17. Juli 2018

Gottesdienst am 8. Juli 2018

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Markus 6, 1-13            Glaubwürdigkeit

Liebe Gemeinde, ein paar Augenblicke vor diesem Text und dieser Predigt haben wir Sebastian getauft. Wir haben ihm die vorauseilende Gnade Gottes zugesprochen. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass wir Sebastian als vollwertiges Mitglied der Kirche aufnehmen, bevor er Gott überhaupt denken kann. Fühlen kann er ihn, meiner Ansicht nach, jetzt schon. Mit der Taufe haben nicht nur die Eltern und Paten, sondern auch wir, als ganze Gemeinde, eine Menge versprochen: Wir wollen unser Leben so ordnen, dass Sebastian von treuer Liebe umgeben und im Glauben verwurzelt wird. Im Glauben verwurzelt wird, zu eigenem Glauben finden wird. Natürlich mit Gottes Hilfe, aber was heißt das Leben so ordnen, anderes, als Vorbild sein? Und ein gutes Vorbild muss vor allem eins sein: Glaubwürdig.

Das klingt so einfach und ist oft genug so schwer. Das was eine Person sagt, muss mit ihrem Wesen und Handeln übereinstimmen. Sonst wird es schwierig mit der Glaubwürdigkeit.

Ich denke, unseren heutigen Text kann man auch so hören, dass er entlastet. Denn der wohl glaubwürdigste Mensch, der je die Erde betreten hat, steht vor dem gleichen Problem: Ihm, Jesus, wird einfach nicht geglaubt.

Daran sehen wir, dass die Glaubwürdigkeit zwei Seiten hat, zwei Seiten einer Medaille, wie man auch gerne sagt. Einerseits ist die Glaubwürdigkeit ganz mit der Person die etwas erzählt verbunden und anderseits ist sie ganz mit der Person, die etwas hört verknüpft.

Bis zu dem Punkt, wo die Nazarener fragen: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?“ ist noch alles gut. Bis dahin wäre noch ein positiver Zugang zur Lehre von Jesus möglich gewesen. Woher Jesus das hat und wer ihm diese Weisheit gegeben hat, das kann man ruhig fragen. Aber mit der Verortung von Jesus in seinem erlernten Beruf und der Zuordnung zu seiner menschlichen Familie, erlischt der göttliche Funken, der die anderen Menschen, beispielsweise in Kapernaum, so begeistert hat.

Das geht doch nicht. Das kann ein Zimmermann doch garnicht wissen.

Das kann ein Architekt doch garnicht wissen, der jetzt zum Lokalpastor ernannt worden ist. Natürlich kann man das sagen.

Aber damit wird jedem weiteren Gespräch die Grundlage entzogen. So wie Jesus, würde ich mich wahrscheinlich auch umdrehen und schulterzuckend sagen: „Dann kann ich dir nicht weiter helfen. Dann musst du jemand anderen fragen.“

Was damit, mit einer solchen Haltung wie es die Leute in Nazareth hier zeigen, unweigerlich verbunden ist, ist das Absprechen jeder Entwicklungsmöglichkeit. Jeder Lernfähigkeit. Jeder Umkehr. Wenn man diesen Gedanken weiter denkt, dann führt er zu einer ziemlich unversöhnten, unbarmherzigen Lebenshaltung. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“ sagt ein Sprichwort. Das lässt sich natürlich auf viele andere Lebensbereiche auch übertragen: „Wer einmal stiehlt, ist immer ein Dieb.“ Wer einmal Drogen gedealt hat, bleibt immer ein Dealer. Wer einmal etwas falsch gemacht hat, der wird immer etwas falsch machen.

Gott denkt nicht so. Gott vergibt Schuld. Gott gewährt Neuanfänge.

Gott sei Dank!

Aber uns sollte es ein mahnendes Beispiel sein, diese Haltung der Nazarener. Wie zerstörerisch soetwas sein kann. Wie sie so, auch dem Heil, das in der Person Jesu zu ihnen gekommen ist, keine Chance geben.

Damit komme ich zu dem Satz, der mir als erstes aufgefallen ist: Er, Jesus, konnte dort auch keine Wunder, andere Übersetzungen sprechen von Machttaten, tun. Nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

Was, habe ich mir gedacht, soll denn das heißen: Jesus konnte dort keine Wunder tun?

In den vorangehenden Kapiteln wird von den Heilungen und Geistaustreibungen berichtet. Wie Jesus sogar den Elementen, dem Sturm, Einhalt gebietet. Wie er die Tochter des Jairus wieder ins Leben ruft. Und jetzt soll die familiäre Wirklichkeit stärker, die spürbare Ablehnung in Nazareth machtvoller als das göttlich in Jesus Wirkende, sein?

Ich glaube, hier kommt etwas zum Ausdruck, dass uns auch an anderen Stellen in der Bibel begegnet:

In einer Atmosphäre des Misstrauens und der Ablehnung kann auch ein Wunder keinen Glauben bewirken.

Es ist definitiv zu kurz gedacht, wenn man den Glauben der Kranken als psychologische Voraussetzung sieht. Nach dem Motto, nur wenn jemand glaubt, kann er auch geheilt werden.

Es stimmt, Jesus hat oft gefragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Ich finde das auch grundsätzlich sehr sympathisch, dass erst gefragt und nicht gleich zwangsbeglückt wird. Aber bei den Besessenen hat Jesus nicht gefragt. Da war von deren Glauben nie die Rede.

Für mich läuft es auf das hinaus, was Paulus im 1. Korintherbrief beklagt: „Die Juden wollen Wunder sehen, die Griechen fordern kluge Argumente. Wir jedoch verkündigen Christus, den gekreuzigten Messias. Für die Juden ist diese Botschaft eine Gotteslästerung und für die anderen Völker völliger Unsinn.“ (1. Kor 1,22-23)

Und ich habe auch das Bild der Pharisäer vor dem Kreuz Christi vor Augen. „Soll er doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.“ Mat 27, 42b) Ja einen _________ hätten sie getan. Behaupte ich. Behaupte ich, ohne es zu wissen.

Aber ich glaube, das diese Atmosphäre gemeint ist, in der einfach kein Glaube entstehen kann, weil die Menschen so sehr von ihrer eigenen Überzeugung ausgehen.

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“ soll Johann Heinse (dt. Schriftsteller, 18. Jhd) gesagt haben. Viele von uns kennen dieses Sprichwort. Ein Wille, eine Überzeugung, die eben bei den Nazarenern, kein Himmelreich zulassen.

Und was tut Jesus?

Er überzeugt nicht, er argumentiert nicht, er kämpft nicht dagegen an.

Nein, sondern er wundert sich. Und dann geht er.

Selbst im Lukasevangelium, wo diese Geschichte ja noch viel dramatischer verläuft und sie Jesus aus der Stadt zerren und – ach wie kreativ – mal wieder umbringen wollen heißt es: „ Jesus aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging fort.“ Ich sage das deshalb mit dieser Ironie, weil es dann noch besser diesen Geist des Unglaubens zeigt. Jesus sagt etwas. Und das passt diesen Leuten nicht. Und dann wollen sie schon wieder jemand umbringen. Weil er etwas gesagt hat. Daran wird überdeutlich, dass Jesus hier einfach nicht wirken kann.

Hier muss Jesus fortgehen.

Das ist das Besondere an Jesus. Das besonders Schöne. Der Sohn Gottes kämpft nicht dagegen an, weil ihn das garnicht interessiert. Ein Gott der Liebe rennt keine Türen ein, sondern wartet, bis sie ihm aufgetan werden.

Damit schließe ich meine Gedanke zu diesem ersten Teil unseres Textes und möchte zur Aussendung der 12 Jünger nur noch einen Gedanken zu folgender Frage anbieten:

Warum sollen die Jünger nichts mitnehmen?

Ich habe mir als Fortführung der Predigt von letztem Sonntag gedacht:

Weil sie etwas anzubieten haben, dass einen Wert hat.

Letzten Sonntag war ja vom Geld, der großen Geldsammlung für die Urgemeinde in Jerusalem die Rede. Und das Thema war, das es zu einem Ausgleich kommen soll. Von denen die Überfluss haben und denen die Mangel leiden. Und das Gleiche sehe ich in diesem Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gibt.

Nehmt nichts mit. Ihr bringt gute Botschaft. Ihr bringt die Botschaft vom Heil. Ihr könnt Kranke heilen und Dämonen austreiben. Dafür bitteschön, kann man euch ruhig etwas zu essen und zu trinken geben. Und ein Dach über dem Kopf. Und wenn dem nicht so ist, dann handelt wie Jesus.

Geht einfach weiter.

Macht ein Angebot und schaut ob es auf fruchtbaren Boden fällt. Verkündigt das Evangelium und macht die Menschen heil.

Das gilt auch für uns. Und hier schließe ich den Kreis und kehre zum Anfang, zum Sebastian zurück. Er ist heute die Hauptperson und muss heute sozusagen namentlich für viele Menschen herhalten. Sebastian wollen wir das Evangelium anbieten. In Wort und Tat. In Liebe und Glaubwürdigkeit. Ob er das Angebot ergreift, wird an ihm liegen. Und an der Liebe Gottes, die wir ihm heute in besonderer Form zugesprochen haben.

Amen.