21. November 2018

Gottesdienst am 28. Oktober 2018

Predigt: Christine Walzer

Markus 10, 46-52

„Please don’t pass me by – I am blind, but you can see „

Bitte geh nicht vorbei- ich bin blind, aber du kannst sehen

Dieser Text ist aus einem Lied von Leonard Cohen. Ein blinder Bettler auf New Yorks Straßen spricht diese Zeilen. Weiter heißt es sinngemäß im Text:“ Ich ging weiter und dachte, ich höre den Bettler noch. Ich dachte, auch andere singen dieses Lied. Ich dachte irgendjemand singt weiter dieses Lied. Aber als ich so dahin ging, wusste ich, dass ich es war der sang. Please dont pass me by – I am blind, but you can see „. Bitte geh nicht vorbei, ich bin blind. Aber du kannst sehen.“

In unserer heutigen Bibelstelle ist es vordergründig ganz klar, dass Bartimäus blind ist. Aber ist er wirklich der einzig Blinde in unserer Geschichte?

Sind nicht öfter Menschen sehenden Auges blind? Es gibt Teile im Leben, die wollen wir manchmal nicht sehen. Blinde Flecken die wir uns gegenüber oder anderen haben. Blinde Flecken so manchen Problemen gegenüber. Zwischendurch sehen wir vielleicht auch ganz bewusst nichts. Weil wir keine Konflikte eingehen wollen, weil wir unsere Ruhe haben wollen. In unsere Gesellschaft wollen wir mitunter die Missstände, die es gibt, nicht sehen.  Uns geht es ja gut, was gehen uns z.B. Menschen mit sehr wenig Geld an?

Einige Menschen wollen keine Bettler in unserem reichen Land sehen, keine Obdachlosen, Flüchtlinge oder Menschen mit Behinderungen. Sie wollen das Elend anderer nicht sehen, sonst werden sie möglicherweise an die eigene Verletzlichkeit und Sterblichkeit erinnert. Oder, dass das soziale System in unserem Land doch nicht so super ist und man vielleicht dagegen etwas unternehmen könnte. Aber wenn man die Augen nur fest genug verschließt, ist ja alles in Ordnung. Was ich nicht sehe, ist auch nicht da.

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Viele Menschen folgen ihm, weil sie ganz begeistert von seinen Reden sind. Am Straßenrand sitzt ein Bettler, ein blinder Bettler. Bartimäus. Er sieht die vielen Menschen natürlich nicht. Aber er kann sie hören und spüren. Er ahnt, dass es viele Menschen sind. Irgendwie bekommt er mit, dass Jesus der Grund für diesen Menschenauflauf ist. Auch hat er erfahren, dass Jesus Menschen heilen kann. Er nimmt die Gelegenheit wahr, zu versuchen, sich seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Er will sehen können. Da beginnt er laut zu rufen.

Damals bleibt blinden Menschen nichts anderes übrig, als zu Betteln. Nur so können sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Bartimäus hat sich seinen Platz sehr klug gewählt. Auf dem Pilgerpfad ist es zu erwarten Almosen zu bekommen. Pilger wurden damals angehalten Bettlern etwas zu geben. Bettler aber sollten sich ruhig und unauffällig verhalten. Still und leise warten bis sie etwas bekommen.

Da tut Bartimäus etwas, dass er nicht tun soll. Er erregt Aufmerksamkeit. Er ruft laut:“ Sohn Davids, Jesus erbarme dich meiner“. Seine Worte sind kräftig und laut. Die Menschen um ihn herum mögen das gar nicht. Sie bedrohen ihn und fordern ihn auf zu schweigen.

Laute Menschen können anstrengend sein. Sie stören unsere Ruhe. Das Gefühl, dass sie ihren Platz nicht kennen macht sich breit. Sie fallen unangenehm auf.

Nur wenige Menschen mögen es unangenehm aufzufallen. Bartimäus hat es vielleicht auch nicht gemocht. Aber das war seine Chance, Jesus um etwas zu bitten. In seinem Fall ist das ja nicht so einfach. Er sieht Jesus nicht, er kann nicht zu ihm hingehen. Es sind keine Freunde da, die ihn zu Jesus bringen können. So macht er auf sich aufmerksam, er schreit.

Bartimäus soll aber lieber in seiner Opferrolle bleiben, denken die Menschen um ihn herum. So wichtig zu nehmen braucht er sich wirklich nicht. Er bekommt doch eh seine Almosen, was will er denn noch? Wird er jetzt übermütig? Einige glauben, dass er kein Recht hat sich zu Wort zu melden. Es ist einfacher mitleidig auf ihn herab zu sehen. Es ist leichter, blind gegenüber seien Wünschen zu sein, als zu hören was er will.

Ich denke ja, dass zuhören eine Kunst ist. Für mich gehört die Wahrnehmung des ganzen Menschen zum Zuhören. Das gesprochene Wort, der Tonfall, die Pausen zwischen den Worten. Die Körpersprache, der Blick. All das gehört für mich zum Zuhören. Und natürlich nimmt die oder der, die sprechen das Gegenüber gleich wahr. Wenn beim Zuhörenden der Blick plötzlich zu wandern beginnt, auch wenn er oder sie nicken und so tun als würden sie zuhören, wird das beim dem der erzählt oder seine Sorgen ausbreitet, nicht gerade vertrauensfördernd sein. Zwischendurch ja zu sagen, aber seinen Körper wegzudrehen, wird den Sprecher wahrscheinlich dazu bringen zu reden aufzuhören. Einigen Menschen ist es auch sehr wichtig wer etwas sagt. Der Inhalt des gesprochenen ist nicht so ausschlaggebend. Sympathischen Menschen oder Menschen mit viel Macht wird manches mal anders zugehört als Menschen mit wenig Macht oder Sympathie.  Ganz im Hier und Jetzt zuzuhören ohne Bewertung des Gesagten und des Menschen, der spricht, ist eine Gabe. Zuzuhören ohne sofort das Gehörte zu interpretieren oder seine eigene Meinung über das Gesagte zu stülpen ist nicht so einfach.

Wer ist in dieser Geschichte wirklich blind?  Bartimäus ruft nach Jesus. Es kommt mir so vor als würde er mit seinem Herz sehen, als würde er die Liebe und Güte Jesu spüren.  Die Menschen die Bartimäus ausschimpfen sehen nur einen lästigen Menschen, sind aber blind für sein Anliegen. Als Jesus stehen bleibt und sagt:“ Ruft ihn“, verändern sich die Menschen um Bartimäus. Sie werden plötzlich zu Boten von Jesus. Mit einer kurzen Aktion hat Jesus die Atmosphäre verändert. Die vielen Menschen, die geschimpft haben, werden unvermittelt zu Menschen, die Bartimäus zu Jesus führen. Jetzt geben sie die Einladung von Jesus weiter. Sie haben sehr schnell umgedacht, von verärgert auf, ja da können wir doch helfen.

Im Laufe unseres Lebens ärgern wir uns öfter über Menschen und sind deswegen blind für die Anliegen von ihnen. Wir haben alle unser Päckchen zu tragen, manche von uns einen ganzen Paketdienst. Wir sind mit uns selbst sehr beschäftigt, was auch verständlich ist. Deshalb können wir vielleicht nicht immer sofort umschalten. Sofort unser Denken und unsere Einstellung ändern. Umschalten von verärgert, Selbstgerechtigkeit und Kleinlichkeit, auf Zuhören, Freundlichkeit und Offenheit. Manches braucht auch Zeit. Aber wir können es immer wieder tun und lernen es vielleicht im Laufe der Zeit besser. Denn alle Menschen, die Lästigen, Lauten und Ärgerlichen werden von Gott geliebt. Jesus bleibt für alle stehen, dreht sich um und ruft sie. Er ruft uns alle. Für uns kann das eine Aufforderung sein, den Ruf Jesu zu hören. Den Ruf von Menschen die Hilfe brauchen zu hören.

„Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Eine Frage die für mich sehr viel Respekt und Wertschätzung beinhaltet.

Ich habe schon öfter gesehen, wie Menschen die Hilfe brauchen jegliche Wertschätzung entzogen wird. Deren Wünsche und Bedürfnisse einfach übergangen werden. Sie werden nicht gefragt, was sie brauchen, wie und wann sie Hilfe benötigen. Von wem sie Hilfe möchten. Die Helfer sind manchmal so gefangen im Helfermodus, dass sie das Gegenüber vergessen.

Da gibt es diesen seltsamen Witz, der für mich eine große Wahrheit enthält. Ein blinder Mensch steht an einer Straßenkreuzung. Es kommt jemand daher, nimmt den Blinden einfach bei der Hand und führt ihn über die Straße. Sagt gern geschehen sie brauchen mir nicht zu danken, und geht weiter. Der Blinde denkt sich, wie komme ich jetzt wieder zurück, ich habe ja nur auf wen gewartet.

Menschen, die Hilfe brauchen, haben es nicht immer leicht. Es gibt einige, die unbedingt helfen wollen und nicht auf die Würde des Menschen, die Hilfe nötig haben, achten. Meistens meinen es die Helfer ja gut. Aber ich denke das Tempo, wie und wann geholfen wird bestimmt der Mensch der Hilfe braucht. Auch wenn die Helfer das anders sehen. Es ist für viele Menschen nicht leicht, auf Hilfe angewiesen zu sein. Immer von jemand abhängig zu sein. Kein wirklich selbstbestimmtes Leben führen zu können. Da ist es für mich umso wichtiger, das Tempo und die Bedürfnisse des Menschen der die Hilfe bekommt, in den Vordergrund zu stellen.

Ich mag die Geschichte von Bartimäus sehr. Die Frage von Jesus, was willst du, dass ich dir tun soll, ist eine meiner Lieblingsstellen in dieser Geschichte. Es ist sehr wichtig, wenn man Hilfe braucht, seine Bedürfnisse klar und deutlich kundzutun. Ohne Herumgerede oder sich selbst klein zu machen, weil man hilfsbedürftig ist. Bartimäus hat das getan. Er hat laut, klar und deutlich um Hilfe gebeten. Und in seinem Fall, wurde er gehört und gefragt was er will. Seine Not wurde gesehen.

Und dann wird diese schöne Heilsgesichte zu einer Geschichte der Nachfolge.

Bartimäus wird geheilt, und geht mit Jesus. Jesus nachfolgen kann jede und jeder. Ob mit Chancen auf eine Heilung oder nicht. Ob mit einer körperlichen Beeinträchtigung oder als Spitzensportler. Mit einem Körper der ganz gesund ist oder nur teilweise. Für eine tätige Nachfolge ist es nicht wichtig wie unser Körper oder Geist zur Zeit funktioniert. Im Vordergrund steht jede und jeder einzelne von uns, genauso wie wir sind. Mit all unseren Stärken und Schwächen.  Wir alle können, wenn wir es wollen, Jesus nachfolgen.

Die Geschichte von Bartimäus kann uns helfen Menschen neu zu sehen. Uns selbst neu zu sehen und unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Diese Geschichte kann uns helfen, zu erkenn, wann wir unangenehm auffallen sollen. Weil wir sonst keine Hilfe zu erwarten haben. Zu sehen was wichtig ist im Umgang miteinander, mit Menschen die Hilfe brauchen. Zu spüren wann es gut ist, lästig zu sein. Um so Aufmerksamkeit zu bekommen, für Hilfe die erforderlich ist.

Wir können lernen, zu sehen und zu spüren, auch wenn wir manchmal blind dafür sind, dass Gott ein lebendiger und barmherziger Gott ist, der uns persönlich ruft.

Amen