21. November 2018

Gottesdienst am 26. August 2018

Predigt: Gerhard WeissenbrunnerEnglish

Johannes 6, 56-69                               Geheimnis des Glaubens

Ein Missionar sucht lange nach einem Wort für „Glaube“ in der Papuasprache. Eines Tages kommt ein Eingeborener zu ihm und sagt: „Du erzählst uns von Jesus und sagst, er sei für uns gekreuzigt und auferstanden. Hast du Jesus gesehen?“ „Nein!“ „Bestimmt aber dein Großvater!“ „Auch nicht!“ „Dann lebt Jesus gar nicht in deiner Heimat, woher weißt du denn, dass Jesus lebt?“ Unterdessen hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. „Siehst du die Sonne?“, fragt der Missionar. Der Mann schüttelt den Kopf. „So ist es auch mit Jesus. Die Sonne scheint, auch wenn du sie nicht siehst. Ich sehe Jesus nicht und weiß doch, dass er lebt!“ Der Mann denkt lange nach, dann sagt er: „Ich verstehe dich. Dein Auge hat Jesus nicht gesehen, aber dein Herz kennt ihn. Mit dem Herzen hast du Jesus gesehen!“ Nun hatte der Missionar das Wort für „Glaube“ gefunden: „Jesus mit dem Herzen sehen.“

„Jesus mit dem Herzen sehen“ heißt nicht, den Verstand auszuschalten. Im Psalm 53 lesen wir: «Gott blickt vom Himmel auf die Menschen. Er will sehen, ob es da welche gibt, die Verstand haben und nach ihm fragen.« 

„Jesu mit dem Herzen sehen“, heißt vielmehr, sich Jesus zu Herzen nehmen. Sich zu beherzigen, was er gesagt und getan hat. Nach dem Beispiel der Papuasprache, wäre der Glaube an Jesus „die Sonne im Herzen zu tragen“. Die Sonne der Gerechtigkeit, die Sonne der Gnade Gottes, die Sonne der Barmherzigkeit, die Sonne der Liebe, die Sonne des Friedens, die Sonne des Lebens. Die Sonne, die uns wärmt und leuchtet auf unserem Weg. 

Wir wollen diese Sonne. Wir lieben sie, wenn sie uns scheint. – Wir sehnen uns nach ihr mit ganzem Herzen, wenn sie nicht scheint. Wir sollen auch Jesus wollen. Wir sollen auch an ihn glauben wollen, wenn wir ihn auch nicht sehen. Jesus soll einen festen Platz in unserem Herzen bekommen. (- So wie wir einen festen Platz im Herzen Gottes haben).

„Jesus in seinem Herzen einen Platz einräumen“, das ist gemeint mit „Glaube“. Das ist auch gemeint, wenn Jesus spricht: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“ (V.56). 

Vernunft und Verstand allein können diese Aussage von Jesus nicht fassen. Es braucht das Herz dazu! Und es heißt ja auch: „man sieht nur mit dem Herzen gut!“ Deshalb verlassen Jesus einige Jünger. Sie sagen: „Was er da redet, ist ein Zumutung! Wie kann man von jemand verlangen, sich so etwas anzuhören?“ (V.60) Jesu Zeichen und Wunder konnten sie nicht überzeugen. Sie hatten ihre eigenen Vorstellungen. Auch ihr Gottesbild war ein anderes. Sie waren festgefahren und nicht änderungsbereit.

Uns sind Jesu Worte vertraut: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“. Für uns sind diese Worte nicht neu. Wir hören sie jede 2. oder 3. Woche beim Abendmahl. Im Gedächtnis an ihn, an seine Worte, an sein Wirken, an sein Sterben und an seine Auferstehung, essen wir Brot und trinken Traubensaft. Und wir hören die Worte, das ist „das Brot des Lebens“, das ist „der Kelch des Heils“. Wir nennen es „Geheimnis des Glaubens“. 

Was zuerst ein Geheimnis ist, wird im Abendmahl Realität. Wir essen „Leben“, wir trinken „Heil“. Wir kosten nicht nur, sondern wir schmecken es und es schmeckt gut. Wir schlucken es hinunter in unsere Mitte – in die Mitte unseres Körpers, in die Mitte unserer Seele und in die Mitte unseres Geistes. Wir haben tatsächlich Leben und Heil aufgenommen.

Eine zentrale Botschaft beim Abendmahl ist die Zusage der Vergebung. Vergebung von Schuld und Sünde. Manche sagen, Sünde sei eine Erfindung der Kirche. Dann haben sie halt andere Methoden, Schuld zu verstecken oder auf andere zu verschieben. Doch wie auch immer, Schuld braucht Vergebung. Geschieht dies nicht, schaden wir uns selbst. Die Folgen sind, dass Beziehungen kaputt gehen und Depression zunimmt. 

Beim Abendmahl spricht Jesus zu uns: „wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1.Joh. 1,9) oder „der gütige und barmherzige Gott vergibt uns und macht uns frei von aller Sünde. Er festigt und stärkt uns zu allem Guten und verleiht uns das ewige Leben, durch Jesus Christus , unserem Herrn“ (1.Thim. 1,15)

In unserem Lebensvollzug gibt es verschiedene Bezugspunkte, wo Vergebung notwendig erscheint. Ich meine da ist einmal, dass mir Gott vergibt. Dann, dass ich lerne mir selbst zu vergeben. Drittens Mitmenschen zu vergeben und viertens Gott zu vergeben.
Was dabei leichter oder schwerer fällt wird wohl individuell verschieden sein. Wenn es beim Abendmahl heißt, „unser persönliches Bekenntnis und unsere Bitten bringen wir im stillen Gebet vor Gott“, dann wird unser Bekenntnis wahrscheinlich nicht unser ganzes bisheriges Leben betreffen können, sondern gerade konkrete, aktuelle Ereignisse.

Ich möchte jetzt mit euch diese 4 Bezugspunkte einzeln durchgehen. Und vielleicht gelingt es die Notwendigkeit der Vergebung auch geschmacklich bewusst zu machen. Dazu bekommt ihr jetzt ein Stück Brot und ich bitte euch erst davon zu essen, wenn ich es sage.

Aktion: Verteilen von Brot – 

Wenn wir dann von diesem Brot essen so bitte ich euch, es nicht als Abendmahl zu verstehen. Sondern lediglich den Geschmack mit der Erinnerung zu verbinden, wo euch persönlich Vergebung notwendig und wichtig erscheint.

  1. Bezugspunkt: ich bitte Gott um Vergebung meiner Verfehlungen! Vor allem für die eigene Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit –
    Jesus erzählt uns dazu ein Beispiel (Lk.18,10ff): „zwei Männer gingen zum Tempel hinauf um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich selbstbewußt hin und betete. Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen – ich bin kein Räuber, kein Betrüger und kein Ehebrecher, und ich bin auch nicht, wie jener Zolleinnehmer dort. Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften. Der Zolleinnehmer dagegen blieb  in weitem Abstand stehen und wagte nicht einmal, aufzublicken. Er schlug sich an die Brust und sagte: «Gott vergib mir sündigen Menschen meine Schuld!« Ich sage euch: der Zolleinnehmer war in Gottes Augen gerechtfertigt, als er nach Hause ging, Der Pharisäer jedoch nicht.“

    Ich ersuche euch nun von dem Brot einen vierten Teil abzubrechen und ihn zu essen. Womöglich mit dem Gedanken an den Zolleinnehmer. 
  2. Bezugspunkt: Ich möchte lernen mir selber zu vergeben.
    Ich leide oft darunter, dass ich mich selbst nicht ausstehen kann. Das betrifft nicht nur manche blöde Ansage, die ich unbedacht von mir gebe. Sondern ich mag mein Aussehen nicht. Ich wäre gern einen Kopf größer, wie mein Bruder es war. Ich hätte gern volles Haar und einen schlanken Körper. Aber nicht nur mein Aussehen betrübt mich manchmal, sondern auch manche ungute Gewohnheiten, die ich nicht los werde; oder schlechte Gedanken.
    Wenn ich so richtig „down“ bin, dann denke ich an das tröstliche Bibelwort (1.Joh.3,20): „wenn dich dein Herz anklagt, dann nimmt Gott dich in Schutz. Gott ist größer und erkennt alle Dinge.“ Oder: „ich habe dich geliebt von Anfang an!“ Oder: „ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes.43,1)
    In meinem Badezimmer klebt ein Zettel am Spiegel, und ich kann ihn jeden Tag lesen: „Danke du liebender Gott! Weil du mich magst, mag ich mich auch. Ich schaue in den Spiegel und sehe, wie du mich gemacht hast. Und du hast gesagt, «es ist gut so!« Danke für deine Liebe und bitte gehe mit mir durch diesen Tag!“
    Wenn Gott mir schon längst vergeben hat, so kann ich mir doch auch vergeben. Oder?Brecht bitte das zweite Stück von eurem Brot ab, esst und nehmt euch an, so wie ihr seid. Durch die Gnade Gottes in Jesus Christus. Schmeckt, wie freundlich der Herr ist! (Ps.34,9)
  3. Bezugspunkt: ich möchte lernen meinen Mitmenschen zu vergeben.
    Gott mag die Sünde nicht, aber er liebt die Sünderin/den Sünder! Jesus sagt: „richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ „Die Rache ist mein spricht der Herr!“
    Es ist nicht unsere Aufgabe Böses mit Bösem zu vergelten. Ja, es ist unsere Aufgabe „Unrecht“ aufzuzeigen und dagegen aufzutreten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Kraft. Aber, wenn wir es schon nicht in Liebe tun können, so doch in Respekt und Würde dem Geschöpf Gottes gegenüber.
    Ein beeindruckendes Beispiel dafür sind Ärzte, die Schwerverbrecher zu behandeln haben. Der Arzt setzt sich selbst eine Grenze. Es darf für ihn nicht von Bedeutung sein, ob er einen Mörder oder einen Drogendealer behandelt, sondern er muss sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Und die ist, dem Kranken zu helfen und ihm seine menschliche Würde zu lassen. Das ist sicher schwer nachzuvollziehen, aber man sieht, man kann es lernen.
    Mahatma Ghandi erkannte, dass das einzige Mittel für Frieden in der Welt die Feindesliebe ist. So wie Jesus es empfohlen hat.Brecht bitte die Hälfte vom restlichen Brot ab und esst. Ich denke dabei an Menschen, bei denen mir gegen den Strich geht, was sie sagen und tun. Ich möchte lernen sie nicht zu verurteilen. Sondern ich lege sie vors Kreuz Christi. Und ich bitte Gott, mich von meinen schlimmen Gedanken zu befreien. Und mir Kraft und gute Gedanken zu geben, was ich für sie tun kann.
  4. Bezugspunkt: ich möchte lernen Gott zu vergeben.
    Ich denke, das ist wohl die schwierigste Aufgabe im Glaubensleben: sich selbst, unsere Nächsten und die ganze Welt in Gottes Hände zu legen.
    Ich erinnere mich an einen lieben Arbeitskollegen mit dem ich über Gott gesprochen habe. Er hat gemeint, wenn er Gott wäre, würde er vieles besser machen; z.B. würde er Krankheit, Leid, Schmerz und Tod nicht zulassen. Die Menschen würden dann viel sorgloser leben können.
    Damit hat er genau auf den Punkt gebracht, warum viele Gott ablehnen. Es ist ihre Sorge!
    Und andere würden zu Krankheit und Tod noch Krieg und die ganze Ungerechtigkeit auf der Welt hinzufügen. Obwohl sie gesund sind und in Frieden leben, sorgen sie sich. Sie sorgen sich um ihre Kinder, um ihre Ehe, um ihren Arbeitsplatz, um ihren Wohlstand, um die Zukunft u.v.m. Und die Sorgen machen sie erst krank!
    Die Sorge ist ein übles Gift! Sie verletzt den Körper und die Seele. Sie nimmt das befürchtete Elend vorweg und quält schon vor der Zeit. Sie schürt die Angst vor dem, was morgen geschehen könnte. Sie verhindert, dass der Segen des heutigen Tages und die Fülle der Gegenwart genossen werden kann. Die Sorge ist nicht nur ein schlimmes Leiden und eine böse Krankheit der Seele. Sie ist auch ein Angriff auf Gott und eine Beleidigung. Sie ist die Ursache der offenen oder insgeheimen Anklage gegen Gott.
    Jesus hilft! «Werft alle eure Sorgen auf ihn, er sorgt für euch (1.Petr.5,7)!« «Macht euch um nichts Sorgen! Wendet euch vielmehr in jeder Lage mit Bitten und Flehen und voll Dankbarkeit an Gott und bringt eure Anliegen vor ihn. Dann wird der Frieden Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, über euren Gedanken wachen und euch in eurem Innersten bewahren – euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid.(Phil.4,6-7)«Ich bitte euch nun, nehmt euer restliches Stück Brot und esst. Möge Gott uns vergeben, wenn wir uns selbst zu Gott machen. Gott spricht: „ich bin der Herr dein Gott und du sollst keine anderen Götter neben mir haben! (2.Mose 20,2)“ Möge er uns helfen, dass sein erstes Gebot in unserem Herzen den besten Platz findet.

Vergebung ist scheinbar in mehreren Facetten notwendig. Ich erinnere noch einmal an die 4 Bezugspunkte: dass mir Gott vergibt. Dann, dass ich lerne mir selbst zu vergeben. Drittens Mitmenschen zu vergeben und viertens Gott zu vergeben. Vergeben kann man lernen!

Ihr Lieben,
sehen wir Jesus mit unserem Herzen, lernen wir ihn durch sein Wort und kosten wir ihn im Abendmahl. Unser tägliches Leben soll von Jesus durchdrungen sein. Es gelingt, wenn wir auf ihn schauen.

Als Jesus auf dem Wasser ging, sagte Petrus: „Herr, ich möchte zu dir kommen!“ Jesus sagte „Komm!“ und Petrus ging auf dem Wasser. Dann wunderte er sich, schaute auf den Wind und die Wellen und versank.

Schauen wir nicht zuerst auf die Welt, sondern auf den Gott, der die Welt erschaffen hat und sie liebt! Schenken wir ihm unser Herz! Amen

Gerhard Weissenbrunner