17. Februar 2019

Gottesdienst am 27. Jänner 2019

Predigt: Christine Walzer

English

Lukas 4, 1-13                     Verführung und Versuchung 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!   

Verführung und Versuchung fast überall wo man hinschaut. Große Plakatwände mit bunten Werbungen. Im Fernsehen und Internet, Werbungen mit großen Versprechen. Blickfänge, die alle Sinne bedienen. Machtvoll greifen Bilder und Slogans nach uns. Nisten sich in unsere Gedanken ein. Versprechen das große Glück, wenn wir dieses oder jenes kaufen. Versprechen Ansehen, Gesundheit und ein besseres Lebensgefühl. Es werden manchmal Bedürfnisse geweckt, die von uns aus gar nicht da gewesen wären. Einige kommen mit der Botschaft, mehr Sinn in unser Leben zu bringen. Wer will nicht Sinn in seinem Leben haben? Mitunter ist es gar nicht so leicht dem zu entkommen. Es klingt zu verführerisch, zu logisch. Zu sehen was dahinterstecken kann, ist nicht immer einfach. Viele wissen, dass es hauptsächlich um die Gier nach Geld geht, um Macht. Aber es spielen halt auch viele Emotionen mit, die die Werbung sehr gut kennt. Deswegen kann die Werbung leicht tun, was sie sehr gut kann: Verführen.

Jesus kommt nach 40 Tagen Fasten aus der Wüste. Man kann sich gut vorstellen wie es ihm geht. Er ist an seine körperlichen und mentalen Grenzen gekommen. 

In diesem Zustand gerät er an einen großen Verführer. Einem Verführer, der seine Botschaft geschickt verpackt und sein eigentliches Ziel hervorragend verschleiert. Diese Verführungen haben eine andere Qualität, als die Entscheidung ob ich eine Tafel Schokolade esse oder nicht. Sie gehen tief und wollen Jesus ganz und gar in Frage stellen und verunsichern.

Ein großer Verführer, ein personifizierter Verführer? Meiner Meinung nach kommt Verführung nicht als reale Person daher, von außen. Die Versuchung liegt in Jesus, in seinen Gedanken.  Für mich wäre es zu einfach, böses Handeln auf eine niederträchtige Person, den Teufel, zu schieben. Die Schuld ganz schnell auf äußere Beeinflussung abzuladen, und nicht die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. (Manche fragen sich vielleicht, warum dann der Teufel erwähnt wird …)

Ich sehe das so. Wir alle haben mehr oder weniger böse, selbstgerechte oder zerstörerische Gedanken in uns. Wir alle richten bisweilen Schaden an, im zwischenmenschlichen Bereich oder an uns selbst.  

Die Versuchung ist in uns immer da, immer gibt es gute Gründe bösen Gedanken nachzugeben. Wir merken nur nicht immer, dass diese Gedanken nicht gut sind. Die Gründe sind oft sehr nachvollziehbar. 

Jesus hat 40 Tage gefastet, da wundert es mich nicht, dass die erste Versuchung etwas mit Essen zu tun hat. 

Ein Grundbedürfnis, ein Verlangen keine Existenzängste mehr zu haben. Diese Urangst will die erste Versuchung sich zu Nutze machen.

Stein in Brot zu verwandeln, welch herrlicher Gedanke. Nie würde zu wenig Nahrung da sein, keine Existenzängste mehr. 

In unserer Zeit gibt es einige Möglichkeiten „Steine in Brot zu“ zu verwandeln. Es gibt z.B.: riesige Gewächshäuser, in denen das ganze Jahr geerntet werden kann, unabhängig vom Wetter. Aber in diesen Fällen ist man der Versuchung erlegen, mit Nahrung viel Geld zu machen. Das Gemüse wird mit vielen Pestiziden behandelt. Auf die Menschen, die dort arbeiten, wird keine Rücksicht genommen.  Diese Art von „Verwandlung“ liegt hauptsächlich in den Händen reicher Konzerne.  Es würde Essen für alle geben, aber einige sind der Versuchung erlegen und behalten fast alles für sich. 

Jesus erliegt dieser Versuchung nicht, obwohl das sicher nicht leicht ist. Er antwortet:“ Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“  Natürlich gehört das Grundbedürfnis nach Nahrung gestillt, der Mensch braucht aber mehr als Essen und Trinken. Zum Leben gehört auch die Stimme des Herzens, gehört auch Nahrung für die Seele und den Geist. Für mich und viele Menschen, gehört auch die Liebe zum Leben. Damit meine ich, mit Liebe und dem Herzen zu denken, zu sehen und zu handeln. In diesem Fall zu erforschen, was kann ich ganz persönlich gegen den Hunger des Körpers und der Seele tun. 

Da kommen wir zur nächsten Versuchung. Macht. Politische Macht zu haben, ist eine große Verlockung. Um die Welt umformen zu können, etwas zu grundsätzlich zu verändern, braucht man Macht. Ein naheliegender Gedanke. Leider gibt es sehr viele Beispiele von Politikern und Politikerinnen, oder anderen Menschen in Machtpositionen, die die Macht missbrauchen. Vielleicht haben einige von ihnen angefangen etwas Gutes für die Menschen tun zu wollen. Aber viele erliegen den Verlockungen der Macht. Ihr kennt sicher das Sprichwort: „Macht korrumpiert“. Man sieht das sehr oft. Es geht dann hauptsächlich um den Erhalt von Macht und Geld.

Die Verlockungen der Macht gibt es auch bei uns. Viele oder alle kennen Machtspielchen im zwischenmenschlichen Bereich. Da gibt es zum Beispiel jene Menschen die jemand ganz laut loben. Weil ein anderer Mensch in der Nähe ist, dem sie zeigen wollen was er oder sie nicht gut gemacht hat. Oder: eine Person geht vorbei – man wendet sich ab. Ein anderes Beispiel: eine Person setzt sich zu mehreren Personen dazu – alle verstummen. Soziale Ausgrenzung geschieht oft unbewusst, manchmal aber auch absichtlich. 

Das Bedürfnis nach Macht hat oft mit Kontrolle zu tun, das Verlangen Menschen zu kontrollieren. Es gibt unzählige Beispiele für solche Machspiele. Leider gibt es auch einige Menschen, die mitmachen, die sich manipulieren lassen. 

Da stellt sich mir die Frage: „Wie will ich leben?“ Welche Politik unterstütze ich und welche Machtspiele spiele ich im Alltag. Von wem und warum lasse ich mich manipulieren? Welche Gedanken lasse ich in meinem Kopf. Vor allem, welche Gedanken lasse ich lange in meinem Kopf, und drehe und wende sie immer und immer wieder. Wem gebe ich Macht über meine Gedanken.

Viele Menschen warten auf einen starken Politiker. Sie warten nicht auf einen Jesus, der sich ans Kreuz nageln lässt. Jesus will die ihm angebotene Macht nicht haben. Für ihn ist wichtig, dass kein Mensch über einer anderen Macht haben soll. Das sich niemand Vorteile auf Kosten anderer verschafft. Dabei könnte er ein für alle Mal mit dem Elend auf dieser Welt Schluss machen, er hätte die Macht dazu. Ein sehr verführerischer Gedanke.

Der letzte Schauplatz der Versuchungen ist der Tempel. Nach damaligen Vorstellungen wird sich der Messias im Tempel offenbaren. Ein ziemlich symbolträchtiger Ort. 

Spring vom Dach und zeige so dein Vertrauen in Gott. Zwei Verlockungen stecken für mich in diesen Worten. 

Spring, und dir wird rein körperlich nichts geschehen. Spring, und beweise was deine Religion, was dein Gott kann.  Zwei große Versuchungen.

Leben wie es mir gefällt. Intensiv, nicht auf den Körper und Geist achten müssen. Mir passiert schon nichts. Da kommt aber nicht nur eine egoistische Stimme in unsere Köpfe. Was wäre es für ein Segen, wenn es keine körperlichen Verletzungen mehr geben würde, keine Schmerzen und keine Krankheiten. Welch wunderschöne Vorstellung. Aber würde dann alles auf dieser Welt gut sein? Würden alle Menschen deswegen freundlich und emphatisch sein? 

Und dann der Glaube, die Religion. Wenn für alle Menschen Gott an erster Stelle stehen würde, wäre dann alles gut?

Ich muss daran denken, was alles im Namen Gottes Furchtbares geschehen ist und geschieht. Wie viel Gewalt und Hass es deswegen in unserer Welt gab und gibt. Wieviel Hartherzigkeit, Selbstgerechtigkeit und Vorurteile gibt es, weil Menschen fanatisch glauben, oder auch nur ohne Herzen. Wie groß ist manchmal die Versuchung, schlechte Handlungen mit Religion zu rechtfertigen.

All diese Versuchungen, Verlockungen, Verführungen können in uns sein, in unseren Gedanken. Einige davon sind nachvollziehbar und auch gar nicht dumm. Unser Bedürfnis nach Sicherheit, unsere Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ist sehr groß. Da gibt man sich dann schon einigen Illusionen nach einer heilen Welt hin. 

Welche verborgenen Sehnsüchte fesseln mich? Wenn ich das nicht weiß, bin auch leichter verführbar. Aber was können wir gegen diese Stimmen in unseren Gedanken machen? Wie gehen wir damit um? Ich denke, ein wichtiger Teil ist es, diese Gedanken zu erkennen. Zu erkennen, das wir sie haben, sie nicht zu ignorieren. So zu tun als wären wir immer gut und richtig, als würden wir keine Fehler machen. 

Es ist unsere Entscheidung, welchen Stimmen im Kopf wir nachgeben. Nicht andere, nicht das Böse sagt uns was wir tun sollen. Wir entscheiden uns, wir sind verantwortlich für unser Denken und Handeln. Oft genug passiert es, dass wir uns verführen lassen. 

Woher kommt uns Hilfe?  Jesus lädt uns ein, ihm nachzufolgen. Er will uns nicht verführen, er lädt uns ein, Entscheidungen zu treffen. Er will uns ein Vorbild sein, wie man mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen kann. Er zeigt uns, dass Gott uns liebt. Ob wir gerade eine Fehlentscheidung getroffen haben oder voller Liebe sind. Jesus lehrt uns auf Gott zu vertrauen. Er geht an unsere Seite, in unserem Leben. Jesus weiß was es heißt Versuchungen ausgesetzt zu sein. Er bietet uns seine Hilfe an. Wir können die Kraft bekommen, um den Weg eines inneren Wandels zu vollführen. Einen Wandel hin zur Liebe. Die Kraft nicht aufzugeben, um nicht an dieser Welt zu zerbrechen. Die Kraft nicht zu kapitulieren vor den vielen Stimmen und Entscheidungen die zu treffen sind. Die Kraft zu wachsen, zu reifen und zu lieben.     Amen

Christine Walzer