21. November 2018

Gottesdienst am 19. August 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Johannes 6, 51-58                        Der Geber, als die Gabe

Liebe Gemeinde, ich möchte heute nochmal das Thema „Brot des Lebens“ aufnehmen. Nochmal das gilt für diejenigen die Anfang des Monats auch im Gottesdienst waren und meine erste Predigt dazu gehört haben. Nochmal gilt selbstverständlich auch für alle, die grundsätzlich schon früher diesen Text gelesen, gehört oder sogar Predigten dazu mitbekommen haben.

Und natürlich hoffe und bemühe ich mich, dieses Thema so verständlich zu behandeln, dass auch ohne Vorwissen deutlich wird, was wir im Johannesevangelium gehört haben.

Grundsätzlich ist es im Wesentlichen eine Botschaft, die durch die Begriffe Fleisch und Blut eine neue Facette bekommt und mehrfach wiederholt wird. Ganze fünfmal spricht Jesus davon, dass er das Brot ist und sein Fleisch hingibt, dass gegessen werden soll. Wenn jemand das ewige Leben haben und am letzten Tage auferweckt werden will.

Das Fleisch Jesu soll gegessen und das Blut Jesu soll getrunken werden?

Einmal für sich betrachtet erscheint die entrüstete, heftige Auseinandersetzung unter den Juden verständlich zu sein: „Wie kann dieser Mensch uns sein Fleisch zu essen geben?“

Aber für die nachösterliche, johanneische Zuhörerschaft, genauso wie für uns heute, gibt es hier schon eine andere Verbindung. Fleisch und Blut zu sich nehmen, den Leib und das Blut Jesu empfangen? Wahre Nahrung und wahrer Trank? Richtig, hier geht es um das Abendmahl.

An dem heute gehörten Text lässt sich wieder einmal, so wie bei vielen anderen biblischen Texten auch, zeigen, dass es eine Erzählebene und eine Bedeutungsebene gibt.

Auf diese Erzähl- und Bedeutungsebene werde ich gleich eingehen, aber zuvor möchte ich euch noch einen kurzen Überblick auf das heutige Hauptthema geben. Heute möchte ich das Abendmahl in den Mittelpunkt stellen und darum herum noch die Begriffe Sakrament und Symbole aufleuchten lassen.

Kommen wir nochmal auf den Unterschied zwischen der Erzähl- und der Bedeutungsebene zu sprechen. Auf der Erzählebene ist die Aufforderung Jesu, die Menschen, müssen sein Fleisch essen und sein Blut trinken gelinde gesagt abstossend und für die Juden ist es schlicht und ergreifend ein Ding der Unmöglichkeit und damit eine noch größere Provokation.

Jeder Jude und jede Jüdin kennt 3.Mos 3,Vers 17: „Das sei eine ewige Ordnung für eure Nachkommen, überall, wo ihr wohnt, dass ihr weder Fett noch Blut esst.“

Aber auch für alle anderen Zuhörer und Zuhörerinnen ist diese direkte Aufforderung zum Kanibalismus doch seltsam. Was steckt hinter dieser Provokation?

Auf der Erzählebene würde ich meinen, dass Jesus seine besondere Stellung als Menschensohn hervorheben und deutlich machen möchte. Der Menschensohn der vom Himmel gekommen ist und dem geglaubt werden soll. Nicht nur geglaubt, sondern an den geglaubt werden soll. Die Menschen sollen ihn nicht ständig auf „den Sohn des Zimmermanns“ beschränken. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Jesus seinen Zieh- oder Stiefvater immer geschützt hat. Das ist schon sehr fein, wie Jesus mit Josef umgeht und ihn nicht bloßstellt. Die Entstehungsgeschichte wird uns nur im Lukasevangelium näher gebracht, daß Maria, die Mutter Jesu, „von der Kraft des Höchsten überschattet“ wurde, wie es dort so schön heißt. Ich meine nur, das wäre ja eine Variante gewesen, diese Zugehörigkeit, diese Vaterschaft von Josef, öffentlich zurückzuweisen.

Aber darum geht es nicht. Im Kern geht es immer darum, ob Jesus geglaubt, das heißt vertraut wird. Glaube ich, vertraue ich dem, was Jesus sagt. So absurd oder abstossend sich das auch fürs Erste anhört. Das ist die Erzählebene.

So und auf der Bedeutungsebene sind wir gegenüber der Erzählebene zeitlich schon viel weiter fortgeschritten. Wir kennen ja schon den weiteren Verlauf und das Ende der Geschichte. Für die Hörerinnen oder Lesenden des Johannesevangeliums genauso wie für uns stellt sich die Frage: Was bedeuten diese Worte? Was will uns Jesus, oder der Verfasser des Johannesevangeliums im Namen Jesu, weitergeben?

Also für mich hat sich der Vers 57, sozusagen als Schlüsselsatz, als Antwort auf diese Frage herausgeschält. Jesus sagt: „Der Vater, der lebendige Gott, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn. Genauso wird auch der, der mich isst, durch mich leben.“

Wir müssen essen, um zu leben, daran besteht kein Zweifel. Und auch die nächste Aussage können wir wahrscheinlich alle bejahen: Unser Leben, unser Aussehen, unsere Gesundheit wird maßgeblich auch durch das bestimmt, was wir essen. Wer jeden Tag, 20 Kipferl oder 20 Hamburger oder 20 Döner isst, braucht sich nicht wundern, wenn er oder sie irgendwann doch einmal über 150kg Körpergewicht auf die Waage bringt.

Was bedeutet das in Bezug auf Jesus? Wie kann das aussehen, Jesus zu essen, Jesus zu sich zu nehmen, um durch ihn zu leben?

Hier sind wir beim Abendmahl angekommen. Dem Abendmahl als einer von mehreren Möglichkeiten, Jesus als die lebensbestimmende Nahrung aufzunehmen. Das Abendmahl ist die sakramentale Form Jesus, sozusagen als sinnenhaftes Zeichen, aufzunehmen.

Das klingt ein wenig kompliziert und mystisch, ist aber garnicht so schwer zu verstehen, wenn man sich einmal bewusst gemacht hat, was ein Sakrament eigentlich ist oder was ein Sakrament auszeichnet.

Auszeichnet, genau: Das Sakrament ist ein sinnenhaftes Zeichen, das heißt ein Zeichen, das unsere Sinne ansprechen soll und hier vorallem alle Sinne mit Ausnahme vom Kopf. Mit Ausnahme vom Verstand. Der Verstand soll auf die Predigt hören. Das Verstehen, das rational erklären können, erfassen, einordnen und so weiter hat beim Sakrament einmal Pause.

Beim Sakrament geht es um das Gefühl. Um den Geschmack. Um das Berühren. Um den Geruch. Um all die Sinne die Gott uns zusätzlich zum Kopf gegeben hat, um die Wirklichkeit um uns herum wahrnehmen zu können. Das ist ganz wichtig, dass wir die Wirklichkeit, die Nähe Gottes wahrnehmen, dass wir sie spüren können. Das ist Sakrament.

Deshalb ist das Abendmahl in unserer Kirche ganz folgerichtig etwas, zu dem die Kinder ganz selbstverständlich eingeladen sind. Denn nicht das Verstehen steht im Vordergrund, sondern das Spüren. Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. Genau das werden wir später hören und gemeinsam feiern.

Und in einem tieferen Sinn verbinden wir im Abendmahl diese Worte Jesu, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, mit den Zeichen, die wir dafür verwenden: Brot und dem Saft der Trauben.

Vor einigen Jahren habe ich mich in meiner Abschlussarbeit zum Laienprediger, ziemlich darüber empört, dass wir im Abendmahl so eine grauslige Symbolik feiern: Das Fleisch und das Blut Christi zu uns zu nehmen. Es war genau diese heute gehörte Stelle, die mir am meisten Schwierigkeiten bereitet hatte. Und forsch und provokant habe ich die Änderung der Einsetzungsworte und die Abschaffung der Realpräsenz von Christus in Brot und Wein gefordert. Ja, das ist ein paar Jahre her.

Aus heutiger Sicht würde ich zwar auch noch so wie damals sagen, dass Fleisch und Blut, besser und umfassender erklärt werden müssen. Das Fleisch oder der Leib Christi, als all das, was Christi ausmacht, sein ganzes Leben. Sein Leben, das er freiwillig hingegeben hat. Oder das Blut als  Sitz des Lebens, als Symbol für das, was uns lebendig macht, was uns ausmacht, unsere Seele darstellt.

Aber zur Abschaffung der Symbole Brot und Saft der Trauben, würde ich mich heute wohl der Antwort von Lothar Pöll, Pastor und ehemaliger Superintendent unserer Kirche, anschließen, der die Alternativlosigkeit zu den Symbolen Brot und Saft der Trauben folgendermaßen beschreibt, ich zitiere:

„Ein Symbol ist ein Zeichen bzw eine Zeichenhandlung, die „emotional“ und in einem tiefen Sinn mit dem Ereignis zusammenhängt, das es bezeichnet. Ein Logo, ein Piktogramm, eine Verkehrstafel sind Zeichen und können auch je nach Mode oder Geschmack verändert werden. Ein Symbol ist viel mehr und tiefer mit dem, was es bezeichnet, verbunden, nicht magisch aber in seiner Bedeutung. Die Fahne eines Landes hat z.B. Symbolcharakter und wenn man sie aus Hass demonstrativ anzündet, dann richtet sich das direkt gegen das Land. Es ist eine Missachtung und Beleidigung. Ein Ehering wird nicht durch seinen Goldgehalt wertvoll sondern durch das Treueversprechen der Eheleute. Man hält ihn deshalb in Ehren. Und wenn der Ring auch nur aus Blech sein sollte, hat er nicht weniger an Wert.

Symbole kann man nicht einfach beliebig den Moden anpassen. Symbole kann man auch nicht erfinden. Sie müssen aus einem Urerlebnis entstehen und sind mit einer bedeutsamen Geschichte verbunden. Nicht die Substanz, nicht der Warenwert macht Symbole zu Symbolen sondern die Bedeutung, die ihnen anhaftet.“ Zitat Ende.

Diese Ausführung macht es für mich leichter, vertrauensvoll mit dieser Verbindung zwischen Fleisch und Brot, sowie zwischen Blut und Saft der Trauben umzugehen. Es sind Symbole mit einer Wirkungsgeschichte. Einer bezeugten, durch die Jahrhunderte gehenden und auch noch heute gültigen Wirkungsgeschichte.

Ich wünsche uns, dass wir das jetzt nachher im Abendmahl wahrnehmen und spüren können. Wie Christus unsere wirkliche Nahrung und unser wirklicher Trank ist und wird, der unser Leben so nährt, dass wir aus ihm heraus leben. Amen