22. August 2018

Gottesdienst am 29. Juli 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Epheser 3, 14-21                   Fürbitte  

Liebe Gemeinde, so vielschichtig das sogenannte Brotvermehrungswunder auch ist, welches wir in der Evangeliumslesung gehört haben, so vielschichtig ist auch der Text den wir im Epheserbrief wahrnehmen durften.

Ich möchte heute auf die Vielschichtigkeit des Textes aus dem Epheserbriefes eingehen, der in Wirklichkeit ja gar kein normaler Text ist, sondern ein Gebet.

Und noch genauer betrachtet ist es ein besonderes Gebet, das uns auch aus unseren Gottesdiensten sehr vertraut sein sollte, es ist eine Fürbitte.

Eine ganz besondere Fürbitte, denn sie lässt etwas von der Ergriffenheit spürbar werden, die Gottes Handeln in dem Verfasser, dem Beter dieser Fürbitte, ausgelöst hat.

Mein Predigtthema wird also diese Fürbitte, mit ihrer Weite die sie aufzeigt, sein und was das vielleicht auch für unsere Fürbitten bedeuten könnte.

Zunächst einmal gilt es, dieses Gebet im Kontext des ganzen Briefes zu sehen.

Der Epheserbrief hat ein großes Thema und das ist die Kirche. Die neu entstehende Kirche und damit ein Zusammenleben und Zusammenwirken von Judenchristen und Heidenchristen. Heiden, so nannte man damals aus einer jüdischen Sichtweise heraus alle nichtjüdischen Völker.

Und weil wir heute im Jahr 2018 schon eine so unglaublich lange Zeit und Geschichte zwischen uns und die damalige Situation gelegt haben, möchte ich versuchen das Epochale dieses Geschehens noch einmal aufleben zu lassen.

Paulus nennt es in den vorangehenden Versen dieses 3. Kapitels ein Geheimnis, dass ihm persönlich von Gott in einer Offenbarung kundgetan wurde. Damit allein wird schon einmal die Bedeutung dieses Ereignisses vorbereitet. Worum geht es? Was ist denn so Bedeutsames geschehen?

Im vorangegangenen Vers 6, dieses 3. Kapitels heißt es: „Die Nichtjuden sind zusammen mit den Juden Erben, bilden zusammen mit ihnen einen Leib und haben zusammen mit ihnen teil an dem , was Gott seinem Volk zugesagt hat. Das alles ist durch Jesus Christus und mit Hilfe des Evangeliums Wirklichkeit geworden.“

Natürlich werden das heutige Juden und Jüdinnen anders sehen und es gab auch schon zu Zeiten des Paulus Juden die das nicht akzeptiert haben. Das verdient Respekt, ist aber eine andere Geschichte.

Denn genau deshalb habe ich vorhin diese Differenzierung vorgenommen: Judenchristen und Heidenchristen. Für Judenchristen wie Paulus, ist diese Öffnung des Heils, diese Versöhnung mit den nichtjüdischen Völkern eine unglaubliche Großtat Gottes. Eine Versöhnungsbotschaft für die Welt. Ein großartiges Friedensangebot, denn jetzt kann die Liebe Christi alle Menschen vereinen.

Da kann man schon einmal ergriffen und bewegt sein und anbetend vor dem Vater niederknien.

Die Erkenntnis dieser unglaublichen Weite des Handelns Gottes, dass Gott wirklich jeden Menschen liebt, lässt Paulus beten.

Das ist der Hintergrund aus dem heraus sich dieses Gebet entwickelt, das ja wirklich Grenzen sprengende, über das denk- und verstehbare hinaus gehende Dimensionen hat.

Das wunderbare Bild, dass Paulus hier gebraucht ist das Bild von der Liebe Christi, die es in allen Dimensionen zu erfassen gilt: In ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe.

Normalerweise benötigen wir in der Mathematik nur drei Dimensionen, um den Raum zu beschreiben: Länge, Breite und Höhe. Mit der Tiefe bringt Paulus eine Dimension mehr ins Spiel und zeigt damit auf, dass die Wirklichkeit mehr ist, als die naturwissenschaftliche Beschreibung des Raums. Die Wirklichkeit ist mehr, die Liebe Christi ist mehr. Gott lässt sich nicht einengen oder vollständig durch menschliches Denken erfassen, sondern ist Weite. Genau das betet Paulus wenn er erkennt: „Ja ich bete darum, dass ihr seine Liebe versteht, die doch weit über alles Verstehen hinausreicht.“ (V19) Weite, über jedes Verstehen hinaus.

Damit komme ich zu der anfangs gestellten Frage, was diese besondere Fürbitte von Paulus für die Menschen in Ephesus, für unsere eigenen Fürbitten bedeuten könnte.

Ich denke, wir alle, die wir im Stillen oder auch öffentlich Fürbitten beten, könnten uns von der Weite anstecken lassen. Oder das es eine Erkenntnis gibt die aufbaut und gesund macht, statt dass wir Menschen darunter leiden müssen. Was meine ich damit?

Oft, manchmal, je nach Gemütslage, verwenden wir Erkenntnis im allgemeinen Sprachgebrauch im Sinne einer „bitteren“ Erkenntnis. „Die Welt ist nun einmal so wie sie ist“, sagen wir dann. Unveränderlich, nichts Neues unter der Sonne. Mit hängenden Schultern behaupten wir, das „Heilwerden“ so illusorisch ist wie ewige Jugend und ein Leben ohne Schmerzen.

Und natürlich sind wir selbst und die Menschen um uns herum, von Mangelerscheinungen umgeben, mit denen wir uns täglich herumplagen müssen. Manchmal ist es „nur“ der Mangel an Geld, der in manchen Situationen aber bedrohliche Formen annimmt.

Manchmal ist es der plötzliche oder schleichende Verlust unserer Gesundheit, der unsere Welt enger und enger werden lässt.

Manchmal ist es der Mangel an Zeit, die wir für uns selbst brauchen und in Anspruch nehmen können, weil soviel getan und auch fremdbestimmt getan werden muss.

Diese Mangelerscheinungen können Körper und Geist, den äußeren und inneren Menschen betreffen und wo immer sie uns in den Sinn kommen wird auch in unserem Fürbittegebet von ihnen die Rede sein. Es scheint schwer, um Fülle zu bitten, wo sich zunächst tausende von Mängeln aufdrängen.

Aber – und ich denke dies ist durch diese kurze Aufzählung von Mängeln schon spürbar geworden – aber diese Haltung drückt. Sie drückt nieder, diese Haltung bedrückt uns.

Und sie verstellt uns den Blick auf die Mehrdimensionalität von uns Menschen.

In unseren Fürbittegebeten beten wir manchmal für „die Kranken“ oder „die Verfolgten“ oder „die Armen oder Benachteiligten“ und der Hintergrund mag wirkliches Mitgefühl, Sorge und Betroffenheit sein, aber gleichzeitig reduzieren wir Menschen auf ihren Mangel. Ein kranker Mensch ist aber nicht nur krank und ein alter Mensch ist nicht nur alt und ein unglücklich verliebter Mensch ist nicht nur unglücklich.

Was wir in dieser Fürbitte von Paulus erkennen können, ist zudem nicht nur die Erkenntnis, dass Menschen mehr sind als ihr Mangel, sondern auch die Grenzen sprengende Kraft Gottes!

Paulus betet von Gott, als demjenigen „der mit seiner unerschöpflichen Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können.“ (V20)

Was wir also daran sehen und lernen können ist, dass Fürbitte beides oder noch mehr sein kann:

Fürbitte kann die Bitte um die Behebung eines Mangels sein, wie Armut, Krankheit oder Zeitknappheit. Das ist völlig in Ordnung und trägt dazu bei, dass wir die Nöte von Menschen sehen und diese vor Gott bringen. In unserem Fürbittegebet, unserem Gebet für andere.

Fürbitte kann aber auch die frohmachende Erkenntnis zum Thema haben, so wie wir das im Gebet des Paulus hören: Paulus bittet um die Stärkung des innwendigen Menschen durch Gottes Geist (V16), er bittet darum dass Christus durch den Glauben Wohnung nimmt in den Herzen der Menschen (V17) oder das Menschen ganz mit der Gottesfülle erfüllt werden (V19) Hier geht es um die Fülle und nicht um den Mangel. Auch das kann Fürbitte sein.

Gott schenke uns, dass wir diese grundsätzlichen Herangehensweisen an unsere Fürbitten im Blick haben und sie je nach erforderlicher Situation, mit gutem Gespür für die Menschen, einsetzen können.

Niemand wird angesichts eines toten Kindes von der Fülle der Erkenntnis zu plappern beginnen, sondern zu Gott schreien, dass der Schmerz nachlässt.

Gleichzeitig kann auch ein armer Mensch sich einbringen in die Gemeinschaft und ein Mittagessen für die Gemeinde kochen. Der Mangel muss nicht im Mittelpunkt stehen.

In Zeiten der Hoffnungslosigkeit ist es gut und wichtig darauf hinzuweisen, dass Christi Liebe uns einen festen Stand verleiht, eine Verwurzelung im Leben und eine Hoffnung über das Sichtbare und Erkennbare hinaus.

Und dann ist und bleibt noch diese unaussprechliche Freude, dass

„Gott unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können.“

Amen.