22. Januar 2019

Gottesdienst am 16. Dezember 2018

Predigt: Pastorin Esther Handschin    English

Philipper 4,4-7

Liebe Schwestern und Brüder!

Gegen Ende des Jahres bin ich jeweils gespannt, welche Wörter und Ausdrücke zum Wort des Jahres gewählt werden. Heuer ist es der „Schweigekanzler“ geworden. Das kommentiert das Verhalten des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz zu manchen Aussagen von Mitgliedern der Bundesregierung. Er schweigt. Das ist nicht neu. Schon vor 13 Jahren hat es „Schweigekanzler“ zum Wort des Jahres geschafft als ein anderer Bundeskanzler der ÖVP in einer Koalition mit der FPÖ gerne geschwiegen hat. Vor drei Jahren 2015 lautete das Wort des Jahres in Österreich „Willkommenskultur“ während das Wort des Jahres in Deutschland „Flüchtling“ lautete. Beide Worte erinnern uns an diese Zeit, in der viele Flüchtlinge nach Europa gekommen sind. Sie liegen nahe beieinander und zeigen doch einen wesentlichen Unterschied. Aber worin besteht der Unterschied?

Ich bin durch einen Artikel einer Freundin darauf aufmerksam geworden. Sie ist Germanistin und beschäftigt sich immer wieder in ihren Zeitungsartikeln mit den Feinheiten der deutschen Sprache. So hat sie etwas geschrieben über die Endsilbe „-ling“, auf die einige deutsche Wörter enden. Sie nannte es „das fiese -ling“. Warum? Hören wir uns einmal einige Wörter an, die so enden: Findling, Säugling, Häftling, Lehrling, Neuling, Schwächling, Feigling, Weichling, Schönling, Emporkömmling. Ihre Zusammenfassung: Alles, was mit -ling bezeichnet wird, schwächt das, was es bezeichnet ab, oft in einem negativen Sinn. Der Findling, ein abgeschliffener Felsbrocken aus der Eiszeit, ist irgendwo liegen geblieben, ist passiv, kann sich nicht bewegen. Der Säugling ist oft ebenso machtlos wie der Häftling. Jeder Lehrling ist zunächst ein Neuling: unerfahren und manchmal auch unbeholfen. Beim Schwächling, Feigling oder Weichling schwingt ebenfalls Unfähigkeit mit. Beim Schönling oder beim Emporkömmling ist es eher das Unechte, das wir hervorheben.

Und wie ist es beim Flüchtling? Auch diese Menschen sind von der Hilfe anderer abhängig. Sie oder ihre Familien haben zwar entschieden, dass sie sich auf den Weg machen. Aber das geht nicht ohne Schlepper, denen sie viel Geld zahlen. Es geht nicht ohne Menschen, die ihnen Wasser, Nahrung, Kleider, Obdach geben. Als Menschen, die ihr Hab und Gut in einem Plastiksackerl tragen können, müssen sie mit allem von vorn beginnen: das Erlernen einer neuen Sprache, oft auch eines neuen Berufes; das Organisieren einer Wohnungseinrichtung, sich zurechtfinden, was die Mülltrennung oder den Umgang mit den Ämtern betrifft, das Schulsystem oder das Gesundheitssystem kennen lernen. Alles ist neu und anders und überfordert die Flüchtlinge. Weil das Wort „Flüchtling“ diese Tendenz hat, die Bezeichneten abzuwerten, ist es wohl besser von „Geflüchteten“ zu reden.

In dieser Hinsicht klingt „Willkommenskultur“ besser und es gefällt mit mehr. Es nimmt die andere Seite in den Blick. Nicht die Schwäche der Flüchtlinge steht im Vordergrund, sondern es wird damit ausgedrückt, was diejenigen tun können, die in den Ländern leben, in denen Geflüchtete Schutz suchen. Es geht darum, die Ankunft gut zu gestalten und das Ankommen zu erleichtern. Das Wort „Kultur“ kommt aus dem Lateinischen und meint „pflegen“. Das heißt also, nicht irgendwie geschehen lassen und mal schauen was passiert, sondern ganz bewusst Zeichen setzen, Sachen an die Hand nehmen und ihnen eine Gestalt, eine bestimmte Prägung geben. Wer Willkommenskultur pflegt, überlässt die erste Begegnung zwischen zwei fremden Menschen nicht dem Zufall, sondern gestaltet sie so, dass dabei Ängste abgebaut werden. Denn Angst in der Begegnung mit etwas, das wir nicht kennen, das ist normal. Nicht normal finde ich, dass diese — ich nenne sie einmal „natürlichen Ängste“ — aufgeblasen werden und ganze Weltuntergangsszenarien daraus entwickelt werden: Wir werden überschwemmt mit Flüchtlingen. Das Abendland wird untergehen. Alles ändert sich und wir stehen auf der Seite der Verlierer.

Der Apostel Paulus hat zu seiner Zeit konkret das Ende dieser Welt und Zeit erwartet. Das hören wir aus dem Philipperbrief heraus, wenn er schreibt: „Der Herr ist nahe.“ Für ihn stand es außer Frage, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen wird. Es dauert nur eine kurze Zeit bis er kommt und das große Weltgericht beginnt. Umso erstaunlicher ist, dass Paulus mit seinen Worten an die Gemeinde in Philippi nicht Ängste schürt und die Verunsicherung verstärkt. Mir scheint, dass er vielmehr dem allem gerade entgegenwirkt und so eine Art „Willkommenskultur“ für die Ankunft von Jesus schafft. Ich denke, dass wir von seinem „Programm“ gegen Ängste, die uns plagen, einiges lernen können. Seien das nun kleine Ängste, z.B. ob ich noch mit allem rechtzeitig vor Weihnachten fertig werde, seien das größere Ängste, wie sie manche unserer Mitmenschen erleben, wenn der Arzt ihnen eine ungünstige Prognose für ihren Krankheitsverlauf geben muss oder seien es die großen Verunsicherungen, die wir in unserer Gesellschaft derzeit erleben durch die Klimakatastrophe, die Migration oder die derzeitige unsoziale Politik.

Was sagt uns Paulus in all diesen Verunsicherungen zu? Wozu ermutigt er uns? Was ist sein Programm gegen große und kleine Ängste? Zunächst lädt er uns zur Freude ein, und zwar nicht einfach, sondern gleich doppelt, auch für diejenigen, die das noch nicht so recht glauben können, dass Freude das Leben verändert: „Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch!“ Mit der Freude ist es ähnlich wie mit dem Lachen. Man kann es nicht einfach so befehlen. Es braucht einen guten Grund dazu, dass wir anfangen zu lachen oder uns über etwas freuen können. Darum erzählen wir uns Witze. Paulus nennt diesen guten Grund erst etwas später: „Der Herr ist nahe!“ Das ist sein Grund zur Freude. Für mache Menschen ist das eher ein Grund zu erschrecken oder sich zu fürchten. Denn mit dem Kommen des Herrn ist auch das Gericht verbunden. Doch für Paulus ist der Herr, der wiederkommt, nicht der Richter, vor dessen Urteil er zittern muss. In anderen Briefen des Apostel Paulus können wir lesen, dass er in Jesus Christus den Anwalt sieht, der uns in dem Prozess, der mit dem Gericht vor uns liegt, vertreten und durch alle Instanzen hindurch durchbringen wird. So schreibt er im Römerbrief: „Ist Gott für uns, wer kann wieder uns sein?“ Das ist Grund genug sich zu freuen und fröhlich zu sein.

Doch was ist zu tun, bis der Herr wiederkommt? Was hilft uns, die Ängste zu überwinden und mit den Verunsicherungen umzugehen, die uns da und dort treffen? Welche „Willkommenskultur“ können wir bis dahin pflegen? An dieser Stelle ermutigt uns Paulus zur Mitmenschlichkeit: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!“ heißt es bei Luther. Das Wort „Güte“ wird in anderen Bibelübersetzungen auch mit Freundlichkeit übersetzt. Denn wo wir anderen Menschen mit Freundlichkeit begegnen, da schwindet die Angst. Ihr kennt das wahrscheinlich: Es ist äußerst schwierig, grimmig zu bleiben, wenn man freundlich angelächelt wird. Die alte Lutherübersetzung verwendet an dieser Stelle ein Wort, das mich fasziniert, weil wir es kaum mehr kennen: „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen!“ Dieses gibt uns aber zu erkennen, welche Art von Freundlichkeit und Güte gemeint ist. „lind“ bedeutet „mild“, „zart“ oder „sanft“. Im Schweizerdeutschen wird „lind“ auch verwendet, wenn es etwas gar oder weich gekocht ist. Also: Begegnet den Menschen auf angenehme, zuvorkommende, nicht auf abstoßende Weise. Wendet nicht Härte oder Strenge, nicht Hetze oder Beschimpfung an, sondern geht so auf sie zu, dass die Ängste von ihnen abfallen und sie offen und bereit werden für das, was ihr ihnen zu sagen habt. Oder etwas salopp und nach Schweizer Art formuliert: „Kocht sie weich mit eurer Freundlichkeit!“

Das Programm von Paulus gegen Angst und Verunsicherung geht aber noch weiter. Ich paraphrasiere: „Sorgt euch um nichts, sondern wenn ihr Gott um etwas bittet, so vergesst dabei das Danken nicht!“ Wer sich darin einübt Danke zu sagen, verändert gezielt die eigene Perspektive. Angst bringt es mit sich, dass sie den Blick eng macht. Wir fühlen uns wie das Kaninchen vor der Schlange, werden gelähmt und unfähig zu handeln. Wir sehen nur noch das vor uns, was wir verlieren und nicht mehr was wir haben. Wir sehen nur noch, was wir gerne gewinnen würden, aber nicht mehr, was wir erreichen können. Wenn wir aber bewusst auf das achten, wofür wir danken können, dann entdecken wir plötzlich auch die Möglichkeiten, die vor uns liegen.

Die Angst, ob ich mit allem fertig werde, lähmt mich. Eigentlich wäre ich auf die Hilfe anderer angewiesen. Es fällt mir schwer, sie darum zu bitten. Aber gerade da tun sich neue Beziehungen auf, die ich vielleicht nicht geknüpft oder gepflegt hätte. Eine schwere gesundheitliche Diagnose führt mir vor Augen, dass ich manches nicht mehr so werde tun können wie bisher. Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, was ich sonst noch kann und wo ich Begabungen habe, denen ich bisher nicht nachgegangen bin. Menschen, die in unser Land zuwandern, nehmen uns nicht nur Arbeitsplätze oder Wohnraum weg. Sie haben auch Talente und Begabungen, die wir mit ihnen zusammen entdecken können. Sie tragen etwas bei zur Bereicherung unserer Gesellschaft. Nicht unbedingt im materiellen Sinn, aber sicher was Sprache, kulturelle Vielfalt, was die Freude Feste zu feiern oder auch einfach was die zwischenmenschlichen Kontakte betrifft. 

Weiters empfiehlt der Apostel Paulus: Sich in das Danken einzuüben, nimmt einem etwas von den Sorgen und dem Kummern um die Zukunft. Der durch die Angst verengte Horizont wird wieder weiter. Die Enge auf der Brust löst sich. Die Gewissheit kehrt zurück: Ich bin nicht verloren. Ich darf auf Gott vertrauen, der für mich sorgt und mir zum Leben gibt, was ich brauche. In dieser Hinsicht könnte man sagen: Danken bewirkt die Ent-Sorgung meiner Ängste.

Schließlich der letzte Punkt im Anti-Angst-Programm des Apostels Paulus: Er spricht der Gemeinde in Philippi den Frieden Gottes zu. Dieser Friede ist größer und höher als all das, was sich meine Vernunft ausdenkt an Argumenten und Gegenargumenten. Dieser Friede kümmert sich nicht um das Dafür oder Dagegen, Flüchtlinge aufnehmen oder die Grenzen schließen. Es ist ein Friede, der den Menschen auf beiden Seiten, also allen Menschen gilt. Es ist ein Friede, der mich als ganzen Menschen umfasst, mit allen meinen Sinnen und mit meinem ganzen Herzen, mich als ganze Person. Und es ist ein Friede, der seinen Grund in Jesus Christus hat. Weil es Jesus Christus gibt, darum gibt es Frieden für mich.

Dieser Friede, der uns in Jesus gegeben ist, das ist die eigentliche Grundlage für die Freude, zu der uns Paulus einlädt. Dieser Friede lässt uns gelassen auf das schauen, was in dieser Welt um uns herum und mit uns geschieht. Wenn wir in diesem Frieden Christi verankert bleiben und uns diesen Frieden gelten lassen, so können wir mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Amen.