13. Dezember 2018

Gottesdienst am 30. September 2018

Predigt:    Frank Moritz-JaukEnglish

Gebet                                                                                      Jakobusbrief 5, 13-20

Liebe Gemeinde, heute geht es ums Gebet. Dazu habe ich einen Satz gelesen, der mich berührt hat, weil er die Bedeutung des Gebets unterstreicht. Der Satz lautet: „Stirbt aber das Beten aus, dann bekommt der Atheismus sozusagen ohne alle Argumente Recht. Das leuchtet ein: Wenn nicht mehr gebetet wird, steht der Glaube an Gott, jedenfalls an einen persönlichen Gott, der zu den Menschen spricht und zu dem wir Menschen sprechen können, auf dem Spiel.

Auf dieser Grundlage möchte ich heute mit euch, den Text aus dem Jakobusbrief anschauen. Gebet als Ganzes ist natürlich ein zu großes Thema für eine einzige Predigt und so möchte ich in Verbindung mit der heute gehörten Bibelstelle 3 große W´s betrachten: Wann beten wir? Wie beten wir? und Wofür beten wir?

Dieses „wir“ ist dabei selbstverständlich so vielfältig, wie wir heute hier versammelt sind. Ich kann nicht wissen, wofür oder wann oder wie du betest, das ist völlig klar.

Deshalb bitte ich gleich zu Beginn dieser Predigt mir die Armut der menschlichen Sprache zu verzeihen und in keinem meiner Worte eine Belehrung oder eine Bevormundung zu hören. Denn ich möchte nicht belehren oder mir anmaßen euch die Welt zu erklären, sondern ich möchte gemeinsam mit euch eine Reise durch die verschiedensten Formen und Möglichkeiten des Gebets machen. Wenn diese Reise gelingt, dann können wir am Ende, wenn wir wieder nach Hause gehen, vielleicht etwas klarer sehen, wo wir sind und was vielleicht auch möglich wäre.

Ich denke, jede Rede oder Predigt, jedes Nachdenken und Aussprechen von Gedanken zum Gebet steht zunächst einmal vor einem riesengroßen Problem: Dem Problem des schlechten Gewissens.

Sobald die Rede vom Gebet ist, bekommt jeder Christ und jede Christin unwillkührlich, aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, zunächst einmal ein schlechtes Gewissen: Ja, ich hätte schon mehr beten können. Ja, ich war wohl doch oft zu sehr mit mir selbst beschäftigt, ja eigentlich sollte man…

Ich denke ihr wisst, was ich meine. In unserem christlichen Denken kennen wir die Bibelstelle „Betet, ohne Unterlass“ und jedes Nichtbeten wird damit automatisch zum Versagen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir Beten sozusagen als unseren Teil, unsere Verpflichtung, unsere Aufgabe in der Beziehung mit Gott sehen. Wir benehmen uns als hätten wir mit Gott einen Vertrag abgeschlossen und unser Vertragsanteil, unsere Aufgabe, ist das Beten. Durch dieses Vertragsdenken bekommen wir dann ein eigenartiges Gottesbild, dass in Gott sozusagen die andere, mahnende, Vertragspartei sieht, welche jetzt unseren Anteil einfordert.

Und diese grundsätzliche und eigenartige Haltung die wir uns selbst zusammenbauen führt dann zum besagten schlechten Gewissen, sobald das Gebet zur Sprache kommt.

Nur – das schlechte Gewissen bringt uns nicht weiter!

Wir haben ein schlechtes Gewissen und uns wird mulmig und in Wirklichkeit hoffen wir, dass dieses Gefühl wieder vorbei geht. Oder verdrängt werden kann, aber deswegen ändern wir doch nicht unser Verhalten. Deswegen fangen wir doch nicht an, mehr oder anders, zu beten.

Ich denke, dass Schuldgefühle nicht in der Lage sind, uns zu motivieren oder uns zu begeistern. Stellt euch doch nur einmal die Körperhaltung zu diesen Worten vor: Mulmig, schuldig, schlechtes Gewissen. Ich bekomme dazu folgendes Bild: Irgendwie klein, sich schützend, vielleicht die Arme vor das Gesicht haltend. Alles geht in Richtung Schutz, Abwehr, Passivität. Aus dieser Haltung heraus werden wir nicht zu betenden Menschen.

Daher lade ich jetzt und an dieser Stelle jeden und jede ein, dieses Schuldgefühl im Bezug auf unser Gebet einmal zur Seite zu stellen. Mir ist ja klar, dass diese Haltung gewachsen ist, also wird man sie nicht so einfach los werden, aber um uns auf das Gebet in einer anderen Tiefe einlassen zu können, stellen wir unser Schuldgefühl jetzt zur Seite.

Dann können wir uns dem ersten Vers des Textes zuwenden: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ Und wir sind beim ersten „W“ angekommen: Wann beten wir?

Ich bitte euch, die Schuldgefühle wirklich einmal außen vor zu lassen und diese Frage nicht gleich zu bewerten. So in der Art: „Aha ich bete nur wenn ich leide, wenn ich etwas von Gott brauche, aber ich danke Gott viel zu wenig.“ Das ist eine Wertung und die hindert uns wahrzunehmen, wann wir beten.

Zwei Bilder aus dem Neuen Testament können uns hier vielleicht noch zusätzlich helfen. Das eine ist das Bild des Vaters, der seinen entgegenkommenden Sohn sieht, im entgegen läuft, ihm um den Hals fällt und ihn küsst (Lk 15, 20) und das andere Bild ist eine Frage von Jesus:

„Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet oder eine Schlange wenn es um einen Fisch bittet?“ (Mat 7,9)

In unserem Reflex zu Bewerten vergessen wir nur allzu schnell, wer unser Gegenüber ist. Ich, tue mir wirklich schwer, Gott als Erbsenzähler zu denken, der nur damit beschäftigt ist meine guten und schlechten Taten zu verwalten. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn ich Bibel lese und mit meinen Geschwistern im Gespräch bin, dann habe ich nicht den Eindruck, dass ich zu einem Erbsenzähler bete. Sondern ich bete zu einem Vater, der mich liebt.

Aber kehren wir nochmal zu dem „Wann“ zurück, wann beten wir: Wir beten, wenn wir in Beziehung treten wollen mit Gott, wenn wir etwas zu bitten, zu danken oder zu beklagen haben. Ich denke, das ist auch normal, wir reden ja auch nicht ständig mit unseren Kindern oder Eltern. Wichtig scheint mir die Verbindung zu sein, also dass wir jederzeit reden könnten. Mir persönlich ist diese Verbindung mit Gott wichtig geworden, weil ich damit nicht alles aus mir selbst heraus tun muss. Dass ich mich öffnen kann und bereit bin, Gott wirken zu lassen, erlebe ich als wichtige Unterstützung.

Damit können wir auch zum zweiten „W“ übergehen: Wie beten wir?

Beim „Wie beten wir“ denke ich, ist es spannend, sich anzuschauen wie ich Gott anspreche. Als Vater, als Herr, als Jesus, als Bruder, wie auch immer, ich denke jede und jeder von uns hat hier seine Vorlieben. Dann gibt es auch die verschiedensten Gebetshaltungen, die einen sind uns vertraut, andere sind uns eher fremd. Es gibt das stille, nur in den Gedanken stattfindende Gebet, es gibt aber auch ausgesprochene oder gesungene Gebete. Aus der ganzen Fülle die uns zur Verfügung steht nutzen wir oft nur einen kleinen Anteil. Vielleicht lohnt es sich, einmal einen anderen Zugang aus dieser Fülle auszuprobieren.

Das letzte „W“ das ich anschauen wollte ist das, wofür wir beten.

Und nachdem das nicht benennbar ist, weil es einfach so viele Gebetsanliegen gibt, dachte ich mir, dass wir beim „wofür“ schauen könnten, wie wir mit soetwas wie„Mißerfolgen“ umgehen. Was ist, wenn es anders kommt, als wir gebetet haben? Das soll ja ab und zu vorkommen.

Also ich glaube nicht mehr daran, dass es von meinem Glauben abhängt, ob mein Gebet von Gott erhört wird. Also dass, wenn etwas nicht oder anders passiert, ich zuwenig geglaubt hätte. Das würde ja heißen, dass es von mir abhängt und nicht mehr von Gott. Ich glaube auch, dass wir bei jeder Bitte, egal um was, ob um Heilung, um Errettung, um Frieden, egal – uns immer daran erinnern sollen, was wir tun: Wir bitten Gott, um etwas. Wir haben Gott nichts zu befehlen. Das ist ein Irrtum. Mit unserer Bitte fordern wir Gott auf, zu handeln, wir bitten ihn, dass er etwas tut. Stellt euch vor, jemand kommt zu eurer Wohnungs- oder Haustür einfach rein und fängt an staubzusaugen. Oder setzt sich neben dich hin und beginnt, dir die Haare zu kämmen. Das will doch niemand, da muss doch vorher gefragt und die Antwort abgewartet werden. Mein Gebet bittet Gott zu handeln.

Oft wird beim Handeln oder Nicht-Handeln Gottes die Frage gefragt, wie ein liebender Gott, soviel Leid zulassen kann, in dieser Welt. Das ist eine sehr berechtigte Frage, die aber fast schon eine eigene Predigt darstellt. Ganz kurz nur zwei Betrachtungen dazu: Erstens: Sehr viel Leid das wir wahrnehmen, ob Krieg, Hunger oder Ausbeutung, wird nicht von Gott verursacht. Gott ist weder Warlord noch Fabrikbesitzer. Viel Leid kommt von Menschen, die herrschen wollen oder gierig sind. Und zweitens: Der Gott an den ich glaube ist nicht Zeus. Er wird weder Stier, noch entführt er die Europa und dieser Gott schleudert auch keine Blitze, die die bösen Menschen vernichten würden. Mein Gottesbild hat einen liebenden Gott vor Augen und diese Liebe braucht Freiwilligkeit, Liebe kann nicht erzwungen werden. Diese Freiheit ist es, die es dem Menschen auch möglich macht böse zu sein. Mein Trost in all diesem Leid ist immer, dass Gott gesagt hat: „»Meine Gedanken – sagt der Herr – sind nicht zu messen an euren Gedanken und meine Möglichkeiten nicht an euren Möglichkeiten.So hoch der Himmel über der Erde ist, so weit reichen meine Gedanken hinaus über alles, was ihr euch ausdenkt, und so weit übertreffen meine Möglichkeiten alles, was ihr für möglich haltet.“(Jes 55,8-9) Mein Trost ist Gottes Größe und Weisheit. Und alles Leid lässt mich immer wieder fragen: Was kann ich tun, was ist mir möglich, wo braucht es mich und bis wohin reicht mein Arm und meine Hand?

Gebet, es wird auch das Atmen der Christen und Christinnen genannt.

Ganz kurz fasse ich nochmal meine Auswahl der wichtigsten Gedanken zusammen:

  • Schuldgefühle bringen uns nicht weiter. Sie haben nicht die Kraft uns zu motivieren.
  • Die Verbindung zu Gott ist das Wichtige. Nicht dass ich dauernd rede, sondern dass ich jederzeit reden könnte. Die Verbundenheit ist es, die mich trägt – immer – im Reden und im Hören.
  • Jedes Gebet ist wichtig, weil es Gott bittet, zu Handeln. Lassen wir bitte zu, dass Gott so handelt, wie er es für richtig erachtet.

Amen.