21. November 2018

Gottesdienst am 4. November 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Das Doppelgebot der Liebe                                                          Markus 12, 28-34

Liebe Gemeinde, heute haben wir es in der zweiten Lesung gehört und weil es für unseren Glauben so zentral ist, soll es auch das heutige Predigtthema sein: Das Doppelgebot der Liebe.

Die meisten von uns kennen diesen Text, diese Verdichtung des gesamten Evangeliums, aber wie lässt sich das Gehörte umsetzen? Einen, auch einen der wichtigsten Texte, zu kennen, reicht nicht aus. Kennen im Sinne von, darum wissen, kann man bald einmal etwas. Erst wenn das Gehörte uns berührt und bewegt entsteht etwas, das über das Kennen hinausgeht.

Also mich berührt der gehörte Text auf mehreren Ebenen und ich möchte versuchen, euch auf diesen Weg mitzunehmen, indem ich meine Fragen an diese Aussagen von Jesus formuliere. Meine erste Frage betrifft das „ganz“. Aus ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft. Wie soll ich das leisten können?

Meine zweite Frage hat auch mit der ersten Frage zu tun, denn sie betrifft das „du sollst“. Ich will ja, höre ich mich rufen, aber du Gott, kannst mir doch nicht das Messer auf die Brust setzen: Du sollst.

Und meine dritte Frage für diese Predigt fragt: Wie kann die Liebe zu meinen Mitmenschen gelingen? Wie finde ich das richtige Maß, wann ist es genug, wo braucht es mehr? Alles Fragen die die Alltagstauglichkeit eines solchen Gebotes abklopfen.

Wenn ich bei der ersten Frage anfange, dann fühle ich mich zunächst einmal überfordert. Vielleicht hat es mit meiner Herkunft zu tun oder mit meiner Erziehung, vielleicht auch mit meinem Verständnis der deutschen Sprache, aber ganz ist ganz, halb ist halb und nichts ist nichts. Da ist wenig Interpretationsspielraum in diesen Begriffen. Zumindest nach meinem Verständnis. Einem Verständnis, das natürlich kulturell geprägt ist, denn wenn ich sage ich komme um 13:00 Uhr, dann bin ich (meistens) tatsächlich da und zwar genau um 13:00 Uhr und nicht um fünf nach eins oder eine halbe Stunde später. Wenn es heißen würde du sollst den Herrn lieben mit dem Herzen, mit dem Verstand und mit deiner Seele, dann wäre es immer noch sehr, sehr umfassend, aber „ganz“? In meinem Verständnis bedeutet ganz, alles. Genau so wie es beim letzten Begriff heißt „mit aller deiner Kraft“. In meinem Sprachverständnis und mit meiner kulturellen Prägung kommt dann zu diesem „ganz“ eigentlich auch ein „immer“ dazu. So wird für mich aus dem „mit ganzer Hingabe“ ein „immer, ständig, jede Sekunde deines Lebens“ einerseits und anderseits dieses „alles, also volle Kraft, alles was dir zur Verfügung steht, maximale Anstrengung“. Und dieser Situation bin ich hoffnungslos überfordert. Was macht man in einer solchen Situation? Richtig, man sucht den Notausgang, nimmt sich einen Fallschirm uns springt aus dem Flugzeug: „Dankeschön, aber nicht mit mir.“ Wenn es so eng wird, dann ziehe ich zumindest,die Reißleine. Und zu dieser Exitstrategie passt ja auch sehr gut meine zweite Frage: Was heißt „Du sollst mich lieben?“

Bitteschön, welche Reaktion können wir uns erwarten, wenn wir eine befehlsartige Formulierung für einen Akt der Freiwilligkeit benützen. In unserer Alltagssprache, also der Sprache mit der wir jetzt und heute miteinander reden macht es einen ziemlich großen Unterschied, ob ich sage „Du sollst dein Zimmer aufräumen.“ oder „Könntest du bitte dein Zimmer aufräumen?“ Wieviel mehr, wenn es um so etwas Kostbares wie Liebe geht: Du sollst mich lieben? Wenn eine Frau das zu mir in der Hoffnung auf eine erotische Liebesbeziehung sagen würde, dann wäre ich und wahrscheinlich viele andere Menschen an meiner Stelle ziemlich vor den Kopf gestossen. „Du sollst mich lieben!“ Äh, ja vielleicht, darf ich das bitte selbst entscheiden…“ Nicht so stürmisch werte Dame.

Ich denke, wenn wir den gehörten Text aus dem Markusevangelium einmal bis zu diesem Punkt bedacht haben, merken wir, dass wir eine andere Lösungsstrategie brauchen. Anders gesagt: So kommen wir mit der Aussage von Jesus nicht weiter. Was können wir tun?

Beginnen möchte ich mit dem „du sollst“. Es gibt Übersetzer und Übersetzerinnen, die beispielsweise die zehn Gebote mit „du wirst“ statt „du sollst“ übersetzen. Dann wird beispielsweise aus „Du sollst deine Eltern lieben“ ein „Du wirst deine Eltern lieben“ oder aus „Du sollst nicht stehlen“ ein „du wirst nicht stehlen.“ Die Absicht, so weit wie ich es verstehe ist, dass ein Mensch, der Gottes Wege gehen will, sich wegen seiner Liebe zu Gott so entscheidet, dass er so handeln wird. Weil das andere Handeln nicht mehr zu seiner Beziehung zu Gott passen würde. Wer Gott liebt, der wird nicht stehlen. Er oder sie tut es nicht, weil die Liebe zu Gott stärker ist, wichtiger ist. Das wäre ein Ansatz.

Ein anderer Ansatz wäre meines Erachtens, wenn wir mehr auf die Anfangsfrage schauen würden und in welcher Absicht sie gestellt wird. Die Anfangsfrage des Schriftgelehrten lautet: „Welches ist das wichtigste von allen Geboten?“ Und jetzt nehmen wir diese Frage einmal ganz ernst. So ernst wie die Frage des reichen Jünglings der Jesus gefragt hat: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?“ Wenn wir die Frage wirklich ernst nehmen und nicht als Fangfrage oder Testfrage abtun, dann ist es eine ganz wichtige, eine ganz zentrale Frage: Was muss ich tun?

Und zu der Absicht, warum eine solch wichtige Frage Jesus gestellt wird gehört für mich das Vertrauen oder das Gespür der Fragenden dazu, mit wem sie es zu tun haben. Was mein Innerstes betrifft, was mein persönliches heil werden betrifft, was mich ganz tief angeht, das lege ich nicht irgendjemand vor. Nein, sondern das frage ich jemanden zu dem ich Vertrauen habe und von dem ich mir eine qualifizierte, eine weiterführende Antwort erwarte. Auf diesem Hintegrund kann das „du sollst“ einen anderen Charakter bekommen. Ein Beispiel: Ich koche. Und jedesmal wenn ich das Mehl in die Sosse tue, klumpt das Mehl und diese kleinen Mehlbatzen entstehen. Und dann frage ich meine Großmutter, die eine fantastische Köchin war: Großmutter, was muss ich tun, damit die Sosse nicht klumpt? Und sie antwortet: Also an deiner Stelle würde ich es einmal so probieren: Lös das Mehl erst in kaltem Wasser auf und dann gib es durch ein Sieb zur fertigen Sosse. Oder ein anderes Beispiel: Mein Fahrrad hat einen platten Reifen. Wie bekomme ich den Mantel runter, der ist so stramm auf der Felge, es geht einfach nicht! Existenzielles Problem. Jemand der es gut mit mir meint, gibt mir folgenden Ratschlag: Drück erst den Mantel zusammen mit dem Fuß, dann hast du mehr Luft oben und kannst ihn sogar ohne Werkzeug entfernen.

Auf was will ich hinaus?

Was passiert, wenn wir dieses „du sollst“ als gut gemeinten, hilfreichen Ratschlag verstehen, der von einer Person kommt, die sich mit dem Fragegegenstand einfach wirklich gut auskennt.

Was ist das wichtigste Gebot? Was ist am Wichtigsten, damit mein Leben gelingt?

Und Jesus, der Sohn Gottes, antwortet: „Also wenn du mich fragst, dann könnte es hilfreich sein, Gott in das Zentrum deines Daseins zu stellen.“

Mit diesem Bild, Gott in das Zentrum meines Lebens zu stellen, nähere ich mich auch dessen an, was mit dem Wort „ganz“ gemeint sein könnte. „Ganz“ im Sinne von „hilfreich“ und damit als Richtung. Auf ein Ziel gerichtet. Wenn dein Leben gelingen soll, dann ist es hilfreich dich mit allen deinen Sinnen, mit ganzem Herzen, ganzer Hingabe und ganzem Verstand auf Gott zuzubewegen.

Heute würden wir es vielleicht ein klein wenig anders sagen, als mit ganzem Willen, deinem Gefühl und mit deinem Verstand. Jedenfalls bekommt dieses „ganz“ dann den Klang von „vollkommen“ im Sinne von „alles ausfüllend.“ Nicht als Forderung Gottes, sondern als Lebensweisheit Gottes, für gelingendes Leben.

Das würde ich so gerne festhalten: „Du sollst“ als Lebensweisheit Gottes und „ganz“ als Zielvorgabe.

Wenden wir uns der letzten Frage zu. Wie kann die Liebe zu meinen Mitmenschen gelingen? Wie finde ich das richtige Maß, wann ist es genug, wo braucht es mehr?

Auch diese Fragen können uns überfordern, wenn wir darin den täglichen oder stündlichen Auftrag hören unsere Mitmenschen genau so zu behandeln, wie wir uns selbst behandeln: Ich gehe eine Pizza essen, ja dann muss doch jeder Bettler und jede Bettlerin auch eine Pizza bekommen. Mit welchem Recht habe ich ein Auto und mein Bruder oder meine Schwester hat keines. Wie kann ich es aushalten, dass ich im Überfluss lebe und andere nicht einmal genug zu essen haben?

Wer das Gebot Christi so hört, der wird verzweifeln, der wird überfordert sein oder der wird alles was er hat verkaufen und es den Armen geben müssen.

Ich bin geneigt auch hier in dem Gesagten eine Richtung erkennen zu wollen. In welche Richtung soll es gehen, was ist das Ziel meines Handelns? Und auch hier lohnt sich meiner Ansicht nach ein Blick auf den gesamten gehörten Text dieser Bibelstelle, denn der Schriftgelehrte pflichtet Jesus ja in allen Belangen bei. Er pflichtet Jesus bei und ergänzt, dass alles was Jesus gesagt hat „viel mehr wert ist, als alle Brand- und übrigen Opfer.“ Damit gibt uns dieser Schriftgelehrte – natürlich auch durch das Lob, dass er für seine Antwort von Jesus bekommt – einen guten Hinweis auf den Hintergrund der Aussage von Jesus, „du sollst deinen Mitmenschen lieben, wie dich selbst.“

Es geht um die Praxis des Miteinander. Die Praxis des Miteinander hat Vorrang vor jedem religiösen Kult, der gerade im Opferkult eine Ersatzhandlung darstellt. Weil ein Mensch schuldig geworden ist, braucht es ein Opfer, so denken die Menschen zur Zeit Jesu. Die Praxis des Miteinander sagt: Du hast einen Mund, du hast Hände, Füße und Ohren. Wenn du einen Streit mit einem anderen Menschen hast, dann bring das in Ordnung. Behandle die Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Nicht mehr und nicht weniger.

Das ist auch heute so. Das ist auch heute noch ein hilfreicher Ansatz für unser gemeinsames Miteinander. Nicht Neid, sondern Großzügigkeit. Nicht Rechthaberei, sondern Barmherzigkeit. Wenn wir das leben, dann gewinnt die Liebe Raum in unserem Leben.

Das Doppelgebot der Liebe ist zeitlos. Es erinnert uns daran, woher die Kraft kommt und wie Leben gelingen kann.

Amen.