20. Juli 2019

Gottesdienst am 20. Jänner 2019

Predigt: Pastorin Esther Handschin,

English

zu Johannes 2,1-11 Verwandlung

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Beginn der „gewöhnlichen“ Zeit des Kirchenjahres, die in manchen Kirchen durch die Farbe grün symbolisiert wird, hören wir auf Geschichten vom Anfang des Wirkens Jesu. Es sind Geschichten, die uns erahnen lassen, wer Jesus ist und was er will. Er tut das erste Wunder; er beruft die ersten Jünger; er tritt das erste Mal in der Öffentlichkeit auf und hält eine Predigt. Die Erzählung aus dem Johannesevangelium von der Hochzeit zu Kana und dem Wunder, wo Wasser zu Wein wird, streicht diese Anfangssituation mit folgenden Worten heraus: „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten ihm.“ (Joh 2,11) Das bedeutet, dass durch dieses Wunder sichtbar werden soll, wer Jesus ist und dass durch seine Person der Schimmer des göttlichen Glanzes, der Welt auf dieser Welt liegt, nun für alle Menschen erfahrbar wird. Das Geheimnis von Weihnachten, die Menschwerdung Gottes, das Zeichen dafür, dass sich der unwandelbare Gott verletzbar gemacht hat wie ein Mensch, das findet sich in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana in weiteren Bildern gezeichnet. Es sind Bilder der Verwandlung. Zwei Bilder und eine Begegnung der Verwandlung möchte ich aus dieser Geschichte aufgreifen. Zunächst das Bild, bei dem gewöhnliches Wasser zum Wein der Freude wird. Dann das Bild der Hochzeit, wo die Liebe das Miteinander zweier Menschen verwandelt. Und schließlich die Begegnung einer Mutter mit ihrem Sohn, die in ihr eine Verwandlung hervorruft.

Da sind zunächst die sechs Krüge aus Stein. In ihnen wird Wasser aufbewahrt, Wasser um sich zu reinigen und zu erfrischen. Wasser kennen wir auch als das Element, das Leben spendet. Erst Wasser erweckt eine Wüste zum Leben und bringt sie zum Blühen. Und schließlich löschen wir mit Wasser unseren Durst. Doch bei dem Wasser in den sechs Steinkrügen wird es sich kaum um frisches Wasser gehandelt haben. Schon lange steht es in diesen Krügen und schmeckt schal und abgestanden, von Lebendigkeit keine Spur. Es ist nicht zum Trinken da, sondern für die Reinigung des Körpers. Wer möchte schon an einer Hochzeit solches Wasser trinken? Man kann es höchstens zum Händewaschen verwenden.

Unser Leben gleicht gelegentlich dem Wasser in diesen Krügen. Wir empfinden es als abgestanden und schal. An nichts mehr finden wir Gefallen, die Lust am Leben vergeht uns von Tag zu Tag. Der Alltag nimmt seinen Lauf, alles rennt so dahin und wir werden dabei hart wie diese Steinkrüge. Die Erdenschwere spüren wir nicht nur selbst, sie ist auch an unserem Gang und in unseren Gesichtern abzulesen. Wenn wir dann in den Spiegel schauen und uns fragen, wem diese verhärteten Gesichtszüge gehören, spätestens dann merken wir, dass auch unser Herz von dieser Verhärtung befallen ist. Und in uns wächst die Sehnsucht nach Überwindung dieser Härte. Wir möchten gerne anders werden, doch wie soll das geschehen?

In unserer Geschichte wird den Hochzeitsgästen nicht schales Wasser serviert, nein, sie bekommen Wein zu trinken. Wein, ein Getränk, das schon immer ein Sinnbild der Freude und des Festes war. Jesus hat das Wasser in Wein verwandelt. Er ist es, der auch unserem Leben, wenn es schal geworden ist, den Glanz der Freude verleiht. Er gibt unserem Leben einen guten Geschmack. In ihm erfahren und schmecken wir die Freundlichkeit Gottes. Nebst der Verwandlung ist auch die Menge des Wassers, das in diesen Steinkrügen zu Wein wurde, nicht ganz unbedeutend. Es sind an die 600 Liter, die in 6 Steinkrügen von dieser Art Platz finden. Das ist mehr Wein als je bei einem Hochzeitsfest getrunken wird. So viel Wein zeigt uns die Fülle des Lebens, die uns verheißen ist. Es ist nicht nur ein bisschen, sodass uns das Leben nicht mehr ganz so hart vorkommt. Nein, die Krüge sollen voll sein bis oben hin, ein wenig mehr und sie würden überlaufen. So möge uns auch die Freude Christi ganz erfüllen.

Das zweite Bild aus dem heutigen Evangelium ist das Bild der Hochzeit. Zum einen ist die Hochzeit ein Sinnbild dafür, dass zwei Gegensätze zusammenkommen. Mann und Frau in ihrer Unterschiedlichkeit haben sich gefunden. Zwei Familien werden miteinander verbunden. So ist es auch bei der Menschwerdung Gottes: Gott und Mensch, der andere große Gegensatz, den wir uns nebst Mann und Frau denken können, sie sind anlässlich der Geburt von Jesus zusammengekommen. In Jesus treffen das Menschliche und das Göttliche aufeinander und werden so eins, dass es sich nicht mehr trennen lässt. Zum anderen trägt eine Hochzeit immer auch die Gelegenheit einer Verwandlung in sich. Da gibt es Frösche, die zu Prinzen geküsst werden und Dornröschen, die aus ihrem Schlaf wach geküsst werden. Ein Aschenputtel erscheint als geschmückte Braut und manch ein Bursche, der kaum zu zähmen ist, strahlt als fescher Bräutigam seiner Braut entgegen. Die Liebe ist es, die diese Kräfte der Verwandlung weckt. Sie ist die Energie, mit der junge und auch ältere Menschen den Schritt in das gemeinsame Miteinander wagen. Sie ist die Kraft, mit der zwei Menschen miteinander durchs Leben gehen, durch dick und dünn. Sie ist die Verbindung, die über den Tod hinaus bleibt. Gerade diese Liebe ist es, die Gott dazu veranlasst hat, menschliche Gestalt anzunehmen.

Ich denke, dass auch Gott sich in seiner Menschwerdung verwandelt hat. Die Liebe zu den Menschen macht es erforderlich, dass er in immer neuer Weise den Weg zu uns sucht. Er hat auf verschiedene Weise zu uns Menschen gesprochen und tut es immer noch. Zunächst war es sein Volk Israel, zu dem Gott durch Prophetinnen und Propheten geredet hat. Diesem Volk galt und gilt seine erste Liebe. Und so haben wir es in der Lesung aus dem Buch Jesaja gehört: Wie ein Bräutigam über seine Braut, so freut sich Gott über die Stadt Jerusalem. Der Weg dieser Liebe ist über Jerusalem und das Volk Israel hinaus weitergegangen. Um den Menschen nahe zu sein, hat sich Gott selbst verletzbar gemacht, verletzbar wie ein Mensch und verletzbar wie die Liebe. Jesus steht für diese Verletzbarkeit Gottes und für seinen Willen nicht zu erstarren, sondern sich zu wandeln und mit den Menschen mitzugehen oder ihnen nachzugehen.

Schließlich ist da noch die Begegnung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn, die anlässlich der Hochzeit zu Kana stattfindet. Es handelt sich beim Sohn nicht etwa um den Bräutigam, sondern um Jesus. Und diese Begegnung hat es in sich. Sie macht mir diese Predigt nicht leicht. Die Mutter Jesu — den Namen Maria trägt sie nirgends im Johannesevangelium — wird in vielen Auslegungen als demütige und dienstbereite Person gesehen. Sie sieht, dass der Wein ausgeht und das Brautpaar dadurch in eine peinliche Situation gerät. Sie macht ihren Sohn darauf aufmerksam, dass nun seine Hilfe angesagt sei und sie verzichtet selbstlos darauf, ihm konkrete Ratschläge zu geben. Sie macht ihm den Weg frei, sodass er sein erstes Wunder vollbringen kann, dass seine Herrlichkeit offenbart wird und dass seine Jünger zum Glauben kommen.

Der Wortwechsel zwischen Maria und Jesus klingt für mich, als sei das Klima zwischen den beiden nicht besonders gut. Marias Feststellung: „Sie haben keinen Wein mehr.“ klingt in meinen Ohren nach: „Könntest du nicht etwas unternehmen? Du bist doch derjenige, der Wunder tut.“ Die Antwort Jesu ist dann entsprechend schroff: „Was willst du von mir, Frau?“ oder in einer anderen Bibelübersetzung heißt es: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau?“ Und es folgt die Zurückweisung jeglicher Wundertätigkeit: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Spätestens jetzt müsste Maria verstanden haben, dass sie sich nicht in seine Angelegenheiten einmischen soll. Ob, wann und wie Jesus ein Wunder tut, bleibt allein ihm vorbehalten. Doch die gute Mutter kann es nicht lassen. Wenn sie schon bei ihrem Sohn nichts erreichen kann, dann muss sie wenigstens schauen, dass — falls er es sich doch noch einmal anders überlegen sollte — wenigstens die Bediensteten keinen Fehler machen. Also sagt sie zu ihnen: „Was er euch sagt, das tut!“ Ist das nun weise Voraussicht, demütige Zurückhaltung oder verstecktes Fädenziehen im Hintergrund? Zeugt Marias Verhalten von großem Einfühlungsvermögen oder ist sie eine Intrigantin, die möglichst auch noch selbst vom Erfolg des Wunders profitieren möchte? Und wenn ich schon beim Fragenstellen bin: Zeigt die Antwort Jesu seine Souveränität oder ist das ein eher unglücklicher Versuch, seiner Mutter zu zeigen, dass er nun erwachsen geworden ist und nicht mehr auf ihre Andeutungen angewiesen ist? Was spielt sich da zwischen Mutter und Sohn ab? Und wenn Jesus schon darauf hinweist, dass seine Stunde noch nicht gekommen sei, warum tut er dann doch ein Wunder? Ist Jesus in seiner Haltung etwa inkonsequent?

Welchem Bild Marias wollen wir folgen? Ist sie die demütige und dienstbereite Wegbereiterin ihres Sohnes oder hat sie selbst Mühe ihren Sohn ziehen zu lassen und sein Geschick ganz Gott anzuvertrauen? Für mich liegt der Schlüssel dazu in der Frage, wann denn die Stunde Jesu gekommen ist und wann seine Herrlichkeit vollends offenbar wird. Obwohl uns im Johannesevangelium äußerst spektakuläre Wunder geschildert werden, — nebst Heilungen und der Speisung einer großen Volksmenge wird auch ein Toter zum Leben erweckt, der schon stinkt — so ist das nicht die Stunde der Offenbarung. Der Zeitpunkt, wo im Johannesevangelium die Herrlichkeit Jesu für alle Menschen sichtbar wird, das ist am Kreuz auf Golgata. Jesus vollbringt dann keine Wunder mehr. Er sagt nur noch: Es ist vollbracht!, er neigt sein Haupt und stirbt. Aber das ist das eigentliche Wunder.

Wer glaubt, der sieht an diesem Kreuz die Herrlichkeit Gottes offen da hängen. Und unter diesem Kreuz steht seine Mutter. Es ist nebst der Hochzeit von Kana das einzige Mal, wo uns Maria, die Mutter Jesu, im Johannesevangelium begegnet. Sie bekommt unter diesem Kreuz einen anderen Sohn zugewiesen, den Jünger, den Jesus lieb hatte. Wenn wir beide Geschichten, die von der Hochzeit zu Kana zu Beginn des Johannesevangeliums und die Szene unter dem Kreuz am Schluss des gleichen Evangeliums auf einmal auf uns wirken lassen, so sehen wir eine Geschichte der Verwandlung. Maria hat gelernt, nicht mehr über ihren Sohn zu bestimmen, sondern ihn seinen Weg ziehen zu lassen, den Weg ans Kreuz. Als Mutter Jesu soll sie jedoch nicht ohne Sohn und damit nicht ohne Rechtsschutz sein. Darum weist ihr Jesus einen anderen Sohn zu. Und so zeigt sich hier die Kraft der Liebe, die über den Tod hinausgeht und die uns verwandelt, damit wir die Fülle des Lebens schmecken. Amen.