22. Oktober 2018

Gottesdienst am 7. Oktober 2018

Predigt. Gerhard WeissenbrunnerEnglish

Hiob 1,1; 2,1-10                        nicht ohne seinen Willen …

Der erste Zusammenhang mit dem ich den Namen Hiob in Verbindung gehört habe, war die „Hiobsbotschaft“. Da habe ich noch gar nicht gewußt, dass Hiob eine Figur aus der Bibel ist. Aber dass eine Hiobsbotschaft eine negative Mitteilung ist, habe ich sehr früh gelernt. Der Begriff „Hiobsbotschaft“ ist fester Bestandteil in unserem Sprachgebrauch und kann die ganze Bandbreite negativer Mitteilungen bezeichnen. Von einer banalen Mittelung, wie einem Wetterumschwung, durch den man seinen Freizeitplan ändern muss. Bis zur Kündigung der Arbeitsstelle usw. Ich möchte den Begriff in seinem unterschiedlichen Gebrauch einfach so stehen lassen und nicht kritisieren.

Der zweite Zusammenhang mit dem die Gestalt Hiob sehr oft in Zusammenhang gebracht wird ist die Frage, wie kann Gott zulassen, dass sich der Satan über Hiob und seine Familie hermacht und sie vernichtet. Diese Frage ist schon interessanter und darauf will ich mich gern einlassen. Da genügt es aber nicht, den Prolog zu lesen, oberflächlich zu rezensieren und sich dann aufzuregen. Sondern man muss eintauchen in das ganze Buch Hiob. Mit dem Prolog der Götterversammlung, den Reden der Freunde und den Gegenreden Hiobs. Mit den Reden Gottes und dem abschließenden Jubelruf Hiobs: „ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehn“ (42,4). Erst mit der Auseinandersetzung erschließt sich die Weisheit dieser Literatur. 

Kommen wir zuerst zur Gestalt Hiob. Der Name „Hiob“ lässt zwei Deutungen zu. Einerseits kann er bedeuten: „Wo ist mein Vater(-Gott)?“ im Sinne, „wo ist Gott?“ Oder er kann auch bedeuten „Feind“. In dem Sinne von Vers 33,10, wo Hiob über Gott sagt: „warum verbirgt er sein Angesicht und sieht mich als seinen Feind?“
Oft genug sind es solche Fragen, die einem ernsthaften Menschen auf der Zunge liegen. Man verspürt Unrecht und weiß nicht warum. Man leidet und kann nichts dafür. Man wird bestraft und ist sich keiner Schuld bewußt. Dann fragt man: „wo bist du Gott?“ „Wie kannst du das zulassen?“ „Bist du mein Feind, dass du mich nicht beschützt?“
Wo diese Fragen auch uns betreffen dürfen wir anstatt dem Namen Hiob auch unseren Namen einsetzen. Und unsere Klagen vor Gott bringen. Wir sollen es nur nicht dabei belassen, dabei nicht resignieren,  sondern uns weiter damit auseinandersetzen. 

Von Hiob heißt es, er war fromm, untadelig, rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Er half den Armen, den Waisen, den Witwen. Fremde, die eine Unterkunft für die Nacht suchten, fanden bei ihm Ruhe. Hiob kannte die Gebote und die Gesetze. Er befolgte und liebte sie. Wo er um Rat gefragt wurde urteilte er recht und menschenfreundlich. Hiob war ein Freund Gottes und der Menschen. Hiob war ein gerechter Mensch!

Nun ist im Prolog von einer Götterversammlung die Rede, in der Gott mit dem Satan diskutiert. Der Satan wird ermächtigt Hiob auf die Probe zu stellen. Er darf Hiob alles wegnehmen, was ihm lieb und teuer ist. Nicht nur seine Familie, sein Vermögen sondern auch seine Gesundheit. Diese Ermächtigung lässt den Schluss nahe zu, dass Gott und der Satan hinter den Kulissen streiten. Wie bei einem Würfelspiel trifft es dann den armen Hiob, an dem bewiesen werden soll, wer von den beiden Recht hat. 

Der Prolog unterstützt hier ein sehr stark verbreitetes Gottesbild. Gott sitzt sozusagen fernab von dieser Welt im Himmel und schaut wie ein Despot auf die Menschen herab. Gott hat den Menschen seine Gebote gegeben, die sie zu halten haben. Mit Blitz und Donner und Umweltkatastrophen macht er ihnen Angst, damit sie sich bekehren von ihren Sünden und wieder gerecht handeln. Wie ein Damoklesschwert hängt die Vorstellung, so wie Hiob könnte es jeden treffen, über dem Leben. Auch mich!

Nur so ist es nicht! Wer das Buch Hiob so interpretiert hat es nicht verstanden. 

Wir Christen tun uns da etwas leichter. Wir wenden uns an Jesus Christus und erleben mit ihm die Zuneigung und die Liebe Gottes. Nicht ein strafender Gott, sondern der Gott der Liebe wacht über unser Leben. Aus Liebe zu uns hat sich Christus hingegeben und sein Leben gelassen. Der größte Beweis der Liebe ist der, wenn jemand sein Leben für den anderen gibt. Durch Jesus Christus hängt über uns nicht ein Damoklesschwert der Angst, sondern die Zusage: (aus 1.Kor. 10,13) «Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt«. Also, nicht mehr als wir aushalten können, wird uns abverlangt. Das wird für jeden Menschen verschieden sein. Aber Gott nimmt uns ja auch als Einzelne wahr und an.

Was wir in, mit und durch Jesus kennen, hat Hiob gesucht! „Das ist die Nähe Gottes!“
Wir haben gehört wie Hiob gelebt und gehandelt hat. Er hat die Gebote und die Gesetze befolgt. Er hat sich mit allen seinen Kräften darum bemüht, Gott zu gefallen. Aber bei allem dem ist es ihm nicht gelungen von sich aus in die Nähe eines liebenden Gottes zu kommen. Erst als er bereit war alles was ihm wert war, loszulassen, hat er Gott erlebt. 

Nicht der Satan hat Hiob alles genommen. Der Satan kann nichts von sich aus. Er ist eine Null. Er ist ein Menschenfeind. Er bekommt nur Macht, wenn man sie ihm gibt.
Es war Hiobs eigener Wille und sehnsüchtiger Wunsch, in Gottes Nähe zu sein. Hiob hat erkannt, er muss seine Bindungen loslassen, wenn er will dass Gott ihm begegnet. Und Hiob drückt seinen Willen durch. Gegen alles Leid und Schmerz dringt sein Schrei (19,25-27): «Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust«

Wir kennen dieses Motiv des „Loslassens“ aus unserem Leben.
Ein junger Mann sucht die Nähe der Frau, die er liebt. Er ist bereit alles andere aufzugeben um ihr zu gefallen. Er ist bereit Vater und Mutter zu verlassen um in ihrer Nähe zu sein. Ja er verläßt sogar seinen Heimatort, sein Land, seine Kultur, er gibt alles auf, nur um in ihrer Nähe zu sein.
Dieses Motiv ist ein ganz einfaches. Es ist ein Herzensmotiv. Wir kennen das. Wenn das Herz etwas besonderes will, gibt es nicht auf, bis dass es sich erfüllt hat. 

Abraham wird der Vater des Glaubens genannt. Er hat sein Leben nach Gott ausgerichtet. Er war bereit Isaak, sein liebstes was er hatte, herzugeben. Dann erlebte er die Begegnung mit Gott, der ihn ansprach: «Abraham, Abraham, streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten« (1.M.22,12) Abrahams Herz hängt an Gott und er erlebt die Begegnung mit dem Gott der Barmherzigkeit.

Dieses Herzensmotiv zieht sich durch die ganze Bibel, durchs Alte und durchs Neue Testament. Es ist umgekehrt nicht anders. Gottes Herz hängt ebenso an den Menschen. Gott will in der Nähe der Menschen sein. «Er gibt seinen Sohn hin, damit alle die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben« (Joh.3,16). Und die Glaubenden hören den herzzerreißenden Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matt.27,46). Gott lässt sich selber los. Damit wir seine Nähe und seine Liebe spüren und erleben können.

Hiobs Herz hängt an Gott. Und er ist bereit alles loszulassen um die Nähe Gottes zu erfahren. Und er drückt es durch bis er sein Ziel erreicht hat. Am Ende erlebt er einen Wall der Liebe. Gott spricht zu ihm im Wettersturm.
Doch Hiob verstummt nicht in der Gegenwart Gottes. Scheinbar erlebt er Gott auf Augenhöhe. Und so kann er Gott befriedigt antworten: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ (42,5)

Hiob hat den Durchbruch geschafft. Er hat sein Ziel erreicht: die Nähe Gottes!
Welch ein größeres Ziel könnte wohl ein Mensch haben? Aber auch kein kleineres!

Amen