13. Dezember 2018

Gottesdienst am 2. Dezember 2018 – 1.Advent

Predigt: Frank Moritz-Jauk

Das Kommen des Menschensohns                                                Lukas 21, 25-36

Liebe Gemeinde, als ich die heutige Evangeliumslesung zum ersten Mal gelesen hatte, habe ich mir gedacht, na servus – was für ein Auftakt für den 1. Advent.

Arg viel düsterer und freudloser geht es wohl kaum noch.

Aber nachdem so ein endzeitlicher Text schon vor 3 Wochen als Lesung vorgesehen war und Esther Handschin aber über Hanna und den vom Herrn erbeteten Sohn, Samuel, gepredigt hat, wollte ich nicht schon wieder ausweichen.

Grundsätzlich ist die Predigt ja genau dafür da: Einen schwierigen Text auszulegen oder verständlicher zu machen.

Bei genauerer Betrachtungsweise lässt sich zunächst einmal ein erstaunlicher, sehr unmittelbarer Bezug zwischen Advent und dem gehörten Text herstellen: Beide Male geht es um das Kommen des Menschensohns. Und beide Male ist mit dem Kommen des Menschensohns eine zentrale Botschaft verbunden: „Wenn diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und fasst Mut, denn dann ist eure Erlösung nahe.“

Ich möchte heute drei Themenbereiche ansprechen, die sich aus dem Lesungstext ableiten lassen: Erstens, das Heil, das in der Gestalt des Menschensohns zu uns kommt, zweitens den Widerspruch zwischen Feigenbaum und plötzlichem Tag und drittens die nicht eingetretene Naherwartung wann all dies geschehen wird.

Beginnen wir mit dem Kommen des Menschensohns. Im Advent erwarten wir das erste Kommen von Jesus und im Text haben wir vom zweiten Kommen gehört. Und während uns der Advent gewöhnlich einlullt und mitunter ein völlig verkitschtes, blondes Jesulein in den ach so romantischen Stall zaubert, so hört man förmlich das Krachen und Ächzen der Schöpfung, wenn Jesus ein zweites Mal wiederkommen wird. Wobei ich ausdrücklich festhalten möchte, dass die gewaltigen Zeichen an Sonne, Mond und Sternen oder das Donnern des Meeres nicht ausdrücklich Gott zugeschrieben werden. Wer für dieses Chaos verantwortlich ist wird im Text nicht gesagt.

Man kann es als Bild sehen, dass diese Welt, so wie wir sie kennen, zu Ende geht.

Man kann, leider würde ich sagen, aber auch von Menschen verursachtes Leid in dem Geschehen sehen, dass schon heute sichtbar ist. Taifune, Hurricans, Tsunamis, das Meer ist wegen des Klimawandels schon oft in Wallung. Angst und Entsetzen, Panik und Flucht angesichts jahrzehntelanger bewaffneter Konflikte auch das ist keine ferne Zukunft sondern schon heute sichtbar. Und bis heute ist es eine Tatsache, dass wir immer noch im Wahnsinn einer atomaren Rüstung leben, die unseren Planeten nachhaltig und mehrfach zerstören könnte.

Was mir am heute gehörten Text nachhaltig gefällt sind drei Impulse, die von ihm ausgehen.

Mir gefällt erstens die Ernsthaftigkeit die hier gezeichnet wird.

Damit meine ich, dass Erlösung oder das Kommen des Menschensohns in diese Welt nicht einfach schulterzuckend zur Kenntnis genommen wird, weil ja jedes Jahr Weihnachten ist.

Manchmal kommt mir vor, dass Weihnachten, als Fest, das wir jedes Jahr eigentlich ja zur Erinnerung feiern mehr zu- als aufdeckt. Weihnachten ist zu einem Familienfest geworden, zumindest in der Gesellschaft in der wir leben. Es geht um Geschenke und manchmal vielleicht noch um Frieden. Eine friedvolle, freundliche, romantische Adventzeit.

Aber dass Gott sich selbst aufgemacht hat, um uns in der Gestalt eines Menschen nahezukommen, geht fast unter. Dabei ist genau das Weihnachten. Gott wird Mensch, wird niedrig und gering, wird ein Kind, dass Liebe provoziert, weil es Liebe braucht. Jedes Kind braucht Liebe, sonst geht es ein, sonst kann es nicht leben. Was Gott also tut ist ein ganz großer, wichtiger Schritt auf uns Menschen zu. Zu unserer Erlösung, weil sich gezeigt hat, dass wir Menschen es aus uns selbst heraus nicht schaffen können.

Der zweite Aspekt ist, dass mit dem zweiten Kommen des Menschensohns, alles Leid ein Ende hat. Welch ein Trost für alle, die nicht auf der Butterseite des Lebens geboren wurden. Welch ein Hoffnungsschimmer tut sich hier auf. Leid ist nicht unsterblich, sondern Gott erbarmt sich seiner Schöpfung und wird alles Leid beenden indem er wiederkommt.

Und der dritte Aspekt in diesem Bild ist: Gottes Wiederkommen hat ein menschliches Gesicht. Es ist der Menschensohn der wiederkommt. Jesus selbst. Nicht das Gericht steht im Vordergrund, sondern die Erlösung.

Damit komme ich zum zweiten Teil, der ja eigentlich ein Widerspruch ist.

Einerseits gebraucht Jesus das Bild des Feigenbaums und erklärt: „Seht euch den Feigenbaum an, oder nehmt irgendeinen anderen Baum. Wenn sie ausschlagen, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso ist es, wenn ihr seht, dass jene Dinge geschehen: Dann wisst ihr, dass das Reich Gottes nahe ist.“

Anderseits sagt Jesus, dass dieser Tag über alle Bewohner der Erde hereinbrechen wird.

Ich weiß nicht wieviele Weltuntergänge es schon hätte geben müssen, weil Menschen meinten sie könnten „jene Dinge“ deuten. Menschen verschiedenster Generationen haben sich mit dem nahen Weltuntergang beschäftigt.

Dabei kann man die Wachsamkeit auch durchaus anders deuten.

Im Markusevangelium beschreibt Jesus die Szene mit einem Mann der verreist und jedem Diener seine Aufgabe zuteilt. Dem Türhüter befiehlt er wachsam zu sein. Den Anderen legt er auch nahe wachsam zu sein, damit er sie nicht schlafend anfindet, wenn er wiederkommt.

Natürlich braucht jeder Mensch und natürlich auch jeder Diener Schlaf, sonst kann er seine Aufgabe nicht erfüllen. Die Pointe aber ist, dass nicht alle dauernd nach dem Mann Ausschau halten müssen, wann er wiederkommt. Das ist die Aufgabe des Türhüters. Die anderen sollen die ihnen anvertrauten Aufgaben erfüllen.

Diesen Ansatz finde ich hilfreich. Es geht, auch für uns, darum wachsam zu sein und unsere Aufgabe zu erfüllen, statt uns Gedanken darüber zu machen, wann Jesus wiederkommt. Bei der Arbeit soll er uns vorfinden, wach, glaubend und hoffend, dass noch immer Menschen hier auf der Erde leben, die sich nach einer lebendigen Beziehung zu Gott sehnen. Das ist eine unserer Aufgaben: Zeuginnen und Zeugen für die Wirklichkeit Gottes zu sein.

Kommen wir zum letzten Teil: Hat Jesus sich also geirrt?

„Ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschehen ist.“ Wir schreiben das Jahr 2018 das heißt es sind schon viele Generationen vergangen. Hat Jesus sich also geirrt?

An dieser Stelle trete ich einen Schritt zurück und stelle mich in den Schatten eines Größeren. Walter Klaiber, nicht nur Theologe und ehemaliger Professor an der Universität Tübingen, sondern auch  ehemaliger Bischof unserer Kirche in Deutschland, hat neben vielen Veröffentlichungen einen Kommentar zum Markusevangelium geschrieben. Und ich finde seinen Ansatz sehr mutig, denn Klaiber schreibt, dass es Elemente der Naherwartung in der Verkündigung von Jesus gibt, die wir nicht wegerklären können. Statt diese Elemente wegerklären zu wollen, denn – Der Sohn Gottes kann sich doch nicht irren – schlägt Klaiber einen anderen Ansatz vor: Statt die Naherwartungen im Neuen Testament chronologisch, also als Zeitaussage zu sehen, könnten wir in ihnen die Dringlichkeit der Erwartung und die Gewissheit der Hoffnung sehen. Sozusagen als Vergewisserung, dass auch der Tod der ersten Generation die Wirklichkeit der kommenden Gottesherrschaft nicht in Frage stellt. Soweit Klaiber.

Wie auch immer wir diese Stelle persönlich deuten, so froh können wir gleichzeitig sein, dass sich das zeitliche Versprechen bis jetzt nicht erfüllt hat. Uns alle, die wir heute hier versammelt sind, würde es nicht geben, wenn das Ende der Zeit und das zweite Kommen des Menschensohns schon stattgefunden hätte.

Ich fasse zusammen:

  1. Das Kommen des Menschensohns ist zu unser aller Erlösung. Nichts weniger! Ob uns das jetzt im Advent deutlich wird oder erst am Ende der Zeit, aber es ist Gott selbst, der sich in Menschengestalt aufmacht, um uns zu erlösen. Um uns zu retten, wie Jesus es selbst es gesagt hat. (Joh 3, 17)
  2. Wachsamkeit bedeutet, nicht panisch auf das Ende und das Gericht zu schauen, sondern im Bewusstsein zu leben, dass Jesus uns eine Aufgabe gegeben hat: Menschen in die Jüngerschaft Christi zu begleiten. Zeuginnen und Zeugen für Gottes Wirklichkeit zu sein.
  3. Aussagen zur Naherwartung können auch als Sachaussagen verstanden werden. Sachlich ist Gottes Reich in Jesu Wirken und Lehren ganz nahegekommen. Gottes Gegenwart in seinen Worten bleibt über den Bestand unseres jetzigen Weltsystems hinaus gültig.

Amen.