21. März 2019

Gottesdienst am 30. Dezember 2018

Sorge füreinander Lukas 2, 41-52

Liebe Gemeinde, die heute gehörte Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, der im Tempel zurückbleibt, hat mir klargemacht, wie unterschiedlich wir Menschen denken. Wie sehr es auf die jeweilige Sichtweise ankommt und wie solche Sichtweisen auch mit verschiedenen Lebensphasen verbunden sind. Das wird allerdings nur diejenige Person wahrnehmen, die diese Geschichte nochmal reflektiert, also über die verschiedenen Sichtweisen nachdenkt. 

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, passt die Predigt wunderbar zum Jahresende, wo wir besonders empfänglich sind für Reflexionen. Das Jahresende ist die Zeit, in der wir Rückblicke auf das vergangene Jahr machen und überlegen, was war gut und was war schlecht. Oder was war gut und was war weniger gut.

Zugegeben, das machen nicht alle Menschen zum Jahresende. Es erfordert ja eine gewisse Anstrengung. Allein der Vorgang, das Geschehene zusammen zu tragen und diese Ereignisse dann auch zeitlich in die richtige Reihenfolge zu bringen, ist gar nicht so einfach. Von dem her wird es sicher eine ganze Reihe Menschen geben, denen das zu anstrengend ist. Diese Menschen werden einfach weiterstürmen und sich nicht mit einem Rückblick aufhalten wollen. 

Vielleicht hat dieser Wunsch, aus dem Erlebten etwas zu lernen, auch mit dem Alter zu tun. Mit dem Alter bedeutet oft, mit der Lebensphase, in der ich mich befinde.

Damit komme ich zum Kernthema dieser Predigt und hier wird vielleicht jetzt schon deutlich, was ich mit Sichtweisen und Lebensphasen meine: Wenn ich diesen Text von Jesus im Tempel lese oder höre, dann spricht mich als Erstes die Sorge an. Die unendliche, bange Sorge von Maria und Josef, die drei Tage lang ihr vermisstes Kind suchen.

Das hat mit meiner Lebensphase zu tun. Das hat damit zu tun, dass ich selbst zwei Buben habe, von denen einer vor nicht allzu langer Zeit selbst zwölf Jahre alt war. Drei Tage lang den Jona suchen, in einer vergleichbaren Metropole wie Jerusalem?

Mir ist dazu sofort eine Kindheitsgeschichte eingefallen. Als ich selbst so ein kleiner Mensch war wie der beschriebene Jesus, war ich mit meinen Eltern im Sommerurlaub in Dänemark. Am Meer, wahrscheinlich an der Nordseeküste. Und für alle, die noch nie an einem Meer wie der Nordsee waren: Das ist ein Meer mit ausgeprägter Ebbe und Flut. Ebbe ist, wenn das Wasser Richtung Ozean fließt und Flut ist, wenn es wieder zurück Richtung Küste kommt. Jedenfalls waren wir so am Meer und der junge Frank ist, offensichtlich bei Ebbe, allein mit dem Schlauchboot herumgefahren. Ist ja super, wenn man schon so allein mit dem Schlauchboot unterwegs ist. Genauso wie dieser junge Jesus. Ist ja super, wenn man schon allein mit den Großen im Tempel sitzen und diskutieren kann. Jedenfalls in meiner Urlaubsgeschichte war der Strand plötzlich ziemlich weit weg. Ob mir meine Eltern das vorher erklärt haben oder nicht, weiß ich nicht mehr. Vorstellbar ist beides. Es würde mich nicht wundern, wenn ich es gewusst hätte und trotzdem zu weit rausgefahren wäre. Brav sein war nicht unbedingt meine Stärke. Was ich aber weiß ist, dass ich gemerkt habe, dass ich gegen das Wasser nicht mehr ankomme und das es mich Richtung offenes Meer zieht. Da ist mir dann echt mulmig geworden. Da habe ich plötzlich kapiert, hoppla, das ist ja doch gefährlich. Und in dieser Situation sehe ich meinen Vater, der hinter mir herschwimmt, es schafft, das Boot einzuholen, ins Boot klettert und mir erstmal eine ordentliche Ohrfeige gibt, sodass ich den Rest der Rückfahrt mit blutender Nase über dem Schlauchbootrand verbringe. Und mit kräftigen Ruderschlägen das Schlauchboot wieder Richtung Ufer bringt.

Jetzt kann man aus pädagogischer Sicht geteilter Meinung sein wegen der blutenden Nase. Aber schon als Kind war ich garnicht so unfroh darüber. Schon als Kind kann ich mich erinnern, dass da ein Zusammenhang bestand zwischen dem, was ich getan habe, nämlich zuweit vom Ufer weg fahren und der Anstrengung, die es meinen Vater gekostet hat, mich einzuholen.

Aber erst seit ich selbst Vater bin, habe ich ein tieferes, umfassenderes Verständnis für diese Ohrfeige bekommen: Welch eine Sorge hat sich hier entladen. Natürlich hätte sich mein Vater besser beherrschen sollen können müssen, aber: Welch eine Sorge hat sich hier entladen.

Und genau das denke ich mir als Erstes, wenn ich eine solche Geschichte, wie von Lukas erzählt, anhöre oder anschaue.

Auf diesem Hintergrund klingt die Antwort von Jesus: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss? wie von einem anderen Stern. Oder um beim Thema zu bleiben: Hier wird deutlich, dass es ganz unterschiedliche Sichtweisen gibt. Ganz unterschiediedliche Wahrnehmungen. 

Natürlich, wenn ich mir etwas Mühe gebe, dann kann ich die Antwort von Jesus schon nachvollziehen. Er ist erst zwölf Jahre alt und da ist es natürlich total interessant, mit den Gesetzeslehrern zusammenzusitzen. Zu reden. Zu diskutieren. Und die Anerkennung und das bewundernde Staunen wird Jesus schon mitbekommen haben. Alle nehmen mich ernst und sind beeindruckt von meinen Fähigkeiten, meinem Wissen und meinen klugen Antworten. Außerdem: Warum sind meine Eltern so besorgt? Mir, Jesus, geht es doch gut. Alle kümmern sich um mich, ich bin sicher und die Eltern müssen doch gewusst haben, wo ich bin. Ich kann doch nur im Hause meine Vaters sein. Wo denn sonst?

Und natürlich kann ich auch ganz aus der Geschichte herausgehen und mir überlegen, was Lukas mir mit dieser Geschichte sagen will. Natürlich bin ich dann in der Lage, diesen Hinweis auf die Verbundenheit von Jesus und seinem Vater im Himmel wahrzunehmen. Genauso wie ich dann auch die Verbindung zwischen diesen drei Tagen, bis Jesus wiedergefunden wird, und den drei Tagen,  vom Tod bis zur Auferstehung, wahrnehmen kann.

Allein damit hätten wir also schon drei ganz verschiedene Sichtweisen, unter denen wir diese Geschichte betrachten können. Das ist einfach wichtig zu wissen. Denn oft verhalten wir uns leider so, dass wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass unsere Sichtweise die einzig Mögliche, die Nachvollziehbarste und Beste ist: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss? Wo denn sonst?

Es macht einen großen Unterschied, in welcher Lebensphase wir uns befinden. Die Worte der Geschichte bleiben immer die Gleichen, aber was mich zutiefst und als Erstes angesprochen hat, ist die Sorge der Eltern. Es gibt diese Verbundenheit zwischen Eltern und ihren Kindern, die in der Liebe und in der Verantwortung füreinander ihren Ursprung hat. Dann springt man ins Wasser und schwimmt seinem davontrudelnden Kind nach. Die Liebe und die Verantwortung und die Sorge machen den Unterschied.

Diese Liebe, diese Verantwortung und Fürsorge füreinander ist auch etwas, das diese Gemeinde hier in Graz – also uns – auszeichnet. Natürlich machen wir auch Fehler und Gott sei Dank ist nicht alles perfekt, aber die Richtung ist für mich klar gegeben: Wir alle wollen gut miteinander umgehen. Alle sind wir Kinder Gottes und Gott bringt uns hier in dieser Gemeinde in Graz zusammen. 

Zum guten Umgang miteinander gehört meiner Ansicht aber nicht nur ein freundliches Lächeln, ein aufbauendes Wort oder die Hilfe die wir uns gegenseitig zukommen lassen. Zum guten Umgang miteinander gehört auch, dass wir fair miteinander umgehen.

Wir alle sind heute morgen an der Aufstellung der Finanzen am Kircheneingang vorbei gegangen und manche haben sogar unseren Kassier am Dienstag gehört. Jedes Jahr wird es gegen Jahresende eng. Man gewöhnt sich schon fast daran. 

Was diese Aufstellung aber nicht sagt, und auch nicht sagen kann, ist, dass die Hauptlast der Finanzen von wenigen Menschen getragen wird. Längst nicht alle beteiligen sich daran. Ist das fair? Ist das der gute Umgang miteinander, den wir pflegen wollen?

Es tut mir, und wahrscheinlich allen Mitgliedern des Finanzausschusses, immer wieder leid, dass irgendwer dieses Problem ansprechen muss. Heute bin ich es eben. Aber die Finanzen sind ein Teil unseres Lebens als Gemeinde. Sie gehören dazu. Da kann ich noch so oft die Hände vors Gesicht halten und so tun als wäre ich nicht da. Aber eins möchte ich ganz klar festhalten: Niemand spricht jemals über die Höhe meines Beitrags. Der ist und bleibt in unserer Kirche freiwillig. Als Empfehlung nennen wir jedes Mal den Zehnten, denn das ist unsere biblische Grundlage.

Und für was wir das Geld brauchen ist ja auch kein Geheimnis. Jedes Jahr gibt es in dieser Gemeinde und in allen Gemeinden der Evangelisch-methodistischen Kirche eine Bezirkskonferenz oder Bezirksversammlung. Dort wird das Budget klar und offen, für alle einsehbar, hergezeigt, besprochen und beschlossen. Es ist kein Geheimnis, was diese Gemeinde benötigt. Oder wofür hier in dieser Gemeinde Geld ausgegeben wird. 

Aber es scheint einen Unterschied zu machen, wer, in welchem Ausmaß, dafür Verantwortung übernehmen möchte. Sonst müsste sich der Finanzausschuss nicht jedes Jahr Sorgen darüber machen, wie wir ausgeglichen bilanzieren können.

Sorgt füreinander, so wie sich Gott um uns sorgt. Nein falsch. Sorgt füreinander, so wie es euren Möglichkeiten entspricht und mit der Liebe, die euch möglich ist. Der Vergleich mit Gott ist wohl eindeutig zu hoch gegriffen. Es ist schon viel getan, wenn wir uns so beteiligen, wie es uns möglich ist. Aber das ist wirklich schon viel. Vor allem, wenn wir es gemeinsam tun. Wir alle. Wenn wir alle uns nach unseren Möglichkeiten beteiligen, dann schauen auch unsere Finanzen anders aus.

Die Sorge füreinander und die gemeinsame Verantwortung und die erfahrene Liebe, machen den Unterschied.

Amen. 

Frank Moritz-Jauk