20. Juli 2019

Gottesdienst am 3. Februar 2019

Predigt: Frank Moritz Jauk

English

Lukas 4, 16-30 Verständigung      

Liebe Gemeinde, ich habe für die heutige Predigt nocheinmal die Geschichte von Jesus in Nazareth herangezogen. Noch einmal, damit meine ich den Umstand, dass ich vor ca. einem halben Jahr schon einmal zu diesem Thema gepredigt habe und mich natürlich bestmöglich nicht wiederholen möchte. Am 8. Juli haben wir Sebastian Radauer getauft und das Thema damals war Glaubwürdigkeit. Jesus, der nach Nazareth in seine Heimatstadt kommt und dem einfach nicht geglaubt wird. Weil es doch der Sohn Josefs ist, woher kommen dann diese gebildeten, vollmächtigen Worte die wir gehört haben?

Es ist wirklich ein ganz unglaublicher Text mit mehreren, sehr auffälligen Brüchen oder Fragestellungen. Heute möchte ich mich hauptsächlich mit der Frage beschäftigen: Was ist eigentlich passiert? Wie konnte es soweit kommen? Was hat aus den überraschten, staunenden, dann fragend und zweifelnden Zuhörern, plötzlich einen rasenden Mob gemacht, der Jesus aus der Synagoge herauszerrt und ihn steinigen möchte?

Ich denke, das ist eine wichtige Frage der nachzugehen sich lohnt. Weil sie uns in unserem ganz konkreten Alltag helfen kann und so manche Ablehnung, die wir als Christen und Christinnen erfahren, vielleicht verständlicher machen kann.

Es geht also nicht darum, mit letzter Sicherheit sagen zu können, was die Menschen in der Synagoge zu Nazareth wirklich bewegt hat. Das können wir auch garnicht. Denn: Wir waren nicht dabei. Wir haben weder gehört, wie Jesus gesprochen hat, ob laut, ob überheblich oder ob geheimnisvoll. Noch wissen wir, wie er dabei geschaut hat, ob von ober herab, ob teilnahmslos, ob provokant. Und keine und keiner von uns weiss, was die Menschen in der Synagoge am Vormittag schon alles erlebt haben. Ob sie Streit in der Familie hatten, eine anstrengende Woche, ob der Esel oder Opa gestorben ist, was auch immer.

Was ich damit sagen will: Wir haben nur die Worte. Und die Worte sind nur eines von vielen Teilen, die bei einer gelungenen Verständigung, bei einer gelungenen Kommunikation, eine Rolle spielen.

Und selbst die Worte, sind ein Thema für sich. Wer jemals in seinem Leben ein Gespräch mit einem nahen, vertrauten, geliebten Menschen geführt hat, weiss, dass Wort und Bedeutung zwei ganz verschiedene Dinge sein können. Was ich gesagt habe ist das Eine, was ich gemeint habe das Andere und was mein Gegenüber gehört hat, ist wieder das Eine und was er oder sie verstanden haben wiederum das Andere. Das liegt daran, dass wir mit jedem gesprochenen Wort auf vier Kanälen gleichzeitig senden und diese vier Botschaften, mit vier verschiedenen Ohren gehört werden können. 

Zumindest ist das die Theorie des sehr bekannten Kommunikationsforschers Friedemann Schulz von Thun.

Thun hat ein Vier-Seiten-Modell oder Kommunikationsquadrat entwickelt, welches auf der Annahme beruht, dass jede Äußerung nach vier Seiten hin interpretiert werden kann – vom Sender der Äußerung, wie auch vom Empfänger. 

Eine Seite wird Sachseite genannt. Hier informiert der Sprechende über den Sachinhalt, das heißt über Daten und Fakten. Dann gibt es die Selbstoffenbarungsseite. Sie umfasst, was der Sprecher durch das Senden der Botschaft von sich zu erkennen gibt. Auf der Beziehungsseite kommt zum Ausdruck, wie der Sender meint, zum Empfänger zu stehen, und was er von ihm hält. Und zum Schluss gibt es noch die sogenannte Apellseite. Hier geht es darum, was der Sender beim Empfänger erreichen möchte. Sachebene, Selbstoffenbarungs-ebene, Beziehungsebene und den Apell.

In der zwischenmenschlichen Kommunikation gibt es aber nicht nur denjenigen, der sich äußert – den Sender –, sondern gleichzeitig auch einen, der zuhört – den Empfänger. Während der Sender mit „vier Schnäbeln“ spricht, hört der Empfänger mit „vier Ohren“. Die vier Seiten der gesendeten Nachricht, also das, was der Sender mit einer Äußerung ausdrücken und/oder bewirken will, entsprechen oftmals nicht den vier Seiten, wie sie vom Empfänger interpretiert werden. 

Deshalb machen die vier Seiten der Kommunikation zwischenmenschliche Kontakte spannend, aber auch spannungsreich und anfällig für Störungen. Soweit Thun.

Ein sehr einleuchtendes Beispiel, ist ein Klassiker im Straßenverkehr. Zwei Personen, vorzugsweise eine Frau und ein Mann sitzen in einem Auto und stehen vor einer Ampel. Die Ampel wird grün. Er: „Du, die Ampel ist grün.“ Sie: „Fährst du oder fahr ich?“

Auf der Sachebene haben die Äußerungen nichts miteinander zu tun. Erst wenn wir berücksichtigen, dass es auch eine Beziehungs- oder eben eine Apellebene geben kann, wird die Aussage der Frau verständlicher. Sie sieht ja selbst, dass die Ampel grün ist. Was will er ihr also sagen? Apell: „Fahr los, es ist grün.“ „Danke, ich fahre heute und nicht du.“ „Ich hab doch nur gesagt, es ist grün.“ Und schon haben wir den Salat.

Dies lässt sich mit ganz vielen Sätzen und mit ganz vielen Alltagssituationen wiederholen und es lohnt sich wirklich, sich dieses Geschehen immer wieder vor Augen zu halten.

Nicht nur senden wir bewusst oder unbewusst auf verschiedenen Kanälen, sondern unser Gegenüber hört uns auf Ö1, auf Radio Helsinki, Antenne Steiermark oder Kronehit. Es hört sich einfach wirklich alles anders an.

Was bedeutet dies jetzt für unseren Text?

Nun es bedeutet, dass es höchst unsicher ist, ob wir ihn überhaupt gleich, geschweige denn ähnlich gehört haben. Was bei unserem Text sogar noch erschwerend dazu kommt, ist, dass es ein aufgezeichneter Dialog ist. Sprich, in Wahrheit geht es nicht nur um die Kommunikation zwischen Jesus und den Menschen in der Synagoge, sondern noch eine Person kommuniziert mit uns: Der Evangelist Lukas. 

Auch Lukas hat seine Geschichte und seine Anliegen oder wenn man es neutraler formulieren möchte: Auch Lukas hat sine Schwerpunkte. Beide Beispiele die Jesus erzählt kommen den sogenannten Heiden zu Gute. Das Volk Israel wird nicht berücksichtigt.

Damit kommen wir vielleicht auch einer ersten Erklärung für den plötzlichen Stimmungswandel näher. 

Auf der Sachebene erzählt Jesus einfach zwei Beispiele von zwei bekannten Propheten und wie es ihnen ergangen ist. Gerade bei Elija ist es meiner Ansicht nach wichtig – wenn wir auf der Sachebene bleiben wollen – dass es durchaus eine Menge Beispiele gibt, wo Elija für oder mit dem Volk Gottes in Kontakt war. Es war Elija, der Feuer vom Himmel erbeten hat und alle Baals Priester eigenhändig mit dem Schwert erschlagen hat.  Der Gott Israels hat gesiegt.

Wenn man also verstehen möchte, warum alle Menschen in der Synagoge nach diesen Erzählungen so wütend geworden sind, dann wird man sich die Beziehungsebene anschauen müssen.

Die Menschen werden gehört haben: Ihr vom Volk Gottes, ihr gehört nicht dazu. Ich. Jesus, lese zwar aus dem Buch des Propheten Jesaja, aber ihr, ihr hier Versammelten, ihr gehört nicht dazu.

Dazu kommt die einfache Aussage: Kein Prophet gilt etwas in seiner Vaterstadt.

Das kann man als geschichtliche Tatsache hören, oder aber so: „Ihr seid einfach zu blöd. Macht euch nichts draus, andere waren auch zu blöd, das zu erkennen. Aber ihr seid genauso blöd wie diese Leute rund um Elia oder Elischa. So etwas ist natürlich sehr verletzend.

Und auch die Selbstoffenbarungsebene dürfte bei den Leuten angesprochen worden sein: Sagt er uns damit, mit dem Wort, das sich heute erfüllt hat, dass er der Messias ist? Wie soll das gehen, er ist doch der Sohn Josefs. Des Zimmermanns. Also lästert er damit Gott. Unseren Gott. Und auf dieses Vergehen antworten wir mit der Todesstrafe: Steinigen.

Wer heute genau hingehört hat, hat kein „ich“ gehört. Jesus sagt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt. Ihr seid Zeugen.“ Er sagt nicht: „Schaut Leute, ich bin es, der vor euch steht.“

Damit möchte ich jetzt versuchen eine Brücke ins heute zu schlagen und die Anfangsfrage aufzugreifen, was das für unsere Kommunikation über unseren Glauben bedeuten kann. Ich hatte den Gedanken aufgeworfen, dass wir Christinnen und Christen immer wieder Ablehnung erfahren.

Das kann – wenn es so ist – eine Menge Gründe haben.

Angefangen vom falschen Zeitpunkt für das Gespräch, über verschiedene Wissensstände oder andere Vorraussetzungen und Annahmen, die nicht die Gleichen sind.

Es kann aber auch wirklich so sein, dass wir nicht auf den gleichen Kanälen kommunizieren. Also senden und gehört werden. 

So kann aus einem Beispiel der Gotteserfahrung, das wir mit einer anderen Person teilen möchten, ein großes Mißverständnis werden. Ich erzähle von Gott und wie er mir geholfen hat und die andere Person hört eine Selbstoffenbarungsanfrage: „Du hast etwas mit Gott erlebt. Ich nicht. Willst du mir also sagen, dass deine Beziehung zu Gott besser ist als meine? Weil du Gott erlebst, ich aber nicht?“

Auch die Apellebene kann ganz schön in die Hosen gehen. Gleiches Beispiel: Ich erzähle von Gott und wie er mir geholfen hat. Die andere Person hört: „Soll ich jetzt etwa auch Gott um HIlfe bitten? Wie komm ich dazu? Hat Gott mir geholfen, als ich meine Arbeitsstelle verloren habe?

Wie sagte Friedemann Schulz von Thun: Zwischenmenschliche Kontakte sind spannend. Aber auch spannungsreich und anfällig für Störungen.

Was es daher für gelingende Kommunikation immer wieder braucht ist eine grundlegende Übereinkuft.

Anders gesagt, es braucht Empathie. Empathie bedeutet Zugewandtsein. Mein Gegenüber wert schätzen bevor noch das erste Wort gesagt worden ist.

Wenn das gelingt, dann gelingt meistens auch eine gute Kommunikation, ein gutes Gespräch. Oder ein guter Austausch, denn dann braucht es manchmal auch wenige oder vielleicht sogar gar keine Worte.

Ziemlich genau vor zwei Wochen habe ich eine Menge über Demenzerkrankungen gelernt. Wir waren im Altenheim, haben mit den BewohnerInnen einen Gottesdienst gefeiert und haben verschieden Filme über Gesprächssituationen gesehen. Es ist ganz offensichtlich, wie ein guter Austausch ganz ohne Worte gelingen kann. Also es besteht Hoffnung! Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Amen.