24. September 2018

Gottesdienst am 24. Juni 2018

Predigt: Pastorin Esther Handschin

zu 1. Samuel 17,32-50

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Bibel ist ein Buch fürs Leben. Das versuche ich jungen Menschen — und manchmal auch älteren — zu vermitteln, wenn sie mit der einen oder anderen Geschichte aus der Bibel ihre Schwierigkeiten haben. Für manche Geschichte ist die Zeit eben noch nicht gekommen. Die Bibel kann man ein Leben lang lesen und es wird einem nie langweilig. Denn man entdeckt in derselben Geschichte immer wieder neue Aspekte, die man bisher noch nicht gesehen hat. Manche Geschichten sprechen die Lebenswelt junger Menschen an. Manche Geschichten oder Texte schließen sich einem erst auf, wenn man schon ein gewisses Maß an Lebenserfahrung hat. Nicht jeder Text passt in jede Lebenssituation und manche Passagen muss man erst einmal wieder beiseite legen oder noch zwei-, dreimal lesen, bis man etwas darin entdeckt, was einem den Blick auf Gott hin öffnet oder was einem etwas aufschlüsselt für das Miteinander der Menschen.

Die Geschichte von David und Goliath ist eine Geschichte, die ich als Kind geliebt habe. Der kleinste und jüngste, dem man bisher nichts zugetraut hat, der nur ein Hirtenbub war, ausgerechnet er besiegt den großen und kriegserfahrenen Goliath. Das war eine Geschichte für mich, die jüngste von fünf Geschwistern, die immer für zu klein gehalten und die deswegen nicht alles mitmachen durfte, was die großen Brüder durften. Mit David hatte ich ein Vorbild, einer, der mir nahe stand. Er hat den Goliath besiegt. David gegen Goliath, diese Redewendung kennen bis heute Menschen, die mit der Bibel gar nichts am Hut haben. David gegen Goliath, das ist wie die Schweiz, die dem Fußballriesen Brasilien am vergangenen Sonntag ein 1 zu 1 abgetrotzt an der Fußball-WM. Und vorgestern haben sie gleich noch ein 2 zu 1 gegen Serbien nachgeschoben.

Jetzt, wo ich die 50 überschritten habe, habe ich diese Geschichte mit anderen Augen gelesen. Nicht David stand im Vordergrund, sondern Saul. Zunächst einmal habe ich mich gestört an David und seiner rotzfrechen Sprache. Saul macht sich Sorgen um diesen jungen Mann, der ihm bisher in schweren Stunden mit seinen Harfenklängen die Seele besänftigt hat. Saul will den Künstler David nicht gegen den rohen Kriegsmann namens Goliath antreten lassen. Doch David, der Angeber, nimmt den Mund ganz schön voll. Er prahlt vor Saul, wie er schon Löwen und Bären umgebracht hat. Und als er vor Goliath steht, nimmt er den Mund nicht weniger voll: Mit der Hilfe seines Gottes werde er ihn erschlagen und so zurichten, dass er zum Fraß für die wilden Tiere werde. Kurz und gut: Ein junger Schnösel mit großer Klappe, der sich mit einem geschickt gewählten Coup als Aufsteiger und künftiger Heerführer empfehlen will. Ein Emporkömmling, der nicht davor zurückschreckt noch mehr zu seinen Gunsten einzustreichen als einen Sieg gegen Goliath.

Wie muss das auf Saul gewirkt haben? Er ist der amtierende König oder Heerführer. So klar lässt sich das nicht trennen. Er war wohl beides: einer, der die Verantwortung hatte, das Volk Israel vor feindlichen Angriffen zu schützen und einer, der in politischen Fragen eine klare Linie vorzugeben hatte. Doch diese Machtposition Sauls wackelt. Der Prophet Samuel hat ihm schon angekündigt, dass seine Zeit abgelaufen sei. Kein Wunder also, dass den Saul die Alpträume plagen und er die besänftigenden Harfenklänge braucht. Wer wird seine Aufgabe übernehmen? Wird es sein Sohn Jonathan sein? Wird ein anderer sich an die Macht putschen? Vieles ist ungewiss und macht entsprechend Angst und verunsichert: Was kommt danach? Ist alles gut genug vorbereitet für einen Wechsel? Es wird hoffentlich nicht zu Auseinandersetzungen kommen, wo mehrere Anwärter auf die Nachfolge sich das Leben schwer machen und einander gegenseitig ausschalten, sodass das Volk am Schluss ohne Führung dasteht und ohnmächtig den Feinden ausgeliefert ist.

Was den Saul beschäftigt, das kennen wir in den unterschiedlichsten Organisationen und auch in der Kirche. Der Übergang von einer Generation zur nächsten, er ist nicht leicht. Da kommen Jüngere nach, mit mehr Energie und Tatkraft, mit anderen Ideen, mit mehr Frechheit und vielleicht mit einer ähnlich großen Klappe wie David. Fragen tauchen auf, die an der eigenen Identität und dem Selbstvertrauen kratzen. Reichen meine Kräfte noch aus für das, was ich vorhabe? Kann die Erfahrung den Verlust an Energie und Durchhaltevermögen wettmachen? Sind meine Ideen noch gefragt? Sollte ich nicht das Feld anderen überlassen, die spritziger und witziger sind? Wer bin ich noch? Was macht mich aus? Solche Fragen tauchen auf, nicht nur, wenn man in Pension geht. Auch bei anderen markanten Wechseln im Leben sind diese Fragen da: Beim Verlust oder beim Wechsel der Arbeitsstelle, beim Tod oder Verlust von wichtigen Menschen, wenn man in ein anderes Land kommt, ganz plötzlich oder auch gut geplant.

Wer bin ich noch? Was habe ich noch? Was kann ich noch geben? Das sind die Fragen, die auftauchen, wenn ein Wechsel ansteht. Doch es gibt noch eine andere Seite. Wenn man eine Aufgabe abgibt und jemand anderem übergibt, dann ist das nicht nur ein Verlust. Es kann auch ein Gewinn sein. Ich bin schlichtweg froh keine 25 mehr zu sein. Ich habe es als anstrengend in Erinnerung. Zumindest für meine Umgebung muss ich in diese Alter keine einfache Person gewesen sein. Andere Menschen freuen sich z.B. auf die Pension. Endlich einmal Zeit für das, was ich schon immer tun wollte. Endlich kein Druck mehr, dies und das leisten zu müssen. Endlich einmal wegfahren können, wann ich will, aufstehen, wann es mir passt, mir Zeit nehmen für das, was mir wichtig ist. Es gibt neue Freiheiten und vielleicht auch der alten Gewohnheiten. Vielleicht kann ich wieder etwas aufgreifen, was ich lange vernachlässigt habe. Die Zeit eines Übergangs birgt nicht nur die Chance, etwas Neues anzufangen. Manchmal liegt das Glück auch darin, etwas Altes, längst Vergessenes wieder aufzugreifen und so sich selbst wieder ein Stück näher zu kommen.

Eine Stelle in der Geschichte hat mich seltsam berührt, weil sie weder von Ängstlichkeit noch Verunsicherung geprägt ist, sondern eine Zuversicht und Güte ausstrahlt, die ich als wohltuend empfinde. Der älter werdende Saul mit all seiner Erfahrung und seinem Weitblick gibt dem jungen, draufgängerischen David zwei Dinge mit auf den Weg und in den Kampf: Den Segen Gottes und den Schutz einer guten Ausrüstung. Das Wort, das Saul dem David mit auf den Weg gibt, das ist eine Ermächtigung:„Geh hin, der Herr sei mit dir.“ Trotz aller Überheblichkeit, die der junge David an den Tag legt, er braucht diesen Zuspruch. Er ist wie ein Orientierungspunkt. Denn David soll nicht aus den Augen verlieren, weswegen er es mit Goliath aufnimmt: Er ist im Namen des lebendigen Gottes unterwegs. Goliath hat diesen Gott verhöhnt und das kann man nicht so stehen lassen. Alle Welt soll erkennen, wer der Gott Israels ist. David ist nicht in seiner eigenen Sache unterwegs, sondern damit Gott zu seiner Ehre kommt. Und dieser Gott gewinnt nicht mit Schwert und Spieß, sondern mit Menschen, die ihm vertrauen und in seinem Namen unterwegs sind.

Das andere, was Saul dem jungen David mit auf den Weg gibt, das ist seine eigene Waffenrüstung. Saul war ein großer Mann, der die normalen Menschen um eine Kopflänge überragte. So kommt es, dass seine Waffenrüstung dem schmächtigen David nicht passt. Er ist es nicht gewohnt, sich in einer schweren Rüstung zu bewegen. Frustriert legt David die Rüstung wieder ab und nimmt die Waffe zur Hand, die er gewohnt ist und mit der er es zur Meisterschaft gebracht hat: die Steinschleuder. Die Geste der Fürsorge des Saul zeigt, was immer wieder problematisch ist, wenn es zu einem Generationenwechsel in der Leitung einer Organisation kommt: Nicht jedes Werkzeug, das bisher einen guten Dienst getan hat, passt für die neue Generation. Manches ist zu groß und schwer, zu behäbig und träge. Da braucht man sich nur einen etwas älteren Film anzuschauen und wundert sich, mit welchen Schwergewichten und Mobiltelefonen man noch vor wenigen Jahren telefoniert hat. Wenn jüngere Menschen nachrücken, dann es ist wichtig, dass sie mit ihren Instrumenten, mit ihren Möglichkeiten, mit ihren bisherigen Erfahrungen die Dinge anpacken können. Meist stellt sich dann bei den Älteren die Erkenntnis ein: Es geht, was uns wichtig ist, wird weiter geführt, wenn auch in einer ganz anderen Art und Weise.

Die Geschichte nimmt später einen anderen Verlauf. Es bleibt nicht bei der Güte und Fürsorge des Saul. Vielmehr richtet sich sein Zorn heftig gegen David, weil Saul spürt, dass die Sympathien des Volkes beim jugendlichen Helden liegen und nicht bei ihm, dem alten und immer verstockter werdenden König. In gewisser Weise ist mir diese Reaktion verständlich, aber das ist eine neue Geschichte. Vorbildlich bleibt mir an dieser Stelle das Handeln Sauls. Er schaut nicht auf das, was er verliert, seine schöne Rüstung und damit seine Stellung als Heerführer. Saul schaut auf das, was er David mitgeben kann: Seine Fürsorge, seinen Schutz, seine Begleitung; auch wenn es nur mittelbar geschieht, indem er ihm seine Waffen mitgibt und nicht selbst zusammen mit David gegen Goliath kämpft. Doch noch vielmehr befiehlt er seinen Schützling Gott an und erbittet für ihn Segen und Bewahrung. Saul bekräftigt damit, was die Motivation Davids war, sich diesem Goliath entgegen zu stellen: Es geht ihm um die Ehre, nicht die eigene, sondern die Ehre Gottes. Auf seinen Gott, auf den lebendigen Gott, wie es heißt, lässt David nichts kommen. Wer so gegen Gott höhnt wie Goliath, dem muss er sich entgegenstellen.

Die Art und Weise wie sich hier David und Saul begegnen und miteinander umgehen, zeigt mir einen Weg im Wechsel der Generationen wie in der Übergabe von Aufgaben, z.B. in einer Gemeinde oder Kirche. Die Älteren können uns ihre Erfahrungen und Konzepte mitgeben. Sie sind wie die Waffenrüstung des Saul. Manchmal sind sie hilfreich und passend. Sie schützen vor Verletzungen und setzen uns nicht sofort der vollen Gefahr aus. Manchmal sind sie — wie im Fall des David — zu groß. Sie hindern die eigene Entwicklung. Jede nachkommende Generation muss selbst für sich entscheiden können, was ihr weiter hilft und was nicht. Das sind die praktischen Dinge, sozusagen das Handling. Aber es gibt etwas, das nicht gut tut, wenn es Nachkommende zurückweisen oder ablehnen: Das ist der Segen und das sind die guten Wünsche, die die vorhergehende Generation einem mitgibt. Das ist das „Geh hin, der Herr sei mit dir!“ Wer das zurückweist, schneidet sich vom Fluss des Lebens ab, der von der unerschöpflichen Quelle Gottes gespeist wird. Amen.