21. März 2019

Gottesdienst am 23. Dezember 2018

Predigt: Frank Moritz-JaukEnglish

Und er wird der Friede sein                      Micha 5, 1-4a

Liebe Gemeinde, ich möchte heute ein ganz zentrales Thema der Weihnachtsverkündigung aufgreifen, dass uns heute schon in der ersten, alttestamentarischen Lesung begegnet ist: „Und er wird der Friede sein.“ hieß es am Ende beim Propheten Micha. Genauso wird von den himmlischen Heerscharen, diese Botschaft in die Mitte ihres Lobpreises gestellt: „Und Friede auf Erden.“

Friede. Das ist schon ein großes Wort. Ähnlich wie Liebe, vielleicht ein noch größeres Wort. Aber selbst das Wort Friede weckt bei uns unterschiedliche Bilder.

Friede als große Sehnsucht? Friede als Utopie, also als etwas Unerreichbares?

Was bedeutet es, wenn dieser Friede, dieser schalom, sozusagen mit dem Messias gleichgesetzt wird? Wenn dieser Friede zum entscheidenden Erkennungszeichen, dieses Messias wird?

Ich glaube, dass dieser Friede eine ganz grundlegende, tiefe Sehnsucht von uns Menschen ist. Friede ist die Grundlage für jedes zufrieden- oder glücklich sein.

Das wir diese Sehnsucht nach Frieden nicht so unmittelbar, ständig spüren hat möglicherweise mit zwei Umständen zu tun: Erstens haben wir uns an eine unfriedliche Welt gewöhnt. Die unfriedliche Welt ist die Wirklichkeit in der wir leben. Einerseits. Und anderseits leben wir in Österreich oder in Europa in einer, seit vielen Jahrzehnten, kriegsfreien Zone. Oder anders gesagt: Wir leben in einem Umfeld, wo Waffengewalt in Form von kriegerischen oder plündernden Auseinandersetzungen die absolute Ausnahme ist. 

Aber selbst wenn wir sagen, dass wir nicht um unser Leben fürchten müssen, weil uns jemand umbringen möchte, haben wir doch jede Menge unfriedliche Situationen.

Gerhard Weissenbrunner hat am 2. Advent den Frieden in Beziehung zur Gerechtigkeit gesetzt: Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Allein am Begriff Gerechtigkeit wird offensichtlich, wo überall Unfriede herrscht, denn die Welt ist selten gerecht. Immer gibt es Verhältnisse, wo Menschen unter Druck sind, wo sie ihre Leistung bringen müssen, um nicht ohne Arbeit dazustehen. Ungerechtigkeit fängt schon bei den Chancen an, die jemand in die Wiege gelegt bekommt, denken wir nur an die ungerechten Bildungschancen, die sozusagen weitervererbt werden.

Neben der Ungerechtigkeit ist dann noch der ganze Bereich des Unfriedens zu nennen, der daraus entsteht, dass wir Menschen oft zuerst an uns und erst dann an unsere Nächsten denken. Oder dass wir einfach unterschiedliche Wünsche oder Interessen haben. Ein ganz simples Beispiel aus meinem Alltag, das für so manchen Unfrieden oder Streit gut ist: Ich möchte, dass der Computer nach einer Stunde ausgeschaltet wird, damit vielleicht noch etwas anderes am Tag oder am Abend passieren kann. Meine Kinder sehen das anders. Frage nicht, was passiert, solltest du oder ich den Stromstecker ziehen oder auf den Aus-Knopf drücken.

Wenn wir also alle diese verschiedenen Formen des Unfriedens bedenken, vom zwischenmenschlichen Friede, über die manigfaltigen Ungerechtigkeiten, bis hin zu den großen kriegerischen Konflikten, dann wird eines deutlich: Friede können wir Menschen nicht machen.

Offensichtlich gehört auch der wirkliche , wahre Friede zu den Dingen die wir Menschen nicht machen können. Es ist kein Zustand, den wir aus uns selbst erreichen können.

Mit dieser Einsicht bekommt die Verkündigung oder die Zusage des Friedens ein anderes Gewicht. Der Friede Gottes fällt aus dem geöffneten Himmel, aus dem die Engel den Hirten verkündigen: „Und Friede auf Erden.“

Schauen wir einmal, wie dieser Friede bei Micha verheißen wird und wie er in Jesus Gestalt annimmt.

„Doch dir, Betlehem im Gebiet der Sippe Efrata, lässt der Herr sagen: So klein du bist unter den Städten in Juda, aus dir wird der künftige Herrscher über mein Volk Israel kommen.“

Wir verbinden Betlehem mit dem Stall und der Geburt Jesu, aber die Menschen zu denen Micha spricht und denen er Hoffnung einflößen will, verbinden mit Betlehem eine andere Erinnerung, nämlich Betlehem als dem Geburtsort von König David. In einer Zeit, in der das Königtum versagt hat, Jerusalem erobert und der Tempel in Brand gesteckt wurde ist das das Licht, welches Micha in Aussicht stellt. Seht, Gott ist treu. Gott bleibt sich und seinen Plänen treu und wird an den Anfang zurückkehren, von wo aus alles geschah. Betlehem als Königsstadt und David als der erste einer Dynastie. Gott beginnt seine Heilsgeschichte mit Israel neu und er wird es wieder so tun, wie er es schon einmal getan hat: Er erwählt die kleine Stadt Betlehem, vor der großen Stadt Jerusalem.

Diese Vorgangsweise, dass Gott aus etwas Kleinem, scheinbar Unbedeutsamen, etwas Großes macht und machen kann, ist auffällig.

Sie ist deshalb auffällig, weil sie so ganz anders ist, als wie wir Menschen normalerweise denken und handeln.

„Aus nichts, wird nichts“ sagen wir oder wie Natanael fragen wir: „Was kann aus Nazaret Gutes kommen?“ (Joh 1,46) Ungläubig oder kritisch stehen wir diesem Geschehen gegenüber, dass aus dem Schwachen etwas Großes oder Brauchbares werden könnte. 

Aber diese Handlungsweise Gottes wiederholt sich in Betlehem. Gott selbst kommt auf die Erde und kommt uns in der Gestalt eines kleinen, schutzbedürftigen Kindes entgegen. Die Armseligkeit eines Stalles ist genau der Ort, den Gott auswählt um…

Um was? Was will uns Gott möglicherweise sagen?

Noch einmal kehre ich zu Micha zurück, um drei entscheidende Worte dort abzuholen. Es ist das Wort „weiden“ und die Wörter „sicher wohnen“.

Mit dem Wort „weiden“ wird das Bild des Hirten mit dem künftigen Herrscher verbunden. Und das Bild vom guten Hirten, dass wir ja auch von Jesus kennen, besagt, dass hier jemand ist, der sich um die Schafe sorgt. Das zeichnet den künftigen, neuen und damit ganz anderen Herrscher aus: Er sorgt für die Schafe und nicht vorrangig oder ausschließlich für sich selbst!

Es ist die große Kritik aller Propheten, dass die Mächtigen nicht die Aufgabe wahrnehmen, die sie eigentlich von Gott bekommen haben: Das Volk zu führen, zu schützen und zu versorgen.

Und wenn wir jetzt noch einmal zu Jesus zurückkehren, zum Stall, aber vorallem zu seinem Leben, bis hin zu seinem Tod am Kreuz, dann sehen wir eine ganz andere Vorgangsweise als den Kampf.

Jesus kämpft nicht und fordert auch seine Jünger nicht zum Kampf auf. „Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, dann würden meine Jünger für mich kämpfen.“ (Joh 18,36) hält er dem Inbegriff der Macht, hält er dem römischen Gouverneur Pilatus entgegen.

Jesus überwindet die Gewalt, indem er sich freiwillig ergibt.

Zusammenfassend denke ich, dass wir aus diesem Handeln Gottes zweierlei lernen können oder dass wir vielleicht Folgendes hören sollen: Einerseits die Kraft die im Geschehen lassen liegt und anderseits die Bedeutung die das scheinbar Kleine und Geringe hat.

Beim ersten meine ich damit, dass unser Handeln oft doch sehr stark vom machen, von der Macht oder Machbarkeit geprägt ist. Nicht zufällig klingen diese drei Begriffe so ähnlich. Aber oft kommt es wohl eher darauf an, was wir eben nicht selbst machen, sondern uns schenken lassen sollten. Wenn wir in den Möglichkeiten verharren, die uns selbst möglich sind, die wir machen oder beeinflussen können, dann sind wir auch auf die Begrenztheit unserer Möglichkeiten zurückgeworfen. Wenn wir aber erkennen, das entscheidende Dinge wie Liebe, Glauben, oder wie unser heutiges Thema der Friede, nicht von uns abhängen, dann kann die Sehnsucht uns darin führen, das wie versuchen offen zu sein. Offen sein heißt, Gottes Wirken zuzulassen.

Das zweite würde bedeuten, dass wir den kleinen Dingen mehr Aufmerksamkeit und mehr Bedeutung schenken. Es macht einen Unterschied, ob ich jemandem Vorfahrt gewähre ohne mich zu ärgern oder jemanden freundlich einfädeln lasse in die Autoschlange. Es macht einen Unterschied, ob ich jemand freundlich anlächle oder ein gutes Wort für ihn auf den Lippen habe. Es macht einen Unterschied, ob ich zwei statt einer Meile mit jemandem gehe und bereit bin zu teilen. Das alles schaut klein aus, aber es macht einen Unterschied. Einen Unterschied den wir fühlen können, denn das Tun des Willen Gottes bewirkt immer etwas Großes: Freude.

Freude die von innen kommt und Gottes Wirken und Gottes Frieden unter uns Menschen sichtbar macht. 

„Und er wird der Friede sein!“ sagt uns Micha. Wie die Hirten nach Betlehem zu gehen, heißt, dem zu glauben.

Amen.