22. Januar 2019

Gottesdienst am 13. Jänner 2019

Predigt: Gerhard Weissenbrunner

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Lukas 3, 15-17, 21-22 die Taufe der Umkehr 

Wenn in unserer Kirche Kinder getauft werden oder Erwachsene ein Taufbekenntnis ablegen, so liegt dem Sakrament der Taufe eine Entscheidung der beteiligten Personen zu Grunde. Am Anfang steht die Zusage der gnädigen Gegenwart Gottes. Gott ruft alle Menschen zu sich. Gott ruft jeden einzelnen Menschen und spricht sie/ihn persönlich an. Und der Ruf Gottes wartet auf eine Antwort.

Mit einem klaren „JA“ auf die Tauffragen bekennen die Menschen ihren Glauben an Jesus Christus und versprechen ihr Leben verantwortungsvoll in seiner Gemeinschaft zu gestalten. Sie versprechen, auf Christi Gnade zu vertrauen, das Böse zu lassen und das Gute zu tun, die Heilige Schrift als Grundlage und Richtschnur des Glaubens und des Lebens anzuerkennen und Gott zu dienen durch Gebet, Mitarbeit und regelmäßige Gaben.

Die Tauffeier ist ein Freudenfest. Die Taufe ist ein zweiseitiger Bund. Voran steht der Ruf und die Zusage Gottes: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein! Du bist gewollt! Du bist kein Kind des Zufalls! Du bist ein Kind der Liebe! Du bist eingeladen, dein Leben in meiner Gegenwart zu gestalten. Willst du das?“ Und auf diese Zusage hin folgt die Antwort der Betroffenen: „JA, ich will!“ 

Da kommt Freude auf. Die Freude ist begründet in der Erfahrung dieses heiligen Momentes. Ich glaube und ich weiß, Gott, mein Schöpfer, mein Heiland, mein Erretter hat sich mir zugewandt. Etwas Neues ist geworden. Es ist wie eine Neugeburt. Etwas grob formuliert Luther: „in der Taufe wird der alte Mensch ersoffen und der neue geboren!“

Und die Freude ist auch begründet in der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Ich glaube und ich weiß, Gott steht zu seinem Wort. Er ist treu! Und er hält, wenn er verspricht: „Nichts kann mich trennen von seiner Liebe, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn.“ (Röm.8,39) Verbunden mit der Liebe Gottes ändert sich mein bisheriger Standpunkt und mit seiner Kraft gelingt ein neuer Weg.

Zu diesem neuen Weg ruft Johannes der Täufer. Die Menschen spüren, da ist etwas Neues. Sie sind voller Erwartung. Sie wenden ihm ihr Herz zu. Sie fragen, ob er villeicht der Christus wäre? „Nein“, sagt Johannes, „ich bin nicht der Christus. Ich bin sein Vorbote. Ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“

Johannes fordert die Menschen auf sich für das Gute zu entscheiden. Er spricht die Missstände an und ruft zur Umkehr. „Tut niemanden Gewalt oder Unrecht und genügt euch an dem, was ihr habt!“ Johannes ruft auf zu einer Sinnesänderung.
Sehr konkret bedeutet Umkehr die Abkehr von Unrecht und den falschen Göttern und die Hinkehr bzw. Rückkehr zu Gott. – Eine Hinkehr zu einem Verhalten, das dem Willen Gottes entspricht. – Umkehr bedeutet eine totale Veränderung der Richtung des Lebens. Und sie betrifft alle Lebensbereiche.

Kehrt um! So möchte man auch heute hineinrufen in unsere Gesellschaft. 

Vor Weihnachten startete DER STANDARD eine Umfrage. Die Frage lautete: „Wer sagt ihnen, was gut und richtig bzw. böse und falsch ist?“ Vor allem jüngere ÖsterreicherInnen zweifeln daran, dass die Kirche für die heutigen Menschen die richtige Antwort hat. Auch moralische Autorität wird der Kirche kaum zugetraut. Für 85% der Befragten ist das eigene Gewissen die höchste Instanz. Sie sind der Ansicht, dass Weihnachten ein Fest des Friedens und der Versöhnung ist. Aber nur 8% verbinden die frohe Weihnachtsbotschaft mit Jesus Christus. 

Als der Bundeskanzler vor kurzem über seine Vorstellung von christlich-sozialer Politik befragt wurde, antwortete er sinngemäß, dass er seine Politik schon als christlich-sozial verstehe. Aber wenn man die Menschen darüber fragt, wird es wohl viele verschiedene Definitionen geben.
Nur, Herr Bundeskanzler, was christlich-sozial ist, wird nicht durch persönliches Dafürhalten definiert, sondern es steht in der Heiligen Schrift.

Ich stelle fest: sie wissen es nicht mehr! Der Großteil unserer Gesellschaft weiß nicht mehr wirklich, was „christlich“ heißt. Entweder lesen sie nicht nach, wo es steht. Oder sie fragen gar nicht, ob es andere Massstäbe gibt, als die eigenen. Sie denken, sie können machen, was sie wollen und es hätte keine Konsequenzen. Wenn aber jemand behauptet, dass das eigene Gewissen seine höchste Instanz ist, muss das hinterfragt werden. Ganz besonders wenn jemand eine führende Persönlichkeit ist. Und eine Verantwortung für das Wohlbefinden der Menschen übernommen hat. 

Die Politiker sind zu fragen: „Wie gehst du mit dem Wohl der Minderheiten um, dem Wohl der Armen, dem Wohl der Benachteiligten, dem Wohl der Fremden usw?“. Die Manager und Unternehmer sind zu fragen: „Wie gehst du mit deinen Mitarbeitern um? Haben sie Anteil am Geschäftserfolg, oder siehst du zuerst auf die Shareholder und deinem eigenen Gewinn?“ Die Beamten sind zu fragen: „beurteilst du den Asylbescheid nach blindem Gehorsam oder siehst du den Menschen mit seiner Not?“ 

An jeden Menschen in der Gesellschaft, in der Familie, in der Partnerschaft und an sich selbst, ist diese Frage zu stellen: „wie sieht dein Verantwortungsgewissen aus?“ Es ist problematisch das eigene Gewissen als geltenden Massstab zu nehmen. Wenn das alle Menschen tun, haben wir so viele verschiedene Meinungen, wie es Menschen gibt. Dann ist sich jeder selbst der Nächste. Und man meint, was für einem selbst gilt, gilt auch für alle anderen in der Welt. Dann haben wir ein Tohuwabohu, wie es vor Beginn der Schöpfung war. 

Ich fordere sie auf! Sie sollen ihr Gewissen verteidigen mit Anstand und Ehrlichkeit. Und wir werden sehen, sie können es nicht! 

Deshalb auch der Ruf zur Umkehr. Und zur Abkehr von Unrecht und den falschen Göttern.
Gottes Reich ist ein Reich der Gerechtigkeit. Geschriebenes Recht darf nicht Recht bleiben, wenn es Unrecht ist. Gottes Gerechtigkeit ist der Massstab für gemeinschaftliches Leben. Und das gilt für die ganze Welt. Wer an den wahren Gott und an den Sohn Jesus Christus glaubt, muss wissen, dass sich dieser Glaube über die soziale Gerechtigkeit definiert. 

Wer sein Herz vor den Armen verschließt, zeigt Christus die kalte Schulter. 

Deshalb auch die Erinnerung an die Taufversprechen: Höre Mensch, es gilt, was Gott dir sagt und tue, was du versprochen hast!

Es ist an der Zeit, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. Jesus Christus spricht: „Liebe Gott und liebe die Menschen!“ Jesus erinnert uns an das Wunder der menschlichen Verbundenheit. Seine Liebe verbindet uns. Und er beauftragt uns: liebet einander!

Gegenüber anderen steht zuerst die Kritik und die Anklage gegen Unrecht. Und das ist wichtig, weil damit das Unrecht aufgedeckt wird. Aber dabei darf es nicht bleiben. Das wäre hoffnungslos. Als NachfolgerInnen Jesu Christi wissen wir: Christus, der uns auffordert, zur Umkehr aufzurufen, gibt uns auch die Kraft und das Verständnis dazu. 

Ich glaube an die Macht der Liebe. Sie verbindet Himmel und Erde. Sie hat ein großes Interesse, dass ein großer Zusammenschluss der Menschlichkeit gebildet wird. Dass die Verbundenheit auf der Welt gestärkt wird. Und dass eine Welt gestaltet wird, die nicht der Angst oder der Wut gegenüber den „Anderen“ entspringt, sondern der Hoffnung und der Liebe für jede und jeden einzelnen.

Die Liebe hat auch die Kraft, mit der wir unsere Abneigung gegen jene überwinden können, die uns zuwider sind. Egal, ob es ein Nachbar ist, ein Berufskollege, ein bestimmter Politiker, ein Trumpist oder ein Orbanist, oder wer auch immer. Die Liebe ist das einzige Mittel, das Feindschaften lösen kann ohne dass andere neue Feindschaften entstehen. Sie ist das einzige Mittel, das uns zur Fürbitte für die Machthaber antreibt. In der Hoffnung Gott möge Veränderung zum Guten bewirken.

Wir sind wie Johannes, Rufer in der Wüste. Aber als NachfolgerInnen kennen wir etwas und wir verweisen darauf, was viele nicht kennen. Das ist die Liebe Gottes in und durch Jesus Christus. Diese Liebe gehört verbreitet. Helfen wir zusammen, zu einer weltweiten „Aktion Liebe“. Damit die Welt menschlich wird und auch unsere Kinder und Kindeskinder eine gute, hoffnungsvolle Zukunft vor sich haben. Leben wir und verbreiten wir die Botschaft der Liebe. Nach dem Maß, wie wir sie jede und jeder von uns durch Jesus Christus empfangen haben.

Amen.