24. September 2018

Gottesdienst am 9. September 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Jakobusbrief 2, 1-10 und 14-17               Was ist mit arm sein gemeint

Liebe Gemeinde, ich möchte heute den Text aus dem Jakobusbrief für die Predigt heranziehen. Den Jakobusbrief? Wir, als evangelisch-methodistische Gemeinde, sollen uns mit einem der 7 katholischen Briefe auseinandersetzen? Einem Brief, den Martin Luther einst als „stroherne Epistel“ bezeichnet hat, der so „gar keine evangelische Art“ an sich habe.

Auf diesen Vorwurf möchte ich hier eingangs kurz eingehen, um mich dann dem heutigen Hauptthema zuzuwenden, was denn mit arm sein gemeint ist oder gemeint sein könnte. Wer ist arm und wer ist reich? Was können wir aus dieser Fragestellung für unseren persönlichen Glauben mitnehmen?

Beginnen wir mit der „strohernen Epistel“. Epistel ist ein über das Lateinische aus dem griechischen entlehntes Wort für „Brief“. Luther meint damit also den Jakobusbrief. Und Luthers abschätzige Bemerkung können wir meiner Ansicht nach nur dann verstehen oder halbwegs nachvollziehen, wenn wir uns gedanklich in die Anfangszeit der Reformation zurückversetzen und auch Luthers ganz persönlichen Lebensweg, sein eigenes Martyrium sozusagen, anschauen. Luther lebt im Mittelalter, einer Zeit in der Hölle und Teufel, Fegefeuer und Ablasshandel Alltag waren. Und Luther ist Teil davon und ist getrieben von dieser Angst, Gott nie über das was er tut oder tun kann, gerecht werden zu können. Gleichzeitig erkennt er, dass Geld, für einen Ablassbrief beispielsweise, doch kaum in Lage sein wird, sein Problem, die Frage nach einem gnädigen Gott, zu lösen. Und in dieser Situation entdeckt er im Römerbrief diese erlösende Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben, allein aus Gnade.

Diese Erleichterung, diese Erlösung, die er selbst erfährt wird dann zum Motor für sein weiteres Auftreten und seinen Kampf gegen den Ablasshandel. Und in dieser Situation, in der es gilt dem Ablasshandel etwas anderes, einen eigenen persönlichen Glauben der aus der Rechtfertigung durch Gott und nicht der Kirche lebt, gegenüber zu stellen, in diese Situation passt ihm der Jakobusbrief nicht so richtig in den Kram. Weil er seinem Credo allein aus Glauben und allein aus Gnade scheinbar gegenüber steht.

Heute können wir ganz entspannt den Jakobusbrief betrachten und ihn als wertvolle Warnung wahrnehmen, dass unser Glaube kein reines Lippenbekenntnis ist oder werden darf.

Aber Luther steht ja sozusagen an der Spitze einer Reformation, einer Erneuerungsbewegung der Kirche, die Europa erschüttern wird und die eine enorme Kraft braucht. Eine Standfestigkeit und Eindeutigkeit. In dieser Situation ist es vielleicht nicht richtiger, aber verständlicher, warum er den Jakobusbrief als „stroherne Epistel“ abgetan hat.

Heute können wir den Jakobusbrief als diakonischen Brief lesen oder hören, der uns daran erinnert, dass Glaube auch Konsequenzen haben muss, sonst bleibt er blutleer. Aber – und hier hole ich Luther ein letztes Mal auf die Bühne – aber das gute Werk ist die Konsequenz des Glaubens, die Gottes gutem Handeln an uns folgt und keine Voraussetzung darstellt. Einfacher gesagt: Gott hat uns zuerst geliebt. Wir mussten nichts tun, es war und ist seine Gnade, die uns erlöst. Aber dann, was passiert dann?

Genau hier setzt der Jakobusbrief mit einer seiner zentralen Botschaften an wenn er ausspricht, was wir vorhin gehört haben: „Angenommen, ein Bruder oder eine Schwester haben nicht genügend anzuziehen, und es fehlt ihnen an dem, was sie täglich zum Essen brauchen. Wenn nun jemand von euch zu ihnen sagt: »Ich wünsche euch alles Gute! Hoffentlich bekommt ihr warme Kleider und könnt euch satt essen!«, aber ihr gebt ihnen nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt ihnen das? Genauso ist es mit dem Glauben: Wenn er keine Taten vorzuweisen hat, ist er tot; er ist tot, weil er ohne Auswirkungen bleibt.“

Damit komme ich zum heutigen Hauptthema, das an mehreren Stellen angesprochen wird in unserer heutigen „Epistel“: Was bedeutet es arm oder reich zu sein? Damit verbunden ist eine nicht gleiche, aber ähnliche Fragestellung: Wer ist arm und wer ist reich?

Zunächst einmal haben wir von einem fiktiven Beispiel gehört: Nehmen wir an, ein reicher und ein armer Mensch kommen in euren Gottesdienst. Wie behandelt ihr den einen und wie behandelt ihr den anderen. Wo doch eure Zugehörigkeit zu Jesus Christus euch dazu anhalten sollte Rang und Ansehen eines Menschen eben nicht zum Kriterium zu machen wie ihr mit ihm umgeht.

Das wirft für mich mehrere Fragen gleichzeitig auf. Einerseits die Frage, wie wäre das jetzt und heute für unsere Gemeinde? Nehmen wir an, zwei Menschen kommen – wahrscheinlich zu spät und erst nach dem ersten oder zweiten Lied – in unseren Gottesdienst. Der eine ein Rapper mit Designeroutfit, vielen, vielen Goldketten und sonstigem Blingbling und ein zerlumpter, nach Urin stinkender Sandler. Beide bekommen von Abraham ein Gesangbuch in die Hand gedrückt und nehmen wahrscheinlich – sollte es auf den besten Plätzen unserer Kirche nicht schon voll sein – in der vorletzten Reihe Platz. Wie verläuft das Gespräch beim Kirchenkaffee?

Die andere Frage die mir dabei in den Sinn kommt, ist das Vertrauen in meine eigen Urteilskraft. Bin ich selbst in der Lage, Menschen vorurteilsfrei, ohne Ansehen der Person oder ihrer Erscheinung zu behandeln? Gilt für mich „Kleider machen Leute“ oder „don´t judge a book by it´s cover“ also „beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag“. Das ist ja eine Frage, die wir täglich mehrfach beantworten müssen.

Die wichtigste Frage aber die ich mir bei dieser und den folgenden Beschreibungen stelle, ist, ob wir uns bei der Beschäftigung mit dem Thema arm und reich zu sehr von einer materialischen Weltanschauung leiten lassen, die der biblischen Absicht gar nicht gerecht wird.

Eine materialistische Weltsicht, die der biblischen Absicht nicht gerecht wird.

August Everding, ein deutscher Regisseur, der sich mit den Seligpreisungen der Bergpredigt auseinander gesetzt hat, schreibt: „Materielle Armut oder ein sozial schwächer Gestelltsein, dass mit einem Haben- und Raffenwollen einhergeht, garantiert noch keinen Platz im Himmel. Anerkennt man mangelnden Besitzstand als einzig mögliche Form von Armut, so müsste man sich den Vorwurf gefallen lassen, ein materialistisches Weltverständnis zu haben.“

Was Everding hier gelingt, ist die notwendige Unterscheidung zwischen mangelndem Besitzstand und einer Haltung. Dass wir Armut auch als Einstellung begreifen können, die einen Menschen nichts von sich selbst, sondern alles von Gott erwarten lassen. Arm ist in diesem Sinne der- oder diejenige, die von nichts „besessen“ wird. Sie oder er ist somit frei und offen für Gott und sein Reich.

Von nichts besessen. Nicht im Sinne von verrückt oder wahnsinnig, sondern im im Sinne von frei sein, nicht bestimmt sein von der Sorge um einen Besitz, der Sorge um einen irdischen Reichtum zu sein. Nicht besessen sein.

Auf diesem Hintergrung bekommt der heute gehörte Vers möglicherweise ein anderes Gewicht: „Hört, meine lieben Geschwister! Hat Gott nicht gerade die, die in den Augen dieser Welt arm sind, dazu erwählt, durch den Glauben reich zu werden? Hat er nicht gerade sie zu Erben seines Reiches bestimmt – zu Erben des Reiches, das er denen zugesagt hat, die ihn lieben?

Was ich hier durch diesen Text durchhöre ist eine Wertschätzung für die Armen dieser Welt. Es macht aus ihnen aktive Vorbilder, statt passive Hilfsbedürftige.

Anders gesagt: Arme dürften bessere Chancen haben, das Wesentliche wahrzunehmen. Der hungrige Mensch weiß, was ein Stück Brot wert ist und der Einsame weiß das Lächeln eines Freundes zu schätzen. Wer alles hat, ist eher versucht zu glauben, dass er oder sie Gott garnicht braucht.

Was wir aus all diesem aber bitte nicht rückschließen sollen ist meiner Ansicht nach Folgendes: Weder gilt es, Armut zu glorifizieren, noch gilt es Reiche auszuschließen.

Eine falsch verstandene, unangemessen beschönigende Darstellung von Armut wäre es, zu sagen: „Ok, sei doch froh, dass du arm bist. Du bist Erbe des Reiches Gottes, das ist doch toll, viel Spass damit.“ Das ist gemein und kommt aus einer merkwürdig beleidigten, Zurückweisung vermutenden, Geisteshaltung. Gott, du liebst mich nicht, du liebst ja nur die Armen. Nein.

Ich finde Don Medardo Gomez, lutherischer Bischof aus Zentralamerika, bringt es ganz gut auf den Punkt. Er schreibt: „Weil Gott sich zuerst für die Armen entschieden hat, laut Evangelium, entscheiden die Armen sich für Gott. Doch seine befreiende Botschaft geht viel weiter. Sie geht alle an, auch die Reichen. Deshalb vertritt meine Kirche eine „Theologie des Lebens“. Ihr Leitsatz ist eine besondere Aufmerksamkeit für die, die es am nötigsten haben. Das heißt es ist eine Theologie die erklärt, dass Gott die Reichen wie die Armen liebt. Aber er wendet sich mehr den Armen zu, weil diese es nötiger haben.“

Ich fasse zusammen:

  • Luthers Geringschätzung des Jakobusbriefes dürfte mit seiner Zeit, seinem Leben und seiner Mission zusammenhängen. Heute schaut das ganz anders aus und der Jakobusbrief erinnert uns daran, dass unser Glaube tot wäre, wenn er keine Auswirkungen hätte.
  • Armut ist nicht nur materielle Armut, sondern kann eine Haltung sein, die alles von Gott erwartet. Die Freiheit von der Sorge um einen Besitz, das „nicht-besessen-sein“, macht offen für Gott und sein Reich.
  • Arm und reich ist immer ein relativer Vergleich. Viel wichtiger ist meine Haltung Gott gegenüber, der mich ohne Einschränkungen liebt und mit mir Beziehung haben möchte.

Amen.                                                                                                                         Frank Moritz-Jauk