, wenn er das Reich Gottes mit einem Weizen- oder Senfkorn vergleicht. Aber denken wir an das Gleichnis vom Sämann, dass viele von uns ja auch kennen: Ein Bauer sät. Und beim Ausstreuen der Saat fallen manche Körner auf den Weg, manche auf Fels, manche unter die Dornen und manche auf guten Boden. Wie sollen die damaligen Zuhörer, wie soll auch ich heute, erkennen, dass damit das Wort Gottes gemeint ist? Woher soll ich das wissen, wenn ich es nicht einige Verse später nachlesen könnte?

Das hat mir der gute Manfred Marquard nicht erklärt. Erst jetzt, nachdem ich den Kommentar von Walter Klaiber gelesen habe, bekomme ich eine Ahnung davon, was vielleicht gemeint sein könnte. Klaiber beschreibt zwei Wirkungsweisen eines Gleichnisses.

Die eine Wirkung ist, dass eine Sache, in unserem heutigen Fall das Reich Gottes, mit einem Bild aus dem Alltag der Zuhörer und Zuhörerinnen von Jesus anschaulich gemacht wird. Viele Menschen mit denen Jesus in Kontakt war und mit denen er gesprocen hat waren Bauern. Landwirte wie wir heute sagen. Die Gleichnisse sind also Verstehenshilfen. Und weil sie mit Bilder arbeiten, die die Menschen kennen und die ihnen vertraut sind, leisten sie Überzeugungsarbeit. Was meine ich damit? Jesus redet nicht abgehoben über Theologie mit allen gebotenen Fremdworten wie Hermeneutik, Soteriologie und eschatologische Naherwartung, sondern er redet von einem Weizenkorn. Ein Weizenkorn das einen Halm und dann Ähren hervorbringt in denen das ausgereifte Korn zu finden ist. So möchte Jesus die Leute dazu bringen, dass sie ihm vertrauen. Denn wenn sie ihm vertrauen, dann können sie sich vielleicht auf eine ganz grundlegende Schwierigkeit einlassen: Dass ihnen im Menschen Jesus, gleichzeitig Gottes Sohn gegenüber steht.

Damit bin ich bei der zweiten Wirkungsweise angelangt. Wer glaubt, dass Jesus mehr ist, dass mit Jesus Gottes endzeitliches Werk begonnen hat, der wird auch in seinen Gleichnissen mehr sehen, als irgendwelche netten Geschichten aus der Landwirtschaft. Aber genau das ist der springende Punkt, an dem sich auch heute noch die Geister scheiden. Wer nicht glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der wird auch seinen Worten nicht das Gewicht geben, das ihnen jemand gibt, der genau das glaubt. So vielleicht können wir uns erklären, warum die Auslegung und Deutung der Gleichnisse den Jüngern und Jüngerinnen vorbehalten bleibt. Denn auch wenn sie in der Geschichte, also zu dem Zeitpunkt von dem die Gleichnisse berichten, noch nicht vollständig davon überzeugt waren, wer Jesus wirklich ist, so hat doch zumindest ihre Berufung und Lebensentscheidung ein mehr an Vertrauen gezeigt. Nochmal einfacher: Vielleicht oder wahrscheinlich haben die Jünger und Jüngerinnen erst mit der Auferstehung und mit dem Pfingstwunder wirklich vollständig kapiert wer Jesus ist. Aber dass Jesus eine ganz besondere Person ist, dass haben sie schon kapiert oder gespürt. Sonst wären sie wahrscheinlich am See sitzen geblieben und wären immer noch dabei Fische zu fangen. Sie hätten nicht ihre Berufe aufgegeben und ihre Familien verlassen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, dass Jesus etwas ganz Besonderes ist. Und ich denke, deshalb, genau deshalb, legt ihnen Jesus die Gleichnisse aus.

Ich halte das jetzt nochmal in einem kleinen Zwischenschritt fest, bevor ich zur inhaltlichen Deutung der gehörten Gleichnisse übergehe: Gleichnisse haben zwei Wirkungsweisen.

Jesus redet in einer Sprache und mit Bildern, die die Menschen seiner Zeit verstehen. So macht er Mut zum Vertrauen, dass die Menschen ihm, Jesus, vertrauen.

Wenn Menschen Jesus vertrauen, dann können sie seinen Gleichnissen noch mehr entnehmen. Dann wird das Samenkorn zum Wort Gottes oder der Senfsamen zum Gewächs das Schutz für alle bietet.

Kommen wir also zum inhaltlichen Teil. Was können wir den Gleichnissen entnehmen, die wir heute gehört haben?

Schauen wir uns zunächst das erste Gleichnis nochmal an: „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Bauern, der die Saat auf seinen Acker gestreut hat. Er legt sich schlafen, er steht wieder auf, ein Tag folgt dem anderen und die Saat geht auf und wächst – wie, das weiß er selbst nicht.“

Natürlich hat dieser Vorgang dem Menschen keine Ruhe gelassen. Natürlich wissen heutige Forscher und Agrartechniker eine ganze Menge mehr über das Verhalten, die Keimfähigkeit und Entwicklungsdauer eines Samenkorns. Aber auch heutige Forscher können nicht ein Samenkorn hernehmen und genau sagen, wieviele Körner es hervorbringen wird. 76? 84? oder doch nur 54 Körner. Wieviele Körner es tatsächlich sein werden, weiß Gott allein.

Luther soll gesagt haben: „Wenn ich mit Magister Philipp mein wittenbergisch Bier trinke, läuft das Evangelium.“ Diese Auslegung ist als Trost für die Verkündiger und Verkünigerinnen des Wortes Gottes zu verstehen. Wir alle säen Worte. Worte der Ermutigung, der Aufforderung zur Umkehr oder des Trostes. Aber was davon ankommt und wie es Menschen tatsächlich verändert und dazu bewegt Gott zu glauben und zu vertrauen – das haben wir nicht in der Hand. Das Entscheidende können wir Menschen nicht „machen“, das ist Gottes Werk. Er, Gott, bewirkt, dass die Saat aufgeht und gute Frucht bringt. Manchmal dreißigfach, manchmal sechzigfach und manchmal sogar hundertfach.

Wie hat unser Pastor in Linz, Martin Siegrist, jetzt Obermeir – Siegrist seit seiner Heirat , der gleichzeitig der Leiter des Kinder- und Jugendwerkes unserer Kirche ist gesagt: „Schaut ihr, dass die Kinder und Jugendlichen zu den Städtetreffen kommen. Dass es dann gut wird, das ist unsere Angelegenheit.“

Ich denke schon seit längerem, das dies eine der wichtigsten Aufgaben ist, die wir, die wir ja alle gemeinsam Kirche sind wahrnehmen oder um die wir uns bemühen sollen: Orte und Begegnungsmöglichkeiten mit dem Evangelium zu schaffen. Wie auch immer die aussehen, aber wir sollen säen.

Schauen wir uns dann abschließend noch das zweite Gleichnis an: Das Gleichnis vom Senfkorn. Dieses Gleichnis hat unter Botanikern und Menschen die sich ein wenig in der Natur auskennen immer für Stirnrunzeln gesorgt: Aus einem Senfkorn soll ein Baum werden? Das Senfkorn ist doch garnicht das  kleinste Samenkorn auf der Erde. Ich sage dazu: Werter Staatsanwalt, sehr geehrter Richter, liebe Geschworenen: Stattgegeben. Ja, das Senfkorn ist nicht das kleinste aller Samenkörner, Orchideensamen sind beispielsweise noch kleiner. Und  ja, die botanische Gattung des Baumes wird mit einem Senfkorn nicht erreicht. Tatsächlich ist es aber so, dass der Samen des schwarzen Senfs, brassica nigra, ca. 1mg wiegt, 1Milimeter groß ist und daraus eine Staude bis zu 300cm werden kann, die dann doch die meisten Gartengewächse überragt. Außer der steirischen Käferbohne oder dem Hopfen, die bekanntlich ja noch wesentlich höher wachsen können, allerdings auch nur mit einem Gerüst. Verlassen wir aber jetzt doch bitte die Botanik und fragen: Was will uns Jesus sagen, mit seinem Gleichnis?

Ich glaube Jesus will uns darauf hinweisen, dass aus einem sehr kleinen Samen etwas viel Größeres werden kann, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Es geht um einen winzigen Anfang und ein riesengroßes Ende. Nicht umsonst steht das Gleichnis vom Senfkorn bei Matthäus und Lukas zusammen mit dem Gleichnis vom Sauerteig: Auch hier bewirkt eine ganz kleine Menge Sauerteig, dass der ganze Teig durchsäuert wird.

Was noch auffällt ist, dass es beim Senfkorn nicht um die Ernte geht, also nicht um menschliche Nützlichkeitserwägungen, sondern „dass die Vögel, des Himmels, darin nisten können. Ein wunderschönes Bild, dass das Reich Gottes mit einem gastfreundlichen Ort vergleicht, wo Platz für alle sein wird. Ein Ort der Schutz bietet und wo es sich gut leben lässt.

Ich fasse auch diesen inhaltlichen Teil nochmal kurz zusammen:

Unsere Aufgabe ist es zu säen. Dass sich das Reich Gottes entwickelt ist Gottes Wirken und sein Geheimnis.

Aus Kleinem, Unscheinbarem, Schwachen können großartige Dinge entstehen.

Gottes Reich, von dem ja in beiden Gleichnissen die Rede ist, hat schon begonnen. Es ist nur noch nicht vollendet, aber es lässt sich oft im Kleinen, im Senfkorn, entdecken.

Wobei man schon fragen kann, ob denn die Liebe etwas Kleines oder doch etwas ganz Großes ist.

Amen.