22. August 2018

Gottesdienst am 5. August 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Brot des Lebens                                                                       Johannes 6, 24-35

Liebe Gemeinde, Brot des Lebens ist das Thema heute. Damit also der Text aus dem Johannesevangelium den wir gerade in der 2. Lesung gehört haben. Brot des Lebens, das bedeutet unweigerlich die Frage: Wer ist Jesus?

An dieser Stelle könnten sich einige von euch schon enttäuscht abwenden und fragen: Wer ist Jesus? Aber hallo, wenn wir diese Frage nicht beantworten könnten, wären wir wohl kaum hier. Wären wir wohl kaum in einen „christlichen“ Gottesdienst gekommen.

Das ist natürlich richtig. Wobei für mich zwei große Fragen hinter diesem „Wer ist Jesus“ stehen: Zum einen die Frage: Können diese Worte, des nie mehr hungrig seins und des nie mehr durstig seins noch ihre Wirkung in mir entfalten oder bin ich schon so sehr an sie gewöhnt, dass ihre tägliche, ständige, erneuernde Kraft verloren gegangen ist?

Und zum anderen die Frage: Kann ich das, was mich bewegt, mein Leben bestimmt, Ziel und Richtung gibt, an andere weitergeben?

Das sind für mich die wesentlichen Aspekte dieses Textes. Die Gretchenfrage, das heißt die alles entscheidenden Frage ist: Wer ist dieser Jesus für mich? Glaube ich ihm? Ist Jesus mein Brot des Lebens?

Ich gebe zu, dass mich die Auseinandersetzung mit diesem Text erstmalig in die Versuchung geführt hat, an den Determinismus, also an die Vorherbestimmung wer glauben kann und wer nicht glauben kann, gebracht hat. Eine Vorstellung die ich eigentlich entschieden ablehne, weil für mich die Liebe Gottes für alle Menschen gilt und eigentlich auch allen Menschen zugänglich, also erreichbar, sein sollte. Aber gerade diese Textstelle, in Wirklichkeit die gesamte Brotrede, die bis zum Ende dieses Kapitels, also noch bis Vers 71 reicht, lässt soviel Unverständnis deutlich werden, dass man schon ins Grübeln kommen kann, ob wirklich jeder Mensch an Jesus glauben kann.

Jetzt kommen diese Menschen Jesus nach, allesamt Zeugen und Zeuginnen des großen Brotwunders, als Jesus 5000 von ihnen mit 5 Broten und 2 Fischen satt gemacht hat und fordern schon wieder ein Wunder. Was soll Jesus denn noch Neues tun, was er nicht soeben getan hat? Warum denn schon wieder ein Wunder, was soll ein neues Wunder bewirken?

John Wesley schreibt zum Thema Wundergeschichten:

„Ich gebe es gerne zu, dass ich einige Dinge mit meinen eigenen Augen gesehen und mit meinen eigenen Ohren gehört habe, die nach meiner sorgfältigen Beurteilung nicht die Folge einer natürlichen Verursachung angesehen werden können. Ich glaube deshalb, dass sie einem außerordentlichen Eingreifen Gottes zugeschrieben werden müssen. Wenn jemand diese Ereignisse als Wunder bezeichnen will, werde ich keinen Einspruch erheben. Doch nehmen wir einmal an, ein Lehrer, beispielsweise ein Lehrer der Kirche, würde heutzutage „wahre und unbezweifelte“Wunder vollbringen. Das würde doch die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern kaum verkürzen, denn das alles würde sie nicht zwingen zu glauben. Die Menschen können nämlich ihr Herz gegen Wunder genauso verhärten wie gegen Argumente.“

Ich glaube, Wesley hat hier absolut recht und bringt die Problematik außerordentlich gut auf den Punkt: Wenn jemand nicht glauben will, dann hilft weder Wunder noch Argument.

Oder anders auf den Punkt gebracht: Es kommt auf die Grundlagen an. Ist Gott der Schöpfer des Universums, ist Jesus der Eckstein, den die Bauleute verworfen hatten, ist Jesus das Brot des Lebens?

Natürlich prägt uns alle unsere Umgebung. Natürlich prägt uns das, was wir lesen, was wir hören, was wir sonst irgendwie mitbekommen.

Immer wieder müssen wir uns aber dabei fragen: Was tut mir gut? Was verhindert und was ermutigt Leben? Was drückt und was befreit?

Ich sage das an dieser Stelle, weil mich manche Aussagen aus dem erwähnten Buch „erlebtes, erlesenes, erkanntes“ fast würde ich sagen, zu sehr frustriert haben. Die auch von mir sehr geschätzte Theologin Dorothee Sölle schreibt etwa vom Phänomen des Massenatheismus oder der Religionslosigkeit aus Banalität. Früher wurde um Fragen der Religion gerungen und diskutiert, heute stellt sich die Frage garnicht mehr. Es scheint vielen einfach egal zu sein. Ich habe gemerkt, ich kann dieser Einschätzung einiges abgewinnen.

Oder Wilhelm Nausner schreibt über das Zeitalter des Zweifels statt des Glaubens, dass mit Ende des Mittelalters begonnen hat. Dass Menschen begonnen haben, alles in Frage zu stellen auch Gott. Das diese Abkehr von Gott, aber immer mehr in die durch den Zweifel geborene Verzweiflung führt und Menschen daher versuchen, sich ganz von Gott und Religion loszulösen. Auch diesen Denkansätzen kann ich bis zu einem gewissen Grad folgen.

Jedenfalls habe ich festgestellt, dass diese Teilaspekte einer Weltsicht in Verbindung mit dem heutigen Bibeltext und einer Erinnerung an eigene Gespräche über den christlichen Glauben, eine eigenartig lähmende Gemütslage in mir bewirkt haben.

Wo war das Befreiende des Evangeliums geblieben?

Das Befreiende liegt – wie so oft – auch im Text. Es liegt vor unseren Augen und wir haben es auch gehört, aber vielleicht eben überhört. Jesus antwortet auf die Frage, was wir denn tun müssen, um Gottes Willen zu erfüllen: „Gottes Wille wird dadurch erfüllt, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ (V29) Dass wir an Jesus glauben, das genügt. Wie viele Erwartungen könnte Gott an uns stellen und wie „wenig“ erwartet er hier an dieser Stelle von uns. Das ist doch interessant. Was hier gesagt wird und welche Meinung vorherrscht vom Christ oder Christin sein. Stellen wir uns vor, wir würden durch Graz gehen und die Menschen fragen: „Entschuldigung, sind sie Christ?“ Vielleicht würden wir tatsächlich oft ein „Ja, ich bemühe mich.“ oder ein „Das würde ich so nicht von mir behaupten.“ hören. Menschen verbinden mit Christentum wohl immer noch ein hohes moralisches Anforderungsprofil. Darum geht es aber bei der Antwort Jesu garnicht. Natürlich hat der Glaube auch Auswirkungen auf unser Verhalten, Glaube verändert uns. Das ist in der Antwort Jesu aber nicht der Kern. Es geht nicht um unser Verhalten, sondern um unsere Identität.

Stellen wir uns vor, wir fragen einen Menschen: „Sind sie ein Mann?“

Und der Mensch antwortet: „Ja, ich bemühe mich.“ oder „Das würde ich so nicht von mir behaupten.“

Christus gibt uns Identität. Der Glaube an Jesus macht uns zu Christinnen und Christen. Das Befreiende an diesem Schritt ist, dass man ihn auch als kleinen, nicht ganz so schwierigen Schritt sehen kann. Du musst zunächst nichts tun oder lassen, du must nicht vorher so oder so sein, deine Hautfarbe und Geschichte spielt garkeine Rolle, ob Mann oder Frau, arm oder reich, egal. Du musst nur diesen ersten Schritt des Vertrauens setzen. So beginnt Glaube und so wird Jesus zum Brot des Lebens. Brot, als Bild für das, was wir zum Leben brauchen.

Ich glaube, diese Frage stellt sich allen Menschen unabhängig wie lange sie schon an Jesus glauben: Was brauche ich zum Leben? Was erhält mich? Was kann Jesus hier für mich tun?

Die Antworten auf diese Fragen werden naturgemäß je nach Mensch unterschiedlich aussehen. Drei ganz konkrete Beispiele, jetzt einmal aus meiner Lebenspraxis heraus, möchte ich zum Schluss dieser Predigt aber anbieten: Wo wird mir Jesus zum Brot des Lebens?

Erstens: Jesus wird mir zum Brot des Lebens indem er mir die Gewißheit schenkt, dass Zweifel nur durch Glauben überwunden werden kann. Zweifel kann nie am Anfang stehen. Zweifel braucht ja etwas zum bezweifeln. Daher kann Zweifel nicht durch zweifeln überwunden werden, sondern nur durch Glauben, will man nicht selbst in der Verzweiflung enden. Brot ist das Bild für Lebensnotwendiges, das was aufbaut, erhält nährt. Was nährt wohl mehr „Ich zweifle an dir“ oder „ich glaube an dich.“

Zweitens: Jesus überwindet Hass, Gewalt und Tod indem er sich selbst hingibt. Das ist ein Vorgang, den ich nicht nur glauben, sondern auch verstehen kann.Diejenigen, die Hass sähen, werden auch Hass ernten. Gewalt wird nicht durch Gewalt überwunden, sondern erzeugt neue Gewalt. Das sind recht einfache Lebensbeobachtungen. Und Jesus macht das anders. Er ist bereit, unter Schmerzen und um den Preis seines Lebens, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Deswegen ist Jesus glaubwürdig, wenn er von Liebe redet. Jesus als Brot, das neues Leben ermöglicht hat, auch für mich.

Drittens: Jesus nährt mich, indem ich mich verbinden darf mit ihm und so nicht mehr allein bin. Nicht aus mir allein alles tun muss. Ich spüre deutlich das Wort, das wir auch im Johannesevangelium finden vom Weinstock und den Reben: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Oh ja, wir können schon tun, aber was soll das dann werden? In der Verbindung mit Jesus lässt sich einfach alles leichter und besser tun. Warum auf eine Nahrung verzichten, die Gott selbst anbietet?

Zusammenfassend kann ich also wirklich sagen: Es ist der Glaube der trägt. Der Glaube an Jesus, der der Gesandte Gottes ist. Nicht die Kirche, nicht der Zweifel, nicht die Wunder sinds die tragen, sondern das Brot des Lebens.

Amen.