24. September 2018

Gottesdienst am 16. September 2018

Predigt: Christine Walzer

Hier, Heute und ganz persönlich                                                            Markus 8, 27-38

Liebe Gemeinde!

Viele von uns kennen das Gefühl des frisch Verliebtseins. Viele von uns können sich gut daran erinnern, wie das war, manche sind vielleicht in diesem Zustand. Ein Teil des Verliebtseins ist es, dass man sehr viel übereinander wissen will. Man sitzt stundenlange zusammen und redet und redet, man erzählt und stellt eine Menge Fragen. Es ist ein Zustand, den Menschen in großer Offenheit, mit Warmherzigkeit und Toleranz verbringen.

Fragen zu stellen ist in unserem Leben wichtig. Sie dienen nicht nur der Wissensvermittlung oder zeigen Wissenslücken auf. Natürlich ist es eine wichtige Bedeutung der Fragen, sein Wissen zu vermehren. Wir müssen nachfragen, wenn wir z.B. nicht mit einem technischen Gerät umgehen können. Wenn wir nicht fragen, wissen wir nicht, wie es funktioniert.

Aber Fragen haben noch eine andere Qualität. Sie können ein Thema in ein Gespräch einbringen. Sie können einen Dialog lenken. Wenn ein Gespräch nicht so richtig in Gang kommt, kann man mit einer Frage Abhilfe schaffen. Wer fragt, kann seinen Horizont erweitern. Und wie man am Beispiel des Verliebtseins sieht, sind sie ein ganz wichtiger Teil, wenn man Menschen besser kennenlernen will. Sie können Interesse am anderen zeigen.

Manchmal kommt es mir allerdings so vor, als ob Fragen aus der Mode gekommen wären. Viele Menschen haben Antworten, stellen jedoch keine Fragen. Sie verbreiten das Gefühl, auf alles eine Antwort zu haben. Sie stehen über den Dingen und wissen alles. Sie brauchen nicht mehr zu fragen.

Dann gibt es noch Menschen, die fragen ganz bewusst nicht nach, so nach dem Motto: „Ich frag nichts, die müssen schon zu mir kommen. Ich bin ein wichtiger Mensch und habe viel zu tun. Deswegen müssen alle zu mir kommen. Wenn sie nicht kommen, weiß ich ja nichts und kann dann nicht helfen. Nachfragen werde ich sicher nicht.“ Diese Einstellung ahnen ganz viele Menschen, und es ist nicht sehr vertrauensfördernd, wenn man auf so jemand trifft.

Eine der bekanntesten Fragen im deutschsprachigen Raum ist wahrscheinlich die Gretchenfrage aus Goethes Faust.

Unter einer Gretchenfrage versteht man eine Frage, die den Kern eines Problems trifft und die meist unangenehm zu beantworten ist. Sie soll die wahren Absichten und Gedanken des Gegenübers aufzeigen. So eine Frage verlangt als Antwort ein Bekenntnis. Etwas, das bis jetzt nicht deutlich erkennbar oder sichtbar war. Solch eine Frage ist aber nicht als Fangfrage gedacht, aber sie geht ans Eingemachte. Diese Frage verlangt eine Entscheidung und keine schwammige Antwort. Es geht um Herzensüberzeugungen, es geht darum, Stellung zu beziehen. So eine Frage ist natürlich nicht einfach zu beantworten.

Solch eine Frage stellt Jesus seinen Jüngern. Eine Frage, die ans Eingemachte geht, die eine Stellungnahme erfordert.

Bevor Jesus die Gretchenfrage stellt, stimmt er seine Jünger auf das Thema ein. Er fragt: „Für wen halten die Menschen mich?“. Das ist zuerst eine eher allgemein gehaltene Frage. Da muss man noch nicht unbedingt Stellung beziehen. Da kann man noch herumreden und nicht klar antworten. Man muss keine persönlichen Entscheidungen treffen.

Dann jedoch fragt er seine Jünger direkt: „Und ihr, für wen haltet ihr mich?“. Diese Frage verlangt eine Stellungnahme. Jetzt können sie sich nicht hinter Gehörtem oder Wunsch-vorstellungen verstecken.

Anfang August hat Frank in einer Predigt gefragt, „wer ist Jesus.“ Ich will die Frage ein bisschen anders stellen. „Wer ist Jesus für mich?“ Für jede und jeden einzelnen von uns. Ich denke, dass wir uns diese Frage immer wieder stellen können.

Wir alle verändern uns im Laufe der Jahre. Deswegen kann es wichtig sein, auf diese Frage immer wieder eine ehrliche Antwort zu finden. Wer ist Jesus für mich, hier, heute und ganz persönlich. Mit allen Wünschen, Zweifeln und Erfahrungen.

Die Antwort ist vielleicht ein Bekenntnis für Jesus, für ein Leben im Glauben. Ich denke sie kann auch tiefer gehen. Sie kann auch zu einer Beziehung mit Jesus führen. Haben wir eine persönliche Beziehung mit Jesus? Wenn wir eine Beziehung haben, wird sich die Antwort immer wieder ändern. Alle Beziehungen sind stetig im Wandel, wie wir selbst.

Ein Bekenntnis ohne persönliche Beziehung, kann in einem statischen Glauben enden. Ohne Veränderung. In einem Glauben der zu Dogmen führen kann. Und die dürfen sich bekanntlich nicht verändern.

Hat der Glaube wirklich Platz in unserem Leben oder reicht es, wenn wir den Gottesdienst und die Veranstaltungen der Gemeinde besuchen. Genügt es, wenn der Glaube ein Lippenbekenntnis ist, aber mein Leben nicht wirklich beeinflusst. Hier kommt noch eine Art der Frage zum Tragen. Und zwar sich selbst zu hinterfragen. Die eigenen Motive und Gedanken zu hinterfragen.

Ein Bekenntnis kann man ohne Herz machen. Man kann es aber auch mit Leben füllen. Versteht mich bitte nicht falsch. Bekenntnisse sind wichtig und haben ihren Platz. Wenn wir alle gemeinsam das Glaubensbekenntnis oder das soziale Bekenntnis sprechen, verbindet es uns. Es verbindet uns auf eine Art und Weise, wie der gemeinsame Gesang oder unsere Gebete.

Glaubensformeln sollten aber mit Inhalt und Leben gefüllt werden. Die Buchstaben können geweckt und beseelt werden. Dann kann sich die Atmosphäre im Gottesdienst ändern. Es wird etwas mit uns und unseren Beziehungen untereinander geschehen. Ich find es auch wichtig, Bekenntnisse immer wieder zu hinterfragen und zu verändern.

Für wen haltet ihr mich? Diese Frage stellt man, wenn man ein echtes Gespräch will. Nicht in der Art, „Was haltest denn du von mir.“ Um jemand bloß zu stellen. Oder so „Wie geht’s. Danke schlecht! Oh, das freut mich, bis später.“

Dies ist eine Frage, wenn sie ernst gemeint ist, die eine Begegnung will. Ein Innehalten, Nachdenken und Nachspüren. Diese Frage braucht eine Beziehung, vielleicht eine Freundschaft.

Wer ist Jesus für mich? Will ich eine Begegnung und Beziehung? Das kann zur nächsten Frage führen. Was erwarte ich mir von dieser Begegnung, dieser Beziehung?

Petrus erwartete sich, von Jesus, einen starken Messias. Einen Messias, der vor der ganzen Welt seine Stärke zeigt. Der sie von der römischen Herrschaft befreit. Einen Retter, der für alle sichtbar ist.

Was erwarten wir uns von dieser Beziehung? Wollen wir eine Absicherung? Jesus wird uns schon helfen, wenn ich zwischendurch um Hilfe bitte. Ist er für uns eine historische Gestalt, ein Religionsgründer, ein vorbildlicher Mensch? Oder erwarten wir uns nichts, sondern wollen eine ganz ehrliche und offene Beziehung mit Jesus, dem Sohn Gottes. Wollen wir eine Beziehung, weil wir an Gott und seinen Sohn glauben?

Jede Beziehung hat ihre persönlichen und subjektiven Elemente. Deswegen gibt es keine gleichen Beziehungen, auch nicht zu Gott, zu Jesus. Eine Beziehung ist nie endgültig, sie verändert sich immerfort. Sie hängt von den Lebenserfahrungen, die wir machen, ab. Sie ist abhängig von unserem Alter und vom Umfeld, in dem wir Leben. Unsere Prioritäten prägen auch unsere Beziehungen. Der Glaube, unsere Beziehung zu Gott, ist ja nichts, was man immer hat oder besitzt. Einmal geglaubt und passt schon. Dann braucht man keine Entscheidungen mehr zu treffen oder darüber nachzudenken. Wir sollten uns nicht an unseren Glauben gewöhnen. Sonst kann es passieren, dass uns Gott und seine Liebe fremd werden. Wir dürfen uns ein fragendes, suchendes, forschendes Herz bewahren. Allen negativen Erfahrungen zum Trotz. Wenn wir offen für Veränderungen sind, können wir in unseren Beziehungen wachsen. Wir können Veränderungen als etwas Gutes wahrnehmen.

Ich persönlich will eine Begegnung mit Jeus. Und wenn ich mir von dieser Beziehung etwas erwarte, dann ist es Liebe, Verständnis und Vertrauen. Immer wieder will ich Jeus begegnen. Ich will in dieser Beziehung wachsen und mich ändern.

Für mich steckt in vielen Begegnungen etwas Heilsames. Es gibt so viele wunderbare Zusammentreffen, so heilsame Beziehungen. Natürlich auch das Gegenteil. Aber davon möchte ich jetzt nicht sprechen.

Ganz besonders in der Begegnung mit Jesus spüre ich, dass da Heilung sein kann. Heilung für die Seele und den Geist. Heilung für unsere Herzen. Er kann uns von Furcht, Zwängen und Schuld befreien. Er kann uns helfen zu verzeihen und zu vergeben.

Eine Beziehung mit Jesus, wohin kann uns das führen. Ich denke, zur Nachfolge.

Sören Kierkegaard hat einen Unterschied zwischen denen gemacht, die Jesus bewundern, und denen, die ihm nachfolgen wollen. Bewundern heißt dann, Jesus als Idol zu sehen. Ihn unerreichbar und unnahbar machen. Will Jesus das? Nein, er will eine Begegnung, er will uns begleiten. Nachfolge heißt dann, zu sehen wo Jesus hingeht. Zu den Menschen, die Hilfe brauchen. Egal, wer sie sind, woher sie kommen und welcher Religion sie angehören. Es heißt auch, aktiv zu sein und nicht passiv. Es heißt, darauf aufmerksam zu machen, wo Handeln nötig ist. Eintreten für Menschenrechte, für die Natur. Solidarisch sein mit den Menschen, denen Unrecht geschieht, die verzweifeln, die unheilbar krank sind. Menschen ihre Würde zu lassen und, wenn nötig, zurückzugeben.

Der Weg mit Jesus ist nicht immer einfach und bequem. Wollen wir unsere Komfortzone verlassen? Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, wird uns nicht viel anders übrigbleiben. Er traut uns das zu und hat uns das Handwerkszeug für eine tätige Nachfolge gegeben.

Wer ist Jesus für mich? Für mich persönlich, ist Jesus die Botschaft, dass Gott mich bedingungslos liebt. Er ist jemand, mit dem ich eine Beziehung haben will und mit dem ich gemeinsam auf meinem Lebensweg sein will.

Amen